Schule des Rades

Hermann Keyserling

Mensch und Erde

Einführung

Paradoxie

Das Dasein jeder wesenhaften, d. h. nicht bloß vom Verstande her und für ihn bestehenden, sondern den Menschen innerlichst angehenden Problematik setzt das Bestehen eines lebendigen Konflikts voraus. Logische Problematik gab es zuerst unter Menschen für die Griechen, weil ihnen zuerst der Widerstreit zwischen Denken und Sein bewußt ward. Das ethische Problem ward als Problem den Juden zuerst bewußt, auf Grund des unlösbaren Konflikts zwischen den unbedingten Geboten ihres geglaubten Gottes und ihrer nachweislichen Unfähigkeit, sie zu erfüllen. So ist das religiöse Problem als Problem wohl deutsche Entdeckung, weil der Deutsche zunächst denkt, nicht ist, und daher keine selbstverständliche Gotteskindschaft kennt. Die Schule der Weisheit stellt nun einzig Wesensfragen. Alle bloß intellektuelle Problematik lehnt sie als unwesentlich ab. Deshalb setzt die bloße Wahl unseres diesjährigen General-Tagungsthemas Mensch und Erde die Behauptung, daß dieses einen lebendigen Konflikt einfaßt. Mit anderen Worten: der Zusammenhang des Menschen mit der Erde ist keine Selbstverständlichkeit.

Keine Selbstverständlichkeit? Wer nur nach außen schaut, nur unbeteiligt an die anderen denkt, findet freilich alles in der Ordnung, so wie es ist. Ohne Tod kein Leben. Kein Leben ohne die Nahrung, welche die Erde gibt. Nicht-Irdisches, Nicht-Erdverhaftetes ist nach außen zu und von außen her nicht nachzuweisen. Die Ideale mögen nichts als Einbildungen sein, die höchsten Gedanken nichts als Lebensmittel. So mag die tiefste Liebe ihren ganzen Sinn im Fortpflanzungsakte haben. Die Wissenschaft des letzten Jahrhunderts hat im großen und ganzen so geurteilt, und auf der Projektionsfläche herausgestellter Erkenntnis ist ihre Lehre nicht zu widerlegen.

Aber der Weltkrieg und seine Folgen haben diese Auffassung lebendig widerlegt. Der Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sollte die Fortschrittsära endgültig konsolidieren. Der Bolschewismus als System des reinsten Rationalismus, der je praktisch wirkte, unternahm nach Entthronung sämtlicher ideologischen Vorurteile die Erde in einen Garten zu verwandeln, zur vollkommenen Zufriedenheit der größten Zahl. Und der Erfolg war die Entfesselung dämonischer Mächte von einer Wucht, die an Urmythen gemahnt. Dieses Walten spottet jeder materialistischen Erklärung. Ihr Sinn ist von dem bejahten Erdenleben her überhaupt nicht zu verstehen. Hier sah man ganz unverkennbar geistigen, wenn auch unbewußt waltenden Willen irdisch-zerstörerisch am Werk. Hier erwies sich, daß es sich bei lebendigen Idealen nicht um Epiphänomene, sondern um primäre, erdunbekümmerte Gewalten handelt. Vom Materialismus und Rationalismus her ist die Geschichte seit 1914 nicht zu verstehen.

