Schule des Rades

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

X. Die Traurigkeit der Kreatur

Honig des Leidens

Wenige starke Persönlichkeiten unter geistig bedeutenden Frauen sind mir begegnet, welche nicht in einem Grade Ich-zentriert, autoritär und machtgierig gewesen wären, wie dieses selbst unter südamerikanischen Caudillos selten ist. Als Mutter leidet ja jede Frau an einer Art Allmachtskomplex; kein Wunder, denn aus scheinbarem Nichts schafft sie lebendige Menschen, und das Muß der Verantwortung für diese schafft als Rückversicherung aus sich heraus das Bewußtsein, unbegrenzt verantworten zu können. Ebenso wenig verwunderlich ist, daß der in der Frau vorherrschende Besitztrieb im Fall besonderer Kraft und Macht übersteigerte Formen annimmt. Auch Überzeugungen haben Frauen nicht viel anders, als wie sie Kleider und Männer besitzen. Daher ihr Recht-haben-Wollen und ihr schwer zu erschütterndes Gefühl, absolut im Recht zu sein; sogar im Fall, wo sie gemordet haben. Bleiben nun solche Übersteigerungen immerhin dem Gefüge normaler Frauennatur und deren normalem Lebensrahmen organisch eingegliedert, dann erfolgt nichts Pathologisches; es ist nur manches schwierig. Anders steht es bei richtiger Hypertrophie des Ich. Denn bei der Frau potenziert solche nicht die Persönlichkeit, sondern sie verbildet sie. Sie verbildet in ähnlichem Sinn, wie das mit der Pubertät jäh erwachende übermächtige Ich-Bewußtsein den Jüngling zunächst verbildet und ihn zum Flegel macht. Nur sind die Flegeljahre beim Mann die normale Vorstufe späterer Selbstverantwortung. Die Frauennatur kann sich auf solche Weise im Guten nicht umzentrieren. Ihr Ich wuchert krebsartig, sobald es überbetont wird; die richtige Einstellung im Zusammenhang macht schiefer Platz, der Sinn für das, was im Leben zusammenhängt, nach Goethe der Frau bedeutendste Gabe, geht verloren. Dies liegt nicht daran, daß die Frau nicht Individualität und Persönlichkeit sein könnte, sondern daran, daß sie ihre Vollendung nur im Rahmen der emotionalen Ordnung findet. Innerhalb dieser gibt es keine Vereinzelung; da alle Gefühle gerichtet sind, so bedeutet hier in bezug auf andere, für andere, von anderen her und auf andere hin leben das einzig Sinngemäße. Demgemäß wächst und gedeiht in solcher Einstellung emotional zentrierte Persönlichkeit am besten. In direktem Gegensatz zum rational zentrierten Mann, welcher durch einen bestimmten Grad überschreitende Einstellung auf andere zum Kollektivmenschen herabsinkt, entpersönlicht sich die Ich-überbetonte Frau. Alle Frauen dieser Art, die ich gekannt, und waren sie noch so begabt, erschienen einander ähnlicher und insofern standardisierter, als unter voll ausgeschlagenen echt weiblichen Frauen vorkommt.

Daß solche Frauen allemal unglücklich werden, wo nicht der Zufall königlicher Macht oder unermeßlichen Reichtums ihnen ermöglicht, ihren Gesamtzustand durch Befriedigung einzelner Regungen und Zuspitzung aller tätigen Aufmerksamkeit auf sie vor sich selbst zu verhüllen, liegt auf der Hand. Da sie aus der ihnen angemessenen Ordnung herausgetreten sind, können solche Frauen auch nicht verstehen, daß etwas bei ihnen nicht stimmt. Dies aber bringt sie immer wieder in Konflikte, welchen sie, je älter sie werden, desto ratloser gegenüber stehen. Sie empfinden es als Schikane des Universums, daß ein Geliebter nach dem anderen sie verläßt, daß ihre Kinder sich ihnen entfremden, daß es ihnen nimmer gelingen will, einen dauernden Mittelpunkt zubilden und daß es im Fortschritt der Jahre immer einsamer um sie wird. Jene wichtigste Zäsur im (übrigens männlichen wie weiblichen) Leben, welche in die dreißiger Jahre fällt und welche den Jugendlichen, für den alle sorgen wollen, gegen den Erwachsenen abgrenzt, welcher selber für andere sorgen muß, auf daß ihm weiter das Recht eines Lebens für sich zugestanden werde, leitet bei solchen Frauen meist eine Tragödie ein, die zwar in Wahrheit keine ist, jedoch als solche empfunden wird. Dann gewinnen ihre Augen jenen Ausdruck stummstaunender Angst, welche manchen Tieraugen eignet. Und zuletzt strahlt ihr ganzes Wesen eine letzte Traurigkeit aus; bald mehr im Sinn des Leidtragens um ein verlorenes Paradies, bald mehr in der Enttäuschung ob der Sinnlosigkeit des Daseins. — Individuen der beschriebenen Art sind mir in allen Breiten begegnet. Unter den vielen bedeutsamen Erlebnissen nun, die ich Südamerika danke, hat keins mich so tief ergriffen, wie die Erfahrung, wie viele Frauen drüben die gemeinte letzte Traurigkeit ausstrahlen. Denn nicht nur starken und mächtigen, sogar schwachen eignet drüben die entsprechende Lebensmodalität so weit, daß sie die psychische Gesamtatmosphäre bestimmt. Darauf nun beruht Südamerikas intimster Zauber. Es herrscht die Stimmung jener tiefen Melancholie, welche das junge Christentum das Seufzen der Kreatur hieß. Nur daß diese Stimmung dort von wundersamer Süße ist. Eines Abends in Argentinien lauschte ich Volkssängern, die mit unbeweglichen Mienen im Chor monotone Weisen vortrugen. Da hielt mein Ohr die Worte miel de pesares, Honig des Leidens fest. Ich wüßte keine treffendere Bezeichnung für den besonderen Schmelz südamerikanischen Leids.

Hermann Keyserling
Südamerikanische Meditationen · 1932
X. Die Traurigkeit der Kreatur
© 1998- Schule des Rades
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