Schule des Rades

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

VII. Gana

Urgewalt und Ohnmacht

In Argentinien traf ich die ersten Menschen, in deren Fall ich anerkennen mußte, daß sie tatsächlich nicht konnten, wo sie wollten. Es gab darunter Wesen von prachtvoller Spontaneität; im ersten Augenblick erschienen sie mir in hohem Grade phantasiebegabt und willensstark. Doch bald erfuhr ich, daß der Schein trog. Sie improvisierten ohne Vor-Stellung; sie konnten nur, wo sie mußten. Und ihr Willensvermögen reichte kaum über die Grenze jenes primären Nein-Sagens hinaus, welches auf anderer Ebene bereits die Seerose äußert, die einen Fremdkörper abstößt. Der Sinn der Wesens-Verschiedenheit dieser Lebensmodalität von der, welche mich früher die einzig mögliche Menschenart gedünkt hatte, ward mir klar, als eine Freundin mir das Folgende erzählte. Sie spielte Tennis auf dem Lande in der Nähe des argentinischen Córdoba und bot einem Kinde einen Peso für die Stunde, auf daß es die Bälle sammle. Dieses schüttelte schwermütig das Haupt:

no puedo (ich kann nicht). — Warum? — Porqué no nie da la gana (mich treibt die Gana nicht dazu).

Diese Gana ist kein Lust-zu-etwas-haben, das immer erkenntnisbedingter Willensentscheidung unterliegt; sie ist nicht die spanische Gana, welche auch nicht Wille ist: es ist die von innen her drängende unbewußte Urkraft, über die das Bewußtsein keine Macht hat. Schon der spanische Gana-Begriff paßt auf keinen bestimmenden Inhalt intellektualisierten Europäerbewußtseins. Er bedeutet weder Wille noch Trieb noch Drang noch Instinkt noch inneres Müssen, wie wir diese Worte verstehen, sondern elementare Verknüpfung von Geistesbild und blindem organischem Drang. Sie schließt das Phantasie-Element ein, das beim sogenannten Willen das eigentlich Schöpferische ist, weshalb man nicht sagen sollte, man kann, was man will, sondern Vorstellung schafft Wirklichkeit. Aber ihr fehlt andererseits das Abgrenzende, Grenzenschaffende und durch dieses Negative Richtunggebende des eigentlichen Willens. Die mit diesem Gana-Begriff gemeinte Funktion steht in der seelischen Ökonomie des Spaniers an der Stelle dessen, wofür beim Deutschen und Franzosen der Wille steht. Deshalb wendet er das Wort voluntad kaum an: er will tatsächlich nie in unserem Sinn. Treffen Vorstellung und spontaner Trieb zusammen, dann äußert sich gewaltige Dynamik. Sonst läßt der Spanier die Dinge gehen; er läßt sich und andere leben, wie es sich von selber macht, genießt das Geschehen als Zuschauer und lehnt ernstliche Festlegung ab. Verspricht er etwas, so setzt er beim Partner so viel Takt voraus, daß dieser nicht unter allen Umständen auf Erfüllung bestehen wird. Ferner ergibt sich aus der Herrschaft der Gana anstatt des Willens, daß Initiative in Spanien entweder vom ganzen Menschen ausgeht, oder aber fehlt. Daher entweder Glaube oder Indifferentismus, entweder hazaña, abenteuerliche Heldentat, oder Passivität. Daß im übrigen gerade Spanien den größten Willensbewerter und -techniker der Geschichte, Ignatius von Loyola, hervorgebracht hat, entspricht dem Naturgesetz, daß jedes Volk aus sich selbst seinen Gegentyp herausstellt.

