Schule des Rades

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

VIII. Delicadeza

Empfindlichkeit

Wer die Schöpfungsgeschichte nicht vom Geist, sondern von der Erde her zu schreiben unternähme und mit dem Augenblicke anhübe, da das Leben seine selbständige Entwicklung begann, der würde nicht sagen, im Anfang war das Wort; der würde auch nicht sagen, im Anfang war die Tat. Er müßte sagen: im Anfang war die Empfindlichkeit. Nur dank den (von der Empfindlichkeit der leblosen Materie, deren Höchstausdruck das physikalische Präzisionsinstrument darstellt, verschiedenen) Eigenschaften, welche die Zoologie Sensibilität und Irritabilität heißt, vermag die lebendige Monade der Übermacht der Umwelt gegenüber ihre Identität zu behaupten. Und beim ersten Menschen müssen die Sensibilität und Irritabilität außerordentlich gewesen sein, denn waffenlos und nackt stand er da, und konnte sich doch weder durch grenzenlose körperliche Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit, wie solche niederen Tieren eignet, noch auch, wie die Schlange, durch Zähigkeit und Trägheit verteidigen: das besondere Gesetz seiner Natur setzte Weltoffenheit eines als Körper Abgeschlossenen. So mußte psychische Empfindlichkeit fortlaufend das erforderliche Gleichgewicht zwischen Innen- und Außenwelt schaffen und regulierend erhalten. Erst der erwachsene Verstand schuf tierischer Rüstung Vergleichbares; d. h. starre Bildungen, welche nicht gefährdeten, sondern stützten und schützten.

Doch der Verstand erwuchs erst spät aus der Ur-Empfindlichkeit heraus. Und sie war der Mutterschoß aller differenzierten psychischen Gestaltung. Erst war der Mensch empfindlich und verletzbar und erregbar überhaupt, dann erst stellte sich die Frage, wofür, und wofür an erster Stelle er empfindlich war, ob für Hunger oder Ehre oder Schuld. Die erste Unterscheidung zwischen Gut und Böse fällt mit der anderen zusammen, ob etwas nicht verletzt oder verletzt; die erste Unterscheidung zwischen Schön und Häßlich mit der, ob etwas anzieht oder abstößt. Denn das Gana-Leben ist passiver Artung; ihm fehlt jede Initiative, es reagiert nur.

Hieraus folgt, im Gegensatz zu dem, was allgemein gelehrt wird, das normale Zusammenbestehen von Naturnähe und Feingefühl. Der gesunde Körper reagiert genauer, präziser und schneller als der feinste Geist. Je mehr nun Bewußtsein seinen Brennpunkt in der Empfindungssphäre hat, desto schärfer ist sein Wahrnehmungsvermögen für alle Nuancen dessen, was verletzt oder nicht verletzt. Ich sage absichtlich nicht verletzt an Stelle von wohltut, weil die Empfindlichkeit für Leid die für Freude auf allen Ebenen ursprünglich überwiegt, gleich wie es keine akute körperliche Lust gibt, welche akutem körperlichen Schmerz die Waage hielte. Und die Ursache dessen ist auf allen Ebenen die gleiche; Schmerzempfindlichkeit sichert, während Hingabe an Genuß gefährdet. Nun gibt es freilich rohe und stumpfe sogenannte Primitive. Aber bei diesen handelt es sich nicht um Urzustände, sondern um differenzierte Anpassungsprodukte, sei es an übertriebene Hitze oder übertriebene Kälte oder sonstige Unbill, welche einerseits spezifische Unempfindlichkeit, andererseits überschüssige Urkraft zur Bedingung des Überlebens macht; ein differenziertes Anpassungsprodukt bedeutet auch ausschließlich bestimmende Männlichkeit, die allemal Barbarisierung bedingt; hier ist Sparta allgemein-menschliches Prototyp. Roheit und Stumpfheit charakterisieren ferner manche Endzustände des Festgefahrenseins und der Entartung; hat Verknöcherung oder sonstige Verhärtung stattgefunden, dann hat ein Tier an Fein-Empfindlichkeit und Wandlungsfähigkeit entsprechend eingebüßt. Andererseits sind durch ungünstige Lebensumstände gebildete und deshalb zunächst rohe und stumpfe Völker fast ausnahmslos die fortschrittlichen gewesen. Sie mußten durch Geistesschöpfung das Gleichgewicht schaffen zwischen sich und der Natur, das in günstigen Lebensraum Hineingeborenen ursprünglich eignet. Daher die Kulturbedeutung der nordischen oder Gebirgs-Völker, wie der Begründer der Inka- und Azteken-Staaten; nördliche Breite und vertikale Höhe bedeuten biologisch Ähnliches. Ebendaher die Bedeutung der Wüstenbewohner, ebendaher die der Juden. Letzteres Beispiel ist in diesem Zusammenhang besonders lehrreich. Was die Juden allen Völkern unsympathisch macht, ist ihr Mangel an Feingefühl, gerade heraus gesagt, ihre Dickfelligkeit. Diese hat sich daraus entwickelt, daß sie allzulange unter allzu widrigen physischen und moralischen Umständen haben leben müssen. Aber eben daher ihr schöpferischer Moralismus und ihre Intellektualität. Doch wenn möglicherweise alle Völker hoher Geistigkeit von Barbaren abstammen — der Barbar ist nicht der Primitive an sich, sondern der Mensch, dessen Art dem Bären gleicht und nicht dem Kolibri — so ist das Urcharakteristikum des Primitiven doch nicht die Barbarei, sondern die Empfindlichkeit; gewiß erwuchs und bildete sich das Menschengeschlecht zuerst nicht in ungünstigem, sondern in besonders günstigem Lebensraum. Je früheren Zuständen gemäß ein Mensch typisiert erscheint, desto ausschließlicher lebt er mit und aus der Empfindung.

