Schule des Rades

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

X. Die Traurigkeit der Kreatur

Hölle ohne Ausgang

Ich taufte Südamerika, kaum daß ich seine Atmosphäre eingeatmet, den Kontinent der Traurigkeit. In der Kommunion mit seinen Bewohnern wurde alles das bewußt und bestimmend in mir, was diese Stimmung schafft. Ich ging selber zeitweilig alles Freiheitsgefühls verlustig. Das Blinde gewann das Übergewicht über dem Schauenden, das Passive über dem Initiatorischen. Und da mir dieser Zustand ehedem unbekannt war, erlitt ich vielleicht mehr Höllenqual, als Südamerikaner je erleiden. Doch wie ich inmitten der Finsternis innere Distanz gewann, da ward mir eines klar, was ich nimmer hätte vorauswissen können und was ich ehedem als Un-Sinn abgewiesen hätte: daß die südamerikanische Traurigkeit mehr wert ist, als aller nordamerikanische Optimismus und aller neu-europäische Idealismus.

Beide vertreten, in der Tat, oberflächlichen Geist. Beide leben und nutzen ohne letzte innere Beteiligung die logischen Möglichkeiten schöpferischer Erkenntnis mehr oder weniger mechanisch aus; weder gehen sie aus der spirituellen Tiefe des Menschen hervor, noch führen sie ihr zu. Die südamerikanische tristeza nun ist tiefstes Erleben der Erdtiefe. Sie ist tiefstes Wirklichkeitserleben, und darauf allein kommt es an. Sämtliche Wirklichkeit erlebt keiner. Wer aber irgend eine wahrhaftig tief erlebt, der hat potentia eine Tiefeneinstellung zu allen, denn es entsprechen sich überall Tiefe und Tiefe und Fläche und Fläche, nie und nirgends Tiefe und Fläche. So ist der seine irdischen Wurzeln tief Erlebende, auch wo er nichts vom lebendigen Geiste weiß, zu dessen Aufnahme vorbereiteter, als jeder Intellektualist und Moralist; so ist sein Nicht-Wissen vom Geist im selben Sinn wertvoller, als alle europäische Wissenschaft vom Geist, wie das Nicht-Wissen des Sokrates mehr wert war, als das Alles-Wissen der Sophisten. Der Südamerikaner ist der areligiöse und antimetaphysische Mensch par excellence. Wie sollte er es nicht sein, wo sein Bewußtsein beinahe durchaus Erdbewußtsein ist? Ihm muß Skepsis Geistigem gegenüber das letzte Wort bedeuten. Dieses sein Zweifeln ist ein Tieferes als sein Glauben. Denn bei seiner Einstellung kann Glaube nur blinder Dogmenglaube sein — blinder Dogmenglaube nicht als primitive Bejahung unverstandener aber doch geahnter metaphysischer Wirklichkeit, sondern als absolute Sicherung vor jeder metaphysischen Problematik. Solcher Glaube ist reinster Ausdruck der Ur-Angst. Dementsprechend ist die katholische Kirche Südamerikas nicht mehr als ein Institut für Zauberei, wie es die meisten Objektivierungen indianischer Religiosität auch sind. Was in Europa Glaube ist, hat sich drüben in Aberglauben verwandelt.