Die südamerikanische Gana ist als Gesamterscheinung das, was das Traumbild der zweiten Meditation als Ganzes ausdrückt, wie es denn im Traume von La Paz den Namen Gana führte. In auf den Menschen zugeschnittener Bestimmung ist sie das, was unsere früheren Meditationen als Urleben und Unterwelt und blinden Drang im Gegensatz zum geistbestimmten oder geistmitbedingten Leben meinten. Ich hätte speziell bei meinen Betrachtungen über Krieg und Schicksal und Tod am liebsten gleich den Gana-Begriff verwandt; doch das war nicht möglich vor Bestimmung dessen, was er im Fall des Menschen Besonderes betrifft; und diese erlaubt der Zusammenhang erst jetzt.

Die Gana ist das Stärkste vom Starken und Schwächste vom Schwachen zugleich, Urgewalt und Ohnmacht in einem. Ihr fehlt jedes Phantasie-Element. So ist sie wesentlich zweck- und ziellos. Aber eben deshalb zwingt und bindet sie gleich der Schwerkraft. Kaum war ich in Buenos Aires angelangt, da fühlte ich mich auf rätselhafte Weise gebunden. Irgendwie bestimmten, was ich auch tat und wollte, andere über mich. Wohl hätte ich ausbrechen können, allein ich fühlte: nur wenn ich also über mich verfügen lasse, kann ich wirken. Doch von denen, die mich beherrschten, bestimmte gleichfalls keiner für sich: das Letztentscheidende war eine unartikulierte anonyme Macht. Es war nicht die öffentliche Meinung, es war ein nicht nur Namenloses, sondern ein Unnennbares, ein Diesseits möglicher bewußter Ausgestaltung überhaupt. Bald erfuhr ich anderes, womit ich die zur Bestimmung des unbekannten Orts erforderlichen weiteren Koordinaten gewann. Es erwies sich als undurchführbar, Besucher, die mich ohne vorherige Anfrage und oft zu unmöglicher Stunde überfielen, und war ich noch so beschäftigt, nicht unverzüglich zu empfangen. Kein Kenner des Landes wagte eine Abweisung. Ein alter Argentinier größter Stellung, dem während eines offiziellen Frühstücks die Karte eines jungen Unbekannten überbracht ward, erhob sich sogleich und erklärte mir:

Empfange ich ihn nicht, so wird er mein Feind und macht mir die größten Unannehmlichkeiten.

In Argentinien kann niemand warten, welcher Bestimmtes begehrt. Andererseits aber fehlt jeder abstrakte Zeitbegriff; es wird immer auf morgen verlegt, von dem nicht übermächtiger Trieb verlangt, daß es sofort geschähe. Pläne werden weder gemacht noch eingehalten; mein Disponieren-Wollen wurde als Sakrileg, als Vorgreifen dem Schicksal beurteilt, wie denn wenige Argentinier sich getrauen, bei Zeiten den Dampfer anzugeben, auf dem sie reisen würden. In der ersten Zeit gelang es mir nicht, auch nur vierundzwanzig Stunden im voraus Pläne zu machen; immer erst am gleichen Tag erfuhr ich, wo ich speisen würde. Doch bald begriff ich. Die Besucher, die ich nicht abweisen durfte, folgten organischem Drange, der sie ganz beherrschte — Nichtbefriedigung desselben wäre einem Morde gleichgekommen; diese Erwägung ließ schärfste Reaktion erklärlich erscheinen. Die südamerikanische Gana ist völlig blinder Drang, welchem Voraussehen-Wollen ein Ärgernis bedeuten muß, da es sein Wesen negiert. Sein Ort liegt außerhalb des meisternden Bewußtseins. Als blinder Drang aber übt sie einen Zwang aus, dem der Mensch jener Breiten nicht widerstehen kann.

