Schule des Rades

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

XII. Divina Commedia

Leidensfähigkeit

Jetzt können wir verallgemeinern. Soweit ein Mensch Geist oder geistig ist, ist gerade sein reales Leben wesentlich Komödie. Es ist Komödie in eben dem Verstand, in welchem Dante den Begriff zuerst prägte. Tatsachen zählen im eigentlich menschlichen Leben genau nur insoweit, als sie bedeutend sind. Daß überaus häufig das Gegenteil geglaubt, daß die Komödie des sozialen und historischen Lebens als Lug und Trug verurteilt wird, liegt daran, daß es tatsächlich in sehr vielen Fällen nichts anderes ist. Vergessen wir’s nicht: der früheste Ausdruck des Geistes auf Erden war die Ver-Stellung. So belügen gar viele andere und auch sich selbst, indem sie ihre Rolle spielen. Dies liegt aber nicht am an sich Lügenhaften von Hierarchie und Rang, sondern daran, daß die Betreffenden geistig zu oberflächlich sind, um als Geistige sie selbst zu sein, zu Gestaltungs-unfähig, um Rolle und Leben zu verschmelzen, oder zu feige, um solange zu kämpfen, bis daß sie ihre richtige Rolle sich erobern. Die meisten sind jedenfalls zu feige, um auf eine Rolle, an die sie nicht glauben, die aber ihren Mann nährt, zu verzichten. So ist überaus Vieles am historischen Leben tatsächlich Lug und Trug. Der Führer ist kein Geweihter, es fehlt jede Gleichung zwischen Berufung und Beruf, zwischen Sein und Stellung, zwischen Macht und innerem Recht zu ihr. Das hindert aber nicht, daß alle große Geschichte durch Zustände verlaufen ist, in welchen Rolle und Leben sich deckten. Das ändert nichts an der allgemeinen Wahrheit des Satzes, daß Tatsachen im eigentlich menschlichen Leben genau nur insoweit zählen, als sie bedeutend sind. Auf der Ebene der Geschichte tritt dies am deutlichsten zutage, weil Geschichte mit dem Primat der Bedeutung gegenüber der biologischen Tatsächlichkeit steht und fällt, weil niemand die Anlegbarkeit historischen Maßstabs an die Ereignisse bezweifelt und alle Tatsachen hier die Realität des Geistigen beweisen. Völker sind nur dann und nur genau so lange geschichtlich, wie sie einer Aufgabe leben und insofern geistige Ziele verfolgen. Bei jedem Volk, das seine Götter verlor oder seine mögliche Aufgabe erfüllt hatte, setzte Erstarrung oder Entartung oder Rückfall ins Nur-Biologische ein, es sei denn, daß neuer Geist durch Zerstörungszwischenzustände hindurch dem gleichen Volk eine neue Rolle zuwies. Insofern ist es — um hier noch einmal auf unsere Betrachtungen über Politik und Krieg zurückzukommen und sie zum Abschluß zu bringen — doch keine bloße Gana-Angelegenheit, wenn eine Nation um Macht und Geltung kämpft: sind auch Ur-Hunger und Ur-Angst die letzten Triebkräfte aller Politik —, so kann andererseits Politik in den Dienst geistigen Wollens treten. Und so kann auch der Krieg, so schauerlich seine sämtlichen Untergründe sind, Weg sein zu geistiger Behauptung und Selbstverwirklichung; wer ganz aus dem Mut heraus lebt, wessen ganzes Leben bejahtes Selbst-Opfer ist, wem die Ehre mehr wert ist als das Leben, dem bedeutet der Krieg ein anderes, als er ist, und diese Bedeutung ist, wo Geist bestimmt und entscheidet, der letztgültige Tatbestand. Aber was im Fall historischen Daseins am deutlichsten in Erscheinung tritt, ist nicht minder wahr für alles geistbestimmte individuelle Leben, und es gibt kein Menschenleben, das gar nicht geistbestimmt wäre. Den elementarsten und insofern schlagendsten Beweis dessen erbringt die Individualpsychologie Alfred Adlers. Die Lebenslinie eines Menschen ist gegenüber den besonderen Tatsachen seines Lebens nachweislich das Primäre; entweder bedingt richtig erkannter Sinn als unbewußtes Leitbild Voll-Entwicklung und gesundes Ausleben, indem es dem wahren Wesen des Menschen entsprechende Tatsachen schafft; oder aber Lebenslüge arrangiert sich selbst entsprechende Tatsachen, was in Krankheit oder Unheil endet. Arrangiert oder leitet nun ein Geistesbild den realen Lebenslauf, dann ist dieser offenbar wesentlich Schau-Spiel.

So erfahren die Gana-Tatsachen auch im Einzelleben, je geistbestimmter es ist, eine desto tiefergreifende Transsubstantiation. In verklärender Deutlichkeit tritt diese im Fall des Schicksals zutage. Das Schicksal ist zuunterst das, als was wir es in unserer fünften Meditation erkannten; da besteht kein Wesensunterschied zwischen Menschen- und Aal-Geschick. Die Form alles Lebens ist die Melodie. Im Fall der Gana hat diese nur eine Dimension. Die Schicksalsmelodie hat deren mehrere, denn sie bedarf zu ihrer Bestimmung und Festlegung der vier Koordinaten Notwendigkeit, Zwang, Freiheit und Zufall. Doch das persönliche Schicksal des Menschen ist mehr als das bisher betrachtete. Dieses liegt in der Dimension der Bedeutung, welche alle Tatsachen für diesen einen und nur diesen Menschen haben. Es realisiert sich mittels besonderer Akzentuierung der Tatsachen von seinem besonderen geistigen Sinne her, welcher in der äußeren Linie des Schicksals nicht enthalten ist. Und die besondere Ebene des persönlichen Schicksals entsteht allemal durch Selbstüberwindung, oder genauer: durch Überwindung des natürlichen Gefälles. So kam das meiste große Schicksal im Gegensatz zur Neigung zustande, und entschied letztere ausnahmsweise, so geschah dies, weil der Geist ja sagte zu ihr. Insofern liegen Neigung und Zufall für diesen auf einer Ebene: wie der geistbestimmte Mensch einen Zufall unter Tausenden bejaht, weil er ihm ganz entspricht, und ihn damit wirksam macht, so kann er ja sagen zu seiner Neigung zu einer bestimmten durch Zufall begegneten Frau, weil er auf den ersten Blick erfaßt, daß sie wesentlich zu ihm gehört und insofern sein Schicksal ist.

Doch was für den Geist das entscheidend Wichtige ist, ist und bleibt vom Standpunkt der Erde Spiel. Geist ist ohne Gewicht; Geist ist niemals handgreifliche Tatsache. Dem, welcher kein Organ für ihn hat, ist seine Bedeutung nie zu beweisen. Was soll Ehre dem, welchem Ehre nichts bedeutet? Was soll dem Schönheit, der ihren Wert nicht sieht? Was soll dem uneigennützige Liebe, der nur materiellen Vorteil begreift? Wie kann der Mut und Glauben würdigen, welchem Sicherheit sein ein und alles ist? Dem Erdmenschen muß die Welt des Geistes un-ernst erscheinen. Und gerade mit dieser Nuance wird sie auch in allen Frühzeiten der Geistigkeit erdnaher Völker vorgestellt. Ich gedenke jenes herrlichen Grabmals eines Kirchenfürsten, welches die Kathedrale von Tarragona schmückt: lachende Engel umstehen da den strengen Leichnam. Ist der Geist letzte Wirklichkeit des Menschen, dann ist der Tod in der Tat nicht ernstzunehmen. Und so entspricht alles Leben im Himmel, wie es das frühe Christentum vorstellte, dem, was man auf Erden Spiel heißt. Die ewige Seligkeit ist die der spielenden Kinder. Alles Geschehen ist Theater, denn die Seligen kennen keine andere Beziehung zu ihm als die der Schau oder die des im Sinn des Lebens-Ernstes unbeteiligten Mitspielens. Und auf diesem Theater werden nur Komödien gespielt, denn Tragik gibt es nur in der Spannung zwischen Geist- und Erdgesetz, und das Gesetz der Erde ist im Himmel aufgehoben. Die meisten ausschließlich Geistigen von ursprünglicher Naivität haben das Gesetz der Erde auch auf Erden aufzuheben versucht. Wenn Jesus Erwachsenen die Kinder als Vorbilder vorhielt, so konnte er es kaum anders meinen. Und nicht anders meinten es die grimmsten Asketen. Dem Erd-Menschen erscheint freilich jegliche Kasteiung furchtbar; das ist, weil er die Erde über alles ernst nimmt. Aber gerade das tun echte Asketen nie. Die besonderen Empfindungen des mortifizierten Fleisches kümmern sie nicht. Und je weiter sie kommen in ihrer Vergeistigung, desto fröhlicher wird ihnen zu Mut. Ich weiß von keinem saueren oder bitteren Heiligen. Die westliche Tradition ist zu moralistisch, als daß sie eindeutige Bilder hätte schaffen können. Wer mit moralischem Vorurteil an den Geist herantritt, muß ihn irgendwie verkennen, denn wo sein Wesen schöpferischer Sinn ist, kann es für ihn kein ein für alle Mal und kein Endgültiges geben. Die Ahnung der Wahrheit vertritt hier kanonisch allein die Lehre von der grenzenlosen Gnade Gottes: ist der Christengott dermaßen Gnadebereit, dann kann er moralische Fragen nicht letztinstanzlich ernst nehmen. Aber großartig hat Indien den Un-Ernst und das A-Moralische des Geistes vor- und dargestellt. Spielend und wie zum Spiel hat Gott die Welt erschaffen. Und untergehen wird sie, wenn einmal Tanzwut über ihn kommt. Dann wird er die Welt zertanzen.

