Schule des Rades

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

VII. Gana

Leiden an der Gebundenheit

Am Vergleich zwischen Spanien und Südamerika lernt man denn erkennen, wie viel von dem, was allgemein als geistgeboren gilt, nicht geistigen Ursprungs ist. Sämtliche Sitten und Gewohnheiten gehören hierher. Mag deren Ursprung geistig sein — was als Sitte fortlebt, ist eine bestimmte, in den Empfindungen und Gefühlen fixierte organische Melodie, die ohne jedes Verstehen ihres Sinns und ohne Willens-Wahl automatisch abläuft. So leben in Südamerika, wie schon bemerkt, mehr alt-spanische Sitten fort, als im heutigen Spanien. Sie binden die Alteingesessenen absolut und ihre Stärke gibt ihnen solche Ansteckungskraft, daß sie auch aus modernen Ländern Zugewanderte unglaublich schnell in ihren Bannkreis ziehen. Dies ist allein deshalb möglich, weil es sich nicht um geistige Bindungen handelt. Sie wurzeln in der zähen Welt des dritten Schöpfungstags. Man übernimmt sie nicht aus Erkenntnis, man verfällt ihnen. Und bestimmt solche Verfallenheit das ganze Dasein, dann handelt es sich freilich um Pathik; nur nicht um die Pathik, von der moderne deutsche Romantiker schwärmen, denn solche Pathik gibt es in Urzuständen nicht. Es handelt sich um keine Welt ungeheuren Erlebens und flutender Urbilder, keine Seelenfülle, keine bewußte Verbundenheit mit dem stetigen Lebensstrom, sondern um eine ähnlich gebundene Existenzform, wie es die der körperlichen Organe ist. Und das Bewußtsein, welches vom Geiste ahnt, spiegelt keine Ur-Seligkeit, sondern Leiden an der Gebundenheit. So mußte im Anfang die Traurigkeit sein, die aus den Augen so vieler Tiere spricht, und nicht die Freude. Der Traum vom Goldenen Zeitalter ist das erstgeborene Kind verkehrt spiegelnden Bewußtseins.

Vor meiner Reise war mir von Freunden Südamerikas erzählt worden, das Schöne an seinen Bewohnern sei das Vegetative ihrer Daseinsart. Mir wurde drüben vollends klar, daß Hans Much mit seiner Behauptung recht hat, die Pflanze liege nicht an der Wurzel alles organischen Daseins, sondern aus unbekannter Wurzel erwüchsen zwei auseinanderstrebende Stämme; von diesen hätte der eine seinen Höhepunkt im Menschen, der andere (für Much auf noch höherer Ebene) in der Pflanze.1 Freilich sei auch der Mensch zum großen Teile pflanzenhaft; sein vegetatives System funktioniere auch entsprechend besser, als das Tier in ihm. Immerhin sei das Tier und zumal der Mensch zuunterst nicht Pflanze. Das Tier lebe wesentlich vom Raffen, nicht vom Schaffen; sein ganzes Dasein hänge von der Ausnutzung der Pflanze ab, die allein Anorganisches in Organisches umwandeln kann. Sicher ist die Pflanze auf der Ebene physischorganischen Lebens das geglücktere Geschöpf. Sie ist vollendet in sich; man wüßte nicht, wozu sie über sich hinausstreben sollte. Sie ist auch wirklich unschuldig im Menschen-Sinn, da sie alles selber schafft, nicht auf Kosten anderer Lebewesen lebt; sie ist schöpferischer; und im Gesamtbild überwiegt bei ihr das Schöne über das Häßliche. Ist einem dies nun aber klar geworden, dann versteht man auch, warum zuunterst im Menschen die Unseligkeit und nicht die Seligkeit, das Häßliche und nicht das Schöne, das Böse und nicht das Gute leben muß. Mord und Raub ist die Grundlage tierischen Lebens, oder in ihren passiven Aspekten, Leiden und Qual. Hier kann Erlösung und Schönheit nur vom Geiste kommen, der die Spannungen der Natur als Material zu höchsteigenen Melodien nutzt.

Das Gana-Leben ist insofern wesentlich animalisch und nicht vegetativ. Ebendeshalb muß es erwachendem Geistbewußtsein zuunterst böse erscheinen. Wie tief hat der Buddha geblickt, da er die Gier mit dem Lebenswunsch identifizierte! Erkennt man im Menschen kein Primat des Geistigen an, welches aus anderer Wurzel als der Erde stammt, dann gibt es tatsächlich keine andere sinnvolle Lösung, sofern man trotzdem an ethischen Forderungen festhält, als verlöschen zu wollen. Doch der Trugschluß liegt gerade darin, daß überhaupt an ethischen Forderungen festgehalten wird, wenn man die Selbständigkeit des Geistes verneint. Hier ist der Bolschewismus klarer und konsequenter als der Buddhismus. Gibt es kein Jenseits der Natur, dann ist Leben nicht heilig, dann ist das Böse dem Guten überall gleichwertig, wo dieses nicht nützlicher ist, und dem Guten vorzuziehen, wo es dem Leben besser dient. Dann tut die Gruppe, als das Längerlebende, auch recht, das Individuum zu knechten. Die buddhistische Rechtfertigung asketisch-humaner Ethik auf Grund der Schwierigkeit, ohne deren Betätigung zu leben aufzuhören, beruht auf im Unbewußten fortwirkendem metaphysischem Vorurteil. Dieses Vorurteil ist freilich richtig; deswegen stellt der Buddhismus eine potentia ewige Weltreligion dar, und der Bolschewismus nicht. Nichtsdestoweniger ist letzterer nicht allein konsequenter überhaupt: er zeigt aufrichtiger, wie das Menschenleben als Tierleben tatsächlich zuunterst ist. So ist es auch sinnvoll, daß physiologische Verbrecher Rußland beherrschen. Es ist auch sinnvoll, daß sie sich selbst nicht für Verbrecher halten, denn in der Unterwelt ist ihre Ethik ortsgemäß.

Dieser Gedankengang hat mich zum richtigen Verstehen der Kaltblüterhaftigkeit der Südamerikaner geführt, welche mich anfangs so sehr befremdete. Das unterst-animalische Leben ist kalt. Es ist träge, re-agierend, nicht agierend; es ist absolut gebunden von innen her. Blinder Drang beherrscht es. Von Fortschritt weiß es nichts. Von hier aus versteht man auch, warum und inwiefern der geborene Verbrecher allemal primitive Züge zeigt. Nicht nur fehlen ihm geistig-seelische Hemmungen, sein Äußeres gleicht oft überraschend dem Untermenschen der tiefsten ausgegrabenen Menschen-Schichten. Er ist fast immer feige. Die Ur-Angst bestimmt sein Wesen. Der Ur-Hunger gibt seinem Raffen die Signatur. Ihm fehlt jedes Mitgefühl, sogar sich selbst gegenüber. Dies entspricht dem Geist der kalten Ur-Schlange. Vor allem aber ist er einerseits routiniert und andererseits ohne Voraussicht und ohne Plan. Bedarf es eines weiteren Beweises, daß die Unterwelt böse ist?…

1Vgl. sein Büchlein Körper — Seele — Geist, Leipzig, Curt Kabitzsch Verlag.
Hermann Keyserling
Südamerikanische Meditationen · 1932
VII. Gana
© 1998- Schule des Rades
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