Dieser blinde Drang ist die Urkraft der Schöpfungsnacht. Er ist die Eigen-Kraft des blinden Lebens. Nur von der Leidenschaft im ganzen weiten und tiefen Sinn des deutschen Wortes her kann sie der Europäer nacherleben. Zu deren Wesen gehört die Blindheit auch, denn wer da sehend ist, blickt über sie hinaus. Wo Leidenschaft nicht das ganze Bewußtsein füllt, so daß das Licht der Schau nicht ganz erlischt, da verwandelt sie das äußerlich Gegebene dem Eigen-Sinn des innerlich Gegebenen gemäß; daher die Verengerung des Bewußtseins, welches nichts bemerkt, was nicht mit dem Gegenstand der Leidenschaft zusammenhängt; daher die rosa Brille des Verliebten, die schwarze des Hassenden. Dem einer Leidenschaft Verfallenen ist es unmöglich, deren Gegenstand objektiv zu sehen; er glaubt nur, was seinem Gefühl entspricht. Alle Konstruktionen, die der Psychoanalyse durch bloßes Aufdecken ihres Triebuntergrundes abzubauen gelingt, gehören hierher. Doch es frommt nie, Elementares von Differenziertem her zu deuten. Ich schrieb einmal, die spezifischen Ängste der Tiere seien wesensgleich mit den menschlichen Komplexen. Das war richtig, nur hätte ich den Tatbestand von der entgegengesetzten Seite her bestimmen sollen. Die Fixiertheit, innere Abgeschlossenheit und Ausschließlichkeit der Gana-Melodie ist überall Urphänomen; sie spiegelt auf höherer Ebene die Unabänderlichkeit des Reflexbogens. Die Möglichkeit einer Lösung und Befreiung vom Geiste her kennzeichnet unter allen Wesen, die wir kennen, allein den Menschen. Ich sagte Gana-Melodie: das Bild der Melodie, als abgeschlossener Zeiteinheit, wird dem Leben auf der Gana-Ebene, in der Tat, vollkommen gerecht, gerechter als auf den Ebenen, wo Geist mitbestimmt; denn dessen Beleuchten und Durchschauen, welches Stetigkeit schafft, zerstört damit die Endlichkeit als letzte Instanz. Das Gana-Leben ist ein Neben- und Nacheinander-Bestehen von Monade ohne Fenster. Es ist ebenso wesentlich diskontinuierlich, wie das Bild-Leben, das heißt das geistbestimmte Leben, kontinuierlich ist. Und im Anfang war nicht das Bild, sondern der blinde Drang. Die Eigenart dieses Urpsychischen entspricht genau und ganz derjenigen der physischen Organe und Funktionen: auch unter diesen stellt jede eine abgeschlossene und gegliederte Raum- oder Zeit-Einheit dar, und nie kommen Grenzverwischungen und Funktionsverwechslungen vor. Wohl lenkt ein Ganzes von innen her das Werden und Vergehen der Teile, doch diese haben am Überblicke jenes nicht teil, denn sie verhalten sich, obschon sie selber Melodien sind, zur Melodie höherer Ordnung, welche der Gesamt­organismus darstellt, wie der plötzlich entstehende und spurlos vergehende Einzelton zur Symphonie.

In diesem Verstande ist das unterste Leben ein Zusammenhang des Unzusammenhängenden. Jede Sonderäußerung ist ein Abgeschlossenes und Endliches. Jede will nur das Zu-Ende-Spielen der Melodie, welche sie selbst verkörpert. Eben dies illustrieren meine ersten argentinischen Erfahrungen. Daß ein Drang nicht befriedigt, ein Besuch nicht empfangen, eine Erwartung enttäuscht werden könnte, ist vom Gana-Standpunkt ein Anschlag auf das Leben, denn ist sie letzte Instanz, dann kommt Enttäuschung buchstäblich einer Hinrichtung gleich; eine bestimmte Lebensform muß sterben. Dies erklärt den Verlauf vieler Lieben. Jede Liebe, welche tief ist der Unterwelt zu, ist eine exklusive Lebensform für sich. Sie mag am Widerstande wachsen, den überzeugendsten Einwänden standhalten: ist sie wirklich enttäuscht, oder ist sie abgespielt, dann ist sie aus. Wenn Frauen und Männer, deren Liebe aufhörte, deren einstigem Gegenstand gegenüber hart und grausam sind und seinen Anspruch auf Beachtung mit einer Verachtung abweisen, als handle es sich um altes Eisen, so hat das seinen tiefen Sinn: existierte ein Mensch für einen anderen nur kraft seiner Liebe, dann ist er mit deren Tode tot. Und Urinstinkt empfindet es als greulichen Widersinn, daß ein Kadaver menschliche Rücksicht heischt.

