Schule des Rades

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

IX. Die emotionale Ordnung

Freundschaft

Vielleicht das Ur-Wunder für den Verstand ist, daß es Ordnung und vor allem Zusammengehörigkeit außerhalb seiner und seiner Machtsphäre überhaupt gibt. Das ist wohl der Sinn des Mythos, daß Chaos herrschte, bis daß Gott hereinredete. Daher die mystische Idee der Schwerkraft. Daher die Neigung aller, welche vom Denken ausgehen, durch Gewalt zu herrschen. Die ganze Gewalt-Liebe des Mannes stammt dorther. Durch Gewalt etwas durchzusetzen, ist ein streng logischer Vorgang. Insofern verkörpert der primitivste Mann im Unterschied vom Weib das rationale Prinzip. Die Tendenz zur Gewalt wächst nun proportional der Geistigkeit, anstatt abzunehmen, denn je reinerer Geist bestimmt, desto weniger erkennt er mögliche Zwischeninstanzen zwischen Sinn und Verwirklichung an. Deswegen sind extreme Idealisten typischerweise Terroristen: sie können nicht glauben, daß Ordnung für sich und aus sich heraus als Ausdruck natürlichen Daseins bestehen könne; auch übt Einsicht auf sie einen Zwang aus, dem sie sich nicht entziehen können; vollkommen logisch folgern sie daraus, daß wo Einsicht fehlt, nur reiner Zwang frommt. Dies gilt sogar noch von den Bekämpfern aller Gewalt, denn die wollen dann eben den Frieden oder allseitige Toleranz erzwingen. Es liegt etwas Rührendes darin, daß Gandhi und seinesgleichen sich gutgläubig für Feinde des Zwanges ansehen, bloß weil sie passiven anstatt aktiven Zwang ausüben. Eine Reihe unterhaltsamer Paradoxa erweist nun, daß das Vorurteil der Geistigen auch für die Erkenntnis verderblich ist; es hindert sie, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. Das erste dieser Paradoxa ist, daß der rationale Mann, welcher überall verallgemeinern und schließen und das Einzelne vom Ganzen her beurteilen können will, an eine mögliche Dauer-Ordnung im tiefsten Herzen nicht glaubt — sonst wäre er nicht physiologischer Terrorist — und sie doch fordert und als einzig sinngemäß ansieht; hier widerspricht nur der sich selber nicht, der sich zu einem Jenseits der Natur bekennt, das er ihr aufprägen will. Das zweite der Paradoxa, die ich anführen möchte, ist, daß der so ordnungsbeflissene Mann von Hause aus den wilden und zuchtlosen oder wenigstens ausgelassenen Teil der Menschheit darstellt; dieser Umstand übersteigert sich wiederum im Geistigen, welcher am liebsten, wenn er’s nur irgend kann, inmitten äußerer Unordnung haust, ein Bohème-Leben führt und wo dies seine Grundsätze ihm verbieten, sich durch die Flucht in irgendein Kloster vor seiner Neigung sichert. Auch das Aufgehen des Mannes im Beruf bedeutet solche Sicherung. Demgegenüber lebt die irrationale Frau immerdar im Rahmen irgendwelcher Ordnung; sobald sie aus dieser ausbricht, verliert sie sich oder verdirbt. Sie, welcher Verstandesnorm so wenig bedeutet, findet Ordnung und Zusammengehörigkeit selbstverständlich, und sie verwirklicht sie in ihrem Kreise ohne Gewalt.

Mir waren in meiner Jugend Zusammengehörigkeit und Ordnung vollkommene Rätsel. Immer wieder erwartete ich, daß jedes und alles einzelne auseinanderbrechen und fallen würde, wenn äußerer Zwang es nicht verhinderte. Dies erklärt wohl das Aufatmen, das sich noch beim Erwachsenen und Philosophie-Gewohnten bei jeder der vielen Revolutionen einstellte, welche er miterlebte. Mit der Zeit lernte ich anerkennen, daß Ordnung nicht notwendig Verstandes- oder Vernunftordnung ist. Doch erst in Südamerika verstand ich, inwiefern dem so ist. Dort nämlich spielt das rationale Prinzip auch in der Männerwelt so gut wie keine Rolle. Schnell einige Beispiele. Drüben gilt der Wahlspruch Geschäft ist Geschäft überhaupt nicht. Man kauft nicht von dem, welcher am besten und billigsten liefert, sondern vom Freunde. So sehr entscheidet dort die Freundschaft, daß der Inhaber einer großen europäischen Firma mir erzählte, er habe einen Rechtsanspruch auf eine hohe Summe, auf welchen hin er einen Prozeß ganz sicher gewinnen würde — er dächte jedoch nicht daran, auf seinem Recht zu bestehen; denn dann würde er alle Freunde verlieren, was ihn für die Dauer teurer zu stehen käme, als der größte Verlust des Augenblicks. Man mag es auf deutsch so sagen: ein bloßer Kontrakt bindet drüben immer nur freibleibend, d. h. hat die Freundschaft bis zum Fälligkeitstermine aufgehört, dann wird es als taktlos empfunden, wenn der Partner auf Grund bestehender sachlicher Abmachung weitere Forderungen stellt. Und solche Taktlosigkeit findet auf die Dauer zwangsläufig, auf noch so vielen und weiten Umwegen, die gebührende Strafe.

