Schule des Rades

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

II. Die Ur-Angst

Mut und Wahrhaftigkeit

Der Ur-Angst entsproß das, was wir das Böse heißen. Die ganze Unterwelt trägt deshalb seinen Stempel. Die Ur-Angst ist Mutter der Sucht zu schrecken, nicht umgekehrt, und weil die Angst vor dem Mute da war, so ist die Lüge erstgeboren gegenüber der Wahrheit, und die Verführung gegenüber der Überzeugung. Mut und Wahrhaftigkeit sind die beiden unnatürlichen Tugenden par excellence. Der Begriff eines natürlichen Mutes ist ein Unbegriff: Mut steht und fällt mit dem Sieg über die natürliche Angst. Vom Standpunkt der Natur ist Mut unmittelbar eine Dummheit, denn nur Verstecken oder Flucht entzieht der Gefahr. So fordert kein männlicher Mann vom Weibe Mut. So sieht jeder ein Greuel im Töten oder Vergewaltigen von Weibern — nicht weil sie ein Höheres darstellten, sondern einfach, weil die Ur-Angst im selben Sinne Sicherheit fordert, wie die Courage Risiko. Wer das Weib bejaht, bejaht damit auch seinen Willen zur Sekurität.

Damit gelangen wir zum Ur-Schutze gegen die Ur-Angst. Beim Menschen erzeugt diese, zwecks ihrer Überwindung, als erste Regung nicht Mut, sondern Angst vor dem Leiden. Und deshalb ist der erste aktive Urtrieb der nach Sicherung. Deren Urform ist der Besitz. Wirkliche Sicherheit gewährleistet nicht die Wehr-, sondern einzig die Unmöglichkeit, angegriffen zu werden. Solche schafft einzig Besitz-Recht: das heißt das Recht auf das ausschließliche be-sitzen des erforderlichen Lebensraums. Dies erklärt, warum Besitz, seitdem es Menschen gibt, nur in Revolutionszeiten oder im Fall von Verbrechern oder endlich von vollendet Durchgeistigten nicht vom Instinkt als unantastbar anerkannt ward; der Urbegriff des Raubes beweist für sich allein, daß Besitz ein Recht verkörpert, welches der Räuber bricht. Deshalb ist Besitz-Recht tiefer im Instinkt verwurzelt, als alles andere, was einen Rechtsanspruch verkörpert. Wahrscheinlich liegt die irdische Wurzel von Rechtsbewußtsein überhaupt im Besitzgefühl. Denn Rechtsgefühl hat zuunterst nichts mit Gerechtigkeit zu tun, als welche vergleicht, welches Blindem unmöglich ist: es behauptet einfach persönlichen Sicherheitsanspruch.

Dies erklärt das vom Geiste her vollkommen Unverständliche, daß Besitz ursprüngliches Prestige hat, nicht aber die Gewalt. Steht moralische Autorität in der Dimension des geistig Bindenden über dieser, so ist in der Dimension des Erdgebundenen das Prestige des Besitzes ihr gleichermaßen überlegen. Gerade in frühesten Zuständen galt und gilt Schuldknechtschaft als eine Selbstverständlichkeit, die gegebenenfalls gar nicht erst der Gewalt bedarf, um durchgesetzt zu werden. Der Gebende oder Borgende gewinnt gegenüber tiefstem Ur-Instinkt einen Käufer-Anspruch; hier wirkt ein Funktionsverhältnis ähnlichen Verfallens, wie im Fall des Mannes gegenüber dem Urweib. Im sozialen Abhängigkeitsverhältnis bindet nicht die Treue primär, denn echte Treue gibt es nur vom Geiste her, welcher Bindung aus sich heraus setzen muß, um gebunden zu werden, sondern das materielle Brotherrenverhältnis. So sehr liegt diese Art der Beurteilung in dem, was im Menschen noch tiefer der Erde zu ist als das Blut, daß das Prestige aller Macht ursprünglich so empfunden wird, daß einer so viel mehr hat als andere, daß ihm das Schwert gehorcht. Der König war ursprünglich der Reiche, wie denn der spanische Hidalgo noch jüngst zu sagen pflegte:

Der König ist nicht mehr als ich, er ist nur reicher.

Hier wurzelt auch der tiefe Dreifach-Sinn des deutschen Substantivs das Reich. Wesentlich friedliche Reiche hat es seit Urzeiten gegeben — nichts falscher, als daß der Krieg aller gegen alle Urzustand sei; letzterer besteht vielmehr im normalerweise friedlichen Nebeneinanderleben des Verschiedenen, wie dies von den Tieren mit Einschluß der Raubtiere gilt. Doch nie noch gab es ein Reich, in dem nicht Besitz in letzter Instanz bestimmte; besaß der Inka oder besitzt heute der Sowjetstaat als einziger alles, so ändert das nichts an der Lage des Problems. So beweisen denn Prestige und Anspruch des Reichtums in der Neuen Welt durchaus nicht Loslösung von den Wurzeln des Daseins oder deren Verdorrung, sondern im Gegenteil Wurzelnähe; nicht anders, wie Nordamerikas öffentliche Meinung zu den Weltkriegsschulden steht, stand schon Kain zu seinen schwächeren Brüdern. Im gleichen Verstand bedeutet Besitz instinktiv anerkanntes Recht auf Macht auch im vollendet unökonomischen Südamerika, welches Schulden als Kapital mißversteht und ebenso blind vergeudet, wie Nordamerika helläugig rechnet. Das argentinische National-Epos Martin Fierro stellt ein in der Weltliteratur insofern Einziges dar, als ein armer Teufel sein Held ist und nicht am Ende siegt: sein Pathos liegt darin, daß die Übermacht der Reichen unabänderliches Schicksal sei; die ganze Stimmung dieses Epos ist die verstehender Resignation. Besitz bedeutet eben für die Ur-Tiefe im Menschen die Ur-Sicherung; Besitz-Recht fordert schon das niederste Geschöpf eigenen Lebensraums.

Diese Einsicht zwingt manche Zusammenhänge anders zu sehen, als gang und gäbe ist. Es ist einerseits sinngerecht, wenn Spiritualität sich ursprünglich besitzfeindlich darstellt und Durchgeistigung mit (zum mindesten geforderter) Sublimierung des Besitzrechtsbegriffs zu paar geht, denn Besitz ist ganz und gar von dieser Erde, und von ihr enthaftet zu werden, ist das eine Ziel spirituellen Vollendungsstrebens. Aber andererseits tun die unrecht, welche aus Geistes-Gründen gegen den Materialismus der heutigen Massen Sturm laufen. Der überwältigenden Mehrheit aller Menschen fehlt tatsächlich die Elementar-Sicherung gegen die Ur-Angst, und ohne diese sind unbefangen ausströmendes Leben und Edel-Sinn nur dem erreichbar, der so tief und fest im Geist verwurzelt ist, daß ihn Erdmotive kaum mehr bestimmen. Folgerichtig sollte Armut Privileg sein und nicht anerkannte Norm; das Privileg der Höchststehenden, wie dies Brahmanismus und Christentum auch meinten, da sie Brahmanen und Mönchen — den damals höchsten Ständen — Armut auferlegten. Daß innerlich nicht höchst Überlegene ohne genügende Sicherung kein inneres Gleichgewicht im Guten erreichen können, beweisen alle Tatsachen aller Geschichte: zumal das Unschöne des Seelenzustands der überwältigenden Mehrheit überall, wo diese nicht aus besitzenden Bauern besteht oder bei noch fehlendem Individualbewußtsein kollektivistisch organisiert ist; die durchschnittlich edlere Gesinnung der von kleinlicher Sorge Gesicherten; der Mangel an Ressentiment, Mißgunst, Scheelsucht, Neid, Haß und anderen häßlichen Eigenschaften beim Nordamerikaner, dem bisher einzigen einigermaßen gesicherten nicht bäuerlichen und nicht unzivilisierten Massenmenschen der Geschichte; es beweist dies nicht zuletzt das instinktive Bestreben der jeweils Mächtigen, die Massen bedürftig zu erhalten: sie wußten von jeher genau, daß äußere Abhängigkeit innere mitbedingt. Wohl hat es soziale Gebilde auf hoher Stufe gegeben — die meisten echten Aristokratien gehören dazu —, wo Unabhängigkeit zu ihrer Fundierung keines Privatbesitzes bedurfte. Dann aber war die sonstige Sicherung so absolut, daß es die Mitglieder dieser Gemeinschaften einfach nicht nötig hatten, reich zu sein; so leben Könige grundsätzlich von ihrer Zivilliste. Der sogenannte Materialismus der modernen Massen ist sonach, wie schon allein aus seiner religiösen Inbrunst einleuchten sollte, ein viel Tieferes als jeder abstrakte Idealismus. Bei ihrem Kampf um Besitz oder Stellung, welche — wie tief faßt die Sprache die Nuance! — jenem an Sicherung gleichkommt oder ihn übertrifft, handelt es sich ursprünglich weder um Befriedigung des Hungers auf Kosten anderer noch auch um Ehrgeiz, sondern um den Gewinn des schlechterdings notwendigen Schutzes vor der Ur-Angst, welchen die Massen nicht haben und alle Idealisten aus höheren Ständen hatten und mit den zwei einzigen Ausnahmen echter Heiliger und von ihrem Schöpfungstrieb besessener Künstler innerlich so nötig hatten, daß all ihr Idealismus in Materialismus umgeschlagen wäre, hätten sie ums tägliche Brot zu sorgen gehabt.

Hermann Keyserling
Südamerikanische Meditationen · 1932
II. Die Ur-Angst
© 1998- Schule des Rades
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