Schule des Rades

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

XII. Divina Commedia

Leben und Rolle

Der früheste Ausdruck persönlichen Lebens aus dem Geist ist die restlose Identifizierung des Persönlichen mit einem überpersönlichen; in diesem Zustand ist das Menschenleben ein realisiertes Schauspiel. Unter unzähligen Beispielen — ich könnte gleichsinnige aus Indien und Sumer anführen — greife ich ein Bild aus Rhodesiens Vorzeit heraus, so wie es Leo Frobenius vor uns hinstellt.1 Vor Jahrtausenden war das ganze Dasein der Könige dieses Landes eine einzige Darstellung eines Mythos im Medium, realen Lebens. Der Mond galt als Gott und König, und des Mondes Schicksal mußte der König erfüllen. Der Mond hat die Sonne und den Abendstern zu Frauen. Die eifersüchtige Sonne vergiftet ihn; der Mond nimmt ab und stirbt. Der Abendstern aber folgt ihm in die Unterwelt und erlöst den Gatten; dann steigt der Mond wieder auf. Der irdische König lebte in Geschwisterehe. Dann allein durfte er sich zeigen, wenn der Mond am Himmel stand; nahm dieser ab, dann mußte er sich verstecken. Vollkommen verborgen mußte er bleiben in mondloser Zeit, keiner durfte zu ihm sprechen. Wenn aber nach Ablauf von zwei Jahren der Abendstern sich zum Morgenstern verwandelte, dann ward der machtvollkommene König in die Tiefen des Berges gebracht und samt seinen ganzen Frauen und seinem ganzen Hofstaat erdrosselt. Und dann begann das Schauspiel neu. So wie der Mond sich erneute, erneute sich der König in der Thronbesteigung eines neuen Herrschers.

Das Leben solcher Urzeit war Schauspiel. Doch es war weder Spiel im Sinn des Kindes noch in dem der Bühnenkunst noch auch Transposition des Realen ins Imaginäre; und erst recht nicht war es Erlösung in der Phantasie. Es war furchtbarste Wirklichkeit, nur von einem mit Kosmischem identifizierten Ich aus erlebt. Die intellektualisierten Söhne des zwanzigsten Jahrhunderts wähnen über diese Art des Schau-Spielens endgültig hinaus zu sein. Tatsächlich gibt es eine wichtigste Ebene gerade ihres Lebens, auf welcher jeder, auch der Modernste und Aufgeklärteste, nicht anders fühlt und denkt, wie es die Könige Alt-Rhodesiens taten. Dies ist die Ebene historisch-sozialen Geschehens. Und sogar der Umfang der vorausgesetzten Entsprechung zwischen Natur-Verlauf und Schau-Spiel hat sich erst in allerletzter Zeit geändert. Vom chinesischen Kaiser wurde noch bis zum Ende des alten Reichs der Mitte, sonach bis vor wenigen Jahrzehnten, vorausgesetzt, daß das exakte Vollziehen der vorgeschriebenen Zeremonien seinerseits Gewähr stünde für ersprießlichen Naturverlauf. Und wenig länger ist es her, daß sich der Papst zu Rom für unfehlbar erklären durfte, insofern er ex cathedra entscheidet: in diesem Augenblick sei der fehlbare Mensch identisch mit der übermenschlichen Rolle, welche er spielt. Doch schrumpfe die Spannweite anerkannter Entsprechung noch so eng zusammen: geschichtliches Dasein steht und fällt mit der Anerkennung dessen, daß es auf die Bedeutung des Menschen mehr ankommt, als auf sein Biologisches, auf den Sinn des Lebens mehr, als auf das Leben selbst, und daß dieser Sinn sich in der Rolle restlos ausdrückt. Durch diese eine Erwägung wäre alles eigentlich historische Leben, von der Erde her beurteilt, als Schau-Spiel erkannt und bestimmt.

Jeder christliche Monarch, der an sein Gottesgnadentum glaubte, war bis zum historischen Ende des germanischen Königtums, welches 1918 erfolgte, als Monarch kein Mensch und durfte daher nicht gemäß privaten Normen leben. Ich nenne gerade dieses Beispiel, weil sich die Sonderart der Urbeziehung erwachten Geistes zur Natur von der höfischen Etikette her am besten erkennen läßt. Diese ist ein Distanzverhältnis. Wer Überlegenheit über die Natur markieren will, muß sich ihr gegenüber innerlich distanzieren. Dies gelingt am leichtesten durch Veräußerlichung des Abstandes mittels eines streng befolgten Zeremonials. So befolgt jeder Mensch schon als Vater, als Gatte, als Sohn im Unterschied zu dem, was er für sich ist, noch so unbewußt eine bestimmte Etikette. Deren Strenge wächst mit dem Abstand, welcher markiert werden soll. So ließ sich ein König, welcher so rein und vollkommen König war, wie Ludwig XIV. von Frankreich, als Mensch überhaupt nie gehen. Andererseits: je mehr Menschen im Spiel sind, desto mehr ist Objektivierung und Materialisierung der Distanz vonnöten. Soll Geist über die Natur herrschen, dann muß er von sich aus die Grenzen und Abstände schaffen, die er zu seiner Darstellung braucht. Aus diesem Grunde begegnen wir überall, wo Geist sozial bestimmt, einer allgemeinen hierarchischen Ordnung. Alle Hierarchie ist geistigen Ursprungs. Was in der Natur Hierarchie scheint, ist nie anderes als das natürliche Gleichgewicht, das sich aus dem spezifischen Gewicht der Gana-Kräfte ergibt. Hierauf allein beruht das Führertum unter Tieren. Im Fall jeder echten Hierarchie hingegen ist es das Amt als solches, welches die Stellung schafft; darum gibt es unter Menschen so oft unberufene Führer, was unter Tieren ein Ding der Unmöglichkeit ist. Und so wird unter Menschen dort allein das Blut als Stellung-bedingend anerkannt, wo bestimmtem Blute geistiges Charisma zugesprochen wird. Nur dort Endet sich erbliche Herrscherstellung, nur dort gibt es Kastensysteme; nicht umsonst spricht man von Kastengeist, denn in der Natur ist keine Kaste begründet. Umgekehrt ist eine Gliederung des Lebens nach Bedeutung und Wert überhaupt nur auf Grund vorausgesetzter Hierarchie möglich. Denn soll Geistiges in der Gana-Welt bestimmen, welche von sich aus nichts vom Geiste weiß, dann muß dieser eben als solcher materialisiert werden. Solche Materialisierungen sind unter anderem die Titel, die von den meisten geradezu als zoologische Bestimmungen aufgefaßt werden. Dies gilt desto mehr, je selbstverständlich ein weniger ein Menschen sein Geistiges ist. Die Friseure Brasiliens z. B. haben eine académie dermo-capillaire nachdem Muster der Académie française gegründet mit entsprechenden Kostümen usw., um im Rahmen von deren Hierarchie sich selbst als Menschen achten zu können. So ist es andererseits nur logisch, wenn jede naturalistische, d. h. Hierarchie-feindliche Bewegung instinktiv gegen den Geist Sturm läuft. Daß sie Intellekt und Können meist desto höher wertet, widerspricht dem nicht: beide sind animalische Angelegenheiten.

Das Entscheidende bei alledem nun ist, daß wer eine historische oder soziale Rolle spielt, in seinem Schau-Spielen sein Realstes sieht. Seine Karriere ist sein eigentliches Leben. Wer zu seinem Amte innerlich berufen ist, fühlt sich als König, als Staatsmann, als Richter innerlicher beteiligt, denn als Privatmann. Denn sein Beruf gibt seinem Leben Sinn. Im Sinn seines Daseins aber sieht er dessen Wesenskern. Letzterer Satz nun faßt das Entscheidende mit der erforderlichen Prägnanz. Ist einem Menschen der Sinn seines Daseins, welcher mit diesem offenbar nicht zusammenfällt, das Wichtigste, dann ist ihm seine Rolle sein Realstes. Und da dies von jedem zu Geistbewußtsein erwachten Menschen gilt, und da es keine Erkenntnis-Instanz gibt jenseits der Erfahrung, so folgt daraus, daß im Sinn tatsächlich der Wesenskern des geistbestimmten Menschen liegt. Er liegt dort nicht beim Menschen überhaupt; Geist ist erst nachträglich in das Gefüge der Gana, Delicadeza und emotionalen Ordnung eingebrochen. Es ist auch möglich, dem Geist seinen letztbestimmenden Subjekt-Charakter durch willkürlichen Fall zu nehmen und ihn zum bloßen Werkzeug der Gana zu erniedrigen. Dies hat der moderne Materialismus zu Wege gebracht, am konsequentesten in seiner amerikanischen Abart, die sich Pragmatismus nennt. Aber dann rächt sich dies dadurch, daß der positive Geist in negativen umschlägt; daher der moderne Satanismus. Auf der heutigen Stufe ist Geist der Wesenskern des auf der Erde lebenden Menschen. Hieraus nun ergibt sich rein logisch, was alle Erfahrung bestätigt, daß jeder ohne Ausnahme grundsätzlich für sich so denken muß, wie der berufene König, Staatsmann und Richter. Es gibt schlechterdings keinen geistbewußten Menschen, welchem der Sinn seines Lebens nicht dessen Wesentliches wäre; allenfalls mag er diesen, falls er den Geist verleugnet, mißverstehen und so Erfolg oder Nutzen zu seinem Idol machen. Doch eine Rolle spielt auch er. Wer den Proleten an die Spitze seiner Werte-Skala stellt, kehrt nur die normale Folge um. Ohne Rolle kein geistbestimmtes Leben. Was das Amt von sonstigen Rollen unterscheidet, ist allein, daß es eine typische, keine individuelle Materialisationsform darstellt und ursprünglich von der Kollektivität und nicht dem Einzelnen her besteht. Aber Schau-Spiel ist auch das einsamste Leben, welches Geist bestimmt; für sich spielt jeder eine Rolle. Und sobald einer einer Mehrheit etwas bedeutet, wird sein Leben unwillkürlich zu öffentlichem Schauspiel. Der Dichter fühlt sich als für den Geist seines Volks repräsentativ, der Gelehrte vertritt die Wissenschaft, der Seelenarzt das Gewissen derer, die sich an ihn wenden. Der Privatmensch wird in irgend einer Hinsicht zur Autorität, welche nichts Fiktives ist, sondern eben sein verselbständigter geistiger Sinn, so daß Menschen, die ihre Bestimmung erfüllen, in allen wesentlichen Hinsichten überhaupt nur als Rollen miteinander verkehren. Von dieser Rolle wird selbstverständlich vorausgesetzt, daß sie dem Menschen entspricht. Wer zu keiner Deckung von Rolle und Dasein gelangt ist, der fühlt allemal selbst, daß da irgend etwas nicht stimmt; und erst recht urteilen so alle anderen.