Betrachten wir gleich das extremste Beispiel dieses Verhältnisses. Alle Primitiven der nicht stumpfen Abart scheuen klaren Ausdruck. Dies liegt durchaus nicht an geistigem Unvermögen: sousentendus, durch die Blume Gesagtes, kurz uneigentlich und gleichnismäßig Ausgedrücktes verstehen sie schneller und besser als Intellektualisierte, wie denn das Lesen jeder frühen Schrift und das Verstehen jeder unartikulierten Sprache höhere Anforderungen ans Kombinationsvermögen stellt, als in europäischem Sinne klare Ausdrucksweise. Die Scheu Primitiver vor letzterer entspringt einfach der Furcht, verletzt zu werden. Bedenken wir nunmehr, daß alles über die primitive Empfindlichkeit gesagte von echten Frauen beliebiger Kulturhöhe gilt, so sehen wir wieder einmal, daß im Anfang nicht der Mann war, sondern das Weib. Alle echten Frauen sind Empfindungswesen. Alle sind feinfühliger als Männer und insofern klüger. Allen fehlt primärer Sinn für geistige Zusammenhänge, ob intellektueller oder moralischer Artung. Bei den allermeisten ist das Böse Sekundärerscheinung. In supremer Anpassungsfähigkeit werden sie zu dem, was der Situation, in der sie sich befinden, entspricht. An mit ihnen inkompatible Männer gekettete Frauen werden fast immer schlecht, was aber nicht das mindeste mit Moral zu tun hat, denn der gewalttätigste und roheste und böseste Mann, der ihnen zusagt, kann sie gut machen. Die ungebärdigste junge Furie ist vom rechten Manne grundsätzlich zähmbar — was freilich von der alten, gut eingefahrenen leider nicht mehr gilt.

Das Schulbeispiel für das Zusammenbestehen von Primitivität und Verfeinerung bietet die südamerikanische Menschheit. Insofern sie ihr Erlebniszentrum in der Gana hat und deren Gesetzen gemäß in allem reagiert, ist Empfindlichkeit ihr Grundmotiv. Daraus ergibt sich eine Ordnung des Guten, und des Bösen, welcher jede moralische Qualifiziertheit fehlt. Was verletzt, ist ipso facto böse; wer verletzt, ist schuldig im absoluten Sinn. Ressentiment ist nicht allein de facto, sondern de jure letzte Instanz, und sofortiges Abreagieren desselben Menschenrecht. Dieses Ressentiment ist durchaus nicht Ausdruck von Schwäche im Sinne Nietzsches, oder von Verdrängung im psychoanalytischen Verstand: für beide Formen desselben ist Geistbestimmtheit Voraussetzung; es wirkt der Vergleich mit einem vorgestellten Bild. Ebensowenig handelt es sich beim südamerikanischen Verletztsein um verletzte Ehre oder verletztes Rechtsgefühl oder das Bewußtsein sachlicher Schädigung: es handelt sich um verletzte Empfindlichkeit schlechthin, um ein unmittelbares Reagieren der Art, wie die mimosa pudica auf Berührung reagiert. Doch da die Empfindlichkeit für Unangenehmes weitaus größer ist, als die für Angenehmes, so ist das Gesamtbild, das der Seelenzustand Südamerikas bietet, das eines ständigen auf-der-Defensive-Seins, des Mißtrauens und der Bereitschaft zum Übelnehmen, wenn nicht zur Vergeltung. Es herrscht die zum Fingerspitzengefühl verfeinerte Ur-Angst.

Hermann Keyserling
Südamerikanische Meditationen · 1932
VIII. Delicadeza
© 1998- Schule des Rades
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