Schule des Rades

Hermann Keyserling

Mensch und Erde

Der Mensch aus kosmischer Schau

Grundgesetz der Erde

Vom Jenseits kann ich nicht künden. Ich habe keine persönliche Erfahrung von ihm. So wage ich auch nicht über das Sein oder Nicht-Sein oder die Sonderart Gottes zu dekretieren, wie es jetzt so viele Besserwissende tun. Aber was die Fragestellung der Schule der Weisheit verlangt, das kann zum Schluß gesagt werden. Auf Grund der Einsichten dieser Tagung können nämlich deren altbewährte Erkenntnisse neu, weil von anderer Seite her gefaßt und dadurch, wie jede Koordinate mehr den Mittelpunkt genauer erkennen läßt, schärfer bestimmt werden. Es gibt nicht nur einen äußeren, sondern einen innerlichen Kosmos; ihn heiße ich das Reich des Sinns. Der so verstandene Sinn ist die letzte Wesensinstanz — nicht andere Welten sind es; deshalb hielten sowohl Jesus wie Buddha so wenig von okkulten Erlebnissen. Was ein Geist wert sei, in welcher Region er wurzelt, tritt auf Erden genau so zu Tage, wie im siebenten Himmel. Es gibt ein Reich des Sinns. In bezug auf dies verhält sich — die Tagung 1924 führte es genau aus — das Werden und Vergehen der Lebenserscheinungen wie das der Töne zur Sinneseinheit der Melodie. Das heißt: das wesentlich Zeitliche ist der irdisch angemessene Ausdruck für ein wesentlich Zeitloses. Heute nun können wir diesen Sachverhalt allgemeiner fassen. Der letzte Grund der Wirklichkeit verhält sich zum Irdischen in seiner Gesamtheit nicht anders, wie der Sinn zum Ausdruck. Das Letzte und Lebendigste am Leben ist der Sinn des Lebens. Dieser aber liegt, von der Erde her gesehen, schon im Jenseits des Lebens. Gemäß dem Korrespondenzgesetz von Sinn und Ausdruck gibt es keine mögliche Sinnesverwirklichung unabhängig von den spezifischen Gesetzen des Weltalphabets. Daher, noch einmal, die essentielle Machtlosigkeit des Geists. Gott bedarf unmittelbar des guten Willens eines Menschen, um sich zu offenbaren. Er bedarf dessen dringender als der schwächste Erdenwurm, denn im Reich des reinen Geists gibt es keinen möglichen Zwang; hier ist die Freiheit jedes schlechthin letzte Instanz. Zu diesem Weltalphabet mit seinen Sondergesetzen gehören nun der sich wandelnde Planet als Einheit, der Körper als Fatum, die Erdbedingtheit der Psyche, die Abhängigkeit des Kulturwerdens vom Erdenschicksal. Aber der Geist ist dem Alphabete trotzdem überlegen. Er ist es, wie jeder Gedanke an sich seinem sprachlichen Ausdruck überlegen ist.

So sind wir denn nunmehr in der Lage, die Antinomie des Eingangsvortrags, daß wir einerseits irdisch und andererseits nicht irdisch sind und daß ein Generalnenner nicht zu finden scheint, zu lösen. Wenn alle Forderungen des Geists über das Erdenleben hinausweisen, wenn das ethische Problem schlechterdings unlösbar ist, das religiöse letztlich unverständlich, wenn Ideal und Wirklichkeit auf immer unvereinbar sind: so schaffen diese Unlösbarkeiten eben die Spannungen, deren der Geist bedarf, um sich auf Erden zu manifestieren. Eben dadurch wird das an sich Machtlose zur Macht, wie die Melodie, die selbständig für sich nicht erklingen kann, dank der gestrichenen gespannten Saite zu einer Kraft wird, welche die Herzen bewegt. Die Tragödie muß die Basis des Lebens sein. Der ethische Konflikt soll unlösbar bleiben. Und gleiches gilt von allen nur möglichen Spannungen: gerade wer dieser Welt den Rücken kehrt, als Asket, hat irdische Normen desto strenger zu befolgen, wenn er sich vergeistigen will. So verstehen wir denn, wie grundfalsch die Lehre ist, diese Welt sei absolut gefallen: ihr Gefallensein gerade bietet dem Geist eine Verwirklichungsmöglichkeit, die ihm im Himmel fehlt. Von hier aus verstehen wir aber andererseits, warum die Schule der Weisheit von jeher lehren mußte, die Trägheit sei die eine Sünde wider den Heiligen Geist. Sie ist ja das Grundgesetz der Erde! Sie muß in erster Linie überwunden werden, so sich der Mensch über das Irdische erheben will. Dieses gilt von jeder Form von Trägheit. Auch vom guten Gewissen, welches Albert Schweitzer mit Recht die eine sichere Erfindung des Teufels heißt. Auch dem blinden Gehorsam vermeintlicher Gottesordnung gegenüber: aller Menschheitsfortschritt rührte von solchen her, die ihre persönliche Freiheit voll betätigten und insofern keine fremde Ordnung, und sei es auch die Gottes, gläubig anerkannten. Und nun sehen wir auch, inwiefern gerade das Schwere des Erdenlebens ein Segen ist: nur in schwerer Lage legt der Mensch überhaupt, es sei denn, der Geist beherrsche ihn schon ganz, den Akzent auf seine Freiheit. Beinahe jeder sehnt sich von Herzen nach möglicher Trägheit. Das Glücks-, ja das jenseitige Seligkeitsideal ist seinerseits nichts anderes als ein gleichsam letztwilliger Wunsch, daß die Trägheit über die Freiheit siegen möge.

Und hiermit löst sich ein anderer Widerstreit, auf den wir zu Anfang stießen. Wir fanden: nur den Bodenbeständigen privilegiert die Erde. Vom Kosmos aus betrachtet, ist der Mensch auf Erden nur Gast. So ist zwar irdisches Nomadentum sinnwidrig: geistiges ist einzig sinngemäß. Dementsprechend erfüllt der tiefe Mensch wohl allezeit die Gesetze der irdischen Ordnung; er füllt den Platz aus, auf dem er einmal steht. Aber innerlich fühlt er sich, weiß er sich als Wanderer. Aus der Heimat strebt er letztlich in die Heimatlosigkeit. Dem tragen die Inder insofern Rechnung, als jeder zuerst heiraten und Hausvater sein muß. Nachdem er aber nachweisen kann, daß er einen Enkel besitzt, setzt er sich nicht etwa als Rentier zur Ruhe — dann zieht er als Sanyassi von dannen. Der Russe trägt der gleichen Wahrheit Rechnung, indem er kein irdisches Ziel als Ziel anerkennt. Und der Deutsche endlich, insofern sein Urbild, wie es uns Leopold Ziegler hinzeichnet, der ewige Wanderer ist, der ewig Rastlose, die Tragödie nie Überwindende, der weder im Diesseits noch im Jenseits seine Heimat hat. Die Antinomie, daß die Erde nur den anerkennt, der sich zu ihr bekennt, und daß der Mensch letztlich nur Wanderer sein kann, ist die notwendige Funktion dessen, daß sich nur ein Teil unseres wesentlichen Lebens — dürfen wir’s noch Leben heißen? — auf Erden abspielt.

Hermann Keyserling
Mensch und Erde · 1927
Der Leuchter · Achtes Buch
© 1998- Schule des Rades
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