Schule des Rades

Hermann Keyserling

Die neuentstehende Welt

Das richtig gestellte Fortschrittsproblem

Neuvitalisierung

Betrachten wir von hier aus zunächst, der Verdeutlichung der Fragestellung wegen, einige konkrete Beispiele, deren letztes das vitale Problem dieser Zeit sei. Selbstverständlich liegt hierbei ein Erschöpfen besonderer Geschichtsprobleme nicht in unserer Absicht: wir wenden uns Besonderem einzig deshalb zu, damit das Grundsätzliche vollkommen verstanden werde1. — Als die christliche Weltanschauung die antik-heidnische ablöste, da sah sich die vorher so selbstsichere Vernunft entwertet, ja mißachtet. Die Narrheit vor der Welt stand nunmehr höher im Kurs als die sublimste Weisheit; das irrationale Gefühl der Liebe sollte mehr bedeuten als alle nur mögliche Einsicht. Sicher war diese Auffassung des Urchristentums theoretisch falsch, wie denn eine partielle Restauration der Weisheit, auf christlicher Grundlage, nicht lange auf sich warten ließ. Zunächst aber siegte die reine Vernunftfeindschaft. Warum? — Erstens, weil die antike Einstellung des psychischen Organismus dessen affektive Seite in Verdrängung gehalten hatte; diese mußte sich schließlich Raum schaffen, was im großen in Form schrankenloser Ausschweifung geschah, innerhalb der Minorität in christlich-geistlichem Liebesüberschwang, und deren Einstellung trug als die richtigere schließlich den Sieg davon. Zweitens, weil die antike Geistesentwicklung die Möglichkeiten, die ihre Prämissen einschlossen, tatsächlich erschöpft hatte und historisches Weiterleben nur mehr von neuen, Verjüngung ermöglichenden Voraussetzungen gelingen konnte.

Soweit handelt es sich um einen bloßen psychologischen Kompensationsvorgang; daß gerade die höchst einseitigen und in vielen Hinsichten primitiven Ideen des Urchristentums (nicht Christi) — man vergleiche nur dessen ressentiment­bedingte Gerechtigkeitsvorstellung mit der sublimen Gesinnung Marc Aurels — jener Wendezeit allgemein einleuchteten, beruhte allein darauf, daß sie einer bestimmten Zuständlichkeit als solcher entsprachen, einer masochistisch-affektiven Reaktionsphase der psychischen Menschheitsevolution. Aber damit ist das Christentum als Geistesmacht noch nicht erklärt. Diese beruht darauf, daß sich dem Kompensationsprozesse geistiges Höherstreben einbildete. Die Spätantike kannte kein Jenseits der Natur und der Vernunft. Für das Irrationale und recht eigentlich Übernatürliche, das in der bloßen Tatsache der Einzigkeit jedes Wesens liegt, wodurch Geburt und Tod in jedem Einzelfall zu ungeheuren Schicksalen werden, fehlte ihr das Organ. In diesem Jenseits des spätantiken Horizontes liegt aber erst das eigentlich Metaphysische und in ihm wiederum der Urquell alles Lebens. So wurde der naive Glaube galiläischer Fischer zum Vehikel einer Erkenntnisstufe, die kein Denker jener Zeit erreicht hatte. — Aber nun weiter. In der Renaissancezeit gewann die antike Einstellung aufs neue die Oberhand. Dies liegt, psychologisch betrachtet, an folgendem. Mit dem Christentum setzte eine wesentlich asketische Menschheitsphase ein, nur durch animalische Roheit dürftig kompensiert. Dies bedeutet, daß die meisten weltzugewandten Energien, von der Vernunft bis zu den Sinnen, in jener Phase in hohem Grad verdrängt blieben. Sie lebten jedoch im Unbewußten fort. Und als die ursprünglich-christliche Einstellung an Lebenskraft verlor — nicht nur die individuellen, auch die kollektiven Lebenskräfte, als Bestimmtheiten, sind endlich — da ging der Bedeutsamkeitsakzent aufs neue, wenn auch in neuem christlichen Gesamtzusammenhang, auf die Mächte über, die das antike Leben geformt hatten. Aber auch der Sinn dieses historischen Vorgangs erschöpft sich nicht in der psychologischen Kompensation; die antiken Kräfte setzten auf erhöhter Verstehensbasis ein.

