Schule des Rades

Hermann Keyserling

Mensch und Erde

Der Mensch aus kosmischer Schau

Maß und Mitte

Wenn Sie diese Woche aufmerksam durchlebt haben, so werden Sie wissen, daß das, was der Zusammenklang der Vorträge bot, in Frobenius’ Terminologie nicht Anwendung, sondern Ausdruck war. Dadurch, daß jeder Redner an einem bestimmten Orte stand, von einem bestimmten geistigen Hintergrunde her auf ein Kommendes hin sich äußerte, und alles Einzelne einem präexistierenden Ganzen angehörte, das von sich aus die vorhandenen Unterschiede und Gegensätze als notwendig setzte, vertrat jeder zugleich mehr als sich selbst. Dieses Ganze aber ist es, dessen Schöpfung in der Seele der Zuhörer als lebendiger Voraussetzung neuen Selbstdenkens, neuen Lebens das eigentliche Ziel unserer Tagungen bedeutet. Der lebendige Einklang, den Sie erlebten, kam aber gerade dadurch zustande; daß jeder Redner ausschließlich und durchaus in seinem Namen sprach. Besteht ein Zusammenhang überhaupt, dann tut er’s eben in der ungewollten Einheit von Selbständigkeiten. Und sind die Einzelnen im wahren Sinn des Wortes bescheiden, d. h. bescheiden sie sich bei dem, was sie wirklich sind, bei ihrer Weite oder ihrer Enge, bei ihrer Intuition oder ihrer Logik, je nachdem, mit einem Wort: bei dem was sie ursprünglich und deshalb unwillkürlich können, dann setzt jedes Ich recht eigentlich jedes Du, es schließt es niemals aus. Unsere Redner nun waren allesamt in diesem einzig wahren Sinn des Worts bescheiden. Wir vernahmen kein anmaßendes Wort: kein Meister, der in seinem persönlichen Namen sprach, äußerte je ein solches. Das sich grenzenlos Erdreisten ist das eine sichere Kennzeichen der Schülernatur, die, indem sie ihren Meister über alle stellt, sich selbst meint. Die Folge der Selbständigkeiten und Einzigkeiten, welche die Tagungsvorträge darstellen, bildete nun tatsächlich eine Einheit. Ich weiß es aus der Analogie früherer Erfahrung: nicht jeder von Ihnen merkte es. Nicht jeder hat die Spannkraft, das Heute bewußt auf dem Hintergrund des Gestern zu hören und Gegensätze von vornherein als Kontrapunkte zu verstehen. Aber in der Nachwirkung werden es alle Aufmerksamen erfahren.

Um dieser vom Standpunkt der Schule der Weisheit über alles wichtigen Nachwirkung den Weg zu ebnen, will ich, ehe ich mein Schlußwort spreche, noch kurz die große Linie der Tagungseinheit in ihrer Nacktheit nachzuzeichnen suchen. Der Eingangsvortrag lehrte, daß der Zusammenhang von Mensch und Erde nicht selbstverständlich ist. Der Mensch ist gleich evidentermaßen irdisch und nicht irdisch. Diese Spannung faßte die ganze Tagung ein, gab jedem Einzelnen von Hause aus einen besonderen Sinn. Darauf sahen wir, wie das Werden unseres Planeten, vom Erstarren der Gesteine bis zur Geschichte, eine geschlossene Einheit darstellt. Überall, zu jeder Zeit herrscht das Gesetz des Jetzt und Hier, des Topos und Kairós. Der dem planetarischen Zusammenhang durch seine Vormachtstellung scheinbar entronnene Mensch ist, von hier aus gesehen, nur gleichsam das Leitfossil einer besonderen geologischen Epoche. Wir sind ferner, durch unseren Körper, absolut ans Naturfatum gebunden. Und auch psychisches Fatum gibt es: das kollektive Unbewußte bedingt von innen her den Charakter jeder individuellen Gestaltung. Der Jude hat andere Träume als der nordische Mensch; es hatte noch keiner ein religiöses Erlebnis, das nicht Vorstellungen bestätigte, in die er hineingeboren war. Diese Erdbedingtheit des Menschen findet ihren gewaltigsten Ausdruck im Zusammenhang der Kulturen mit dem Erdenschicksal. Aber dieser Vortrag, der von Frobenius, — dessen Fermate, wie jeder Mittwochsvortrag, gleichsam die geistige Wasserscheide darstellte — wies zugleich über die Erdbedingtheit hinaus. Hier erlaube ich mir, Frobenius zu ergänzen: innerhalb des jeweils kulturell Möglichen, das der von Dr. Jung tags vorher bestimmten Ebene des kollektiv-Psychologischen angehört, entscheidet doch freie Initiative. Die großen Geister taten, vom Sinn her oder auf ihn hin beurteilt, nie was sie mußten, sondern was ihr freier Geist ihnen eingab. Dieses war an sich zeitloser Wert; insofern ist jene Geschichte des Zeitlosen möglich, als welche die meiste bisher geschriebene Geistesgeschichte wohl am gegenständlichsten zu bezeichnen ist. Aber der Ausdruck ist allerdings in jedem Falle orts- und zeitbedingt.