Doch diese kosmisch-wahren Bilder sind immer nur von wenigen verstanden und vor allem vertragen worden. Noch habe ich keinen Christen gesehen, welcher den wesentlichen Un-Ernst seligen Lebens vom Standpunkt der Erd-Norm eingesehen hätte. Dafür aber haben alle eine Ahnung vom wahren Sachverhalt. Und dieser ist ihnen greulich. So überkompensieren sie ihre Ahnung ungenehmer Wahrheit durch extreme Betonung des angeblichen Ernstes des Geistigen. Der Fall der Götter ist männiglich bekannt: bei ihnen wird ein Mangel an Ironie und überlegenem Humor vorausgesetzt, der sie als Menschen erledigen würde. Der König muß sich selbst so grenzenlos ernstnehmen, daß er das bestgemeinte leichtfertige Wort, das ihn betrifft, aufrichtig als Majestätsbeleidigung auffassen kann. Ein Hohes Gericht ist kaum weniger empfindlich als ein Souverän. Der niederste Beamte protzt mit seiner Amtsmiene, und diese Verkehrung der tatsächlichen Verhältnisse geht so weit, daß das wahrhaft Furchtbare und Leidvolle des natürlichen Lebens bagatellisiert wird gegenüber dem vorausgesetzten Gewicht geistiger Zusammenhänge. Aber der Mehrheit ist Geist offenbar wirklich allein in solcher Maskierung erträglich. Das Irdische im Menschen haßt den Geist, weil dieser seine Letztinstanzlichkeit negiert. Und vor dem Geistigen, welcher das leicht nimmt, was ihm so furchtbar schwer fällt, empfindet es Grauen. Das materialistische Spät-Rom empfand es als Ausdruck äußerster Nicht-Achtung, wenn sich die christlichen Märtyrer freudig von Bestien zerreißen ließen. Der Philister flucht auf den liederlichen Edelmann, weil dieser aufs Spiel setzt oder spielerisch behandelt, was ihm letzter Ernst ist. Das Erdweib fühlt sich vom Asketen negiert, oder vom Dichter, welchem sie Muse ist, prostituiert. Und alle Aufstände des Massenmenschen, dessen Seele gemäß hellenischer Lehre der Bauch ist, sind durch ihr Todernstnehmen der Bedürfnisse niedersten Lebens charakterisiert. Ihnen ist die Nützlichkeit im Erd-Verstande alles. Man soll das Gute tun, auf daß man lange lebe auf Erden (Israel) oder es gibt nur Wahrheit im Sinn erwiesenen Vorteils (nordamerikanischer Pragmatismus) oder ein einziges Paar Stiefel ist mehr wert als der ganze Shakespeare (Tolstoi als Vater des Bolschewismus) oder das irdische Leben als solches ist heilig. Letzteres lehrte, wohlgemerkt, nicht der Buddha, dem ja das Aufhören des Lebens letztes Ziel war — er warnte vor Töten und Leiden-Machen nur, weil dies die Lebenskraft der verhaftenden Triebe steigere — wohl aber ist es die Grundauffassung des europäischen Materialisten. Wer aus dem Geiste lebt, kann Leben und Sterben unmöglich derartig ernst nehmen. Darum gilt dem spirituellen (im Gegensatz zum intellektuellen) Menschen der besondere Abscheu der modernen Massen. Eben daher deren Religionsfeindschaft. In seiner mildesten Form lebt die ursprüngliche feindliche Stellung des Erdhaften zum Geist in der naturhaften Frau fort, die keinen Sinn und Verstand in einem Leben für geistige Aufgaben sieht. Was nicht unmittelbar dem Erd-Leben dient, erscheint ihr Ver-rücktheit. Dementsprechend nimmt sie den Mann überhaupt mit seinen Zielen, was immer sie vorgäbe, nie wirklich ernst. Ihr ist er der unverantwortliche Abenteurer, der Hasardeur, der Spieler, das ewige Kind. Und das ist er wirklich. Aber eben darum ist er der ursprüngliche Geistesträger. Schwer und schwer-nehmend ist allein die Erde.

Denn auch das ganze Leid-Problem in all seiner Tiefe ist ein Erd-Problem. Das Mißverständnis, Leid mit Geist in Beziehung zu bringen, rührt von dem Vorurteil her, daß alle Tiefe Tiefe dem Geist zu sein müsse. Es gibt ebensowohl Erd-Tiefe. Daß das Leiden im Leben der Frau eine überragende Rolle spielt, wogegen der Mann von Instinkts wegen ablehnend zu seiner bloßen Beachtung steht, hat seinen Grund darin, daß die Frau der erdhaftere Teil der Menschheit ist. Sie ist ebendeshalb der seelenvollere. Auch die Seele gehört der Erde zu. Nun ist es seine Beseeltheit, seine ursprüngliche Zentriertheit in der emotionalen Sphäre, welche den Menschen zum Menschen macht. Deswegen ist Geistigkeit ohne Seele unmenschlich. Eben sie charakterisiert im Grenzfall das Bild des Teufels. Und so wirkt der geistige Mann, dessen Gefühl verkümmert ist, als Mensch unter allen Umständen minderwertig. Nur der vollkommen menschliche Mensch, der sich durchgeistigt, ist menschliches Vollendungsziel. Daher denn die spirituelle Bedeutung des Leidens. Spirituell ist sie nur indirekt, denn leiden kann allein die Seele, welche der Erde zugehört; aber eben auf deren Spiritualisierung kommt es für den Menschen an. Der Mensch, der zum überwiegenden Teile Erdwesen ist, bei allem Höherstreben doch nie aufhören, Mensch zu sein. Großartig, versinnbildlicht diese Wahrheit die Christus-Legende. Ganz Mensch mußte Gottes Sohn werden, alles irdische Leid mußte er auskosten, ja er mußte unter die Erde zur Hölle hinabfahren, auf daß die Menschen fähig würden, ihm in das Reich ewiger Seligkeit zu folgen. Setzt man geistiges Wesen des Menschen an die Stelle von Gottes Sohn, dann gilt das vom Christus Behauptete für jeden Menschen. Eine Durchgeistigung, welche den Menschen nicht verbildete, kann es nur dort geben, wo sein Erd-Teil voll ausgebildet ist. Und dessen Ausbildung, nicht die des Geistes macht die Leidensfähigkeit. So bleibt es wahr, daß man die Tiefe eines Menschen an seiner Fähigkeit zu leiden messen kann: die fragliche Tiefe ist die Erd-Tiefe. Sie allein kann sich dem tiefsten Geist vermählen, denn überall entsprechen sich Tiefe und Tiefe, nie und nimmer Tiefe und Oberfläche. Insofern bedeutet Tiefe der Erde zu Bereitschaft zu jeder Art von Tiefe. Diesen Aspekt des Problems verdeutlicht die Legende des Buddha besser als die des Christus, denn Buddha begann seine Laufbahn nicht als Gottes Sohn. Er begann mit erschütterndem Leid-Erleben. Wie kein zweiter erfaßte er, daß Leben auf Erden Leiden ist. Dann aber wies er einen Weg, das Leiden aufzuheben. Und mit ihm löste sich alle Erd-Schwere für ihn auf.

Damit verging ihm denn auch die Möglichkeit des Ernstes, welchen die Erde meint. Dieser schwindet proportional der Durchgeistigung. Was beim Seelenlosen zu teuflischem Lachen führt, bedingt beim Geistigen, dessen Seele reich ist, sein Spielerisches. Freilich nimmt nicht nur, der Gottsucher und der Künstler, sondern auch der Schauspieler im üblichen Verstande seine Rolle ernst. Aber dieses Ernst-Nehmen hat nichts mit dem Ernst der Erdschwere gemein. Es ist kein anderer Ernst, als der des spielenden Kindes. Die Frage der Schwierigkeit und der Mühsal stellt sich nicht. Wer Kind des Geistes ist, der freut sich seiner Arbeit. Der Strebende freut sich der Schwierigkeit, er freut sich der Widerwärtigkeit, denn gerade sie ermöglicht ihm Geistesverwirklichung; der Geist steht ja in Spannungsverhältnis zur Natur. So spricht wahrhaftiges Erleben aus dem Dank, welchen so man die Heilige ihrem Gotte dargebracht haben für die über sie verhängte Trübsal.

Hermann Keyserling
Südamerikanische Meditationen · 1932
XII. Divina Commedia
© 1998- Schule des Rades
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