Schule des Rades

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

VI. Tod

Reich der Blindheit

Buddhas persönliches Erreichnis ist das gewaltigste von der Geschichte überlieferte, weil er allein vollkommen wahrhaftig war von Anfang bis zu Ende. Was in seiner Lehre verfehlt ist, beruht auf organisch bedingtem Vorurteil — wie es vom Standpunkt des Pferdes ein Vorurteil darstellt, Kuh zu sein — über welche Art Vorurteile hinauszuwachsen menschenunmöglich ist. Die allermeisten nun vermögen nicht allein keine Buddhas zu werden — sie vermögen weder die Urweisheit der urtümlichen Frau zu leben und so ihren Frieden zu finden, weil sie nicht blind genug sind, noch ist ihr Geist erwachensfähig genug, um von sich aus einen Zusammenhang zu schaffen, welcher dem Leben befriedigenden Sinn gäbe. So retten sie sich in die Verstellung vor sich selbst. Ihre Ur-Angst gebiert die Ur-Lüge. Und diese transportiert an sich wahrhaftiges Erleben in Gestaltungen, welche den Menschen, der sich mit ihnen identifiziert, aus der Erd-Tiefe herausheben, ohne ihn jedoch in der Tiefe verstehenden Geistes neu zu verankern.

Das oberflächlichste und deshalb typischste Beispiel dieser Lösung geben die Weltmenschen, welche die Zeit totschlagen. Es ist nicht wahr, daß diese sich mit Anstand langweilen, wie dies der kategorische Imperativ des traditionellen Hofmanns verlangte: sie langweilen sich gar nicht; ihre oft bewundernswerte Kunst besteht darin, alles Persönliche und damit Erlebensfähige aus ihrem Leben auszuschalten. Dies erhält sie dauernd beschäftigt; weniger als irgendein Schwerarbeiter kennen sie wahre Muße. Bald müssen sie Karten spielen, bald Besuche machen, bald an Hochzeiten und Beerdigungen teilnehmen, bald eine Kur gewissenhaft durchführen oder Sport treiben, bald im Zweikampf oder Kriege vorschriftsmäßig tapfer erscheinen. Wie sie, leben tatsächlich die allermeisten Menschen: sie zentrieren ihr Bewußtsein in einem Soll, welches geistigen Ursprungs ist und insofern Sinn zu geben scheint, andererseits aber keinerlei Verstehen erfordert, welch letzteres allemal des Lebens Leichtigkeit zerstört. Ferner eskamotieren sie so das persönliche Erleben der Unterwelt, und doch schwingen sie in deren Rhythmus mit, denn ihr Dasein ist doch ein stetes problemloses Bejahen des Lebens, wie es ist. Der nächsttiefere Ausdruck der gleichen Ur-Verstellung ist die Sitte, welche an die Wurzel des Daseins greifendes Tun und Erleiden entproblemisiert und entpersönlicht. Es ist Sitte, seinen alten Vater zu verspeisen. Es ist Sitte, Witwen zu verbrennen. Es ist Sitte, an einem bestimmten Feiertag seine Töchter zu prostituieren. Es ist Brauch, daß der Inka seine Schwester freie. Es ist Gebot, bei gewissen Gelegenheiten Harakiri zu üben. Hier vermittelt die Vorstellung des Opfers zwischen unterweltlichem Drang und Forderung des Geists, und keins von beiden wird wirklich persönlich erlebt. Gleichsinnig erlöst der Ritus vom Erlebnis. Das Furchtbare oder allzu-nah-Berührende wird als integrierender Bestandteil einer Geistesform distanziert. Dies galt vom Menschenopfer in Mexiko und Peru, in unserem Mittelalter von Hinrichtung und Folter, welche die Zuschauer nicht so genossen hätten, wie sie’s tatsächlich taten, wäre das Sterben der Verbrecher ihnen nicht ein anerkannter Bestandteil bildhaft vorgestellter Weltordnung gewesen. Heute steht es ebenso mit der Beerdigung. Im überempfindlichen Brasilien wird diese gar zu einem reinen Blumenfest, wo die Überfülle des Farbigen und Duftenden das Grausige vollkommen vergessen läßt. Nicht anders steht es endlich mit der Hochzeit; alles wird allerseits dazu getan, um diese Lebensetappe in einen anderen Zusammenhang zu transponieren, als der es ist, dem sie zuunterst angehört. Vorschriftsmäßig strahlt die Braut, unbezwingliche Leidenschaft zur einzig Möglichen war des Mannes Motiv, das kommende Leben ist eitel Seligkeit par définition. — Das Bild dieser Verstellung vollenden die Stellungen, Würden und Einrichtungen. Sie alle sind Kinder der Angst.