Dieses Gefühl notwendiger Kongruenz von Leben und Rolle ist so primär und allgemein, daß es auf die Deutung kaum ankommt. Es ist grundsätzlich einerlei, ob die geforderte Kongruenz als notwendige Entsprechung von kosmischer und menschlicher Ordnung im Sinn einer Berufung, von oben her, oder von unten her als zwangsläufige Folge richtigen Urteils der öffentlichen Meinung verstanden wird. Wohl bedingt, wo auf allen geistgeborenen Gebieten die Bedeutung den Tatbestand schafft, die Deutung ihrerseits besondere Wirklichkeit, und liegt umgekehrt bestimmter Wirklichkeit ihr entsprechende Deutung am nächsten. So findet eine mechanisch denkende Zeit, welche an keine innere Entsprechung zwischen Beruf und Sein (im Unterschied vom Können) glaubt, keine berufenen Führer —, und kommt zufällig einmal ein echter Führer hoch, so kann er nicht wirken, wie er’s zu tun vermöchte, wenn er richtiger gesehen würde; denn unbemerkter oder nicht anerkannter Geist ist auf Erden machtlos. Doch auch die mechanischste Zeit, ja gerade sie glaubt an Stellung im Unterschied vom natürlichen Dasein. Und gerade das mechanische Zeitalter bat die Wissenschaft der Soziologie erfunden, gemäß deren Ergebnissen die Sonderart des Menschen mehr noch sozial als biologisch bedingt sei. Die bloße Möglichkeit der Soziologie nun setzt implizite voraus, daß die Rolle die Natur beherrscht. So kann denn kein Zweifel darüber walten, daß das Schauspiel des historischen Daseins, obschon es wesentlich Schau-Spiel ist, in Wirklichkeit wurzelt. Es wurzelt in der geistigen Natur des Menschen. Diese kann sich, von der Erde her gesehen, nur als Schau-Spiel auswirken. Und hieraus folgt ein weiteres, das der Erde von je besonderes Ärgernis gegeben hat: je geistiger ein Mensch, desto mehr ist er Schau-Spieler. Das ist es, was, meist so völlig mißverständlich, auf Geltungsstreben im Sinn der Erde und damit auf Ur-Hunger und Ur-Angst zurückgeführt wird. Warum will jeder, der die geringste innere Veranlassung dazu hat, berühmt werden? Um sein Dasein ganz im Geiste zu fundieren; denn der Ruhm gilt ausschließlich der Rolle, so daß er alles Erdhafte ins Reich des Geists hinüberzieht. Und was der Ruhm vollendet, beginnt der Ehrgeiz. Aller Ehrgeiz fordert Karriere im Unterschied von biologischem Verlauf, und Karriere ist Schau-Spiel. Das deutsche Wort Ehrgeiz ist hier tiefer als sein romanisches Äquivalent (Ambition). Ehre ist der spirituellste der spirituellen Werte, denn sie betrifft überhaupt nur des Einzigen Einzigkeit. Insofern darf man gerade von der Ehre Gottes reden. Dafür fassen die romanischen Sprachen den Sinn des Ruhmes tiefer, indem sie ihn Glorie heißen: Leben im Himmel ist Leben in der Glorie. Das Problem des Ruhmes macht besonders deutlich, wie Gana-Motive in den Dienst des Geistes treten. Freilich haben Ruhmsucht und Ehrgeiz ihre unterweltlichen Entsprechungen in Macht- und Geltungsstreben und im Besitztrieb. Aber diese Motive dienen nur, sie herrschen nicht. Der im tiefsten Sinne Ehrgeizige begehrt immerdar das Unmögliche. Unterwegs dahin aber verzichtet er auf Glück zum besten der Größe, auf die Gegenwart im Hinblick auf die Nachwelt, auf Besitz und äußere Macht, um geistig zu werden, und so fort.

Aller Weg zum Ziel aber ist Karriere. Das heißt, er bewegt sich von Etappe zu Etappe, im Rahmen einer implizierten Hierarchie, so daß sich das Leben des Strebenden dem Zuschauer allemal als wohlaufgebautes Schau-Spiel darstellt.

1Ich fasse es auf Grund des Vortrags zusammen, welchen Frobenius darüber im Jahre 1930 in der Schule der Weisheit hielt. Ausführlich dargestellt findet sich der betreffende Mythos in Erythraea, Länder und Zeiten des heiligen Königsmordes, Berlin 1931, Atlantis-Verlag. — Bei dieser Gelegenheit bekenne ich gern, daß ich nicht nur das schöne angeführte Beispiel, sondern auch einige der folgenden allgemeinen Formulierungen über die Bedeutung der Rolle im Leben der Anregung meines genialen Freundes danke.
Hermann Keyserling
Südamerikanische Meditationen · 1932
XII. Divina Commedia
© 1998- Schule des Rades
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