Schule des Rades

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

II. Die Ur-Angst

Übermacht der Natur

Wie ich an der Puna daniederlag und mein überreiztes Gehirn jene Hellsichtigkeit des inneren Auges ermöglichte, die nur der Kranke kennt, schaute ich ein seltsames Bild. Ich schwebte hoch über dem Weltmeer. Unter mir lag, ganz klein, der südamerikanische Kontinent, wie ihn die Landkarte zeichnet. Zugleich strich ich wie ein Sturmvogel über die mächtig von der Antarktis daherrollenden eiskalten gischtsprühenden Wogen. Und da gewahrte ich ganz nah und ganz fern zugleich ein rätselhaftes Geschöpf. Ein unbestimmbarer Leib, Weib, Schlange, Amöbe und Kraken zugleich; Hände und Füße sich entrollend wie Fangarme, verfließend wie Pseudopodien; ein kleiner schmaler Frauenkopf. Riesengroß rauschte das Wesen, die feine Nase ständig, mit vibrierenden Nüstern witternd, die Horizonte absuchend, über die Wellenberge und -täler dahin, bald fahl und bleich wie ein Tintenfisch, momentweise silberschuppig aufleuchtend, und dann wieder sanft in allen Farben des Mondsteins erschillernd auf dem Untergrund der dunklen Flut. Und dieses selbe Schillern sprach aus dem Ausdruck des Antlitzes. Starr war er an sich, wie der eines Reptils, aber die prachtvoll gemeißelten Menschenzüge waren zugleich so vollkommen unregelmäßig, daß jede Perspektive ein anderes Bild ergab. Wie Sonnenlicht und Wolkenschatten im Sturm immer neue Farben über die See werfen, so huschten göttliche Schönheit und höllische Häßlichkeit, Sanftmut und Arglist über das stumme Antlitz hin. Das einzig Bleibende war der Ausdruck des Hungers, eines so ungeheuren, so namenlosen Hungers, daß sogar aus den Zügen des klassisch schönen Weibes der Wolfshund sprach.

Nicht leicht und siegesgewiß glitt das Wesen dahin — unsagbar mühsam kämpfte es nordwärts, krampfhaft suchend, wie ein dem Ertrinken naher Mensch. Und dann wälzte es sich wieder auf den Wogen hin und her, Unglück in den Augen, klagende Schreie über die Wasserwüste sendend, und ich blieb im Zweifel, ob es eine Frau war, welche sich schluchzend in ihren Kissen herumwarf, oder ein bellender Seelöwe.

Mit diesem Bilde brach das Urbewußtsein in mir durch. Dieses ist ein Bewußtsein der Ur-Schwäche, des Ur-Hungers und der Ur-Angst. Die Natur außer mir bin ich nicht. Die Natur in mir bin ich auch nicht. So bin ich ursprünglich ein einziges Erleiden. Vor allen Fragen sind alle Antworten da. Auf alle Einflüsse antwortet die Psyche, sie kann die Antwort nicht ablehnen, und wenn sie selber fragt, erhält sie keine Antwort, und kein Befehl findet Gehör. Sie fühlt sich allerseits überwältigt, sie will fliehen und will es doch wieder nicht, denn von dem, was sie überwältigt, hängt sie in ihrem Dasein ab. Nur im Durchschlingen sieht sie mögliches Heil, so wie der Regenwurm die Erde durchschlingt. So ist denn Hunger Urausdruck selbständiger Lebensregung, und so ist Unersättlichkeit des Hungers Urform. Das ganze Weltall möchte das Leben sich einverleiben und sich also hinüberfressen über alle Gefahr. So verschlingt noch die Nachtigall täglich ihr mehrfaches Gewicht; so ist es der ewige Traum menschlichen Verstehens, dermaleinst das Universum zu verschlucken. Doch alles Leben weiß nichtsdestoweniger in seinem tiefsten Grund, daß sein Hunger unstillbar ist und die Übermacht der Natur unentrinnbar. Und aus dem allen ergibt sich Angst.