Demgegenüber aber ist in Südamerika alles tief, was sich auf die Erde bezieht. Dieses galt zu indianischer Zeit von den Lebensgestaltungen Perus und Mexikos. Der alt-peruanische Kult war bewußt nicht Geist-, sondern Erd-Dienst. Man verehrte die Sonne nicht als Sinnbild, sondern als materielle Tatsache. Und so wurden Tugend, Gerechtigkeit und Recht im Sinne dessen verstanden und geübt, was sie in bezug auf den Rhythmus des Erdgeschehens bedeuten; der Generalnenner aller Ideale war die Gesundheit. So sah der Inkastaat dem sozialistischen Wohlfahrtsstaat an der Oberfläche sehr ähnlich. Doch er bedeutete anderes. Dem sozial denkenden luden und seinem immer mehr sich ihm angleichenden Sproß, dem modernen Christen, bedeutet Wohlleben eine Geistforderung. Dies nun beweist vollkommene Oberflächlichkeit, denn weder haben geistige Ziele einen Exponenten an materiellem Vorteil, noch liegt Glück im Sinne eines Erdenlebens, dessen Wesen Leiden ist. Die Lebensanschauung der Inkas verhehlte sich nichts davon. Mit letztem Realismus sah sie zumal dem Tod ins Angesicht. Doch von der Delicadeza her verschönte und versüßte sie, was immer verschönerungs- und versüßungsfähig war. — Wie nun Peru sich zum modernen Wohlfahrtsstaat verhielt, so verhielt sich Alt-Mexiko zu Sowjet-Rußland. Hier wie dort die ungeheuerlichste Spannung; sozialstes Denken und Menschenopfer bedingten einander wechselseitig. Nichtsdestoweniger bedeuten die Hekatomben der Tscheka gänzlich anderes als Mexikos Blutrausch. In Sowjet-Rußland hat sich lebendiger Geist dem Gesetz des Ungeistes verschrieben. So leugnet es den Geist sowohl als alles irdische Pathos; das Töten ist ihm nichts als nützlichkeitsbedingte Subtraktion. Im mexikanischen Blutkult hingegen äußerte sich die Ekstase des Fleisches, das Heraustreten aus dem Fleisch, der genau entsprechende Gegenpol des Heraustretens in den Geist, der Ekstase im üblichen Sinn. Wo Erleben metaphysisch-geistiger Wirklichkeit physiologisch ausgeschlossen erscheint, dort muß Begeisterung seinen Höchstausdruck im Blutrausch finden. Noch die Grundstimmung des heutigen Mexiko läßt sich, wie D. H. Lawrence richtig sagt, in dem Rufe Viva la Muerte! am besten wiedergeben. Alt-Mexiko war aber zugleich das Land des süßesten Blumenkultus wo Sowjet-Rußland alles Schöne verpönt. Damit allein ist Mexikos Tiefe gegenüber Neu-Rußlands Oberflächlichkeit erwiesen.

Die Auffassung der Tugend als Gesundheit, ihr besonderes Verhältnis zum Blute und zum Tode, welche den alt-indianischen Kulturen eigen war, beweist eine wesentliche Beziehung zur Erd-Wirklichkeit. Und so bedeutet die Skepsis in bezug auf den Geist der heutigen Südamerikaner nicht Oberflächlichkeit, sondern Tiefen-bedingte Aufrichtigkeit. Wie ich mich in die Seelen der Gauchos und der Höhen-Indianer und vor allem in die bedeutender Eingeborener europäischen Bluts versenkte, da ward mir klar, ein wie Erbärmliches im Fall der allermeisten heutigen Europäer Bekenntnis zum Geist bedeutet. Als Leo Tolstoi behauptete, ein einziges Paar Stiefel sei mehr wert, als der ganze Shakespeare, da erwies er sich in besonders drastischer Form als das, was er wesentlich war: als der Vater des Bolschewismus. Und doch war er aufrichtiger und insofern tiefer, als neunhundertneunundneunzig von tausend moderner Kulturapostel. Denn zutiefst sind auch sie Bolschewisten. Was geht kultureller Wert den an, der nicht gleichsinnig aus dem erkennenden und formenden Geist heraus lebt, wie der echte Christ aus seinem Glauben? Vor allem aber: Inwiefern kann Kultur überhaupt Ziel sein? Warum soll gebildetes Dasein wertvoller sein als rohes? Wozu aller Fortschritt, wo doch alles Leben so entsteht und vergeht, wie am ersten Tag? Wozu das Wissen vertiefen? Der Umschwung vom idealistischen Europäer zum russisch-amerikanischen Materialisten hat denn auch schon als bloße Möglichkeit bewiesen, daß die moderne Geistigkeit aus keiner tiefen Quelle mehr gespeist wird. Wenn einer der Begabtesten Jung-Frankreichs jüngst behaupten konnte, der Sinn des Lebens sei vielleicht, daß gelegentlich ein wirklich gutes Buch erscheine, so beweist das unmittelbar Entgeistung. Der Geistige gefällt sich nur mehr, wie in einem Park voll zurechtgestutzter Bäume und Hecken, in einem Leben inmitten geistentsprossener Erscheinungen. Diese Geist-Erscheinungen nun bedeuten kein Tieferes, sondern ein sehr viel Oberflächlicheres und Unwesentlicheres, als die dumpfsten Geschöpfe der Natur. Von hier aus gewinnt die Barbarisierung, welche mit und seit dem Weltkrieg in Europa eingesetzt hat, einen positiven Aspekt: sicher sind Blut und Erde und Tod und Liebe und Haß wesentlichere Dinge, als alle nur mögliche Kulturerrungenschaft.

