Schule des Rades

Hermann Keyserling

Mensch und Erde

Der sich wandelnde Planet als Einheit

Menschenzeit

Vom hier eingenommenen Gesichtspunkt allein kann es gelingen, unser Zeitalter planetarisch richtig zu verstehen. Viele beklagen das Aussterben früherer Lebensformen dank dem übermächtig-Werden des Menschen­geschlechts. Aber wo ist die Lebensmöglichkeit jener innerhalb des veränderten Gleichgewichts? Wie einst jeweils Amphibien und Reptilien herrschen mußten, genau so zwangsläufig dominieren heute wir Menschen. Wir haben nun einmal das Pulver erfunden; das ist ein kosmisches Ereignis, aus dem bestimmte Konsequenzen unabwendbar folgen. Denn wir Menschen werden ja, von der Erde aus beurteilt, genau so von primitivsten Trieben regiert wie Saurier und Knorpelfische. Von der Erde aus betrachtet, kann Geist der Natur nicht entgegengesetzt werden. Da erscheint der Geist nie anders denn als Intellekt, und dieser ist Lebensmittel, wie die Flosse, wie die Panzerschuppe. So müssen wir denn, als Erdwesen, schuldvoll eben das vollbringen, was die Natur schuldlos tut. Krieg ersetzt nun Krankheit, Planwirtschaft natürliches Wachstum. Woraus logisch u. a. folgt, daß es in Zukunft, sofern die Menschennatur sich nicht verändert, wozu doch alle Anzeichen fehlen, nicht weniger, sondern mehr Kriege geben müßte als bisher. Ich persönlich sehe im Wachstum des pazifistischen Gedankens geradezu den Beweis für diese Wahrscheinlichkeit: Pazifismus ist eine Kontrastideologie. Seine Ideologie konnte dann nur werbend werden, wenn sie gefühlte uns geheure Gegenwirklichkeit kompensierte. Und insofern sind sämtliche Friedensbewegungen, welche auch immer, freilich fördernswert. So gehört denn alles das, was so viele als Entfremdung von der Natur beklagen, zur Charakteristik der heutigen Naturperiode. Es ist jetzt Menschenzeit, nicht Säugetierzeit. Der Anthropomorphismus bedeutet heute, von der Erde her gesehen, die richtige Weltanschauung, wie es einmal der Sauriomorphismus hätte sein können. Wenn das, was wir heute Geschichte nennen, als bewußtes Geschehen mit den Griechen anhub, so hängt dies damit zusammen, daß sie zuerst sich bewußt zum Anthropomorphismus bekannten. Sie wurden sich zuerst der neuen geologischen Epoche bewußt — einer neuen Epoche, die in Asien erst in unseren Tagen bewußt wird. Auf Erden herrscht jetzt Menschenzeit. Heute ist die übrige Natur gegenüber den Menschen prinzipiell nicht konkurrenzfähig. Jetzt dominiert unstreitig, gerade geologisch beurteilt, des Menschen Sonderkönnen. Dieses schafft unter allen Umständen Millionen Male schneller. Und kann einmal die Sonnenwärme oder auch nur der Temperaturunterschied zwischen Oberfläche und Tiefe des Weltmeers richtig ausgenutzt werden, so daß wir von Steinkohlen und Wasserfällen unabhängig werden — und sicher kommt es dahin — dann kann die Menschenzeit der Erdoberfläche einen stärkeren Stempel aufdrücken, als es je eine Epoche tat. Also rede man nicht von Dekadenz: es ist die neue geologische Epoche, die sich, wie jede frühere, auf dem Ende der ihr vorhergehenden konstituiert. Sie dämmerte im Westen, auf einem kleinen Gebiet des kleinsten Kontinents: jede künftig herrschende Klasse beginnt als Minorität, von kleinem Herrschaftsbereiche aus. Greift jetzt die Verwestlichung auf den ganzen Erdkreis über, so hat dies keinen grundsätzlich anderen Sinn, als daß vor Jahrmillionen einmal der ganze Planet den Charakter der jurassischen Periode annahm.

Hermann Keyserling
Mensch und Erde · 1927
Der Leuchter · Achtes Buch
© 1998- Schule des Rades
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