Schule des Rades

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

VII. Gana

Blinder Machttrieb

Unmerklich sind unsere Betrachtungen in die alten Gedankengänge über die Welt des dritten Schöpfungstages eingemündet. Die indianische Impassibilität ist der Extremausdruck sich durch Nein-Sagen sichernden Gana-Lebens. Die self-indulgence der Argentinierin ist Ur-Ausdruck seiner bejahten Empfindlichkeit. Und allen betrachteten Sonderphänomenen liegt die Ur-Angst und die Ur-Ohnmacht zu Grunde. Die Ur-Angst ist der Urgrund der großen typisch südamerikanischen Schüchternheit, welche viel tiefere Wurzeln hat, als die anderer junger Völker, die sich einfach auf Grund geringerer Rassenerfahrung und Kultur unsicher fühlen gegenüber älteren. Wie steht es aber mit dem Ur-Hunger? Dieser findet seinen Ausdruck in der unersättlichen Sucht nach Neuem und Modernem, das meist verschlungen wird, wie Boas Hirsche verschlingen, und selten bewahrt. Die Gana­haftigkeit dieses als solchen echten Wissensdursts erweist sich an der Schnelligkeit des Vergessens sowie dem Fehlen bestimmenden Wertgefühls, als welches dazu treibt, das Schöne nicht zu verschlingen, sondern als Schatz zu hüten. Eben daher das extreme Frauenjägertum südamerikanischer Männer. Eben daher die einzigartige Bereitschaft südamerikanischer Frauen, geistig und seelisch zu empfangen. Doch auch, die Goldgier lebt in Südamerika fort. Ihre geistige Komponente, die bei den Conquistadores die entscheidende Rolle spielte, ist verschwunden: so äußert sich die des Ur-Hungers dort nahezu rein, in Form des Durchschlingens. Der Argentinier will unermeßlich viel haben, doch nicht im Sinn der Wertverehrung oder zum Zweck des Werteschaffens, sondern um es schnell und sinnlos auszugeben. Insofern fehlt auch der argentinischen Generosität, so schön sie sei, in der Regel jedes ethische Motiv; sie ist wesentlich Vergeudung.