Der Idealismus der europäischen Geistigen ist heute, in der Tat, selten mehr als Feigheit vor der Wirklichkeit. Der Bildungsphilister verhält sich zum noch so verblendeten jungen Fanatiker, welcher mit Einsatz seines Lebens eine neue bessere Welt zu gründen unternimmt, wie ein Nachtportier zu Ikaros. Jeder Ästhet ist ein Lump, verglichen mit einem gläubig gottlosen Bolschewisten. Eine Philosophie, welche richtige Bestimmung der Umheit des Raums für wichtig hält, ist ein Oberflächlicheres als mittelmäßige Kochkunst. Und eine Religion, die nicht Ausdruck persönlichster Beziehung zum Geiste ist, so wie die Mutter zum Kind in persönlicher Beziehung steht, ist entweder ein schlechter Witz oder eine Blasphemie…

Wie tief erscheint da, verglichen mit der überwältigenden Mehrheit europäischer Geistiger, der Gaucho, der sich bekreuzigt, um seinem Zweifel Ausdruck zu verleihen! Wieviel wahrhaftiger ist auch in bezug auf das wahre Erleben der allermeisten Europäer die bolivianische Formel, daß ein Verstorbener gleichgültig verblieb gegenüber der üblichen, daß er im Herrn entschlief! Und dies gilt, noch einmal, gerade insofern der Südamerikaner areligiös und antimetaphysisch ist. Auf Tiefe als solche kommt an erster und letzter Stelle alles an. Daher die christliche Lehre, daß der Sünder dem Heile näher sei, als der buchstabenfromme Gerechte: an Buchstaben zu glauben, beweist an sich Oberflächlichkeit. Aber freilich ist alle südamerikanische Tiefe eine Tiefe der Erde zu. Nichts mißverständlicher, als die häufige Behauptung der Argentinier, ihre tristeza sei eines Sinnes mit der Melancholie der Araber und Russen. Der heroische, möglichen Freuden dieses Lebens grimmig-skeptisch gegenüberstehende Beduine fühlt sich andererseits geborgen in seinem Gott; drum ist er letztlich freudig, so sehr er leide. Des religiösen Russen Wesenskern aber ist sein Glaube an das Ostermysterium. Durch Christi Opfer sei der Tod schon jetzt, diesen Augenblick, heute, morgen, immerdar, für jeden, so furchtbar die Kreatur leide, besiegt. So ist der gläubige Russe im selben Sinn der wesentlich selige Mensch, wie dies der frühchristliche Märtyrer war. Und der Inder gar stellt den Gegenpol des Südamerikaners dar. Wie keiner nach ihm verstand der Buddha den Sinn der Gana. Das Haften am Leben ist, nach ihm, des Lebens Ursprung. Gier hält es im Gange, Essen und Gegessen-Werden ist auf allen Ebenen sein Weg und Leiden, richtige tristeza, sein Grundcharakter. Doch der vollkommen Erwachte wies einen Weg zur Aufhebung des Leidens. Die südamerikanische Tristeza ist demgegenüber eine Hölle ohne Ausgang. Doch die Hölle liegt tiefer als die Erdoberfläche. Und nur wer die Hölle in sich realisiert hat, ist Himmelsreif. Daher der Mythos vom Christus, der in die Hölle hinabfahren mußte, ehe er in die ewige Glorie des Vaters eingehen konnte.

Hermann Keyserling
Südamerikanische Meditationen · 1932
X. Die Traurigkeit der Kreatur
© 1998- Schule des Rades
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