Die Gana ist einerseits ein jeweils Abgeschlossenes, andererseits blind. Den Sinn dieses Zusammenhangs verdeutlicht am einleuchtendsten das Verhältnis von weiblicher zu männlicher Liebe. Das Ur-Weib ist schier reines Gana-Wesen. Passiv an sich, muß es verführt oder gewonnen werden. Ist dieses aber erreicht, dann verfällt es. Seine Liebe wird zu seinem Leben. Aber diese Liebe ist ein jeweils konkret-Bestimmtes, eine besondere und einzige Melodie, die alle anderen ausschließt und von der es keinen Übergang gibt zu anderen; es ist das grundsätzlich gleiche Phänomen, wie das en-rapport-sein des Mediums mit nur einem Menschen. Deswegen erscheint der bloße Gedanke, einen anderen zu lieben, der besessenen Frau ungeheuerlich und ekelhaft. Dies ist der Sinn der sogenannten ursprünglichen Monogamie der Frau. Im moralischen Verstande monogam ist sie ursprünglich gar nicht, denn jede bestimmte Melodie ist endlich und kann ausgespielt werden; ist sie das aber, dann fühlt sich die Frau vollkommen frei. Dann vergißt sie. Sie muß einerseits vergessen, um wieder lieben zu können, denn die Ausschließlichkeit jeder Gana-Melodie duldet kein Mit- und Nebeneinander. Aber andererseits gelingt ihr die Lösung von Vergangenem in einem Grad, welche wenige Männer verstehen: man gedenke des in wilden Zeiten häufigen Ereignisses, daß die geraubte Frau den Mörder ihres heißgeliebten Gatten bald ebenso brünstig liebgewann.

Hiermit gelangen wir zum Gegenbild der Bestimmtheit durch die blinde Gana. Sobald Imagination mit im Spiel ist oder bestimmt, dann gibt es keine Ausschließlichkeit, denn alle Bilder hängen zusammen. Desto mehr, als auf deren Ebene die qualitative Verschiedenheit nicht besteht, dank welcher ein Gefühl im gleichen Augenblicke andere ausschließt. Indem der Mann nun der ursprünglich imaginative Mensch ist, ist er im absoluten Verstande polygam. Er kann gar nicht vergessen; unwillkürlich leben alle seine Lieben in seiner Vorstellung nebeneinander fort, so daß er sich gar nicht untreu fühlt, wenn er’s tatsächlich ist, denn vom Standpunkt der blinden Gana ist er es immer. Der absolute Mann ist ebenso ursprünglich sehend, wie das ursprüngliche Weib ursprünglich blind ist. Deswegen ist der Mann der ursprüngliche Geistträger; deswegen wird das Wort Geschichte von jedermann selbstverständlich als Mannes-Geschichte verstanden. Deswegen empfindet der Mann seine eigene Verfallenheit, auch wo er nimmer los kann, niemals als sein Letztes. Die blinde Gana kann nicht über sich selbst hinaussehen. Und je Gana-bestimmter ein Mensch, eine desto geringere Rolle spielt in ihm die Phantasie. Daher die Neugierde des absoluten Weibes: unfähig zu imaginieren, muß es sehen, womöglich betasten. Selbstverständlich gilt das Gesagte nur von den reinen Urtypen: absolute Weiber sind ebenso selten wie absolute Männer. Die differenzierte Frau ist so vieler Gefühlsarten fähig, daß sie vielen gleichzeitig, aber eben auf verschiedene — jedem auf seine — Weise zugetan sein kann, was die Deutlichkeit des Bildes beeinträchtigt. Und ist sie durchgeistigt, wie sie’s im heutigen Westen in hohem Grade ist, dann gewinnt sie dadurch Männer-ähnliche Psychologie. Aber uns ist es hier allein um das Urtümliche und Wesentliche zu tun.