Damit gelange ich denn zur Äußerung vorhandener Macht. Ohne weiteres leuchtet ein, daß träges, weiches, nachgebendes Kollektivleben dem geborenen Führer ungeheure Machtmöglichkeit bietet, und nicht minder einem wohlorganisierten Machtapparat, wo solcher zufällig herausgestellt ward. Um mit letzterem zu beginnen: das Supremat passiven Gana-Lebens bei der überwältigenden Mehrheit allein erklärt die Möglichkeit des Inka-Staats, dessen ideale Planwirtschaft dem Bolschewismus ein ewig unerreichtes Ideal bleiben wird; seine Begründer waren vermutlich aus der Art Geschlagene, ein initiativereicher und sozial-politisch hochbegabter Kriegerstamm, welcher es verstand, seine Macht zu objektivieren. Gleichsinniges gilt vom Wunder-Uhrwerk des Jesuitenstaats von Paraguay, gleiches vom modernen Brasilien und Argentinien; in beiden modernen Gebilden ist die staatliche Organisation der nationalen weit voraus. Doch was Machtbesitz und -ausübung auf der Ebene bestimmender Gana und damit ursprünglich bedeutet, das wird einem am typischen Führer Südamerikas, dem Caudillo, klar. Dieser ist ein ebenso reines Gana-Wesen wie die Masse. Von ihm gilt, was wir über die furchtbaren Raubtiere sagten: sie sind nicht mutig, sondern blinde Naturkraft wirkt durch sie hindurch; sie sind der Übermacht der Natur nicht minder unterlegen, wie die schwächsten Geschöpfe. Aber die Gana des Caudillo ist stärker als die der anderen; deshalb ordnen diese sich ihm unwillkürlich unter, nachdem einmal das Kräfteverhältnis sich offenbart hat. Dazu braucht er ebensowenig etwas zu tun, wie die Sonne sich dem Planeten gegenüber durchzusetzen hat. Dies bedeutet aber wiederum nicht, daß ihm das Wu Wei, das ursprüngliche geistige Ausstrahlen der großen chinesischen Kaiser eignete: keinerlei Geist geht von ihm aus, er ist genau so passiv und initiativefremd wie die Masse. Die Macht des Caudillo versteht man am ehesten von der Affengruppe her, die allemal eine genaue Hierarchie zeigt auf Grund des reinen spezifischen Gewichts der einzelnen Männchen. Der Caudillo verkörpert vollkommen blinden Machttrieb. Um die hierfür einmal angebrachte Sprache der Naturvölker zu reden: er hat mehr Mana. Kein südamerikanischer Caudillo — Bolivar war das nicht, er war wesentlich noch spanischer Kolonialer — hatte je ein politisches Ziel; ihn trieb es einfach, Macht zu erobern, zu erhalten oder sie zu mehren, und daraus ergab sich gelegentlich auch, was nach weitsichtiger Politik aussah. So beim Erz-Tyrannen Argentiniens, Rozas, welcher nur sich selbst meinte, doch nichtsdestoweniger der eigentliche Urheber dessen ist, daß Argentinien schon heute ein Staatswesen von mehr Charakter und Stil darstellt, als die meisten anderen Staaten des Kontinents. Auch Irigoyen, dessen Nicht-Eintreten in den Weltkrieg und Abwehrstellung Nordamerika gegenüber das von Rozas Begründete endgültig konsolidiert hat, war ohne politische Zielsetzung — woraus sich seine buchstäblich vorweltlichen Altersfehler erklären, die schließlich zu seinem Sturz führten (er bezahlte z. B. mehrere Jahre lang die natürlich in die Millionen gehenden Rechnungen des Staates nicht, weil es zu viel Geld war). Warum verhinderte er mit wirklich großartiger moralischer Standkraft, daß Argentinien der Entente beitrat? Einer seiner Landsleute erklärte es Kasimir Edschmid gegenüber so:1

Irigoyen ging nicht in den Krieg, weil seine Vorgänger in der Präsidentschaft, die Herren vom Jockey-Club, hineinwollten; dann, weil die Yankees hineingingen. Drittens, weil weder die Kirche noch Spanien hinein ging.

In Wahrheit lassen sich alle nur möglichen Gründe in einem einzigen Satz zusammenfassen: porqué no le daba la gana. Gleichem entsprang sein radikales Reformertum — als Gana-Wesen war er en rapport mit den Massen, welche ihm folgen konnten, und er behauptete sich, indem er jedesmal instinktiv deren Bedürfnissen entgegenkam. Dies aber tat er nicht vorausschauend, sondern gleichsam demopathisch, sofern es erlaubt ist, zum Worte demagogisch den Gegenpol hinzuzuerfinden. Gleichsinnig befriedigte Irigoyen nur seinen blinden Machttrieb, wenn er keine Note der übermächtigen Vereinigten Staaten beantwortete. Irigoyen war typischer südamerikanischer Caudillo gerade dank seiner außerordentlichen Passivität und Unbeugsamkeit in dem, was er ablehnte. Im übrigen aber war er es durch seine Kunst, sich mit Geheimnis zu umgeben.