Die Persönlichkeit als solche war sich mittlerweile ihres Werts bewußt geworden. Da nun alle Sinngebung durch das Mittel des Subjektiv-Einzigen hindurch erfolgt, so bedeutete dieses Bewußtgewordensein als solches schon tiefere Sinneserfassung. Die intellektuelle Höherwertigkeit des neuen Zustands erwies sich zunächst darin, daß das, was psychologisch betrachtet Antikisierung war, ein gänzlich Unantikes, nämlich die moderne Naturbeherrschung einleitete. — Ähnlich liegen die Verhältnisse hinsichtlich der Reformation. Die Menschheitsentwicklung folgt einem der Atmung analogen Rhythmus; auf Perioden der Ausweitung folgen notwendig solche der Zusammenziehung. Die Reformationsbewegung bedeutet nun psychologisch nichts anderes wie die kompensatorische Zusammenziehung nach der gewaltigen Ausweitung des mittelalterlichen Katholizismus. Sie begann innerhalb der katholischen Kirche, setzte sich innerhalb dieser noch energischer wie innerhalb der abgesplitterten protestantischen fort (denn zweifelsohne bedeutet die Gegenreformation, psychologisch betrachtet, eine stärkere Zusammenziehung, als sie der Protestantismus, der sich ja bald zum Pionier der Geistesfreiheit aufwarf, je, außer in seinen allerersten Anfängen, verkörpert hatte) und hielt so lange an, bis daß der natürliche Rhythmus eine neue Gegenbewegung verlangte. Aber auch hier ist der psychologische Kompensationsvorgang nicht die letzte Verstehensinstanz des historischen Gesamtphänomens. Der Logos machte sich die neue psychologische Konjunktur sofort zunutze. Tiefer als je früher drang er in die Welt der Erscheinung ein. Die Zusammenziehung ermöglichte Präzisierung. Nicht umsonst ist die exakte Wissenschaft das Kind des Reformationszeitalters. Erst im Zustand der Zusammenziehung konnte der Verstand zum Präzisionsinstrumente werden; aus ihr heraus erwuchs der regulierbare Fortschritt.