Und weiter ergibt sich Angst aus dem Vorgefühl des Geists und seiner Macht und dem Bewußtsein letzter Schwäche aller Natur gegenüber ihm. Denn die Natur-Seele hat den Geist nicht zum Subjekt. Kein Lebendiges, sicherlich kein Tierhaftes, das nicht irgendwie am Geistprinzipe teilhätte; aber nur im seltenen Höchstausdruck des Menschen bestimmt es. Doch ahnen tut die Macht des Geistes alle Kreatur, die überhaupt, noch so dunkel bewußt, von ihm beeinflußt wird. Zwingt heute der winzige Mensch die Urgewalten der Erde in seinen Dienst, so ist es, weil sie, vom Geiste her beurteilt, ganz schwach sind. Der Geist bricht als deus ex machina in die Natur ein; er überlistet oder bannt sie mit Mitteln, für welche ihr jede Handhabe fehlt. Mit Recht sahen und sehen die Naturvölker im Zaubern den ursprünglichen Geistesausdruck; eben weil sie der Natur näherstehen als Durchgeistigte, urteilen sie exakter. Auch die wissenschaftliche Formel ist ihrem tiefsten Sinn nach eine Zauberformel: ein bloßes Besprechen zwingt die Natur, ihren Lauf zu ändern. Der richtigen Zauberformel gegenüber — bei der Zauberei der Märchen kam es genau im gleichen Sinne auf Exaktheit an, wie bei der Aufstellung von Gleichungen in der Physik — ist die Natur vollkommen machtlos. Lange nun, bevor Lebendiges zaubern kann, unterliegt es der Verzauberung, und dieses ahnt es; daher die Wehrlosigkeit des Vogels vor der Schlange, welche doch nur zu zaubern scheint. Ich wüßte kein Tier, dem nicht der Inhalt unseres Begriffs des Unheimlichen erlebnismäßig geläufig wäre, und immer entspricht er naturdurchkreuzendem Eingriff. Insofern schwingt Angst vor Geist im frühesten Vorstellungs­rudimente mit. Diese Angst wirkt aber wiederum lähmend zurück, und so schließt sich ein Kreis, wie der vom Menschen gezogene, aus welchem das Huhn nicht hinausfindet: durchaus kein hypnotisches Phänomen, wie mechanistische Deutung es versteht, sondern eine Erscheinung echten Zauberbanns. Denn die mechanische Auswirkung der Suggestion setzt an erster Stelle Naturverlauf-durchkreuzende Wort- oder Bildwirkung voraus, und das eben ist Zauberei.

So hat denn alles Getier ursprünglich, als erstes, Angst; vor dem Geiste sowohl als vor der Natur. Deswegen gibt es kein mutiges Tier. Gerade die gewaltigsten unter diesen fürchten sich, wo nicht Urkraft gewaltsam durch sie vorstößt und damit blind macht, denn gerade sie fühlen sich am meisten überwältigt. Ihr Mut ist niemals freie Initiative, sondern passives Nachgeben gegenüber fremder Übermacht, welche aus dunkler Innenwelt hervorbricht. Die Grundstimmung der Löwen und der Tiger, wie vormals der Panzerechsen, ist die Furcht. Sie fürchten sich dumpf, so wie Naturvölker in ihrem Dämmerbewußtsein sich bei Verhandlungen scheuen, laut zu reden oder die Waffen in der Hand zu behalten oder schnell zu schreiten: die Dämonen in ihnen möchten aufwachen und durchgehen.

Es scheint mir von sinnbildlicher Bedeutung, daß die ersten Tiere Krusten- oder Weichtiere waren. Vor dem offenen Hause war die Festung da. Bevor Eigenwärme innere Geschlossenheit ermöglichte, war bei fehlender Rüstung Durchlässigkeit die beste Wehr. So sind Weichtiere entweder durchsichtig, oder sie frieren und dörren im Takt von Frost und Hitze ein, oder sie regenerieren beliebige Glieder, oder sie vermehren sich, wenn sie zerrissen werden, oder endlich sie reagieren so dumpf oder so langsam, daß ihnen diesseits des Todes nichts anzuhaben ist. Vollkommene Erlösung vor der Angst bietet dem Ohnmächtigen nur die Gefühllosigkeit. Daher der Kult der Apathie des Indianers, in welchem die Schlange zunächst der Oberfläche lebt: diese Gefühllosigkeit bedeutet nicht Stoizismus, denn der Starke bejaht in sich eine selbstherrliche Geistigkeit, die keine Außenwelt erschüttern kann. Der Indianer hat keine solche Innenwelt; sein Ideal ist, nicht mehr zu spüren, so wie die Schlange, welche sich stumm in Stücke hauen läßt. Das letzte organische Sinnbild der Ur-Ohnmacht des Lebens ist des Menschen Nacktheit. Der sublimste Ausdruck der Ur-Angst ist die Scham. Das Spiel beginnt auf jeder Stufe neu. Auch das geistige Schaffen beginnt mit Festungsbau und Weichheit — der Weichheit des Verstehens.

Hermann Keyserling
Südamerikanische Meditationen · 1932
II. Die Ur-Angst
© 1998- Schule des Rades
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