Nach Frobenius’ Vortrag waren wir dazu reif geworden, die Sonderstellung des Menschen zu begreifen. Uns wurde klar, inwiefern ihn, und ihn allein auf Erden, wesentlich unirdischer Geist beseelt. Es erstand vor uns zugleich das Sinnbild des Sündenfalls. Der Mensch als geistiges Wesen ist aus der Natur heraus nicht mehr begreifbar. Und er ist ihr auch nicht mehr so vollkommen eingepaßt, wie alle anderen Wesen. Biologisch wirkt er wie zurückgeblieben — dem Affen gegenüber gleichsam als Dilettant (Scheler); er ist wesentlich unharmonisch, krank. Und hier dürfen wir weiter sagen: je mehr er über die Natur hinausragt, desto pathologischer wirkt er. Auf Grund der Einheit des sich wandelnden Planeten müßte ein neuer organischer Typ auf Erden entstehen, damit der genial Veranlagte dem Kosmos harmonisch eingegliedert erschiene. Dieser Wahrheit sind sich auch alle die (im übrigen meist etwas naiven) religiösen Lehren bewußt, die von einer Vergeistigung des Körpers alles Heil erwarten. Die Spannungen, die höhere Geistigkeit schafft, sind für die heutige Physis bis auf seltene Ausnahmen zu groß. Werden außerordentliche Einsichten bewußt, so zerstören sie, so oder anders, das vorherbestehende Gleichgewicht. Doch ganz abgesehen von dem, was der Philister als abnorm beklagt: die Herausdifferenzierung besonderer Erscheinungsformen für das Reingeistige, die sich im Menschen vollzogen hat, bedingt an sich schon Harmoniestörung auf Erden. Die Forderungen der Ästhetik, Ethik und Logik stehen im Gegensatz zur Trägheit der Natur. Der Intellekt wird zum Feinde des Lebens. Unlösbare Problematik wird immer mehr, je mehr das Bewußtsein erwacht, zum Grundcharakteristikum des Menschenlebens. So geht dessen Gleichung immer schlechter auf.