Gehen wir jetzt zur Innenschau über. Wie steht es da mit dem Tode? Gegen den Tod der anderen ist nichts einzuwenden. Stirbt einer, den man liebt, so betrauert man ihn, doch auch das ist letztlich kein Übel, denn man fühlt sich gut dabei. Ganz anders steht man zur Frage des eigenen Todes. Nur in der Jugend nimmt man ihn leicht, nur dann geht man leicht in den Tod. Aber warum? Weil man in dieser Periode des Aufstiegs an den Tod nicht glaubt. Die irdischen Aufbautriebe überwiegen so sehr, daß man das mögliche Ende nicht realisieren kann, genau wie beim natürlich Tapferen der Kampfestrieb das Bild der Gefahr nicht zum Erlebnis werden läßt. Dies wird nach Überschreitung des Lebensmittags anders. Jedoch nicht so, daß sich der Mensch nunmehr mit seinen Abbautrieben identifizierte, sondern daß ihm sein Sterben immer paradoxaler, immer unbegreiflicher erscheint. Alle Triebe, Instinkte usw. sind Kinder der Erde; sie sterben nachweislich bei Lebzeiten ab. Doch das eigentliche Selbstbewußtsein — das wird einem mit jedem Jahre klarer — spiegelt Zeitloses, und insofern eine Wesenheit, deren Aufhören nicht auszudenken ist. Der Geist folgt nicht dem Rhythmus des vegetativen und äußerlichen Lebens: er wächst mit dem Altern, so sehr, daß noch jeder große Geist, solang sein Körper überhaupt standhielt, sein Erdendasein als stetigen Fortschritt empfand. Dann wird das Leben letztlich nicht als Ablauf von Zuständen, sondern als Sinnerfüllung empfunden; gedenken Sie der Ergebnisse unserer Tagung 1924 mit dem Generalthema Werden und Vergehen. Hier versagt jede physiologische Erklärung, es sei denn, man gehe mit Buddha davon aus, daß der Mensch eine Vielheit von Leben durchlebe. Diese Möglichkeit als solche aber annullierte bereits seine wesentliche Verknüpftheit mit der Erde. Diese Verknüpftheit ist eben dem nach innen gekehrten Bewußtsein keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Paradoxie. Frauen sehen manchmal in der Erde eine letzte Heimat: ich glaube nicht, daß es je einen Mann gab, in dem nicht der verstandene Satz: Du bist Erde und sollst zu Erde werden Schauder auslöste. Es ist etwas Furchtbares und nur insofern Heiliges um die Idee der Beerdigung. Gewiß erfand der Mann die Feuerbestattung aus der Idee heraus, daß so die Erdverhaftung überwunden werden und die Seele in den Flammen zur Sonne auffahren könne. Den hier skizzierten psychologischen Tatbestand müssen wir nun als ein ebenso Letztes, Nicht-hinwegzuerklärendes hinnehmen wie den Augenschein. Grundsätzlich müssen wir ihm sogar größeres Gewicht zusprechen als diesem, denn des Menschen Wesen ist zweifelst ohne ein Jenseits seiner Körperlichkeit. So ist und bleibt der Tod eine ungeheuerliche Paradoxie.

Nicht anders steht es mit der Geburt: die Entstehung des geistbewußten, ideal gesinnten, himmelwärts strebenden Menschen auf die bekannte Art ist eine vollendete Unbegreiflichkeit. Daher die überall nachzuweisende Verknüpftheit des Sexuellen mit dem Sündgedanken oder (was Gleiches bedeutet) seine krampfhafte Heiligung. — Und nicht anders steht es mit dem materiellen Leben überhaupt. Man lebt von der Erde, gut. Doch woher die unausrottbare Idee, daß man sein Brot verdienen soll? Der bloße Ausdruck setzt die Vorstellung voraus, daß der Mensch letztlich doch nicht hergehört. Dann das Eigentum: warum will er die Erde besitzen? Er gehört nicht ihr, sie aber soll ihm gehören. Diese wesentliche Paradoxie des allgemein als selbstverständlich Geltenden leuchtet aus den Gegenideologien am besten hervor. Wo immer Geistbewußtsein herrschte, in Losreißung von der Natur, galt der Tod als der Sünde Sold; er mußte insofern überwunden werden können. Desgleichen der geschlechtslose Zustand als der höhere, der besitzlose als der des Geistigen würdigste. Der nur Geistbewußte war darum von jeher geschichts- und kulturfeindlich. Für dieses antinomische Verhältnis gibt das russische Volk das beste Sinnbild ab. Einerseits erscheint es als das am primitivsten erdverhaftete; es fühlt sich selbst als der Erde gehörig, besitzen darf sie keiner. Andererseits will es, wo die geistige Wirklichkeit überhaupt in ihm bewußt wird, unmittelbar die irdische Katastrophe, das Ende. Der russische Maximalismus — von dem der Bolschewismus nur ein Sonderausdruck ist — bedeutet nichts anderes als die Negation der Evolution. Daß historische Entwicklung dem Ideale zuführen könnte, glaubt der Russe nicht. Es soll ein neuer Himmel, eine neue Erde werden. So schlägt wohl Gott in Satan, das dritte Rom in die dritte Internationale um: keinesfalls glaubt solche Mentalität an ein Erdenglück im Sinne Benthams. Ihr fehlt auch jeder Begriff von wohlerworbenem Recht. Der Mensch hat keine Rechte, denn letztlich geht ihn das irdisch Gewordene nichts an.