Betrachten wir nunmehr die moderne Zeit vom gleichen Gesichtspunkt aus. Diese hat den Fortschrittsgedanken zur Dominante. Auf den allgemeinen Sinn dieser Tatsache wiesen wir schon hin: da Geist seinem Wesen nach fortschreitet, so bedeutet sie zunächst nichts anderes, als daß der Geist in einem früher ungeahnten Grad bewußt geworden ist. Dieser eine Umstand erklärt die Evidenz, von Hegels Philosophie zu dessen Zeit: der Grad der Bewußtheit bestimmt für sie den Rang. Aber der moderne Fortschrittsbegriff hat seinen typischen Repräsentanten nicht an Hegel, sondern der allgemeinen fortschrittlichen Weltanschauung, die einen sehr viel engeren und oberflächlicher belegenen Gesichtskreis hat. Sie erschöpft sich, kurz gesagt, darin, daß Verbesserung der materiellen, moralischen und geistigen Lebensumstände den Sinn des Lebens erschöpfen soll. Wie konnte diese Weltanschauung je evident werden, wo der Intellekt im modernen Verstand nur einen geringfügigen Teil des Menschenwesens ausmacht? Sie mußte allgemein einleuchten, weil die rein intellektuelle Seite des psychischen Organismus seit dem 17. Jahrhundert immer dominierender wurde und das Bewußtsein zuletzt vom Lebensganzen nur sie als ganz wirklich anerkannte, ja anerkennen konnte, da es von anderen in sich, außer in Form dumpfer Spannungen, nichts spürte. Der moderne Fortschrittsbegriff entspricht nun, wie wir schon sahen, haargenau dem natürlichen Gefälle des Intellekts. In bezug auf alle anderen Geistes- und Seelenfunktionen entbehrt er direkt des Sinns, weshalb zu Zeiten dominierender Spiritualität wie Affektivität von ihm nie die Rede war. Aber dem Zustand des 19. Jahrhunderts entsprach dessen Ideologie in der Tat wie keine andere. Und dies zwar, wie heute zu betonen nottut, nicht allein zu schlechtem, sondern auch zu gutem Ende. Dank ihr hat sich die Intellektseite des ganzen Menschen­geschlechts in unerhört schneller Zeit in unerhörtem Grade entwickelt. Mag Verstand an sich nichts Tiefes sein: tiefster Logos hat auch hier, wie in allen bedeutenden Fällen, die Entwicklung gelenkt. Jeder Geist äußert sich durch die vorhandenen Ausdrucksmittel hindurch. So mußte allen Tiefen des Fortschrittszeitalters der Intellekt zum Mittel werden, eben das zu begreifen und auszudrücken, was anderen Zeiten anders zugänglich war; damit aber machten sie gerade das Tiefe zum erstenmal dem allgemeinen Bewußtsein zugänglich. Denn nur Verstand hat jedermann, nur Verständliches kann jeder verstehen. Also haben wir, gerade vom Standpunkt der Tiefenschau, allen Grund, dem Fortschrittszeitalter dankbar zu sein.

Heute durchlebt die Menschheit eine neue Krisis. Der Fortschrittsgedanke ist zum Evangelium der Massen geworden, deren Idealbild demgemäß der Chauffeur, der technisierte Wilde ist. Aber den Eliten sagt er nichts mehr. Dies hängt damit zusammen, daß diese jenen, wie es nicht anders sein kann, um mehrere Generationen voraus sind. In ihnen hat die Erweiterung des psychischen Organismus nach der Intellektseite, soweit sie im Sinn des Höherbaus von den gegebenen Grundlagen aus möglich war, ihr natürliches Ende erreicht. Da die gegebene Grundlage hier keine primitive ist, so erscheint eine das Höhere und Tiefere ausschließende Synthese, wie die des Chauffeurs, in ihrem Fall physiologisch unmöglich. Ihnen lehrt ihr unmittelbares Selbstgefühl sowohl als alle äußere Erfahrung, daß Weiter- und Höherbildung nur durch Wiedereinbeziehung der nicht-intellektuellen Kräfte, sowohl der triebhaften als der irrationalen als der überintellektuell-geistigen, in das entwickelte bewußte Leben gelingen kann. Das verdrängte Triebhafte, vor einem halben Jahrhundert noch harmlos, gefährdet jetzt das Leben. Es hat sich zu einem selbständigen Wesen abgespalten, das aus dunkler Tiefe heraus die Tagseite des Lebens als Feind bekämpft, was sowohl für die Einzelseele wie für die Kollektivitäten immer ernstere Gleichgewichtsstörungen bedingt. Inwiefern hier die eigentliche Ursache der heutigen Weltkrisis liegt, zeigte schon das erste Kapitel; diese ward äußerlich nicht durch die Massen, sondern die immer wiederkehrenden Fehlhandlungen der herrschenden Oberschichten ausgelöst.