Dies beschließe ich nicht als Mensch, sondern als Richter,

erklärt der Mann, welcher ein Todesurteil verkündet, und wähnt sich damit aller persönlichen Verantwortung enthoben. Im gleichen Sinn befiehlt der Feldherr mit bestem Gewissen Massenmord, läßt der Staatsmann in Unschuld alle Künste der Ränke spielen, um einen fremden Staat ins Verderben zu stürzen, ruiniert der Präsident eines Konzerns im Bewußtsein, seinen Nächsten selbstlos zu dienen, zahllose Existenzen. Nichts findet man seltener als schlechtes Gewissen dort, wo es tatsächlich am Platz wäre; deswegen ist ein gutes Gewissen von allen Seelenlagen immer die verdächtigste. Unendlich ist die Kunst der Ur-Verstellung, den wahren Charakter des Lebens zu transponieren oder zu irrealisieren. Was tatsächlich Ur-Hunger oder blinder Machtgier seinen Ursprung dankt, stellt sich als Liebe zu den Untertanen dar, oder als Gerechtigkeit oder als Opfer der persönlichen Neigung und Meinung zum besten der Pflicht. Vollendet gut nun wird das Gewissen, sobald das Opfer zur Gewohnheit geworden ist, so daß der König oder Richter oder Henker ebenso empfindet wie jener sibirische Sträfling, der da sagte:

Du wirst dich schon gewöhnen — gebe Gott jedem ein solches Leben.

Und alles, schlechthin alles kann also zur Gewohnheit werden. Die Höhenindianer können nicht los von ihrem Sklavendasein. Wie vor Jahrtausenden laufen sie maultiergleich mit ihren auf dem gefrorenen Boden dumpf klatschenden nackten Sohlen zu und von der Stätte ihrer Fron. Kürzlich begegnete ich einem russischen Studenten, welcher nichtkommunistischen Kreisen angehörte, doch dessen deutliche Erinnerung über die Oktoberrevolution nicht hinausreichte. Er hatte die Greuel des Bolschewismus nie bemerkt. Gewiß würden einige hingerichtet — aber auch sonst sterben alte Menschen. Die Jugend hat es gut. Und sie ist so viel freudiger als die europäische! Sie hat keine Bedürfnisse, leidet deshalb nicht unter Entbehrungen — und im übrigen: welche Zukunft liegt vor ihr! Zehn Jahre früher, bei meiner letzten Rückkehr aus meiner Heimat, traf ich auf dem Dampfer einen italienischen Knaben in Gesellschaft seiner Eltern, die verstört und halb gebrochen aus Petersburg flüchteten.

Freust du dich auf die italienische Sicherheit? Er erwiderte: Ich fürchte mich vor ihr. Wenn in Rußland der Hauskommissar unangenehm wurde, oder Vater ins Gefängnis sollte, da wußte ich, was ich zu tun hatte, aber dort?…

Diese Logik der Urtriebe ist die Mutter aller Dauerordnung. Wohl keine ward je ohne Greuel hergestellt. Und jede wurde einmal zu geliebtem Fleisch und Blut. Das heißt, sie faßte Wurzel im Reich der Blindheit.

Hermann Keyserling
Südamerikanische Meditationen · 1932
VI. Tod
© 1998- Schule des Rades
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