Schule des Rades

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

VII. Gana

Urgesetz der Erde

Am Problem der Gana ist mir wieder einmal sehr klar geworden, wie sehr es auf richtige Bezeichnung ankommt im alt-chinesischen Sinn.1 Konfuzius lehrte, das erste, was ein Fürst, der ein ungeordnetes Reich antrete, in Angriff nehmen müsse, sei die Richtigstellung der Bezeichnungen denn jedes gebrauchte Wort wirke sich unweigerlich seinem Eigen-Sinn entsprechend aus. Am Weltkrieg und den Wirren seither haben wir Europäer reichlich erleben können, wie wahr das ist: jede Propaganda-Lüge, jede einseitige Übertreibung aus taktischen Rücksichten hat sich dadurch gerächt, daß das Weltgeschehen sie nachher beim Worte nahm; so wird Europas Befriedung seither durch recht eigentlich wortgeborene Wirklichkeiten verhindert, welche viel schwerer aus der Welt zu schaffen sind, als die Gegensätze es gewesen wären, aus denen der Weltenbrand entstand. Aber nicht weniger kommt es auf richtige Bezeichnung bei der Erkenntnis an. Es ist unmöglich, das Urleben richtig zu sehen, wenn man vom Primitivitätsbegriffe ausgeht. Denn damit geht man vom Vorurteil eines Strebens nach Höherem aus, man urteilt von diesem her, und das Einzigartige bleibt entweder unbemerkt oder aber es wird mißdeutet. Die ganze falsche Urbilder-Theorie hat hier ihren Grund. Freilich gibt es Urbilder, doch sie entstehen erst mit dem Einbruch des Geists als Spiegelungsphänomene. Das Urleben ist blind, wesentlich blind; und nur von dieser Blindheit ausgehend kann man es richtig sehen und richtig bestimmen. So gelangt man auch von ihr allein zum richtigen Verständnis des lebendigen Urzusammenhangs. Dieser liegt tiefer als alle Mneme, alle Erinnerung; er liegt tiefer zumal als alles durchseelte und durchseelbare Gefühl. Wir erkannten, daß Verfallenheit nicht Liebe ist. Das Band, das sein Begriff bezeichnet, ist ein unterweltliches. Es ist ein der Schwerkraft oder der Kohäsion oder dem magnetischen Felde oder der chemischen Affinität Analoges, je nachdem. Da die Analogie nicht vollständig ist, hat es keinen Sinn, auf dem verwandten Bild zu insistieren, sofern nur einleuchtet, welche Erkenntnis es vermitteln soll. Diese Erkenntnis nun aber ist, in möglichster Kürze zusammengefaßt, die folgende. Das Urwesen des Lebens ist von seinen frühesten Äußerungen der Sensibilität und Irritabilität her nicht besser zu begreifen, als von seinen durchgeistigtensten Ausdrucksformen her. Der Behaviorismus hat insofern klarer geurteilt als andere Schulen, als er die Gewohnheit als letzte Gegebenheit annimmt, denn wirklich wird dessen Begriff dem Ausschließlichen, melodiehaft Abgeschlossenen und Gebundenen des Urlebens gerecht. Doch der Behaviorismus irrt wiederum, insofern er auf die äußere Verursachung den Akzent legt. So abhängig primordiales Leben vom Äußeren war, so sehr es, um zu bestehen, auf Anpassung angewiesen war — das Urphänomen ist gerade bei ihm seine Autonomie. Und die Gesetze dieses selbständigen Ur-Daseins sind die der Gana. Deren differenzierte Äußerungen lassen sich von Fall zu Fall ohne Irrtum auf Begriffe wie die des Ur-Hungers und der Ur-Angst, des Blutrauschs und des Überwältigungsstrebens, der Verführung und des Verfallens, der Triebe zur Selbsterhaltung und zur Selbstvernichtung zurückführen; sie lassen sich auch von einem vorausgesetzten Lust- und Realitätsprinzip her deuten. Doch die letzte unzurückführbare Instanz ist und bleibt überall die undifferenzierte massive Gana. Sie, und nicht die Sexualität, erst recht nicht der Macht- und Geltungstrieb, schon gar nicht eine prospektive Tendenz — Vorausschau ist erst bei Geistbestimmtheit möglich — ist das Urphänomen.