Der typische Zustand des einzelnen machte die Entdeckung des Unbewußten und dessen Behandlung durch die Methode der Psychoanalyse historisch möglich und fällig. Aber die Verdrängung der Triebsphäre hat nicht allein dem bewußten Leben einen Feind erschaffen: sie hat es von seiner eigensten lebendigen Wurzel abgeschnitten. Daher die immer größere Vitalitätsschwächung, die alles europäische Geistesleben der letzten Jahrzehnte charakterisiert. Sie ist die eigentliche Ursache dessen, daß die Zivilisation bei uns immer schärfer als Gegensatz des Lebens empfunden wird, was in Amerika deshalb nicht im gleichen Maße gilt, weil der dortige Zustand einerseits mehr dem primitiven des Chauffeurtypus gleicht, andererseits gerade als Zivilisiertheitszustand in früherer Zeit, wo die religiösen Bindungen nicht geschwächt waren, konsolidiert, manches bei uns verdrängte Irrationale noch einschließt. Die gleiche Vitalitätsschwächung ist andererseits die Ursache dessen, daß das Rein-Triebhafte von Nietzsches blonder Bestie ab eine wachsende Überbewertung erfuhr. Aber die Intellektualisierung hat nicht nur die Triebseite abgespalten und die Vitalität geschwächt: sie hat auch eine kompensatorische Rückbildung der höheren nicht-intellektuellen Kräfte bewirkt, seien diese irrational, wie die Gefühle, oder über-intellektuell, wie die Organe für Metaphysik und Religion. Gerade der geistig Fortgeschrittenste sah sich immer mehr physiologisch außerstande, sich seiner eigenen übertriebhaften Tiefe bewußt zu werden. Und der also schier alleinherrschende Intellekt erwuchs immer mehr, wie jede Naturkraft, die außer Zusammenhang schafft, zu einer zerstörenden Macht, und er erschien nur mehr zerstörerisch, nachdem er seine positiven Möglichkeiten erschöpft hatte. Von dem Zeitpunkte ab wurde er nur mehr als das empfunden, was das Irrationale zersetzt. Und dieses kann er wirklich: jedes bis zum Grunde analysierte Gefühl hört zu bestehen auf, wenn es sich nicht als sinnvoll erweist, jede durchschaute Erscheinung verliert, wie Buddha zuerst erkannte, ihren Charakter einer letzten Instanz und damit ihre bindende Macht. Was Wunder, daß der Fortschrittsglaube daraufhin in Fortschrittsverneinung umschlug, und die Verstandesvergötterung in Verstandesfeindschaft? Gerade in den gebildetsten Kreisen wurde auf einmal das Irrationale als solches zum Götzen erhoben.

Die einen sehen gerade jetzt, wo Geist wie nie vorher bestimmt, in Blut und Rasse alles. Wo schon im germanischen Mythos der kluge Zwerg dem reinen Toren oft überlegen scheint, soll dieser heute, wo Verstand nicht mehr notwendig Häßlichkeit bedingt — alles Wachstum beginnt häßlich, der Kluge trägt im Urmythos nur deshalb einen häßlichen Leib, weil sein Mehr-Können den damaligen ganz ungeistigen Vollendungszustand sprengte — die Menschheit heilen. Ein Johannes Müller, der alles intellektualisierte Leben als Unwesen verdammt, ein Ludwig Klages, der den schaffenden Geist verleugnet und die rein pathische Einstellung des Pelasgers als Ideal hinstellt, von den Stiftern neuer Religionen, fast ausnahmslos primitivsten Geistes Kindern, und den zahllosen kleinen Propheten zu schweigen, die im bloßen Gefühle- und Stimmungen haben den Beweis hoher Berufung sehen, wurden zu Erlösern proklamiert. Entsprechende Gesinnung kennzeichnet fast alle Erneuerungsbewegungen der letzten Zeit, von den ethischen und religiösen bis zur sogenannten Jugendbewegung, die zuerst im rein Zuständlichen der Jugend an sich das Ideal sah, in ihren späteren Stadien ein irgendwie qualifiziertes Erleben. Aber keine dieser Bewegungen hat zur Höherbildung geführt, noch konnte sie es tun, denn sie sind alle Reaktionsbewegungen; das heißt, sie suchen zu bekämpfen oder zu verleugnen, was nun einmal ist. Um auf Johannes Müller und Klages zurückzukommen: jener ist zweifelsohne echt religiös und dieser metaphysisch tief, aber beide in Form eines verjährten Zustands. So können sie wohl jedem einzelnen Tiefen zum Sinnbild der Tiefe werden, wie dies von den Weisen der Urzeit gleichfalls gilt, aber neue Wege weisen können sie nicht. Und darauf allein kommt es heute im großen an. Es besteht nun einmal ein organischer Zustand höherer Intellektualität, den zu ändern in keines bewußten Wollens Macht steht. Und dieser bietet ganz bestimmte Möglichkeiten der Fortentwicklung und keine anderen. Was nützt es, die Instinktsicherheit zu verherrlichen, wo sie organisch verlorengegangen ist? Nunmehr hat tieferes Verstehen sie zu ersetzen. Deshalb kann heute, um nur ein Beispiel zu nennen, nur Erkenntnis des Sinns der Ehe diese neu aufbauen, nur Eugenik die Rassen wieder aufbessern. Aus dem gleichen Grunde vermag heute die vom Verstehen ausgehende Tiefenpsychologie allein die Gefühls- und Triebsphäre dem Bewußtsein neu zugänglich zu machen.