Er war der unzugänglichste und unberechenbarste aller Menschen. Die argentinische parada, die Sucht, zu scheinen, to show off, äußerte sich bei ihm im Umschlagen ins Gegenteil. Und damit erzielte er, was jeder indianische Häuptling instinktiv als Ziel anstrebt: das Prestige des Zauberers. Vom Standpunkt der passiven Gana ist alle aktive Geistwirkung Zauberwirkung, denn Geist durchkreuzt ihren Weg. Folgerichtig stellt sich jeder früheste Geistträger als Zauberer dar, und hält sich auch dafür. Allbekannt ist der Ritualismus primitiver Völker: zum Erfolg der Jagd ist die ihr vorangehende Beschwörung wichtiger als der treffende Pfeil. Aber nicht anders dachte der waffengewaltige Rozas, der, um seinen Gegenspieler Urquizas (der ihn schließlich schlug) zu vernichten, jahrelang vor jeder öffentlichen Versammlung in bestimmter Kadenz einen Spruch hersagen ließ, auf dessen Ausarbeitung er ganze Nächte verwandt hatte: Muera el loco traidor selvaje unitario Urquizas. Eben dieses Zauberer-Bewußtsein war im Spiel, wenn die letzten bedeutenden Caudillos, Irigoyen und der Peruaner Leguia sich aufrichtig für ein Messiasartiges hielten. Die Azteken- und Inka-Kaiser hielten sich selbst gleichsinnig für Götter. Daher das stille Foltern und Meucheln, welches speziell Leguia im großen Stil und mit bestem Gewissen betrieben haben soll. Der war indianischer als Irigoyen und entsprechend mehr taimado2 im Kaltblüterverstand. Ich setze einen Teil einer Betrachtung Kasimir Edschmids3 anläßlich des Sturzes Leguias (den ich persönlich nicht gekannt habe; Irigoyen habe ich gut gekannt) hier her, weil er dessen Wesen sehr plastisch herausstellt:

Göhrs erinnerte sich, wie er am Tag, nachdem er den abgehackten Männerkopf, der auf Eigröße verkleinert worden war, gesehen hatte, bei Leguia war. Gegenüber im Garten das Zimmer, wo Pizarro erstochen worden war. Es war dieselbe Linie, dasselbe Schicksal, dieselbe mittelalterliche Kraft, die beide Männer bewegt hatte und der mit einer geheimnisvollen Gesetzmäßigkeit das Land unterlegen war. Göhrs dachte an den Augenblick, wo er einmal den Alten zwischen der chilenischen und peruanischen Schönheitskönigin hatte stehen sehen, gepflegt, mit weißem Scheitel und kleinen Füßen. Er sah ihn in Gedanken beim Stierkampf, ohne Angst, unerschütterlich, sich jeder Gefahr stellend. Er dachte an seinen Sohn, den er wegen Korruption verstoßen hatte. Er dachte an einen andern Sohn, der wegen eines Geschäfts, in dem ihm jemand dreißigtausend Pfund gestohlen hatte, zur Hetzjagd hinter dem Partner her in Europa war. Er dachte daran, wie ein Argentinier ihm erzählte, daß ein Sohn Leguias ihm das Monopol für alle Pelzjagden in Peru offeriert hatte — fifty-fifty — eine gigantische Bestechung zu Ungunsten des Landes. Und dann sah er Leguia wieder vor sich, sanft, an jenem Tag, nachdem er gerade unterschrieben hatte, daß dreißig Leute nach San Lorenzo gebracht und wegen eines Anschlags auf sein Leben gefoltert werden sollten… Wie Leguia lächelnd sagte: Zehn Jahre — und nicht eine Stunde ausgesetzt. Ja — Lima muß eine große Stadt werden in zehn Jahren, aber mein Programm der Bewässerung der Wüstenküste und der Besiedlung mit kleinen Leuten und Indianern ist wichtiger. Es ist mein ganzer Wille, die Lage der Indios zu heben… Es war die schreckliche Tragik des Landes, daß dieser stärkste Mann, den Peru seit Pizarro hatte, der erste Mann, der sich der Indios annahm, als Tyrann und Diktator regieren mußte. Und es war eine südamerikanische Tragik, daß dieser starke Mann, der für Peru das beste tun wollte und Außerordentliches getan hatte, moralisch in eine Korruption verwickelt war, die halb einen Renaissance-Häuptling und halb einen Verbrecher aus ihm machte… Was sollte aus einem Lande werden, wo alles sich überkreuzte, aufhob und verdarb, wo das Gute immer nur das Böse hervorlockte, und wo das Böse das Gute wieder decken sollte, und wo im ganzen genommen alles doch nur blieb, wie es war?

