Schule des Rades

Hermann Keyserling

Die neuentstehende Welt

Das richtig gestellte Fortschrittsproblem

Wissen und Weisheit

Wenn man den Geschichtsprozeß verstehen will, so darf man also weder von den Ideen noch den bloßen Tatsachen ausgehen, sondern man muß beim psychischen Gesamtzusammenhang ansetzen, welcher beide in sich begreift oder trägt. Hiermit hätten wir denn, von einer anderen Seite her an das Problem herantretend, aufs neue festgestellt, daß es sich bei der Psyche um einen realen Organismus handelt. Diesen heißt man heute gewöhnlich das Unbewußte, wobei man noch zwischen persönlichem und kollektivem unterscheidet: es wäre gut, wenn diese Bezeichnung bald einer besseren Platz machte. Denn erstens öffnet sie mystizistischen Neigungen und Deutungen Tür und Tor, wo es gerade auf psychischem Gebiet, wo keine objektiven Tatsachen die Phantasie berichtigen können, auf strengste Nüchternheit und Klarheit ankommt; zweitens legt sie den Akzent auf ein Negativum, das Nicht, oder Nicht-Ganz, Bewußtsein, wo es sich um ein eminent Positives handelt. Gewiß ist sich der Mensch nur eines sehr geringen Teils seiner psychischen Wirklichkeit bewußt. Desto weniger aber sollte man auf ihn, bei der Bestimmung, den Hauptnachdruck legen, sondern an erster Stelle von der psychischen Wirklichkeit als solcher reden, zu deren Eigenschaften es gehört, bis zu einem gewissen Grad bewußt werden zu können. Bei solcher Bestimmung allein liegt der Akzent von vornherein an rechter Stelle, denn so allein hört die Tatsache, daß die wenigsten großen Geister genau gewußt haben, was sie taten, daß alles Schöpferische aus dem Schoß des Unbewußten stammt, daß manche Vorstellungen nur als Kompensationen der eigentlichen Wirklichkeit richtig, zu deuten sind, und daß die wenigsten der Ideologien, die je zu historischen Mächten wurden, jener mehr als annähernd entsprochen haben, in geschichtsphilosophischem Zusammenhange auf, Problem zu sein. Der Bolschewismus als Wirklichkeit ist alles eher als Marxismus; der wahre Geist der französischen Revolution entsprach nur sehr entfernt ihrer Devise: Liberté, Egalité, Fraternité. Die geltenden Ideen sind wesentlich Sinnbilder der Wirklichkeit, sie sind Sinnbilder, welche wirken, sobald sie dieser evidenten Ausdruck geben, als Verstehens- und Aktionsorgane. Lévy-Bruhl hat gezeigt, daß die Vorstellungen der Naturvölker den Gesetzen unserer Logik überhaupt nicht folgen und doch dem realen Leben zur richtigen Orientierung dienen. Die tiefsten Weistümer der Menschheit sind im Bilde heute leicht widerlegbarer Mythen überliefert, und doch versteht jeder Tiefe ihren Sinn unmittelbar. Noch die Begriffe der modernen Wissenschaft, zumal der Tiefenpsychologie, sind zum überwiegenden Teile hindeutende Symbole. Die Wissenschaft strebt freilich unaufhaltsam dem Ziel vollkommener Kongruenz von Sinn und Ausdruck zu. Der handelnde Mensch jedoch bleibt, von ihrem Standpunkt betrachtet, ewig primitiv, weil sein Typus der wesentlich nichttheoretische ist. Deshalb kann Geschichtsphilosophie ohne Vorurteil nur von der Voraussetzung der psychischen Gesamtwirklichkeit als solcher ausgehen.