Nicht anders steht es, mutatis mutandis, mit der metaphysischen und religiösen Wirklichkeit. Heute ist jede Lehre, die nicht beim Geist ansetzt, eine Irrlehre, so gut sie es meine. Da in jedem Zeitalter Typen verschiedenster Naturstufen nebeneinander herleben — der Charakter einer Zeit bestimmt sich nach dem, der dominiert — so entspricht reaktionäre Einstellung freilich vielen (längst nicht allen!) derer, die sie einnehmen. Aber es ist ausgeschlossen, daß diese historische Bedeutung erlangten. Über den Fortschritt hinaus führt keinesfalls ein Rückschritt. Solange das Tiefe in Form vergangener Zustände zum Leben erweckt werden soll, bleibt dem Chauffeur gegenüber dem noch so tief Erlebenden die Vorherrschaft gewiß, denn der ist, vom Massenstandpunkt betrachtet, ein fortschrittlicher Typus, was allein die Vitalisierung beweist, die alle Lebenskräfte Primitiver, die sich dieser Synthese einbilden, erfahren. Es gibt Zeiten, wo bestimmte Lebensformen vergehen müssen, so schön sie an sich seien, so wie einmal der Saurier aussterben mußte. Alle bestimmte Erscheinung ist wesentlich endlich und der Vollendungszustand geht dem absoluten Ende immer nahe voran. Insofern ist es recht eigentlich sinnwidrig, sich heute noch an Goethes besonderen Idealen zu orientieren. Das Leben ist vollendet unsentimental; es schert sich den Teufel um die Sehnsucht romantischer Seelen.

Und es hat dieser gegenüber gewißlich recht, denn es ist allezeit fähig, neue Vollkommenheit an die Stelle alter zu zaubern. Insofern beweisen alle Klagen über das Ende der alten Kultur nur eins von beiden: Torheit oder Feigheit. Aber freilich: ersteht nichts Zeitgemäßeres als die vorher betrachteten Gegenbewegungen gegen die Intellektualisierung, dann ist eine langsame Verdrängung aller traditionellen Kulturtypen auf Erden die unausbleibliche Folge, so wie sie in Rußland auf gewaltsamem Wege schon stattgefunden hat. Und kommt es dahin, dann werden, da sich auch Geistesleben, wie die vorigen Kapitel zeigten, nur durch Vererbung fortsetzt, weshalb Abschneiden der Tradition richtigen Artentod zur Folge hat, Jahrhunderte hingehen müssen, bis daß ein dem der heutigen Eliten entsprechender organischer Zustand wieder erwachsen ist. Wo dieses Fatum fehlt, dort kann, wie gleichfalls das vorige Kapitel schon erwies, keine geistige Initiative mehr die Höherbildung einleiten, welche heute noch möglich ist.

Hiermit stehen wir denn vor der Aufgabe, zu zeigen, welche Ideologie den Eliten unserer werdenden Welt im Aufbausinn im selben Sinn entspricht, wie frühere, gemäß den Ergebnissen unseres historischen Exkurses, vergangenen Zuständen entsprochen haben. Da die Höherentwicklung der Intellektseite des Lebens nun einmal Tatsache ist, und in ihr unverrückbar der Mittelpunkt des bewußten Lebens liegt — unverrückbar deshalb, weil der Geist wesentlich nicht pathisch, sondern tätig ist, Verstehen allein dem Handeln Richtung gibt, und die Forderung gewisser Tiefer, den Akzent auf das Unbewußte zurückzulegen, durch den bloßen Tatbestand, daß unbewußtes Leben für das Subjekt kein Leben ist, ad absurdum geführt wird — so kann nur eins, aus zwei Komponenten zusammengesetzt, zu einem neuen höheren positiven Zustand führen: eine innere Verwandlung, dank der erstens das im Fortschrittszeitalter Verdrängte — Trieb und Seele — mit dem vorausgeeilten Geist zu neuer Einheit verknüpft wird, wobei jedoch der Akzent auf diesem ruhen bleibt und er das Niveau angibt; und dank der zweitens der Geist als solcher sich so weit vertieft, daß er den Sinn auch des Irrationalen erfaßt. Da das Zentrum des Bewußtseins fortan im Geiste liegt, so kann dieses seinem einheitlichen Zusammenhang nichts mehr lebendig einbilden, was ihm nicht als sinnvoll einleuchtet. Nun ist nichts am Leben sinnlos, denn das Leben selbst ist Sinn. Wo es anders scheint, hat der Geist nicht tief genug verstanden, denn auch Krankheiten und Mißbildungen haben jedesmal ihren guten Sinn. Verstehen dieses nun setzt die Zerstörungswirkung des Geistes von selbst in Neuaufbau um; die Erfolge der Psychoanalyse (im weitesten Verstand) beweisen dies täglich. Und wo tieferer Sinn, als der bisher bestimmende, der Erscheinung eingebildet wird, da ergibt dies (sofern er wirklichkeitsgemäß und nicht illusorisch ist) Neuvitalisierung. Denn da das Leben seine Wurzel im Sinn hat, so bedeutet Sinnhaben unmittelbar Vitalisiertheit.

Nur weil dem also ist, hat jede neue große Idee, ob die christliche, die reformatorische oder die der Menschenrechte, jedesmal die Menschheit verjüngt; nur deshalb verfügt heute der Chauffeur über die größte Vitalität, denn seine Idee gibt primitivem oder primitiviertem Leben wirklich erhöhten Sinn. Höherem Leben kann sie solchen aber nicht geben. Vom Standpunkt der heute grundsätzlich möglichen Sinnesverwirklichung betrachtet, handelt es sich beim Chauffeur um einen gar dünnen Sinnesoberton. Deshalb wird er die Welt nicht erlösen. Erst auf einen tieferen Sinnesgrundton bezogen, als solcher bisher das historische Leben bestimmte, kann die Lebensganzheit neu werden. Dann aber kann sie es andererseits ohne Preisgabe des in der bisherigen Kulturentwicklung Gewonnenen. Dann erführe das Leben, ohne vorher wieder von vorne anfangen zu müssen, eine Neubelebung. Denn noch einmal: Verjüngung erfolgt grundsätzlich nie in Form von Primitivierung als solcher, sondern durch Eingreifen eines neuen Sinns, der die alte Erscheinung belebt, in welchem Metaphysischen die tiefste Wurzel auch des physischen Lebens liegt. Und es gibt Zeiten, wo nur ein Wurzelfassen in einem tieferen Sinn, als solcher bisher die Erscheinung am Leben erhielt, bloßes Fortleben möglich macht. Dies gilt von der unseren. Zur Belebung der reichen Krone des heutigen Menschheitsbaums dringt die Wurzel nicht tief genug in die metaphysische Tiefe ein; deshalb ist jene am Verdorren. Dringt sie aber tief genug ein, dann kann die ganze Krone nicht allein neu ausschlagen, sondern auch weiterwachsen. Dann könnte aus dem Zivilisationszustand von heute direkt neue Kultur hervorgehen. So erführe denn der ökumenische Zustand seine Vollendung, seine Vollendung im doppelten Verstande dessen, daß die Seele so ihre derzeit höchstmögliche psychologische Integration und zugleich ihre letzte Geistesformung erführe.

Im hier Ausgeführten liegt aber andererseits die einzig mögliche positive Lösung des modernen Kulturproblems, weil sie allein dem organischen Charakter der Seele Rechnung trägt und alle Tatbestände in ihrem richtigen Gewichtsverhältnis voll berücksichtigt. Und von hier aus wird endgültig klar, wie recht eigentlich kindisch alle Versuche sind, auf ungeistigem Wege das Leben zu erneuern; allen denen gegenüber haben die mephistophelischen Bolschewisten leichtes Spiel. Da die Wurzel des Lebens einmal im Sinne liegt, und dieser an sich bewußtseinsfähig geworden ist, so kann dem erfaßbaren Sinne nicht Gemäßes unmöglich je wieder dem Leben neuen Sinn erteilen. In der heutigen Welt haben deshalb auch die tiefstwurzelnden religiösen Bewegungen, deren Ausdruck jedoch der Durchgeistigtheit des heutigen Menschenwesens keine Rechnung trägt, keine historische Zukunft. Kreuzzüge setzen einen psychischen Zustand voraus, den es selbst in Rußland im großen nicht mehr gibt. Bloße Gefühle sind nicht übertragbar; keines hat je Massen bewegt, das nicht Vehikel einer neuen, dem Leben neuen Sinn erteilenden Erkenntnis war. Wie Gott die Welt nun einmal geschaffen hat, ist der Logos allein das Prinzip der Initiative und der Übertragbarkeit. Gefühle sind sekundäre und statische Gebilde. In ihnen verkörpert sich gegebenenfalls ein geistiger Impuls und insofern vermag Geist im großen allerdings erst dann zu wirken, wenn er über Gefühlsgebilde als Truppenmacht verfügt. Aber mehr als Truppen des Geists zu sein, vermögen solche nie. Die Gedanken nun, die frühere Zeiten bewegen konnten, sind heute durch Durchschauen als letzte Instanzen erledigt. — Aber gerade die religiöse Seite des Lebens kann andererseits durch Sinneserfassung unerhörte Neubelebung erfahren. Denn was Religion zum Gegenstande hat, ist ja gerade des Lebens letzter Sinn. Je tiefer dieser vom Geist erfaßt ist, nicht desto weniger, sondern desto lebendiger wird der Mensch die realen Bande, die ihn an den Kosmos knüpfen, erleben2.

1Der Pionier dieser Art Geschichtsbetrachtung ist C. G. Jung. Ob und inwieweit die bestimmten Gedankengänge dieses Kapitels schon von ihm verfolgt worden sind, entzieht sich meiner Beurteilung. Mir waren sie jedenfalls grundsätzlich schon geläufig, bevor ich mit Jungs Schriften bekannt wurde. Vgl. z. B. Antikes und modernes Weisentum.
2Die Gedankengänge dieses Abschnitts bedeuten eine kurze Wiedergabe des in der Schöpferischen Erkenntnis, zumal dessen Kapitel Was uns not tut genau Ausgeführten.
Hermann Keyserling
Die neuentstehende Welt · 1926
Das richtig gestellte Fortschrittsproblem
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