Schule des Rades

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

XI. Der Einbruch des Geistes

Ur-Erinnerung

Wie eines Abends, während der langen Fahrt längs der chilenischen Küste, deren Steinwüste die trostloseste ist, die es auf Erden gibt, das biblische Motiv vom Uranfang, da die Erde wüste und leer war, wieder einmal in mir anklang, ging mir urplötzlich der Sinn des Schöpfungsmythos auf. Es ist unmöglich, sich der Uranfänge zu erinnern. Der Mythos von der Weltschöpfung betrifft den Beginn der Erinnerung. Deswegen setzt er mit Recht als erstes das Gebot es werde Licht. Vorher war vieles schon lange, vielleicht schon immer da. Nur war es finster und blind und vom Finsteren und Blinden gibt es kein Gedächtnis. Lang vorher war auch das Leben da. Allein es stellten sich keine Fragen. Die Frage nach dem Ursprung, nach der ersten Ursache konnte sich erstmalig in dem Augenblicke stellen, da es Licht ward.

Und Licht zwar im Inneren des Menschen. Es war nicht das Licht der Sonne. Sinngerecht berichtet die Bibel, daß Gott der Herr Sonne und Mond erst nach dem Licht erschuf. Es war das innere Licht, welches aus sich heraus, aus eigenem Vermögen und eigenem Rechte Bilder schafft. Und die ersten Bilder waren die der Erinnerung. Die Schöpfungsgeschichte begann nicht mit dem Erwachen von Bewußtsein. Bewußtsein gab es früh schon im Rudiment-Verstande subjektiver Affiziertheit überhaupt. Doch Bewußtsein ist nicht ursprünglich und nicht notwendig mit der Licht-Vorstellung verknüpft. Empfindungen und Gefühle sind blind, Schmerz ist dumpf, der aufregendsten Lust fehlt von sich aus jede Belichtung. Was im primordialen Erleben den Anschein von Stetigkeit hat und auf Zusammenhang und Überschau zu schließen nahelegt, bedeutet nicht mehr als direkte Affiziertheit von Ereignissen, deren Umfang mehr als einen mathematischen Punkt umfaßt. Das ganze Gana-, das ganze Delicadeza-Leben und alle emotionale Ordnung mag so im Er-Leben ein Echo finden und dennoch jeglicher Belichtung ermangeln. Und was im primordialen Erleben Erinnerung scheint, ist lediglich das, was die Wissenschaft Mneme heißt und schon dem Toten eignet: das Gedächtnis als Wiederholungsmechanismus nach Art der Grammophonplatte oder aber nach Art der Übung. Doch bekanntlich eignet den Menschen, deren Leben am meisten Wiederholung ist, am wenigsten Gedächtnis. Zwischen jeden zwei Gana-Melodien liegt Vergessen. Erst der Zusammenhang im Vorstellungsbilde ist belichtet. Andererseits schafft erst Belichtung Zusammenhang überhaupt. Ohne vorausgesetzten Zusammenhang aber stellen sich keine Fragen. Deswegen begann die Weltschöpfung nicht mit dem Bewußtsein, sondern dem Erinnern. Tief bedeutsamer Weise ist das griechische Ur-Wort für Wahrheit Aletheia, die Unvergeßliche.

Kosmogonien sind nie aus der Frage nach der Ursache heraus entstanden. Sie stellt erst reifer Verstand. Neugierde, die mit der ersten Erhellung der Begierde überhaupt erwacht, begnügt sich mit nächstliegender Erklärung; sie ist nicht mehr als ein nur wenig verlängerter Tastsinn. Über die erste Neubegier hinaus war das erste Warum kein anderes als das Warum der Kinder: diese fragen aus Lust am Fragen, und befriedigt keine Antwort sie, so ist’s, weil sie immer weiter Frage spielen wollen. Doch lange vor allen neugierigen Fragen gab es den Mythos als Ur-Erinnerung. Der meines Wissens erdgemäßeste Mythos vom Uranfang ist derjenige der Pueblo-Indianer, insofern er gar keine Fragen beantwortet. Die Menschen lebten zuerst in einer finsteren unterirdischen Höhle. Über sich ahnten sie Licht. Da sie zu ihm nicht hinankonnten, schufen sie einen Baum, um über dessen Krone hinweg über das Dunkel hinauszugelangen. Doch auch die Krone verblieb im Finsteren. Da schufen sie von der Krone her einen zweiten Baum, und so mehrere Male fort. Dann erst erblickten sie über sich das Firmament. Tatsächlich war die Schöpfungsnacht da vor dem Schöpfungstag und der Schlaf da vor allem Wachen. Niemand vermag zu sagen, wo und ob irgendwo Lebendiges in schlechthin Unlebendiges übergeht, und ob es letzteres gibt. Von der Empfindlichkeit her, diesem einzigen äußeren Symptome innerer Berührtheit, ist die Grenze möglichen und wirklichen Er-Lebens so schwer zu bestimmen, daß niemand jemals feststellen wird, ob nicht auch alles anscheinend Tote Empfindung kennt. Beschleunigt man kinematographisch aufgenommenes Pflanzenleben so, wie die Zeitlupe, Bewegung verlangsamt, so unterscheidet sich sein Ablauf nur wenig von dem des körperlichen Menschenlebens; umgekehrt kann dieses durch Verlangsamung seiner Prozesse nahezu in den Pflanzenzustand übergeleitet werden. So mag es bis zur proté Hyle weitergehen. Doch von dieser Vorgeschichte gibt es keine Erinnerung, und deshalb weiß kein Schöpfungsmythos von ihr. Aller Schöpfungsmythos betrifft den Augenblick, da dank dem Einbruch eines vorher nicht Dagewesenen und von allem ehedem Erlebten Wesensverschiedenen das Vorhandene geschaut ward. Es trat die Einbildungskraft als verwandelnde Kraft in das Weltgeschehen ein. Dem physischen Sehen vermählte sich das geistige. Damit erst war die Ur-Blindheit des Lebens überwunden. Plato lehrte, nicht die Augen sehen, sondern wir sehen mittels der Augen: im Anfang gab es nur Augen, keine Seher. Erst mit dem Hinzutreten der Vorstellungskraft wurde die Welt zu dem, als was mir denkende Menschen sie erleben. Fortan stellten sich Fragen. Nun wurde Zusammenhang gefordert und vorausgesetzt. Nun mußte und sollte es Ursachen und Ziele geben. Beim Aufleuchten des inneren Lichtes handelte es sich, von der Erde her gesehen, um einen gewaltsam-gewaltigen Einbruch. Es war die ungeheuerste aller Naturkatastrophen. Schon deswegen reicht alle Erinnerung bis zu ihr zurück, und damit bis zur Weltschöpfung. Denn bevor die Frage nach ihr gestellt ward, hat es keine gegeben.

Hermann Keyserling
Südamerikanische Meditationen · 1932
XI. Der Einbruch des Geistes
© 1998- Schule des Rades
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