Das hier in seinem sachlichen Aspekt zuerst Beleuchtete gilt desto mehr auf persönlichem Gebiet. Dem Freunde wird alles zu Liebe getan; nicht nur der Feind, auch der Gleichgültige ist gleichsam vogelfrei. Daß dies die wahre Haltung der weitaus meisten Südamerikaner ist, merken wenige wegen der allgemeinen Freundlichkeit und Bereitschaft zur Sympathie, sobald Empfindlichkeit sie nahelegt. Zur Erläuterung letzterer Erscheinung diene die boutade eines geistreichen Brasilianers;

Ich wollte, meinte er, wir erlebten in Rio einmal den Bolschewismus; und zwar den richtigen, mit schonungslos durchgeführter Enteignung. Denn ich wette, tags darauf würde eine Welle der Sympathie für die Enteigneten ganz Brasilien überschwemmen, und die Bolschewisten als erste würden Kollekten zum besten ihrer Opfer veranstalten.

Weder Pflicht- noch Wertbewußtsein noch auch Einsicht ins allgemein Erforderliche entscheiden auf diesem Kontinent. Wirkliche Freundschaft stellt demgegenüber eine, so lang sie währt, vollkommen sichere Bindung dar. Nun währen aber nicht viele Freundschaftsbeziehungen ewig. Gefühle sind jähem Wechsel unterworfen; der Freund von heute mag morgen zum Todfeinde werden, und später erfolgte Versöhnung wiederum alle Anordnung der gestrigen Feindschaft annullieren. Dann sind Gefühle keine fernwirkenden Kräfte; sie binden nur den Nächsten an den Nächsten. Auch kann keiner viele lieben oder hassen. Tritt hierzu noch Mangel an Voraussicht und Konsequenz, dann folgt daraus für den Verstand, daß im großen jede Ordnung fehlten sollte. Tatsächlich aber ist das südamerikanische Leben fester geordnet, als das der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Nur ist seine Ordnung nicht rational, sie ist emotional.

Daß es solche Ordnung gibt, hätte ich natürlich auch in Europa merken können, denn in beschränktem Kreise gibt es sie auch hier. Doch das Bedeutsame ist, daß drüben große und moderne Völker nahezu ausschließlich nach ihrem Nomos leben. Dank dem erst konnte ich verstehen. Und wie ich zufällig zu gleicher Zeit von den jüngsten Ergebnissen der physikalischen Forschung Kenntnis gewann, da ersah ich, daß die emotionale Ordnung in all ihrer Verstandeswidrigkeit der allgemeinen Struktur des Universums besser entspricht, als die intellektuelle. Auch auf die Naturgesetze ist kein unbedingter Verlaß. Beständige Zustände gibt es nicht; ebensowenig gibt es überall so stetigen Zusammenhang, wie ihn Verstand fordert. Jäh schlägt ein Zustand, Zwischenglieder überspringend, in einen anderen um. Von fernwirkenden Kräften kann keine Rede sein: was deren Annahme nahelegt, sind die Resultanten unendlich vieler Einzelereignisse, die sich alle sozusagen in intimem Kreise abspielen. Endlich ist das Weltall ganz anders strukturiert, als verständlicher Verstandesforderung entspricht. Und doch wird es von jeher ob seiner vorbildlichen Ordnung gepriesen! — Kein Wunder unter diesen Umständen, daß eine völlig irrationale, aber desto festere emotionale Ordnung möglich ist. Tatsächlich haben die überintellektualistischen und -moralistischen ersten Schöpfungschronisten in bezug auf die Menschen-Ordnung beinahe mehr Vorurteile noch in die Geister der späteren Geschlechter eingesät, als in bezug auf die der Natur. Im Anfang war kein Chaos, welches der Ordnung von außen her bedurfte, es war auch keinerlei Soll, sondern es bestand allenthalben ein natürlicher Zusammenhang des Nächstliegenden, wie immer man das jeweils gültige Gesetz betiteln mag. So geht beim Menschen natürliche Bindung unter Nächststehenden allem dem, was wir Ordnung heißen, voran. Sie besteht auch durch absolute rationale Unordnung hindurch. Die Ehe, nicht der Polizeistaat ist der Prototyp. Deshalb allein gibt es Erholung nach Kriegen und Revolutionen und Wirtschaftskrisen. Deswegen erfolgt diese immer anders, als Gelehrte prophezeien.

Hermann Keyserling
Südamerikanische Meditationen · 1932
IX. Die emotionale Ordnung
© 1998- Schule des Rades
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