Die Antwort lautet: alles kann noch aus solchem Lande werden, denn vorerst herrscht dort die blinde Gana, und das auf und ab ohne Fortschritt ist ihre besondere Ordnung. Leguia hatte sicher ebensowenig primären Willen, weder zum Guten, noch zum Bösen, wie Irigoyen; durch ihn wirkte einfach der blinde Wille zur Macht in entsprechender Anpassung an die Verhältnisse. Und zuunterst waren alle großen Staatsmänner so, wie Irigoyen und Leguia. Sie waren mehr, sofern sie nicht blind, sondern sehend waren und geistige Ziele verfolgten. Aber hätte nicht der blinde Machttrieb in ihnen gelebt, dann wären sie zu Führern nicht berufen gewesen. Dann hätten sie eine große Gefolgschaft nie gefunden. Dann hätten sie nicht instinktiv in jeder Krise das nächstliegend-Richtige getan. Dann hätten sie sich vor allen Dingen nicht mit der nötigen Skrupellosigkeit der jeweils durchschlagendsten Mittel bedient. Schauen wir diese letzten Gedankengänge mit dem zusammen, was in Schicksal gesagt ward, dann wird uns, denke ich, endgültig klar, was Politik ist. Europas politische Dekadenz setzte mit der (mit der französischen Revolution beginnenden) Vorherrschaft politischer Theorie ein, die sich an rein geistigen Zielen orientierte. Das heißt, seither gelangen immer weniger berufene Führer zur Macht, berufene, insofern ihre Gana unwillkürlich ein mächtiges Gravitationsfeld schafft. Nur das theorie- und denkfeindliche England weiß noch Führer als besondere zoologische Typen zu erkennen und zu züchten. Aristoteles meinte es wörtlich, da er den Menschen als politisches Tier definierte; nur daß es auch andere politische Tiere gibt. Doch es gibt keine mögliche erfolgreiche Politik, die sich nicht auf der Gana-Ebene, der Ebene der inneren Bindung im Gegensatz zur Wahl-Freiheit, bewegte. Bei weiser Politik handelt es sich nie darum, das vernunftgemäß Beste vernunftgemäß zu erreichen, denn was Vernunft aufbaute, kann sie im nächsten Augenblick zerstören; es handelt sich darum, individuelle und soziale, Macht- und Unterordnungstriebe, kurz das ganze Nebeneinander der verschiedenen Gana-Melodien in solchen Zusammenhang zu bringen, daß die resultierende äußere Ordnung dem Unbewußten als evident richtig einleuchtet und so von diesem zwangsmäßig aufrecht erhalten wird. Das aber können nur der Eigenart der Gana entsprechende Mittel bewirken. Noch Philipp II. von Spanien wußte, daß er, um wichtige Neuerungen nicht von vornherein zu gefährden, auf gutmittelalterliche Art den verschiedenen Regionen seines Reichs ihre Sitten und Gewohnheiten garantieren mußte. Das heutige Chaos rührt zum großen Teil daher, daß auf diese aus Vernunft- oder Unvernunftgründen keinerlei Rücksicht genommen wird oder daß es keine fixierten historischen Gana-Bindungen mehr gibt.

