Schule des Rades

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

XI. Der Einbruch des Geistes

Erinnerung und Voraussicht

Eines Tages wurde das vormals blinde Leben sehend. Es erwachte die Gabe innerer Schau, welche Erinnerung und Voraussicht zugleich war. Und in dem Augenblicke trat das ein, was alle Schöpfungsmythe überliefert: die als vormals finster dumpf erinnerte Welt wurde licht. Das Chaos ordnete sich zum Kosmos; das Dasein gewann Sinn. Es war im ganz Großen das gleiche, was sich im ganz Kleinen jedesmal ereignet, wo einem Menschen etwas einfällt. Dieses Einfallen kann, die Bedeutung haben, daß vormals Dunkles und Verworrenes klar und übersichtlich wird; dann war der Sinn in der Erscheinung materialisiert enthalten oder impliziert; dessen Erfassung heißen wir Verstehen. Einfallen kann aber auch bedeuten, daß in keinem Gegebenen enthaltener Sinn sich jenem plötzlich einbildet und es damit zum Ausdrucksmittel macht für vorher nicht Dagewesenes. Letzterer Vorgang ist der geistige Ur-Vorgang. Ihn verbildlicht der Gott, welcher die Welt aus dem Nichts schuf oder dem Erdkloß seinen Odem einblies oder das Chaos zum Kosmos umgestaltete: ein wesenhaft Neues trat mit dem Einbruch des Geistes in die Welt. Und so hat auch Kant, dieser eigentümlich archaische und gerade insofern tiefe Geist, den Schöpfungsvorgang verstanden: seine Vernunftkritik ist richtig als Kritik der Ur-Be-Sinnung der Natur. Lehrte er meine Welt ist Vorstellung, so trifft das ursprünglich zu, denn die Vorstellungswelt des Denkenden entsteht erst mit dem es werde Licht. Anschauungen und Begriffe, d. h. schauende Hinnahme und geistige Eigenaktivität sind wirklich die zwei aufeinander unzurückführbaren Ur-Elemente geistigen Erlebens. Und so sind Zeit und Raum — was immer sie sonst seien — zunächst tatsächlich im Subjekt begründete Anschauungs- und Kausalität und andere Kategorien ebendort begründete Denk-Formen; insofern schreibt der Verstand der Natur tatsächlich seine Gesetze vor.