So viel von den Grundtatsachen des Lebens. Steht es nun mit seinen geistigen Bestimmungen irgend anders? Man nenne mir ein rein menschliches Ideal, das jeder anerkennt, weil er es anerkennen muß, das nicht über das Erdenleben hinauswiese? Hier kann nur zweifeln, wer verkennt, daß das Einzige am und im Menschen die schlechthin letzte Instanz bedeutet, weshalb jede Berufung auf kollektiven Vorteil mißverständlich ist. Wahrheit ist unerreichbar, Wahrhaftigkeit unzweckmäßig, das ethische Problem unlösbar. Der Sinn aller Ethik ist ja, gut zu werden, nicht es gut zu haben1. Jeder höheren Religion gar gilt das Sterben, gegenüber den einzuhaltenden Geboten, als Adiaphoron. Nie und nirgends bestimmt das materielle Ziel an sich. Selbst der Geschäftsmann, der nicht Höheres meint als sein Verdienst, empfindet sein Leben als sinnlos. Was aber das Vaterland betrifft, das den Menschen mit der Erde am stärksten zu verknüpfen scheint, so meint er damit eine Idee. Er kämpft dafür nicht wie um Besitz, sondern indem er sich opfert.

Diese kurzen Betrachtungen dürften genügen. Sie sehen: von der Seele her oder auf sie hin betrachtet, erscheint der Zusammenhang des Menschen mit der Erde nicht als Selbstverständlichkeit, sondern als ungeheure Paradoxie. Diese Grundparadoxie ist die Mutter aller irdischen Problematik überhaupt. Andererseits erweist das Dasein der Problematik allein schon ihren paradoxalen Urgrund. Diese Paradoxie erscheint nun vollends ungeheuerlich, wenn wir vom Erkannten her noch einmal bedenken, daß wir tatsächlich doch mit der Erde verknüpft sind, und zwar auf die engst denkbare Art. Das Lebendige ist überhaupt erdbedingter als das Tote. Ein anorganischer Körper, in den Weltraum hinausgeschleudert, bliebe bestehen: das Lebendige ist an bestimmte Umwelt absolut gebunden, und dies zwar desto mehr, je spezifizierter es ist. Und es lebt recht eigentlich in bezug auf seine Umwelt. Beim Seestern entspricht das äußere Milieu, das Meer, dem gleichen wie beim Menschen das innere, sein Blut. Aber dieser ist insofern wieder genau so physisch weltoffen wie jener, als er der Luft bedarf. Durch Blut und Vererbung ist der Mensch auch als psychisches Wesen restlos erdgebunden. Alle geistigen Strebungen haben rein irdische Triebkorrespondenzen. Dann bedarf alles Geistige zu seiner Manifestierung physischer Organe. Ja zur Vergeistigung im spirituellen Sinn tut geradezu Vergeistigung des Körpers not. Daraus ergibt sich die weitere Paradoxie, daß Diät spirituell bedeutsam ist. Es ist also, von der Evidenz her beurteilt, ebenso wahr, daß der Mensch mit der Erde wesentlich zusammenhängt, wie daß er nicht mit ihr zusammenhängt.

So steht das Problem. So und nicht anders. Mag man als Naturforscher bezweifeln, ob der Mensch anderes als irdisch ist, so ist die andere Frage, wie der Mensch wohl irdisch sein kann, genau so berechtigt. Diese ungeheure Spannung bildet den Rahmen unserer diesjährigen Tagung. Behalten Sie diese im Sinn, wenn Sie nunmehr von den einzelnen präzisen Fragestellungen aus, welche die folgenden Vorträge verkörpern werden, das Grundproblem Mensch und Erde betrachten. Und zwar verstehe ich im Sinn nicht im Verstand der Theorie, sondern der lebendigen, erlebnismäßigen Einstellung. Stellen Sie sich zu dem, was Sie vernehmen werden, nicht wie zu Ansichten, zu denen Sie Stellung nehmen müssen, sondern benutzen Sie die Symphonie der Tagung als Ganzes wie ein Meditationssymbol. Jede Fragestellung betrifft ein vitales, vitalstes Problem für jeden von Ihnen. Jeder nimmt, als winzige Komponente, am Einheitsleben des sich wandelnden Planeten teil. Jedem ist sein Körper ein Fatum. Jedes Psyche ist einerseits erdbedingt. Jeder ist als Kulturfaktor zugleich ans Erdenschicksal geknüpft. Jeder erlebt seine Sonderstellung als Mensch irgendwie als Fall aus der harmonischen Naturordnung. Jeder ist einerseits erdbeherrschender Geist, andererseits erdentrückbare Seele. Und letztlich ist jeder für sich Maß und Mitte der Welt. So beziehen Sie, jeder von Ihnen, alles Gehörte auf sich allein: dann werden Sie, am Schluß der Tagung, so Sie sie tief verstanden, zur persönlichen Erkenntnis dessen gelangt sein, inwiefern Sie irdisch und nicht irdisch sind.

1Vgl. das Kapitel Das ethische Problem in Wiedergeburt.
Hermann Keyserling
Mensch und Erde · 1927
Der Leuchter · Achtes Buch
© 1998- Schule des Rades
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