Schule des Rades

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

VIII. Delicadeza

Schönheit und Lüge

Von hier aus können wir denn Sinn und Grenzen einer Welt bestimmender Wahrhaftigkeit besser verstehen, als von den Voraussetzungen aus, welche wir alle unbewußt verkörpern und deshalb gar nicht diskutieren. Das Schönheitsvolk der Griechen stellte die Barbaren regelmäßig häßlich dar. Und der erste Wahrheitsfanatiker unter ihnen, Sokrates, war nicht nur zufällig häßlich: aus aller Überlieferung seiner Freunde klingt das Gefühl hindurch, daß er es sein mußte. Wiederum können wir von Südamerika her den ganzen Zusammenhang am besten verstehen. Die Chilenen gelten drüben als gente ruda, als brutal und roh. Tatsächlich fehlt dort den Männern, die nicht der allerobersten Kulturschicht angehören, die kontinental-typische Delicadeza (welche die Frauen allerdings desto mehr akzentuieren). Höchst merkwürdig und für alle anderen Südamerikaner abstoßend ist der populäre Ruf. Viva Chile… mierda! Die Männer zeigen einen ähnlich häßlichen Zug um den Mund wie die meisten finnisch-ugrischen Völker. Und innerhalb der unteren Volksschichten, der araukanisch-durchmischten rotos, herrscht ein richtiger Kult des Häßlichen. Die rotos wollen keine caballeros sein. Daß auch Chile nichtsdestoweniger dem südamerikanischen Seelenraume angehört, beweist der Umstand, daß dort eine Art Kultur der Häßlichkeit besteht, die der alt-niederländischen ähnelt. Weniges steht plastischer da in meiner Erinnerung, als das Erlebnis der chilenischen fiesta nacional, eben weil ich sie auf dem Hintergrund des sonstigen südamerikanischen Schönheitskultes schaute. Keine von Teniers oder Brueghel gemalte Kermesse steht so im Zeichen stilisierter Häßlichkeit, wie die Wirklichkeit dieses Nationalfestes. Den meisten rotos geht es elend schlecht; selten haben sie satt zu essen. Zum Nationalfest nun sparen sie sich ganze Körbe zusammen, die sie nach Santiago mitnehmen, um sie dort zusammen mit Weib und Kind in knapp 24 Stunden zu vertilgen, wobei sie, die kleinen Kinder immer inbegriffen, aus riesigen Gläsern sauren roten Wein unentwegt in ihre Kehlen schütten. Die frenetisch dabei getanzte Cueca ist der häßlichste aller Nationaltänze. Je grotesker er getanzt wird, je häßlicher die Menschen, die es tun, zumal je älter und verhutzelter die Weiber, desto stilgerechter wirkt er. Das Ende des Festes ist von solcher Wüstheit, daß Truppen recht eigentlich ein Schlachtfeld zu säubern haben. Unglaublich viele Verwundete mit aufgeschlitzten Bäuchen und heraushängenden Gedärmen, erzählte mir ein chilenischer Arzt, der mich begleitete, würden nachts darauf in die Spitäler eingeliefert, von denen unglaublich viele mit dem Leben davonkämen.

Das in seinem Extremausdruck hier Geschilderte bezeichnet aber nur eine Seite des Chilenentums. Andererseits sind die Chilenen Südamerikas weitaus charaktervollstes Volk. Sie sind auch gente ruda, insofern sie weniger lügen, weniger auf- und vormachen, weniger versprechen, was sie nicht halten wollen. Sie sind gerade und offen, soweit dies der Geist des Kontinents erlaubt. An ihrem Gegensatz zu den anderen Südamerikanern verstand ich ganz, warum Frauen klaren und direkten Ausdruck brutal finden. Jede Welt bestimmender Wahrhaftigkeit ist, vom Standpunkt einer Welt bestimmender Delicadeza beurteilt, roh. Denn ihre Wurzel liegt im nicht-Beachten der Empfindlichkeit, in der offenen Aggressivität. Deswegen waren die Begründer aller Wahrheitskulturen entweder Schönheits-Renegaten, oder von Hause aus brutal, oder endlich aus anderen Gründen unempfindlich. Das Wahrheitssuchen der Griechen hatte ohne Zweifel die Zersetzung ihrer Schönheitswelt zur Wurzel. Sokrates verdankte seine Einstellung und Art wohl seiner thrakischen (russischen?) Mutter. Platon war richtiger Renegat; als Wahrheitsfanatiker war er Totengräber der Griechenkultur in ähnlichem Sinn, wie Leo Tolstoi der Vater des Bolschewismus war. Daß uns die Griechen hauptsächlich als Philosophen bedeutsam sind, liegt daran, daß die seither bestimmenden nordischen Völker nur ihr Erkenntniserbe fortsetzen und mehren konnten. Letztere Völker nun, deren Eigenart die Wurzel des Europäertums ist, waren ursprünglich echte Barbaren; sie waren Bären im Gegensatz zum Kolibri. Sie verhielten sich zu den Griechen nicht viel anders, wie die Chilenen zu den Brasilianern. Ihre Robustheit und Brutalität und daraus hervorgehende Aggressivität ermöglichte es ihnen physiologisch, den Akzent auf Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit zu legen. Insofern und nur insofern ist nordisches Blut bei den meisten Hochkulturen auf Erden wirksam gewesen, so jedenfalls bei den Indern und Chinesen (man unterscheide wohl zwischen nordischem und arischem Blut: einen nordischen Typus gibt es auch unter Mongolen, gleichviel was dieser rassisch bedeute). — Den dritten Fall illustrieren am besten die Juden. Die waren schon vor Jahrtausenden ausgesprochen unempfindlich und häßlich. So konnten sie den Akzent mit seltener Unbeirrbarkeit auf Logos und Ethos legen. Die ungeheuerliche Einseitigkeit ihres Moralismus war nur möglich unter der Voraussetzung des Fehlens jeglicher Delicadeza.