Doch wie immer man den Ur-Vorgang des Inne-Werdens beschreibe: entscheidend ist, daß mit dem Einbruch des Geistes wesenhaft Neues in die Welt trat. Dieses Neue belichtete alles Vorhandene. Und darauf wurde alles qualitativ anders. Belichtung bedeutet nie bloße Aufhellung dessen, was ohne Licht sonst ebenso wäre: mit dem Licht tritt eine neue verwandelnde Energie zur bisherigen Wirklichkeit hinzu. Der Tag ist ein qualitativ anderes als die Nacht; Farben sind ein realiter anderes als die Düsternis. Das geistige Licht nun verwandelt im buchstäblichen Verstand des Begriffs Transfiguration, denn seine besondere Wirklichkeit gibt allem Bestehenden das, was von sich aus nur wenigem eignet, nämlich Sinn; und dieser Sinn ändert die Eigenart der ganzen Welt, derer sich einbilden kann. Zunächst paßte sich die Ordnung des Geistes den Analogien der Natur-Ordnung an. Gleich wie physische Bedeutung zunächst die Ur-Gegensätze von Licht und Dunkel schafft, so teilte das geistige Licht zuallererst allem, worauf es fiel, die Urqualitäten positiven oder negativen Wertes mit. Noch unsere Kinder wissen auf moralischer Ebene nur von schwarz und weiß. So gab es, kaum daß es Licht ward, Gut und Böse. Wir handelten im Verlauf unserer Meditationen vom objektiv Bösen der Unterwelt, vom Bösen als dem Mutterschoße des Guten, und vom Bösen als Folge der Verletztheit und der Inkompatibilität: wir durften das Wort böse verwenden, weil es Namen nur vom Geist her gibt. Doch für uns unterlag schon damals keinem Zweifel, daß all dieses Böse nicht geistig böse sei. Jetzt verstehen wir den Zusammenhang: das Böse entspricht der Finsternis, und im Dunkeln beginnt, aus dem Dunkel erwächst alle Schöpfung. Alles Negative führt seinerseits zu böser Erscheinung. Doch erst Be-Sinnung macht das Negative geistig böse: dies ist die Tatsachen-gerechte Bedeutung des Shakespeare-Worts, daß erst das Denken gut und böse schaffe. So überträgt der Geist zunächst das, was von ihm aus negativ ist, auf das an sich unschuldige Dunkel. Darin aber gibt es von Hause aus positiven und negativen geistigen Sinn, der sich in der Erscheinung entsprechend äußert, und dieser Sinn wirkt sich fortschreitend autonomer aus. So gibt es von Hause aus guten und bösen Willen, es gibt die Lüge als Ausdruck der Arglist im Gegensatz zur natürlichen Verstellung, Aufrichtigkeit als Ausdruck des Muts und nicht der Brutalität, Mord als Ausdruck der Gerechtigkeit und nicht der unbegrenzten Selbstsucht, Liebe nicht als Besitzwillen, sondern als schenkende Tugend, und Schönheit, welche zuunterst natürlicher Ausdruck dessen ist, was anzieht oder wohltut, als Höchstausdruck geistiger Vollkommenheit überhaupt. Und dann gibt es geistige Wirklichkeiten, für welche jede direkte Entsprechung in der Natur fehlt, wie innere Freiheit und Sollen und Ideale und Werte und uneigennützige Ziele. Beurteilt man die Welt des Sinnes, die mit dem Einbruch des Geistes über die Erde kam, von allen traditionellen Vorurteilen frei von dieser her, dann bedeutet sie eine analoge faunische Bereicherung, wie es die Ansiedelung des Lebens auf unserem Planeten war. Nur bedeutet sie ein viel größeres Wunder. Allerdings ist die Entstehung des Lebens schlechterdings nicht zu erklären. Das trockenste Lehrbuch der Paläontologie berichte, von nichts anderem als von wunderbaren Begebenheiten. Aber das Irdische im Menschen staunt doch nicht ganz aufrichtig darüber, denn in seinem eigenen Körper erlebt und als eigener Körper tut jeder nicht weniger Wunderbares, als dies die Metamorphosen der Geschöpfe im Lauf der Weltzeitalter sind. Nicht erdgeborene Wirklichkeiten hingegen sind, von der Erde her geurteilt, wunderbar schlechthin.

Daß die Welt des Geistes zuallererst tatsächlich als neue Fauna aufgefaßt wurde, beweist das Verwickelte und Unübersichtliche aller frühen Vorstellungen, welche sich Menschen von Natur und Geist machten; diese Ur-Komplikation lebt noch in den Lebensordnungen mancher heutigen Naturvölker im Unterschied von unseren Ordnungen fort. Gana, Delicadeza- und emotionale Motive durchkreuzten und verstrickten sich untereinander und mit geistgeborenen, wie Schlingpflanzen im Urwald: deutliche Unterscheidung der verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit fehlte ganz. Es war ein gleiches buntes Durcheinander, wie dieses in verklärtem Bild der Mythos vom Paradiese festhält, allwo Löwe und Lamm nebeneinander ruhten, wo Gott der Herr gelegentlich lustwandelte und die Schlange harmonisch neben anderen Kreaturen dahinlebte; erst nachdem es ihr gelang das Unterscheidungsvermögen im Menschen zu wecken, konnte sie die Eintracht stören. Im übrigen aber offenbarte alle Wirklichkeit sich, je früher ein Zustand, desto mehr, so oder anders verkleidet. Die reinsten Geistesgebilde nahmen leibhaftigste Gestalt an. Und die ersten Unterscheidungen waren für unsere Begriffe besonders seltsam, weil der zum Geist erwachte Mensch gerade sein Innerlichstes zuerst am meisten außer sich sah. So wurde aller Geist den Göttern zugeschrieben. Ihnen allein wurden zu aller erst die Grundfähigkeiten der Phantasie zugestanden, als da sind: willkürlich erscheinen und verschwinden lassen, festhalten und verwandeln zu können. Und so spaltete sich das Menschendasein in zwei Teile. Für sich lebte der Mensch ein Gana-Leben, doch seinen Göttern erkannte er geistige Artung zu. Passiv für sich, ließ er sich von diesen bestimmen. Alle Initiative setzte, so glaubte er, von außen ein. Und so waren die ersten bewußten Beziehungen des Menschen zum Geist Gehorsam und Gebet. Die früheste Beziehung zum geschauten lebendigen Geiste mußte die religiöse sein, weil eben Geist zuerst als ein außer-sich erlebt ward. Gedenken wir nun von hier aus noch einmal des Ur-Begriffs der religiösen Offenbarung, dann leuchtet endgültig ein, daß sich mit dem Einbruch des Geists tatsächlich ein eigener und neuer Kosmos der Natur einzubilden begann. Von der Gana her beurteilt war der Geist grundsätzlich der Zauberer; keine Geistes-Wirkung ging mit rechten Dingen zu. Und dessen Unheimliches wurde tagtäglich im Bewußtsein dadurch überbetont, daß die richtige Einsicht, daß Geist ursprünglich Bild ist, sich in der Form der Zuerkennung größter Zauberkraft eben an Bilder ausdrückte. Hier liegt der Urgrund alles Totemismus und Fetischismus.