Enthalten obige Gedankengänge nicht den Schlüssel zum Problem alles typischen Mann-Weib-Konflikts? Da die Frau als Gana-Wesen — und jede tiefe Liebe macht sie dazu, wo sie es sonst nicht zu sein scheint — blind ist, so kann sie in männlicher Weitherzigkeit nur reellen oder potentiellen Verrat sehen; schon in der Hingabe des Künstlers an sein Werk sieht sie Verrat, und äußeren Beruf erkennt sie nur deshalb an, weil uralte Rassenerfahrung in ihr das Wissen darum vorgebildet hat, daß solcher zu ihrer Sicherung nottut. Umgekehrt muß der Mann, wo er bestimmt, eine doppelte Moral statuieren, um ein erträgliches Gleichgewicht zu schaffen. Nun aber kompliziert sich das Problem dadurch, daß der Mann auch Gana-Wesen ist; nur eben ein rudimentäres, simplistisches, als solches der Frau unterlegenes. So akzeptiert er, wo er verfallen ist, vollkommen verständnislos für sich die weibliche Norm und verkörpert diese in stupid-rigiden Gesetzen, was echte Frauen nie tun, da sie die Gana verstehend leben und erleben und deshalb Regel und Ausnahme in richtig bewegtem Verhältnis von Situation zu Situation gegeneinander abstimmen. Daher das Minderwertigkeitsgefühl und schlechte Gewissen jedes liebenden Mannes gegenüber der leidenschaftlich und tief geliebten Frau, die nun sein Unbewußtes, um irgendwie zu verstehen, völlig irrational zum geistigen Ideal sublimiert. So irrational idealisiert keine Frau: sie drückt oft nur in schlecht erlernter Mannessprache aus, daß sie den Geliebten ganz so liebt, wie er ist, mit allen seinen Fehlern, und nichts an ihm anders wünschte, weil jede Änderung die geliebte Selbstheit aufhöbe. Daher des Mannes Neigung, wo er bestimmt, weibliche Untreue barbarisch zu bestrafen. Der ganze Besitz-Begriff des Mannes ist solch Mißverständnis-geborener intellektueller Überbau. Die Frau muß und soll besitzen wollen. Erstens ist der Besitztrieb überhaupt bei ihr primär; dann aber fühlt sie sich eins mit dem Geliebten und muß ihn deshalb genau so haben wollen, wie sie sich selbst besitzt. Man bedenke, wie sehr die Frau ihren Körper als sich selbst empfindet, was wohl von keinem geistig erwachten Manne gilt: so muß sie fühlen, daß die geringste Gebärde des Geliebten rechtmäßig ihr gehört. Und wohlgemerkt: der Wille zum Besitz ist bei der Frau das Entscheidende, nicht der zum Besessenwerden. Letzterer steht und fällt mit dem Drang zur physischen Hingabe, der allemal aussetzend und endlich ist, während der Besitzwille stetig und unbeschränkt waltet. Der Mann nun kann sich als Gana-Wesen nur besessen fühlen, er hat keinen ursprünglichen Besitz-Instinkt. Was bei ihm Wille zum Besitz scheint, ist in Wahrheit Wille zur Macht. Nur auf diesem kann er jenen fundieren, nie auf seiner Liebe — und dieser hat auf erotischem Gebiet kein Primat. Deshalb lebte der Mann seine reine Erotik von jeher typischerweise an Hetären und Courtisanen aus, d. h. an Frauen, von denen er wußte, daß er sie nicht ausschließlich besaß. Daß Wille zur Macht und nicht Liebe die Seele männlichen Besitzwillens ist — das ist es, was an sich monogamste Frauen immer wieder zum Ehebruch verleitet. Nur selten entspringt solcher der Liebe, fast immer dem Selbständigkeits- oder Vergeltungsdrang.

Hermann Keyserling
Südamerikanische Meditationen · 1932
VII. Gana
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME