Schule des Rades

Hermann Keyserling

Die neuentstehende Welt

Das richtig gestellte Fortschrittsproblem

Serie versäumter Gelegenheiten

Hiermit wären wir denn so weit, uns konkretisierten Verständnisses dem prinzipiellen Probleme wieder zuwenden zu können und von ihm aus dem dieser Zeit seine abschließende abstrakte Fassung zu geben. Wir sagten (S. 90), die Möglichkeit einer Geschichtslogik beweise nicht die Selbständigkeit der Idee als geistiger Macht, sie beweise vielmehr, daß der erwachte Mensch ein wesentlich geistiges Wesen ist, weshalb alle seine psychischen Prozesse, welche sonst nach ihren eigenen spezifischen Gesetzen ablaufen, geistige Zielsetzungen zu Dominanten haben. Schauen wir diesen Satz mit den Erkenntnissen, die wir hinsichtlich des Zustandes dieser Zeit gewannen, zusammen, so sind wir in der Lage, die entscheidend wichtige Seite des Fortschrittsproblems, nämlich die Frage, wie sich die natürliche Evolution und das Bereich der Freiheit zueinanderverhalten, sinngemäß zu beantworten. Der Geschichtsprozeß ist unter allen Umständen ein logischer und im Rahmen logischer Konstruktion nachträglich darstellbar, weil das Leben selbst sinnhaft ist und nur das Sinngemäße sich erhält. Aber wo einmal Freiheit bestimmt, da ist Irrtum jederzeit möglich; es ist nie nötig, das jeweils Richtige zu tun; Freiheit mag sich ebensowohl für das Weiterleben und Aufsteigen wie für das Sterben entscheiden. In der Regel setzt sich das Richtige erst nach langen Umwegen durch. Und unterwegs verdarb dann jedesmal so viel, daß das anfangs Richtige den verbliebenen Möglichkeiten nicht mehr entsprach und das nunmehr Richtige, absolut beurteilt, ein weniger Wertvolles darstellt, als das vorher Mögliche war. So hat der Bolschewismus auf dem Lande letztlich nichts anderes vollbracht, als Stolypins Agrarreform zu vollenden, nur auf großem, zerstörendem Umweg. Die Betrachtung des Gebarens der meisten heutigen Eliten offenbarte uns schon schreckhaft deutlich, wie leicht es gelingt, den Sinn möglicher Höherentwicklung zu verkennen. Aber ist dieser nicht fast immer verkannt worden, außer durch seltene Einzelne, welche meistens erfolglos blieben? Bedeutet die Geschichte, so logisch sie zusammenhänge, nicht eine einzige Serie versäumter Gelegenheiten? Die antike Welt hätte nicht notwendig so vollkommen unterzugehen gebraucht, wie sie es tat; der Reformationsimpuls hätte Besseres bewirken können; in Versailles wäre ein Friede zu schließen gewesen, der den Wilsonschen Idealen entsprach … Die Logik der natürlichen Entwicklung verläuft nur logisch überhaupt; daß sie zum jeweils Bestmöglichen führe, liegt nicht in der Natur der Dinge. Im Gegenteil: da das allgemeinste Naturgesetz das der Trägheit ist und es höchster Anstrengung bedarf, um die Routine des Althergebrachten, sei diese auch im Sich-Totlaufen begriffen, sowie die Gegenbewegungen des nicht vorwärts Wollenden in sich und anderen zu überwinden, so liegt es dem Menschen am nächsten, jede Gelegenheit so wenig als nur irgend möglich auszunutzen und nie einen Schritt weiter vorwärts zu tun, als die Umstände von sich aus erzwingen.

Im Schlußvortrag der Darmstädter Tagung 1925 Der letzte Sinn der Freiheit (abgedruckt in Gesetz und Freiheit, der Leuchter 1926) habe ich gezeigt, daß der Mensch alles eher will als frei sein, denn frei handeln erfordert höchste Anstrengung. Und weiter, daß dieses Akzentlegen auf die Risiko. Seite des Lebens bedeutet, wo er an erster Stelle Sicherheit ersehnt. Unter diesen Umständen ist nichts leichter zu erklären, als daß die Geschichte so sehr eine Serie versäumter Gelegenheiten bedeutet. Keine Behauptung war in historischem Zusammenhang je falscher als die, daß auf Erden alles zum Besten geschähe. Sie gilt auf der Ebene der Natur, wo der Begriff von Irrtum keinen Inhalt hat und höchste Weisheit alle Prozesse lenkt. Sie spricht vielleicht wahr in kosmischem Zusammenhang, denn ob die Menschen ihr Schicksal im guten erfüllen oder nicht, mag im Weltprozeß nur einen geringen Unterschied bedingen. Vom Menschenstandpunkt indes entscheidet die Tatsache, daß es sowohl möglich als nicht nötig ist, daß der Geschichtsprozeß die Sinnerfüllung bringt, die wir Menschen auf Grund der uns immanenten Geistprinzipien von ihm fordern müssen und können. Hier entscheidet letztlich die Tatsache, daß es nachweislich von der geistigen Initiative der lebendigen Menschen abhängt, und daß sie folglich restlos dafür verantworten, ob der immer logische Geschichtsprozeß zum Guten führt oder zum Schlechten, ob er in stetigem Aufstieg besteht oder sich totläuft. Damit erst wären wir denn zum eigentlichen Fortschrittsproblem gelangt. Schon das Wort Schreiten enthält die Voraussetzung eines Schreiters. Das in den beiden ersten Kapiteln und auch im Hauptteil dieses Behandelte betraf nur die Naturunterlage des wahren Fortschrittsproblems. Die beiden ersten zeigten, was auf Grund des Zusammenwirkens der Natur-Logik und der in der Vergangenheit erfolgten freien Entschlüsse von selbst wird; dabei handelt es sich um die gegebene Grundlage aller möglichen freien Entschlüsse von heute. Die ersten Betrachtungen dieses machten deutlich, wie das vom Geistesstandpunkt Positive jedes historischen Zustands niemals von selbst gewordenes Produkt der natürlichen Entwicklung war, sondern dadurch zustande kam, daß der schöpferische Geist von sich aus das gegebene psychische Material seinem Ideal und Ziel gemäß formte.

Da nun der Mensch sich letztlich allein mit seinem Schöpferischen identifiziert und deshalb vom Fatum aus denkt, nie auf das Fatum hin, so ist das wahre und eigentliche Fortschrittsproblem ein Problem freier Sinngebung. Auf der Ebene der Geschichte, deren Begriff anders wie als Sinnerfüllung verstanden, ohne Inhalt ist1, entscheidet letztinstanzlich der schöpferische Geist; er tut dies wirklich, ob er es anerkennt oder nicht. Nur das wird da, was er von sich aus geschehen ließ, ob im Sinn des Tuns oder des Unterlassens. Hier schafft die Bedeutung den ganzen Tatbestand. Was eine Tatsache im Leben des Einzelnen ist, hängt in erster und letzter Linie davon ab, was sie für ihn, gerade ihn bedeutet. Einer mag in gedrücktester Lebenslage dennoch glücklich sein. Andere mögen in glänzendster äußerer Stellung innerlich verschmachten. Der große Mann ist wesentlich dadurch gekennzeichnet, daß er aus von Hause aus ungünstigen Ereignissen durch seine Stellungnahme einen solchen Sinn gibt, daß sich das Mißgeschick zur günstigen Fügung wandeln muß. Denn Sinngebung ist eben wesentlich nicht Ausdeutung, sondern Tatsachenwandlung. Wer die Welt innerlich auf neue Weise versteht, macht sie zugleich äußerlich anders. Hier unterscheidet nur eine Nuance den Weisen vom schöpferischen Staatsmann: steht jener innerlich so erhaben da, daß nichts Äußerliches ihn behelligen kann, so gibt dieser durch gleiche Überlegenheit den Ereignissen, deren überwältigende Mehrzahl er wie jeder andere hinnehmen muß, eine neue Richtung. Von hier aus ermessen wir denn erst ganz, in wie ungeheuerlichem Grad alle bisherige Geschichte eine Serie versäumter Gelegenheiten war.

Nie hat der Mensch auch nur annähernd soviel Überlegenheit, Initiative und Verantwortungsgefühl bewiesen, als, theoretisch betrachtet, möglich gewesen wäre. Aber von hier aus ermessen wir zugleich, wie ungeheure Möglichkeiten sich dem Menschen bieten, wenn ihm einmal vollkommen klar wird, über welche virtuelle Macht er verfügt, welche Verantwortung er trägt, und wenn er daraus die vollen geistigen und moralischen Konsequenzen zieht. Bisher hat er, wie gesagt, fast durchaus gemäß dem anorganischen Prinzip des geringsten Kraftmaßes gewirkt. Doch betrachten wir jetzt, als Gegenbild dazu, zwei historische Erscheinungen entgegengesetzten Geists, die aber beide die Welt verwandelt haben: Jesus Christus und Lenin. Aus den im historischen Exkurs dieses Kapitels angeführten Gründen war die Welt um Christi Geburt zur Aufnahme eines neuen spirituellen Impulses reif, denn die, welche die antike Welt erschufen, hatten sich erschöpft. Auch daß der neue Impuls, sofern er wirksam werden sollte, in emotionalistischer Verkörperung auftreten müßte, war zuständlich vorgebildet. Und daß die allgemeine Richtung möglicher Erneuerung vom Geist her vorauszuwissen war, beweist die breite Front Ähnliches lehrender Neuerer jener Zeit. Aber daß der Westen positiv und einheitlich christlich wurde, das ist einzig das Werk Jesu und seiner großen Nachfolger. Durch sie bildete sich ein ganz bestimmter neuer Geist dem zeitlich Zuständlichen ein; dank ihnen wurde er und kein anderer zu dessen lebendiger Seele. Dank ihnen allein wurde die kompensatorisch-psychologische Veränderung des Zeitgeists zum Körper wahren Fortschritts2.

Und nun Lenin. Es war absolut nicht notwendig, trotz aller Zeitströmungen, daß Rußland bolschewistisch wurde. Es ward es, weil ein supremer Geist mit supremer Kenntnis der erforderlichen psychologischen, logischen und materiellen Mittel das von ihm so und nicht anders Gewollte suprem konsequent der vollendet klar erkannten Wirklichkeit einbildete. Am letzteren Beispiel wird nun vollkommen klar, wie Sinnesverwirklichung überhaupt gelingt. Für Lenins besondere terroristische Methoden trete ich gewiß nicht ein; daß er gerade zu diesen griff und greifen mußte, lag daran, daß sein Geist in hohem Grade ein satanischer war. Aber insofern verfuhr er durchaus sinngemäß; insofern gilt seine Methode, mutatis mutandis, für jede Art Sinnesverwirklichung. Solche gelingt nie anders als mittels nüchternster Realpolitik3. Die Welt ist ein geistig Ding, welches geistig behandelt werden muß. Und dies bedeutet nicht, daß hohe Ideale an sich die mindeste Macht hätten, sondern daß sie nur so verwirklicht werden können, daß dem Sinn aller Erscheinungen in richtigem Gewichtsverhältnis genau Rechnung getragen wird und diese so behandelt werden, daß deren eigene Gesetze das bewirken, was der Geist intendiert, so wie der Elektrotechniker die eigenste Natur des Blitzes in den Dienst der Menschenwohlfahrt stellt. Das Problem des Religionsstifters und Philosophen liegt technisch nicht anders wie das des Naturbeherrschers. Und von hier aus erfassen wir den letzten und tiefsten Grund dessen, warum die Geschichte bisher so wenig mehr als eine Serie versäumter Gelegenheiten war.

Alle ganz großen Geister waren Realisten wie Lenin. Jesu Worte bedeuten, oberflächlich betrachtet, wahre Schatzkammern des nüchternsten gesunden Menschenverstands; tief verstanden jedoch Höchsterscheinungen magischer Ausdruckskunst. Das heißt, sie sind so gefaßt, daß ihr Sinn gemäß den Eigengesetzen von Geist und Seele diese, wo immer er tief genug eindringt, verwandeln muß4; Oberfläche und Tiefe jedoch standen bei ihm in notwendigem Korrespondenzverhältnis. Paulus, Augustin, Luther, Ignaz de Loyola waren insofern weniger realistisch als Jesus, als sie zur realen letzten Tiefe von Geist und Seele kein gleich unmittelbares Verhältnis hatten und die Göttliche Wirklichkeit wohl nur in geringem Grad aus erster Hand kannten; aber sie waren desto realistischer als politische Geister. Sonst hätten sie nichts erreicht. Die meisten hingegen, welche Gutes wollten, waren Idealisten; d. h. sie dienten der Idee ohne Rücksicht auf oder im Gegensatz zur Wirklichkeit, anders gesagt, mit nicht vorhandenen Mitteln. Und damit verkannten sie den eigensten Sinn des Geistigen, dessen Beruf ist, die Erscheinung zu verwandeln. Die große Masse gar erblickte im Dienst an der Idee von jeher eine wirklichkeitsabgewandte Tätigkeit, sie mißtraute von jeher jedem, der die Dinge in der richtigen Perspektive sah, und insofern lag die größte Tragik aller wirklich geistigen Geister wohl darin, daß jenes Vorurteil — im Tiefsten eine Schutzgebärde der Trägen gegenüber der möglichen wandelnden Macht des Geists — sie in ihrer Auswirkung hemmte. Von hier aus ermessen wir denn auch ganz die ungeheuerliche Oberflächlichkeit derer, die sich oder andere tief dünken, insofern sie den Gesetzen der Erscheinung keine Rechnung tragen. Der rein in sich Gekehrte mag dazu unfähig sein, aber er ist deshalb nicht tiefer als der Weltgewaltige, soviel er auch innerlich erleben mag, er ist bloß anders eingestellt, und zwar in bezug auf die Gestaltung der Welt auf unglückliche Art. Ein Jesus war, dank seiner Menschenkenntnis und Ausdruckskunst, einem Northcliffe näher verwandt, trotz aller Gegensätzlichkeit im Letzten, als irgendeinem deutschen Idealisten.

Der Idealismus in seiner heutigen Erscheinung (nicht derjenigen Fichtes!) ist die Weltanschauung der gewollten Ohnmacht, die sich im Schmähen auf die schlechte Welt zur Größe hinaufphantasiert. Eben hier liegen die psychologischen Wurzeln des meisten Schicksalsglaubens sowie der üblichen Form des Glaubens an den großen Mann. Freilich gibt es ein Schicksal. Von der kosmischen Fügung, welche sicher besteht, ganz abgesehen, sind alle mit dem Karma der vergangenen Generationen und ihrer eigenen Handlungen belastet, erfolgt jeder neue freie Entschluß von gegebener zuständlicher Basis aus, so daß insofern jeder sein Schicksal erfüllen muß. Aber wer daraufhin alles dem Schicksal anheimstellt, verzichtet auf das Eine, worin sich die Freiheit des Menschen überhaupt manifestiert, und damit auf das Eine, was er selbst im Sinn der Kosmischen Fügung zu tun hat. In der Freiheit liegt es, durch bestimmte Entscheidung zu bestimmter Zeit dem Geschehen eine neue Richtung und einen neuen Sinn zu geben, und darauf kommt praktisch alles an. Schicksalsglaube und amor fati sind allerdings aller Freiheit Voraussetzung; wer nicht den Mut hat, zunächst die ihn bedingende Wirklichkeit zu akzeptieren, wer sich hinsichtlich ihrer in Illusionen wiegt, dem fehlt die erste Vorbedingung zur Freiheitsbetätigung: Doch das praktisch letzte Wort dürfen jene nicht sein. Wer immer sagt: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, der ist nur dann kein bemitleidenswerter Tropf, wenn sein Müssen den Zwang des tiefsten Geists, der tiefsten Einsicht zum Ausdruck bringt. Hiermit wären wir denn zum falschen Glauben an den großen Mann hinübergelangt. Dessen Größe, wo wirklich vorhanden, beruht darauf, daß er höhere Einsicht verkörpert. Freilich muß er diese verkörpern, nicht bloß theoretisch besitzen, denn nur wenn sie sein ganzes Wesen beseelt, wenn das Wort in ihm zu Fleisch geworden, kann sie lebendig wirken; nur dann steht sie hinter jedem Satz, jedem Schweigen, jedem Tun und jedem Unterlassen; nur dann zeugt sie lebendig in den Seelen anderer fort. Aber er muß eben Einsicht verkörpern.

Es gibt keinen einzigen Fall in der ganzen Menschheitsgeschichte, wo einer sich als Großer bewährt hätte, der nicht der Träger eines geistigen Impulses war. Er brauchte ihn selbst abstrakt nicht zu verstehen, dieser lebte doch in ihm. Sein Müssen war immer vom schöpferischen Geist diktiert. Und gerade auf Grund seiner Einsicht, nicht auf Grund irgendwelcher Gemütsbewegungen, glaubte jeder Große an das Schicksal. Hat ein solcher je den lieben Gott so einfach walten lassen, wie sich’s der gewöhnliche Schicksalsgläubige denkt? O nein, der Große hat immer genau gewußt, daß sich die kosmische Fügung gerade mittels seines Muts zur freien Entscheidung ausdrückt, daß er gerade insofern gegebenenfalls der Mann des Schicksals ist, als dieses sich durch seine Freiheit offenbart. Nie hat der Große höheren Mächten anheimgestellt, was er selbst zu tun vermochte; er hat auch das ihn vernichtende Schicksal, wie Jesus, jedesmal frei erfüllt, wenn nicht wissend, dann doch glaubend, im Sinn des Als-ob der calvinistischen Gnadenwahl. Hierauf kommt alles an. Was aber das Schicksal im Sinn des Karma betrifft, dessen Erfüllung gute neunzig Prozent der Tätigkeit auch des schöpferischsten Geistes ausmacht, so hat jeder Große selbstverständlich mit ihm gerechnet. Kein Großer kam sich je so selbstherrlich und selbstgegründet vor, wie jeder Gemütsmensch es tut, der seine Gefühle, Stimmungen und Leidenschaften als metaphysische Mächte ernst nimmt, um so seine Schwäche und Feigheit zum Zeichen hoher Berufung umdeuten zu können. Jeder Große wußte, daß er als Person auch für sich selbst nicht letzte Instanz ist, daß jene, möge ihr metaphysischer Kern auch ein Ewig-Einziges sein, diesseits dieses nur das Ausdrucksmittel und Organ von Unter- und Überindividuellem zugleich ist; weshalb er das bloß Persönliche in sich und anderen nie ernst nahm, außer in taktischer Hinsicht, und auf dessen Ausschließlichkeit und Einzigkeit, sobald es Über-Privates galt, nie das geringste Gewicht legte. Gewiß liegt nicht allein im initiatorischen Tun, sondern ebenso im Lassen die Möglichkeit zu höchster Größe. Aber dann muß dieses im Sinn und Geiste Buddhas geschehen, der das Leben wirklich ließ, in niemals rastender Anstrengung; solches aber gelingt wieder nur äußerster Nüchternheit und Klarheit. Buddha war, auf seiner Ebene, kein geringerer Realpolitiker wie Lenin und keinem unähnlicher als dem landläufigen sanften Buddhisten.

Ich mußte die Probleme des Schicksals5 und des großen Manns ausführlich behandeln, weil der falsche Glaube an sie die stärkste, weil schwerst zu durchschauende Stütze der Fortschrittsfeindschaft bedeutet. Jetzt dürfte wohl vollkommen einleuchten, daß das Fortschrittsproblem letztlich mit dem Problem der Initiative des Geists zusammenfällt. Von selbst schreitet die Menschheit nur insofern fort, als der Lebensprozeß, an sich ein Sinnhaftes, nur im Richtigen sich erfüllend, wo der bewußte Geist erwachte, dessen natürlicher Anlage gemäß immer wieder geistige Zielsetzungen zu Dominanten erhält. Aber das jeweils Bestmögliche ward bisher selten erkannt; und durchaus fehlte die erforderliche Konsequenz, um es der werdenden Wirklichkeit dauerhaft einzubilden. Deshalb kann man sagen, daß das Menschengeschlecht bis heute seine in ihm liegende Fortschrittsmöglichkeit kaum ausgenutzt hat. Große Erfolge in der Sinnesverwirklichung hat nur der Geist des Bösen gelegentlich erzielt. Er hatte es eben leichter als der Geist des Guten. Ihm dient derselbe Geist der Trägheit gern, der sich dem Fortschritt zum Besseren so fanatisch widersetzt. Seine Gewalttätigkeit mundet ferner dem Masochismus, dieser schwer zu überschätzenden Komponente jeder Seele. Vor allem aber verlangt er keine Selbständigkeit. Das Gute aber ist nur freiwillig zu tun, oder es verliert seinen Sinn.

1Vgl. über den besonderen Sinneszusammenhang, den die Geschichte darstellt, den Vortrag Geschichte als Tragödie im Leuchter 1925 (Werden und Vergehen), und die Studie Vom Interesse der Geschichte in Philosophie als Kunst.
2Den Begriff des einzig wahren Fortschritts — des Fortschritts nicht nach außen, sondern nach innen zu — bestimmt das Kapitel Was wir wollen der Schöpferischen Erkenntnis.
3Vgl. das Kapitel Politik und Weisheit der Schöpferischen Erkenntnis.
4Vgl. die Ausführung dieser Gedanken im Kapitel Jesus der Magier meines Buchs Menschen als Sinnbilder (erscheint im Frühjahr 1926).
5Das Freiheitsproblem in seinem ganzen Umfang behandelt der Tagungszyklus 1925 der Schule der Weisheit, abgedruckt in Gesetz und Freiheit, Band VII des Leuchter, 1926.
Hermann Keyserling
Die neuentstehende Welt · 1926
Das richtig gestellte Fortschrittsproblem
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