Immerhin zeigte sich früh schon, daß der Geist zum Menschen. Wesen gehört und daß seine Natur nicht etwa nur Medium ist für Geisteseinflüsse, so wie es deren viele geben mag. Es zeigten sich, sobald es Menschen im Unterschied von Tieren gab, richtige Schweiß- oder Lötstellen von Geist- und Gana-Welt. Deren wichtigste bezeichnet der ideelle Ort der Moral. Beim Menschen schafft und erhält die Natur nicht von sich aus die erforderliche Form und Ordnung, ohne welche Leben nicht bestehen kann. Was bei Tieren durch Müssen von selbst erfolgt, vollendet beim Menschen nur Freiheit, welche sich an einer Soll-Vorstellung orientiert.1 Damit dieses aber möglich würde im Rahmen der Natur, blieb der Mensch als Naturprodukt auf embryonaler Stufe stehen. Die größere Menschen-Ähnlichkeit der Embryos höherer Tiere, verglichen mit deren vollendeter Gestalt, rührt daher, daß diese Tiere sich weiter entwickelt und differenziert haben als der Mensch. Dementsprechend sind sie festgelegter. So reift der einmal geborene Mensch auch desto später, je größer seine Entwicklungs- und Verwandlungsmöglichkeiten; der Genius bleibt ewig Kind. Von hier aus ist denn einzusehen, wie sich der Geist der Gana einbildet. Er bricht in ihr noch loses Gefüge ein, und indem er es möglichst lose erhält, macht er es zum Ausdrucksmittel seiner Freiheit. So werden seine eigenen Züge dem geistbestimmten Menschen zu bloßen Ausdrucksmitteln: der Ausdruck der Züge, nicht deren Sosein, ist ihm letzte Instanz; aus gleichen Zügen mögen grundsätzlich tausend Geister sprechen. Die eine Tatsache nun, daß beim Menschen der Ausdruck mehr bedeutet als die Form, beweist, daß das Menschen-Wesen seine Wurzel im Geist und nicht in der Gana hat. Und so ist die Indetermination möglichen Ausdrucks der sichtbare Exponent dessen, was den Menschen von allen erd-entsprossenen Geschöpfen unterscheidet: daß kein organischer Zustand als solcher ihm persönliche Vollendung bedeutet.

Aber angesichts vieltausendjähriger Vorurteile ist es von größerer Wichtigkeit einzusehen, daß Geist im Gesamtgefüge eines Menschen aller Bedeutung ermangeln kann, ohne daß sein Leben sichtlich litte, als bei seinen geistigen Möglichkeiten zu verweilen. Den wahren Sinn dessen, was es bedeutet, wenn das Geist-Prinzip nicht mitbestimmt, faßte richtig zuletzt der Ur-Begriff der Gottlosigkeit; diese hätte geistlichen Tod zur Folge, ohne daß dies jedoch auf Erden zutage träte. An der südamerikanischen Menschheit wurde mir klar, daß solche Gottlosigkeit absolut nicht Fall bedeuten muß. Nichts berechtigt zum Glauben, daß der Mensch als Kind Gottes geboren ward und darin durch Fall zu einem Erdenwesen ward: so wie er ist, ist er Kind des Geistes und der Erde, und der weitaus überwiegende Teil seines Wesens gehört ausschließlich ihr an. Die Welten der Gana, der Delicadeza, ja noch der emotionalen Ordnung, so seelisch sie sei, sind ungeistig — von dem zu schweigen, was vom kalten Urschleim, der Erde und dem Blute gilt. Was der Geist im Zusammenhang der Menschennatur bedeutet, davon gibt der Schöpfungsmythos noch immer das beste Bild: es ist der Odem, welcher dem Erdgeborenen eingeblasen ward. Geist inspiriert. Insofern aber kann er alle Schichten und Ordnungen des Menschenwesens beseelen. Wir Europäer sind geneigt, nur den Verstand als mögliches Gefäß des Geistes anzuerkennen: in Wahrheit ist er es weder mehr noch weniger, als alle anderen Teile des Menschenwesens. Er ist das beste Gefäß in der einen Hinsicht möglicher Sinnesverwirklichung, im Verstehen. Aber hier liegt auch seine Grenze. Nicht umsonst stellt die Menschheit das teuflische Prinzip immer wieder in Form des Intellektuellen vor. In der Tat — weder das Ideal der Liebe, noch das der Güte, noch das der Schönheit, ja nicht einmal das der Wahrheit als eines Seinszustands ist von der Ratio her zu realisieren. Wer sich nur verstehend zu diesen Idealen verhält, der stellt sich außerhalb ihrer. Aber wir können auf Grund der Erkenntnisse, die wir im Lauf unserer Meditationen gewannen, alle negativen Bestimmungen durch positive ersetzen — und das ist das entscheidend Wichtige zur rechten Erfassung des Sinns des Geistproblems. Nur mittels der vitalen Erkenntnisfunktionen ist Geist zu schauen — ich setze dieses Zeitwort hier für alles assimilierende Aufnehmen. Und da es beim Menschen, dank außerordentlicher Gehirnentwicklung, vor allem seine Verstandesfähigkeiten sind, die seiner Selbsterhaltung dienen, so ist für ihn erkennendes Verhalten zum Geist allerdings das Lebenswichtigste. Dies erklärt, warum dem Menschen das Wahrheitsideal so unverhältnismäßig viel bedeutet, daß er immer wieder der Versuchung, unterliegt, es zum Generalideal zu erheben. Doch unsere Betrachtungen über die Delicadeza und die emotionale Ordnung ergaben, daß es keine Generalideale gibt, denn jedes Ideal setzt zu seiner Verwirklichung eine andere vitale Basis voraus. Auf daß Liebe und Güte als spirituelle Qualitäten in Erscheinung träten, muß Geist unmittelbar die emotionale Sphäre beseelen. Schönheit realisiert sich auf Erden allein durch das Medium der Empfindlichkeit hindurch. Die Be-Geistung nun hängt allüberall von Gottes Odem ab, das heißt einem inspirierenden Prinzip. Ohne daß dieses hinzuträte, gibt es keine Geistigkeit. Uninspirierter Intellekt ist nicht geistiger als der Bauch. Umgekehrt kann das natürliche Gefühl der Mutterliebe, welche von sich aus Affenliebe ist, vom sublimsten Geist des Fortschritts dem Licht zu inspiriert werden.

Trotz allem Gesagten aber gibt es für alle Ideale einen Generalnenner: es ist der der Vollendung. Aller Sinn erscheint auf Erden nur da realisiert, wo er vollkommen ausgedrückt ist. Vollendung im Ausdruck nun ist an sich ein ästhetisches Ideal. Dies scheint der Schönheit ein Primat zu vindizieren. Und gilt Schönheit überall auf Erden, so oder anders verstanden und gedeutet, als vornehmstes Ideal. Wie ist das zu erklären? Es erklärt sich aus der Grundeinsicht dieser Meditation, daß der Urausdruck des Geistes das Bild ist. Jedes Bild fordert von sich aus ästhetischen Maßstab.

1Die Ausführung dieses Gedankens steht im Kapitel Moralismus vgl. Amerika, Ich verweise für alle weitere Erläuterung darauf. Desgleichen verweise ich an dieser Stelle ein für alle Mal auf die näheren Ausführungen meiner Gedanken über den Geist, weiche die Kapitel Kultur und Spiritualität des gleichen Buchs enthalten.
Hermann Keyserling
Südamerikanische Meditationen · 1932
XI. Der Einbruch des Geistes
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