Doch mit der Scheidung zwischen Welten der Wahrheit und der Schönheit ist das letzte Wort, auch von der Erde her und der Erde zu, nicht gesagt. Findet die Frau die direkte und klare Art des Mannes einerseits brutal, so will sie andererseits, daß er aggressiv sei; sie bewundert sein Kriegertum, ja ihr Mann-Ideal ist der offen kämpfende Held; sie will gar nicht, daß er jedes sousentendu verstehe. Klarer Ausdruck wirkt auf sie erotisch reizend. Haßt sie einerseits Roheit, so will sie andererseits vergewaltigt werden. So handelt es sich bei den Wurzeln von Schönheit und Wahrheit letztlich wohl um polare Entsprechungen, die sich mit männlich und weiblich zwar nicht decken, wohl aber diese Entsprechung abgewandelt und umgedeutet widerspiegeln. Und ist die Empfindlichkeit da vor der Aufrichtigkeit, so beweist das nur einmal mehr, daß im Anfang das Weib war, und nicht der Mann. Von hier aus gewinnen wir denn, wie mir scheint, die abschließend richtige Einsicht in die Erdgründe der verschiedenen möglichen Kulturen. Entspringen solche der Wahrheit ursprünglicher Brutalität, so wurzeln solche der Schönheit in der Lüge. Und wurzeln jene auf der gleichen Ebene in der Angriffslust, und diese in der Angst, so leite man daraus ja kein moralisches Werturteil ab: die Ur-Angst ist die Wurzel von ebensoviel Positivem wie jene. Daß die kriegerischen am meisten auf Erden gewütet haben, bedarf keines Beweises. Man darf allerdings absolute Werturteile fällen — nicht aber auf der Ebene und Stufe, welche wir hier betrachten, und nicht vom hier besetzten Aussichtspunkte her. Reine Wahrheitswelten sind roh und brutal vom Standpunkt der Empfindung, Schönheitswelten halten moralischen Forderungen selten stich. Eine Welt brasilianischer delicadeza ist ebensowenig ideal, wie eine chilenischer rudeza. Von der Empfindungsfeinheit her führt kein direkter Weg zur Wahrhaftigkeit und zur Sittlichkeit, von dieser keiner zur Schönheit. Doch insofern die Wurzeln aller dieser Tugenden und Werte einen organischen Zusammenhang bilden, bestehen von Hause aus Verknüpfungen, ist kein Volk buchstäblich einseitig begabt, schöpft jedes irgendwo aus dem Grunde, der nicht sein Hauptgrund ist, und sind geistgeborene Verbindungen immer möglich. So sind denn die vollkommensten Menschen die gewesen, welche tief in den Urgründen der Wahrheit und der Schönheit wurzelten und in ihrem oberweltlichen Höchstausdruck eine Synthese der Ideale beider verkörperten. Auf einer seiner Forschungsreisen in Ostasien stieß Aurel Stein auf ein seit Jahrtausenden so abgeschlossen lebendes Steppenvolk, daß ihm entgangen war, daß seither überhaupt Bemerkenswertes stattgefunden hatte. Vom Untergang des alten Rom hatte es noch nicht gehört. Seiner Ansicht nach gab es zwei große Reiche: Rom, welches für Recht und Ordnung stand, und China, das Sinnbild der Schönheit. Die römische Welt war wesentlich eine der Wahrheit und des Muts; vom Griechenstandpunkt war sie barbarisch schlechthin, bis daß sie gräzisiert ward. Nichtsdestoweniger erschuf sie rein aus sich heraus ein Instrument, das seinen physiologischen Grund in der Delicadeza hat: das Recht. Das formale Recht ist Kind der Lüge und nicht der Wahrheit. Von Fiktionen geht es aus, in einem Netze von Fiktionen sucht es die Wirklichkeit einzufangen, in einen Rahmen solcher sie endgültig einzuspannen. Es ist nicht wahr, daß es eine notwendige Gleichung von Gerechtigkeit und Recht gebe. Deshalb ist der Rechtsverdreher im selben Sinn der Prototyp des Rechtsanwalts, wie der Hochstapler der Prototyp ist des Diplomaten.