Wohl stellt der Mensch als Erdbeherrscher, von der Erde her beurteilt, die Naturharmonie auf neuer Ebene wieder her. Aber andererseits ist gerade der erdbeherrschende Geist aus innerem Drang polar weltflüchtig. Vom Standpunkt des Geists ist Erdbeherrschung ganz offenbar kein letztes Ziel. Viel eher ist es, wie dies die Macht der hohen Religionen beweist, die Erdentrückung. Und es gab auch zu aller Zeit ekstatische Erlebnisse. Wie solche schon rein physisch, durch Gifte zu erzielen sind, erzählte uns Prinzhorn. Er sagte ferner mit Recht, daß jede Entrückung, als Freiwerdung vom Ich, dem Urgrund näher bringt. Dann legte er den Nachdruck allerdings zu einseitig auf die irdische Seite möglicher Entrückung. Er ließ für sich, das fühlte man, was immer er theoretisch als möglich einräumte, allein die Mütter gelten, die Urbilder des Unbewußten, jene letzten Instanzen der erdbedingten Psyche. Insofern sah er alles Heil in einer Rückkehr in den Schoß der Natur. Dabei berief er sich auf Goethe. Aber gerade dieses Beispiel macht uns allen die Einseitigkeit seiner Einstellung bewußt. Gerade Goethe wußte, daß es nicht nur eine Entrückung in die Zone der Mütter gibt, sondern auch in die des väterlichen reinen Geists; gedenken Sie des Schlusses von Faust. Gerade darauf beruht ja Goethes einzige Größe: daß er sich nicht einseitig dem Geist verschrieb wie Hegel, noch auch der erdverhafteten Seele, wie die romantischen Naturphilosophen, sondern daß er als wahrer Mensch das Gleichgewicht zwischen beiden Prinzipien in sich aufrechterhielt. Andere — ich erinnere an unsere großen Mystiker — haben diese Entrückung in das Reich des Geists als ebenso einzig heilsam gepriesen wie Klages den Rückfall in die Natur. Und wir haben kein Recht, einem Jakob Böhme, einem Ruysbroek, einem Tauler, von Jesus zu schweigen, die Wahrhaftigkeit und objektive Gültigkeit ihres Erlebens abzustreiten. Es ist schließlich durch alle Geschichte experimentell erwiesen, daß diese Persönlichkeiten, welche nur an Geist glaubten, die bei weitem größte und segensreichste Wirkung ausgeübt haben. Und noch heute, wie vor Urzeiten, stellen sie die begnadeten Heiler. Ich persönlich kenne mindestens zwei, denen das, was sie die geistige Welt heißen, eine ebensolche Realität ist wie uns gewöhnlichen Sterblichen die physische, und die von ihr her auf diese heilsam einzuwirken wissen. Aber auch bei den größten unter solchen handelt es sich vom Standpunkt der Erde um Exzentriker. Ihr Beispiel ist für das Erdenleben nicht Norm; sie waren allesamt allzu unzulänglich in anderen Hinsichten, als daß sie dieses beanspruchen dürften. Denn Schwäche bleibt Schwäche, Nicht-Wissen bleibt Nicht-Wissen, seelische Enge — gerade sie ist für die meisten, die sich als höhere Wesen fühlen, typisch, sie sind fast immer Sektierernaturen — bleibt Enge, was immer sie kompensiere. So bedeutet es unter allen Umständen Anmaßung, wenn solche Sonderlinge auf Grund ihres Geistwissens der Erde ihr Gesetz geben wollen.

Die angemessene Stellung des Menschen, in dem der Geist bewußt ward — so lehrte die Tagung weiter —, besteht denn auch in keinerlei Entrücktheit, wohin auch immer, sondern in der des Maßes und der Mitte der Welt. Und die kann der Mensch tatsächlich für sich einnehmen. Darauf beruht seine Größe, seine Würde. Der gesamte Kosmos kann im Einzigen seinen Mittelpunkt finden und von diesem her beherrscht werden. Zunächst in Form des Bewußtseins überhaupt; Bewußtsein ist ja nichts anderes als Aneignung der Welt im engsten wie weitesten Sinn ohne Aufgeben der persönlichen Form1. Dann ist der Mensch Maß und Mitte aus seiner persönlichen Indifferenz heraus, welche die Pole von Plus und Minus, Ja und Nein, Gut und Böse, von Ethos und Pathos balanciert. Er wird nicht gelebt, er lebt selbst. Und zwar aus Freiheit heraus, die für ihn letztpersönliche Instanz ist. Vor allem aber ist der Mensch Maß und Mitte, insofern nicht irgendein Gemeinschaftliches, Kollektives, sondern das Einzige im Einzigen des Menschen allerletzte Instanz ist. Dieses ist in der Tat das Α und Ω aller Erkenntnis des Menschentums. Daß aller Wert an der Einzigkeit seinen Exponenten hat, haben auch die pantheistischen Religionen gewußt: so erhält jedes Hindukind einen besonderen Namen, den Gott allein kennen soll und mittels dessen es mit ihm in einziger Beziehung steht. Endlich aber und vor allem ist der Mensch Maß und Mitte der Welt, insofern seine Einzigkeit das Medium jenes höchsten Pathos ist, welches oberhalb alles nur möglichen Ethos seinen Ort hat, jenes Pathos, mittels dessen der Mensch in Beziehung zum Kosmischen steht. Dessen Kräfte wirken durch seinen freien Willen hindurch. Nur so kann die Welt zum Ausdruck überweltlich-geistigen Sinnes werden. So aber kann sie es wirklich. So wird sie zur bloßen Sprache für den Geist2.