Diese Gesamtwirklichkeit nun lebt und entwickelt sich in der Zeit, nicht anders wie die Gesamtheit des physischen Lebens. Auch hier ist das Individuelle in erster Linie der Ausdruck eines wesentlich Überindividuellen1. Auch hier ist das Einzige, ausschließlich Persönliche nur die seltene Blüte auf nichtpersönlichem Stamm. Daß dem so ist, kann überhaupt nicht bestritten werden, so schwer, ja unmöglich es zu verstehen sei. Alle Urvorstellungen sind kollektiv. Keinem fällt je ein, was nicht in den allgemeinen Möglichkeiten des Zeitgeists enthalten wäre. Alle Raum- und Zeitgenossen vertreten Ähnliches. Ist einer buchstäblich so originell, wie es die meisten gerne sein möchten, dann ist er unfruchtbar, sonach vom Standpunkt des Lebens ein Absterbendes, und überdies meist krank: es ist eins der bedeutsamsten Ergebnisse der Adlerschen Psychologie, daß der Gemeinschaftsfremde oder -feindliche eine unzweideutig pathologische Erscheinung darstellt. Hier liegt auch eine der psychologischen Wurzeln des Buddhismus: wer den Menschen wirklich vereinzelt denkt, was er allein von allen großen Weltanschauungen tut, der kann nur das Ende wollen. Die Gemeinschaftsbindungen bedeuten eben ursprüngliche Realitäten, und dies geht so weit, daß, wie ich in Weltanschauung und Lebensgestaltung gezeigt habe, sogar die Menschheit — dem Denken eine Idee — gegenüber dem Einzelmenschen das Primäre ist. Von diesem Tatbestand ist es, noch einmal, äußerst schwer, sich einen mehr als hindeutenden Begriff zu bilden. Halten wir aber in der Vorstellung die Analogie der psychischen Gesamtwirklichkeit mit der physisch-organischen fest, dann erkennen wir, wie die ersten Kapitel am Bilde des jüngsten Geschehens erwiesen, dennoch soviel, daß es sich bei der Entwicklung des Psychischen in der Zeit um einen richtigen phylogenetischen Vorgang handelt. Verschiedenen Zuständen entsprechen da verschiedene Einstellungen, verschiedene Erkenntnismöglichkeiten, die sich ihrerseits entsprechende Organe in Form von Anschauungen, Begriffen und Ideen bilden. Aus diesen gehen wiederum entsprechende Weltanschauungen und Theorien hervor, die, sofern sie einleuchten, unter allen Umständen innere (nicht äußere) Wirklichkeit versinnbildlichen. Damit wären wir denn beim Ausgangspunkt dieser Betrachtungen wieder angelangt. Weltanschauungen sind in erster Linie nicht wahr, sondern repräsentativ.

Gehen wir jetzt einen Schritt weiter. Wenn die Dinge so liegen, wie wir sie darstellten, wie ist dann Geschichtslogik überhaupt möglich? Wenn historische Ideen an sich nie mehr als Repräsentanten sind, inwiefern sich die Frage von wahr und falsch überhaupt nicht stellt, wie konnte dann alle große Historie und alle tiefe Geschichtsphilosophie beweisen, daß es nicht allein möglich, sondern auch sinngemäß ist, die Geschichte als geistigen Zusammenhang zu begreifen? Nachdem das allgemeine Problem im vorher gehenden richtig gestellt wurde, liegt die Antwort nahe.

Der Mensch ist zutiefst ein geistiges Wesen, insofern der schöpferische Urgrund alles Lebens Sinn ist. Deshalb kann nur Richtiges ihm ganz entsprechen. Nichts Physisches gibt es am Leben, das nicht von höchster Weisheit gebildet und regiert wäre. In der psychischen Sphäre ist gleichfalls Wissen und Weisheit das Ursprüngliche; falsch zu verstehen oder zu denken ist erst des Bewußtseins Privileg. Aus diesem Grunde erweisen sich wirklich repräsentative Vorstellungen, d. h. solche, welche großen Mehrheiten unmittelbar einleuchten, sofern man ihnen auf den Grund geht, nie als falsch; sie verkörpern, abstrakt betrachtet, allemal zum mindesten partielle Wahrheiten, und in concreto das Geistesbild eines realen Zustands, der, sofern er sich als lebensfähig erweist, auch vor dem Geist gerechtfertigt erscheint. Denn uns fehlt jeder Ansatzpunkt, der von einem Jenseits her das schöpferische Leben selbst zu widerlegen erlaubte. Welche Erwägung aber wiederum deshalb zu keiner Relativierung der Wahrheit führt, weil nur das, was Geist von sich aus rechtfertigen kann, lebensfähig ist. Die Wahrheit entspricht letztinstanzlich dem Leben, das Falsche amortisiert sich, d. i. es führt zwangsläufig zum Tod. Von hier aus leuchtet denn besonders deutlich ein, inwiefern der Geschichtsprozeß auch im einzelnen als logischer begriffen werden kann: da sich das Falsche, auf noch so langen Umwegen, immer wieder selbst widerlegt, so bleibt dauernd nur das Sinngemäße bestehen; so daß es dem Verstand nie schwer fällt, das noch so irrational Zustandegekommene nachträglich als logische Kette zu begreifen. Und diese Kette läßt sich ihrerseits, wo das Bewußtsein erwacht ist, immer wieder, wenn auch nie durchaus, dem zielstrebigen Fortschrittsschema eingliedern, weil es das gibt, was wir kosmische Erinnerung hießen. In aller Zukunft lebt alles Vergangene fort. Jedes fixierte Richtige wird zum Ausgangspunkt des Weiterlebens, so daß, wo der Charakter des allgemeinen Zustands kein stationärer ist und Zerstörungsprozesse die Kontinuität nicht aufheben, Fortschreiten sozusagen unvermeidlich ist.

Das Sinnhafte des Lebens entspricht nun natürlich dem, was der Mensch unter seinem Vernunftbegriff begreifen kann, desto besser, je mehr seine geistigen Funktionen sich entwickeln und je mehr der Bedeutungsakzent im Gesamtleben auf ihnen ruht. Wo sie unentwickelt verblieben, dort ist Geschichtslogik nur in ähnlichem Verstande denkbar wie bei der Kleidermode; d. h. dort betrifft das, was man auch hier Logik heißen darf, weil der Prozeß ein wesentlich sinnvoller ist, psychologisch nur die Triebe, Empfindungen und Gefühle. Beim geistig erwachten Menschen dominiert die Logosseite. Und von hier aus verstehen wir sofort, warum es für jede Menschenart immer erst von einer bestimmten Evolutionsstufe an eine Entwicklung gab, die sich, so oder anders, als Fortschritt begreifen läßt, und Insonderheit, warum der Fortschritt erst innerhalb der heutigen intellektualisierten Menschheit zur bestimmenden Forderung geworden ist. Diese Forderung bedeutet nichts anderes, als daß die Entwicklungsgesetze von Verstand und Vernunft die Lebensganzheit bestimmen sollen. Instinkt, Gefühl und Empfindung erschöpfen sich im unveränderten Sosein; sie enthalten keine Bewegung fordernde Komponente. Demgegenüber sind jeder Verstandes- und Vernunfterkenntnis ihre sämtlichen möglichen Fortentwicklungen immanent, und es widerstreitet der Eigenart der entsprechenden Geistesfunktionen, je stehenzubleiben, denn sie leben nur in der Bewegung; fest hält das Geistige Glaube allein2. Verlangen Verstand und Vernunft nun den Fortschritt, so setzt das Logosprinzip in seinem höchsten Ausdruck aus sich heraus das Streben nach einem innerlich-höheren Ziel. Wo der so verstandene Geist zur Dominante des Bewußtseins ward, da verlangt das Gesetz des Menschenlebens nicht nur Erweiterung nach außen zu, sondern vor allem Vertiefung. Von da ab wird alles natürliche Leben zum Mittel des Heilstrebens. Die Möglichkeit einer Geschichtslogik beweist also durchaus nicht die Selbständigkeit der Idee als geistiger Macht, sie beweist vielmehr, daß der erwachte Mensch ein wesentlich geistiges Wesen ist, weshalb alle seine psychischen Prozesse, welche sonst ihren eigenen spezifischen Gesetzen gemäß ablaufen, geistige Zielsetzungen zu Dominanten haben. Also ist das Fortschrittsproblem im weitesten Verstand kein Problem der Theoretiker und Ideologen: es ist recht eigentlich das praktische Lebensproblem des geistbestimmten Menschen.

1Vgl. die genauere Darlegung dieses Tatbestandes in meiner Unsterblichkeit, 3. Aufl., Darmstadt 1920.
2Vgl. die Ausführung dieses Gedankens im Kapitel Das Problem des Glaubens meiner Unsterblichkeit.
Hermann Keyserling
Die neuentstehende Welt · 1926
Das richtig gestellte Fortschrittsproblem
© 1998- Schule des Rades
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