Wie dieser, so ist auch der Jurist ohne Schauspielerbegabung nicht zu denken. Identifiziert er sich ganz mit seiner Rolle, so ist das für sein Wirken günstig, doch es spricht gegen seine Einsicht und Gesinnung; der aus ethischem Pathos heraus auf Grund von Paragraphen Strafen verhängende Richter ist recht eigentlich der Gegen-Affe des Verführers. So ist es denn kein Wunder, daß Brasilien immer legistischer wird und insofern immer römischer, während Deutschland immer schlechteres Gewissen bekommt bei der Handhabung jedes bloß formalen Rechts. — Alt-China war in seiner größten Zeit tatsächlich, der Überlieferung jenes Steppenvolks gemäß, ein nahezu reines Schönheitsvolk. Seine ganze Kultur wurzelte im Feingefühl. Schöne Form im Gegensatz zur Wirklichkeit war seine Seele. Sein Gesicht zu wahren, galt ihrem Vertreter für wichtiger als aller Tatbestand. Dem Krieger fehlte jedes Ansehen; er galt bloß für taktlos und brutal. Doch ein tiefes Gefühl für kosmischen Zusammenhang vom Geiste her, obschon einsinnig ästhetisch fundiert und qualifiziert, führte zu einer Synthese, dank der Alt-Chinas Kultur als die wohl vollständigste der bisherigen Menschheit dasteht. Die ästhetische Vollendung wurde als Generalnenner auch für das Gute und Wahre postuliert. Und das ist möglich, unbeschadet der Verschiedenheit der Wurzeln, weil Vollendung im Ausdruck das letzte Wort irdischer Vollendung überhaupt ist. So konnten sich in China Wahrheitswille und moralisches Streben im einheitlichen Rahmen eines ästhetischen Lebensstiles sinngerecht ausleben.

In Südamerika finden sich schon Ansätze einer bodenständigen und originalen Weltanschauung. Diese beruht auf dem Primat der Delicadeza. Der Argentinier Leopoldo Lugones postuliert für sein Land eine antiker Art sich nähernde Schönheitskultur; er zuerst hat meines Wissens zwischen Wahrheits- und Schönheitskulturen bewußt unterschieden. Am repräsentativsten aber ist der Mexikaner José Vasconcelos. Dieser will die von ihm erhoffte integrale Zukunftszivilisation auf dem placer, dem antoio, auf dem was gefällt, wozu man Lust hat, aufbauen. El gusto, der Geschmack, werde einmal sogar zur richtigen Eugenik führen. Die Häßlichen würden einmal ablehnen, sich fortzupflanzen. Vasconcelos unterscheidet drei Perioden: die erste sei die materialistische oder kriegerische; auf diese folge die intellektuelle oder juridische (sie); das Ziel aber verkörpere die spirituelle oder ästhetische Periode.

Die dritte Periode entspricht der emotiven Lebensauffassung — sie wird regiert vom ästhetischen Sinn, dem unaussprechlichen Gefühl… In ihr wird sich das Tun und Verhalten nicht an der armen Vernunft orientieren, welche erklärt aber nicht entdeckt, sondern am schöpferischen Gefühl und der überzeugenden Freude… Dann wird man tun, wozu man Lust hat, nicht seine Pflicht, dem Weg des Geschmackes, nicht der Begierde oder des Syllogismus folgen.

Ich leugne nicht, daß eine emotional fundierte Kultur möglich ist, und daß sie viel höher stünde, als die mechanische Zivilisation dieser Tage. Aber Vasconcelos sucht, ob er es weiß oder nicht, um den Geist herumzukommen; er hofft, von der reinen Empfindlichkeit her das Höchste zu erreichen. Als typischer Südamerikaner lehnt er jede Disziplin ab und jede Askese, jeden esprit de suite, jede Konsequenz und jedes reine Wertgefühl. Auf solcher Voraussetzung ist aber auch rein ästhetische Kultur nicht zu begründen, von integraler zu schweigen. Auf daß Kultur werde, muß Geist bestimmen. Vasconcelos’ Philosophie ist letztlich eine der blinden Gana. Und eine solche widerspricht sich selbst.

Hermann Keyserling
Südamerikanische Meditationen · 1932
VIII. Delicadeza
© 1998- Schule des Rades
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