Hier denn liegt der Ansatzpunkt zur möglichen kosmischen Schau. Hier und nirgends anders. Er liegt nicht etwa bei der Astrologie. Deren Grundgedanken können heute ja wohl, zumal auf Grund der statistischen Untersuchungen unseres Mitgliedes Karl Ernst Krafft, als wahr erwiesen gelten3. Wenn der Mensch tellurisch bedingt ist, dann ist er es selbstverständlich auch kosmisch. Aber auch das Horoskop gehört, vom Einzigen her beurteilt, nur zum Weltalphabet; es hängt von ihm ab, was die Sternenstellung letztlich bedeutet. — Und ebensowenig liegt der Ausgangspunkt zur kosmischen Schau beim Okkultismus überhaupt. Die Psyche führt gewiß ein Eigenleben, und vieles davon ist von den Grenzen der Körperlichkeit her nicht mehr zu verstehen. Aber bei allen okkulten Offenbarungen liegt die Vermutung nahe, daß es sich um Gebilde des kollektiven Unbewußten handelt, also um eine Welt, deren ideeller Ort nicht jenseits, sondern diesseits des Einzigen liegt. Für diese Auffassung spricht sehr eindeutig, daß bisher kein Seher Offenbarungen hatte, die nicht seinen angeborenen Glauben bestätigten. Gerade in letzter Zeit — ich verweise auf den Schlußaufsatz dieses Bandes und besonders die Bücherschau des 14. Heftes des Wegs zur Vollendung — habe ich mich besonders intensiv mit Hellsehern befaßt. Und je fanatischer überzeugt diese davon waren, die absolute Wahrheit zu besitzen, desto wahrscheinlicher erschien mir, daß ihr konkretes Erleben nur Sinnbilder betraf. In der Sphäre des rein Psychischen gibt es ja kein Jenseits der Subjektivität, also kann niemand Wirklichkeiten sehen, die nicht auf ihn zugeschnitten sind; hier, mehr noch als in der physischen Natur, gilt der biologische Satz, daß die Welt des Menschen seine Merkwelt ist, denn hier ist Grundphänomen, was man in hypnotischen Sitzungen en-rapport-sein heißt: nur der existiert überhaupt für das Medium, zu dem es in Rapport-Beziehung steht. So möchte ich z. B. den Anspruch, daß nur Christus den Weg zum Heil weisen könne, so auffassen, daß der geborene und gläubige Christ allerdings einer abgeschlossen christlichen Sphäre angehört. Im übrigen aber ist zu bedenken, daß kein Großer der Menschheit jemals Okkultist war, oder falls er okkulte Fähigkeiten besaß, je viel Gewicht auf sie legte. Auf dieses Leben kommt hienieden alles an. Im Jetzt und Hier sind alle Probleme zu lösen und der Lösung fähig, soweit sie sich dem Erdenmenschen überhaupt stellen. Und es bedeutet nichts als eitle Anmaßung, wenn Seher behaupten, die Ordnung der Erde habe sich von sich aus in die Spezifische, die sie vertreten, hinaufzuheben. Als irdische Wesen haben solche, die weiterer Erfahrungen teilhaftig sind, vielmehr darnach zu trachten, ihr Wissen erdgemäß fassen zu lernen. Noblesse oblige. Wer diese Welt zu schlecht oder es nicht für würdig erachtet, auf sie einzugehen, ist nur ein Ressentimentheld unter anderen. — Wir haben also beim irdischen Menschen als Maß und Mitte anzusetzen, so wir zur kosmischen Schau gelangen wollen.

1Diese gute Prägung hat Otto Flake in seinem Buch Der Erkennende (Otto Reichl Verlag) gegeben.
2Vgl. die Ausführungen dieses Gedankengangs im Kapitel Das religiöse Problem von Wiedergeburt.
3Die Veröffentlichung dieser an einem ungeheueren Material vorgenommenen Statistik steht noch bevor. Indessen verweise ich auf meine grundsätzlichen die Astrologie betreffenden Betrachtungen in Wiedergeburt.
Hermann Keyserling
Mensch und Erde · 1927
Der Leuchter · Achtes Buch
© 1998- Schule des Rades
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