Dieses Urtümliche wirkt, vom Geiste her beurteilt, unheimlich fremd. Aber ebenso unheimlich ähnlich ist es jenen dunklen Kräften, welche im tot geheißenen Weltall das zusammenhalten, was zusammenhängt, und was Geist gleichfalls nimmer verstehen wird. Hier versagen alle gewohnten verständlichen Begriffe. Wendet man aber Begriffe an, die der beobachteten oder erschlossenen Realität entsprechen, dann steht man erst recht befremdet da. Nicht windige Leere charakterisiert den Weltraum, sondern Zähigkeit. Nicht Stetigkeit die Beziehung von Vorgang zu Vorgang, sondern Unstetigkeit. Und doch vermitteln überall Gleichungen, welche irgendwie realen Zusammenhang ausdrücken müssen. So ist auch das Urleben unstetig und zusammenhängend zugleich. Vor allem ist es zäh und innerlich schwer. Sein frühester Ausdruck hat seine menschliche Entsprechung in der Verfallenheit. Sein Normalzustand entspricht der dermaßen starr fixierten Gewohnheit, daß keine Einsicht und kein Wille sie durchbrechen kann.

Bevor ich Südamerikas primordialen Boden betrat, wähnte ich, das Leben sei von Hause aus leicht. Und in aller Erschwerung (im vielfachen und vieldeutigen Sinn des deutschen Wortes) sah ich Entartung. Seither weiß ich, daß die innere Schwere, die schlechthinnige Unfreiheit und Gebundenheit seinen Urausdruck darstellt. Und ich weiß ferner, daß dieses Urtümliche in allem Lebendigen unverändert fortlebt, noch so tief unten, noch so unerreichbar, solange Leben lebendig bleibt. Denn dieses Urtümliche allein entspricht dem Geist der Erde. So hat es Sinn, wenn das Irrationale der Übermacht als Gottesgnadentum verehrt wird: mit Gott hat es nichts zu tun, wohl aber äußert sich in ihm ebenso irdisch Tiefes, wie im Gravitationsgesetz. So ist es sinnvoll, wenn von Liebe als schlechthinniger Verfallenheit als einem übermenschlich Großen gesungen und gesagt wird: solche Liebe ist zwar nicht übermenschlich dem Geiste zu, wohl aber greift mit ihr das dumpfe Urgesetz der Erde ins geisterleuchtete Menschenleben ein. Und so wurzelt in der Gana alles Sinnvolle und Sinnhafte des Todes. Goethe meinte, als er vom Tode eines großen Geistes, welcher noch nicht gar so alt war, hörte: ich weiß nicht, warum er seinem Tode zugestimmt hat. Im Falle der ganz Großen, das heißt der beinahe ausschließlich Geistbestimmten, kommt das Ende tatsächlich selten, bevor es dem geistigen Sinn ihres Schicksals entspricht. Sonst hat das Sterben mit Geist nichts zu tun. Der Tod an sich ist kein geistiges Problem. Er ist aber auch kein Lebensfremdes. Der Urmensch, der eines natürlichen Todes stirbt, und meist so leicht stirbt, würde sein reales Erleben wahrhaftig zum Ausdruck bringen, wenn er sagte: me da la gana de morir.

1Man findet eine ausführliche Betrachtung dieses Problems in den Kapiteln Politik und Weisheit und Weltüberlegenheit meiner Schöpferischen Erkenntnis.
Hermann Keyserling
Südamerikanische Meditationen · 1932
VII. Gana
© 1998- Schule des Rades
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