Noch einmal: gute Politik ist ausschließlich auf das Gana-Leben hin möglich. Daher die Notwendigkeit, daß die Führer vom Machttrieb Besessene seien. Die zivilisierteste öffentliche Meinung erkennt das insoweit an, als sie naiv als selbstverständlich ansieht, daß der oder jener um seiner persönlichen Machtstellung willen diese oder jene Maßnahme trifft, dabei meist auf Kosten des Volks — und ihm solches Manövrieren nicht nachträgt. Und alle mir bekannten Menschen ohne Ausnahme unterliegen, ob sie es zugeben oder nicht, dem Prestige dessen, welcher den Mut zur Härte hat. Auch ein erklecklich Teil der humansten Europäer muß sich zusammennehmen, um Lenin nicht als Heiligen zu verehren. Mussolinis ganzes Prestige beruht auf seinem Elementaren, und nicht wenige Demokraten aller Länder schmunzeln im stillen Kämmerlein in tiefer Bewunderung über die hanebüchenen Grobheiten, welche Pilsudski seinem Parlamente an den Kopf wirft. Gewiß bedarf es nicht notwendig so aufdringlich Sauriergemäßer Mittel; daß die heutigen Diktatoren Europas Dinge sagen können und wohl auch müssen, welche kein Condottiere der Renaissance aus Stilgefühl oder Vorsicht ausgesprochen hätte, bedeutet die Reaktion auf die Periode alleinbestimmender Theorie. Aber wenn Kaiser Shun nur dazusitzen brauchte, sein Antlitz gen Süden gewandt, und dann vollkommene Harmonie herrschte, so beruhte das nicht auf seiner Transparenz für das Geistige in sich — sonst hätte ja jeder Heilige Kaiser sein können —; es beruhte darauf, daß sie zur Unterlage den echtgeborenen Machttrieb hatte. So ist auch heute Schwäche das eine, was kein Volk seinem Führer verzeiht. Wie sehr alle Politik der wo nicht gerade Gana-Ebene angehört, beweist die Groteske, daß im internationalen Verkehr in erster Linie überall, wo nicht gerade Krieg beabsichtigt wird, auf die Empfindlichkeit der Staaten Rücksicht genommen werden muß; in weit höherem Grade noch, als im Fall südamerikanischer Frauen.

Doch ich will nicht insistieren. Jeder Blick auf die Geschichte, auf politischen Erfolg und Mißerfolg beweist dem Sehenden, daß das ganze Gebiet möglichen politischen Gelingens der Gana-Ebene angehört. Daher denn das zwingend-Einleuchtende der geglückten politischen Lebensformen, wie jeweils Königtum, Parlamentarismus, Sowjetsystem, die sich wie richtige Ansteckungen übertragen haben von Volk zu Volk. Hier handelt es sich nicht um Konstitutionen, sondern organische Gewohnheiten. Was sind Gesetze? sagte mir ein Bolivianer, als ich den merkwürdigen Widerstreit zwischen den offiziellen Rechten und dem wirklichen Zustand der Höhen-Indianer hervorhob. Die werden erlassen und wieder aufgehoben. Befolgt wird nur das Herkömmliche. Freilich gehört zum großen Staatsmann auch ein großer Geist. Doch was ihn von anderen großen Geistern unterscheidet und was bedingt, daß nicht jeder große Geist zum Staatsmann taugt, ist die erforderliche besondere Einstellung, dank welcher der Geist von Hause aus Gana-gemäß wirkt. Die ganze Bedeutung richtiger Schlagworte, wohl gegeneinander abgewogener Belohnungen und Hinrichtungen liegt hier. Es ist nun kein Zweifel, daß alle Machtmittel vom Geiste her beurteilt wesentlich böse sind. Schon der Zwang an sich ist böse, und vollends böse sind die unvermeidliche Lüge, Diplomatie oder Taktik genannt, und die Erpressung, die man einen Druck ausüben heißt, und ohne die Machtpolitik unmöglich ist. Das Bild vollendet die Notwendigkeit, daß im Führer der Machttrieb dominiere.

Nunmehr stehen die kaltblüterhaften südamerikanischen Caudillos mit ihrem blinden Machttrieb und ihrer Ziellosigkeit nicht als Ausnahmeerscheinungen, sondern als Urtypen da. Sie tun es viel reiner als die Häuptlinge primitiver Völker, weil bei diesen das Gruppenbewußtsein dominiert und der noch so Mana-begnadete Führer deshalb nie so rein dasteht und individuell so viel bedeutet, wie der Caudillo. Aber Naturvölker treiben auch keine eigentliche Politik; diese beginnt mit so weit fortgeschrittener Individualisierung, daß die Gruppe nicht nur pflanzenartig da ist sondern ein dynamisches Kraftfeld darstellt, was einen Brennpunkt voraussetzt. Andererseits können die rohesten der großen Eroberer, wie die mongolischen, nicht als Urtypen gelten, weil diese noch so unbewußt schon Geist beherrschte, welcher die Gana disziplinierte und ihr Ziele setzte. Dschingis Khan wird niemand self-indulgence vorwerfen. — Überschauen wir jetzt alle Geschichts-Uranfänge, von denen wir Kunde haben, so erkennen wir, daß tatsächlich alle südamerikanischen Zuständen gleichen. Die erste molekulare Ordnung ergab sich aus dem reinen spezifischen Gewicht. Es fehlte jede Zielsetzung außer dem Streben nach Machtbehauptung und -steigerung; es fehlt jede Zusammenschau. Frühe Zeiten sind voll selbständiger Könige, wie der Wald voller Bäume. Daher das extrem Partikularistische aller Uranfänge, wie man es heute wieder an der gegenseitigen Feindschaft oder Verachtung der verschiedenen Nationen Südamerikas sieht. Aber diese blinden und ausschließlichen Einheiten sind die einzig möglichen Fundamente jeder späteren Kulturgestaltung. Die France une et indivisible wäre ein gar gebrechlich Ding ohne die Gana­bindungen, die über ein Jahrtausend partikularistischer Struktur und dann ein vereinheitlichender Lebensstil geschaffen haben. Und insofern bedeuten auch alle Kriege zwischen Nachbarn, wie in grotesker Übersteigerung der Weltkrieg einer war, Ausbrüche des Urtümlichen. Wo jede Gana-Melodie besonders und ausschließlich ist und ihren besonderen Rhythmus lebt, da ist es unvermeidlich, daß sie in Interferenz geraten. Und da die böse Gana-Welt die Unterlage alles Lebens darstellt, gibt es nur ein Mittel, einen Logos- und Ethos-gerechten Zustand zu schaffen: die Gana-Melodien so zu orchestrieren, daß sie unwillkürlich als tout-ensemble oder unisono einfallen und spielen. Insofern ist es ein gutes Zeichen, daß die Kriege immer umfassender werden. Insofern ist Interessenverknüpfung heute wirklich der einzige Weg zu einem friedlichen Gesamtzustand. Der Ur-Ohnmacht ist sich der Mensch des geologischen Zeitalters des Menschen, welcher tatsächlich der Herr der Schöpfung geworden ist, weit weniger bewußt, als irgendein früherer Mensch. Deshalb finden religiöse oder überhaupt jenseits-irdische Motive in der Gana-Unterwelt ein besonders schwaches Echo. Desto stetiger und stärker klingen bei allem Oberweltgeschehen die Untertöne von Ur-Hunger und Ur-Angst mit. Die Mehrheit fürchtet zu verhungern, sie schreit nach Sicherung. Dies ergibt zwangsläufig ein ökonomisches, nicht politisches Zeitalter, denn nur anerkanntes Besitzrecht sichert, nicht Gewappnetheit. In welcher Tiefe diese Motive schöpferisch wirken können, beweist das heutige Rußland. Die heutige Jugend dieses der Anlage nach arbeitsscheuen Volkes kann sich gar nicht vorstellen, daß man nicht arbeite. Die Ursache dessen ist die gleiche, welche bewirkt, daß niemand zu faul ist, um zu atmen: ohne Arbeit gibt es im heutigen Rußland wirklich nichts zu essen.

1Vgl. sein als Schilderung treffliches Buch Glanz und Elend Südamerikas, Frankfurt a. M., Societätsdruckerei, S. 363. — Als anschaulichste Darstellung südamerikanischen Caudillotums empfehle ich T. S. Striblings Roman Fombombo (New York und London, The Century Co.). Es ist eine Karikatur, aber nicht allein eine köstlich, unterhaltende, sondern eine tief lebenswahre.
2Vgl. die Bestimmung dieses Begriffs auf S. 44.
3L. c., S. 394.
Hermann Keyserling
Südamerikanische Meditationen · 1932
VII. Gana
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME