Schule des Rades

Hermann Keyserling

Die neuentstehende Welt

Das richtig gestellte Fortschrittsproblem

Freie Initiative des Geistes

Hiermit wäre das Problem des historischen Fortschritts grundsätzlich wohl gelöst; über den Begriff des wesentlichen Fortschritts, der nur den einzelnen betrifft, lese man das Kapitel Was wir wollen der Schöpferischen Erkenntnis nach. Wenden wir uns jetzt zum Zustand und zur Aufgabe dieser Zeit zurück. Die ersten Kapitel zeigten, was ohnehin wird; das zweite ließ uns erkennen, daß der ökumenische Zustand, gegenüber früheren, ein organisch höherstehender ist. Und viele möchten sich dabei beruhigen, daß im ganzen alles von selber besser wird. Deren Erwartung nun haben unseren letzten Betrachtungen jede Grundlage entzogen. Letztlich entscheidet die freie Initiative des Geistes. Lenins Geist hat dem russischen Leben eine Form gegeben, die zunächst das genaue Gegenbild des Himmelreichs auf Erden, nichtsdestoweniger aber eine geistgeborene Lebensform bedeutet, die in Europa noch ohne Gegenspieler ist. Diesem fehlt eben noch der neue sinngebende Impuls. Dies erklärt dessen chaotischen Zustand. Richtungslos strömen Bewegungen und Gegenbewegungen durcheinander. Nicht ganz zwar, denn der bewußte Geist spielt in seinem Leben schon eine so große Rolle, und der mögliche Körper des noch seelenlosen psychischen Organismus ist schon so deutlich vorgebildet, daß alles Vorhandene immerhin als Embryonalphase sinnvoll erscheint und insofern vorausschauende Sinngebung nahelegt. Doch eine positive Sinngebung fehlt noch.

Die Dinge liegen grundsätzlich nicht anders, wie in der Mittelmeerwelt vor bald zweitausend Jahren, bevor der Christusimpuls ihr eine neue Seele schuf. In welchem Verstand allein Durchgeistigung unter den heutigen Voraussetzungen erzielbar ist, sahen wir bereits (vgl. S. 100). Nur Neuverknüpfung von Seele und Geist bei Vertiefung dieses dahin, daß er dem Lebensganzen zum Zentrum würde, kann zum Heil führen. Aber die letzten Betrachtungen über die Bedeutung der geistigen Initiative gestatten eine weitere Präzisierung der Zeitaufgabe. Ist einmal der Geist so ausgebildet und so bewußt geworden, wie er es heute ist, dann trägt der Mensch viel größere Verantwortung als jemals früher. Dann entscheidet seine Freiheit in weit höherem Grad. Fehlblicke, Fehlurteile der Führer früherer Zeiten bedeuteten nicht viel, weil das Unübertragbare im Leben dominierte und der Geist deshalb einerseits wenig erreichen, andererseits auch wenig verderben konnte. Im großen entschied das Schicksal. In der heutigen Welt liegt auf dem übertragbaren der Hauptakzent, und genau wie der Funkspruch in wenigen Sekunden die Weltmeere überfliegt, so löst jeder Gedanke in kürzester Frist alle extensiven wie intensiven Wirkungen aus, die als Möglichkeiten in ihm liegen. Deshalb haben Fehlgedanken so katastrophale Folgen, wie ehedem nur kosmische Katastrophen; Beispiel: der Weltkrieg und dessen Auswirkungen. Deshalb kann andererseits hellsichtige Initiative, mit entsprechender Konsequenz gepaart, in wenigen Jahren Umwälzungen durchführen, die sich sonst kaum in Jahrhunderten vollzogen hätten; Beispiel: die Bolschewisierung Rußlands und deren Ausstrahlung über den ganzen Osten. Hier handelt es sich durchaus nicht um Schicksal, sondern um Werke des Menschengeists, für die er die ganze Verantwortung trägt. Hieraus folgt denn, daß heute die allgemeinen Möglichkeiten zum Guten wie zum Schlimmen unvergleichlich viel größer sind als je früher; und zum Schlimmen: in dieser polar geordneten Welt hängen die Gegensätze notwendig zusammen. Und hieraus folgt weiter, daß ein guter Ausgang der heutigen Krise einerseits mehr im Bereich der Möglichkeit liegt als bei irgendeiner früheren, andererseits ganz davon abhängt, daß der Mensch seine höhere Verantwortung erkennt und deren volle Konsequenzen auf sich nimmt. Dies aber bedeutet vor allem: nur tiefste und klarste Erkenntnis darf bestimmen; nur grundsätzliche Akzentlegung auf die ausschlaggebende Bedeutung des freien Entschlusses darf moralisch gelten; alle Berufung auf Schicksal oder inneren Zwang hat grundsätzlich auszusetzen.

Das Schicksal wirkt sich schon von ihm selber aus; auch Gott lenkt von selber, wie Er’s mag. Der Mensch kann seine Aufgabe jetzt ausschließlich dann erfüllen, wenn er sich ganz und ausschließlich zu seiner Freiheit bekennt. Tiefste Erkenntnis und höchstes Verantwortungsgefühl allein können heute Heil bringen. Insofern bedeuten Illusionen haben und bei Ansichten (im Gegensatz zu Einsichten) Verweilen heute, außer bei vorliegender ignorantia invincibilis, unmittelbar Verbrechen. Die idealgesinnten Kreise, die es anders meinen, und gehörten ihnen die Begabtesten und Edelsten an, zählen heute nur als Schädlinge. Als Schädlinge deshalb, weil sie denen, welche die Initiative des Geists zur Einbildung unerwünschten Sinns in die Wirklichkeit benutzen, durch ihr eigenes Versagen sowohl als das Ablenken derer, die sonst dem Richtigen dienen würden, indirekt Vorschub leisten. Kann denn irgendein nicht vollkommen Unbegabter, der in hohen Stimmungen und Gefühlen schwelgt oder sich an der Rückbesinnung auf klassische Zeiten begeistert und deren Evangelium predigt, ehrlich glauben, daß er einem konsequenten Bolschewistenführer gegenüber eine Macht darstellt? Er kann es nur, wenn er zu träge oder zu feige ist, um die Wirklichkeit, so wie sie ist, zu sehen. Gewiß ist das Geschehen auch durch Nichts-Tun, auf chinesische Art, zu beeinflussen, aber nur dann, wenn dieses klarste Sinneserfassung zur Grundlage hat; niemand, nächst Christus und Buddha, war je nüchterner gesinnt als gerade Laotse. Aber in ihrem heutigen Stadium ist die neuentstehende Welt keine Welt möglichen produktiven Lassens; heute sind die Bolschewistenführer die Schrittmacher. Nur der diesen geistig und willensmäßig Gleichwertige hat darum historische Zukunft; nur er kann gerade in der heranbrechenden Ökumene irgend etwas bedeuten. Denn wegen ihrer Weite und der Vielfältigkeit der Beziehungen, die ihr lebendiges Nervensystem bezeichnen, kann nur der allüberschauende, höchst schnelle und suprem willensmächtige Geist in ihr eine Rolle spielen. Damit sage ich an sich nichts weder gegen die in sich gekehrten Geister, noch auch die Stillen im Lande.

Nach wie vor werden jene die tiefsten persönlichen Erlebnisse haben und die reifsten Schöpfungen austragen, das ist des Introvertierten organisches Privileg; diese als Kitt für die Erhaltung der geistigen Güter sorgen. Aber über das historische Schicksal werden sie nicht mitentscheiden. Gemäß der Symbolik der Geschichte (siehe das betreffende Kapitel der Schöpferischen Erkenntnis) entscheiden darüber jeweils nur die, deren Anlage den Anforderungen der Zeit entspricht. Damit gelange ich denn zum lebendigen Typus, der allein den möglichen Höherbau verwirklichen kann. Wir sahen, daß jede Kultur und jeder Zustand an einem repräsentativen Typus ihren Träger hat. Der bestimmende Massen-Typus dieser Zeit ist der Chauffeur. Dessen geborener Führer hat den Typus der heutigen Bolschewisten- und Fascistenhäuptlinge. Aber die mögliche höhere Kultur wird diese Armee nicht schaffen. Der erdumspannende Organismus der Ökumene kann ohne den Umweg jahrhundertelanger Rückbildungsperioden nur dann zu einem Kulturorganismus werden, wenn die Teile desselben, die ich im zweiten Kapitel als die lebendige Opposition schilderte, sich zum Träger des neuen Sinns hinaufentwickeln, der als Grundton auch die Chauffeur-Welt auf sich zurückzubeziehen fähig wäre.

Ich zeigte bereits, wie auf dem ganzen Erdenrund ein unwillkürlicher Zusammenschluß aller derer erfolgt, die im Bewußtsein der Sinnlosigkeit der heutigen Welt nach neuer Sinngebung streben; sie finden sich gleichsinnig innerhalb aller Nationen, Religionen und Konfessionen; daher die universalistischen Bestrebungen aller religiösen Verbände. Aber mit dem Vereinigungsstreben an sich ist nichts getan. Der Tiefes wollende und vertretende Teil des Menschen­geschlechts befindet sich heute in der Stellung einer machtlosen Minorität, wie vielleicht nie vorher. Die allgemeine Signatur dieses Zeitalters ist eine materialistische und antireligiöse. Sind die Gebildeten über den Materialismus hinaus, so münden die Massen eben jetzt in ihn ein. Und soweit die Zahl vermag — und in diesem Zeitalter vermag sie mehr als je vorher — müssen sie vorläufig die Oberhand gewinnen. Die Eliten haben zu viele Fehler begangen, zu viel Blindheit bewiesen, als daß dies noch zu umgehen wäre. Da gilt es denn alle Kraft daranzusetzen, damit innerhalb der Eliten baldmöglichst ein Typus bestimmend werde, der als Träger und Verkörperung eines Sinns, der alles Leben neu zu beleben fähig wäre, d. h. die Tiefe sowohl als die Oberfläche, den Metaphysiker sowohl als den Chauffeur, unwillkürlich allgemeine Werbekraft ausübte. Der ist nun gegenüber den früher vorherrschenden Geistestypen ein ebenso Neues, wie der Chauffeur ein Neues ist. Er muß ebenso schnell sein wie tief, ebenso psychologisch wie metaphysisch bewußt, ebenso realpolitisch wie sinnerfassend; er muß das neue Ideal der Weltüberlegenheit verkörpern1. Insofern wäre er allen bisherigen Typen absolut überlegen, als er nicht einseitig, sondern allseitig wäre, nicht ausschließlich geistig oder heilig, sondern ebenso weltgewaltig wie tief, die ganze Weite und Spannung möglichen Menschenwesens in sich zur Einheit integrierend. Diesen Typus heranzuzüchten, ist Europas fällige historische Aufgabe. Diesen Typus: nicht etwa einer gegebenen Rasse, und sei es die nordische, zur erneuten Vormacht zu verhelfen.

So wichtig das Blut, und so ermutigenswert insofern der biologische Zuchtgedanke sei — die Fragestellung, die in der Rassenreinheit an sich das Ziel sieht, ist grundverkehrt. Der Rassegedanke hat nur insofern historische Zukunft, als er innerhalb der Rassen, die sich als höherwertig erweisen, solche Zuchtwahl einleitet, daß sie den Anforderungen des neuen Zeitgeists biologisch gewachsen würden. Über die Bedeutsamkeit entscheidet der geistige Typus allein. Ein Siegfried wäre heute kaum mehr zum Unteroffizier geeignet. Ist die nordische Rasse nicht fähig, im Zusammenhang des neuen Zeitgeistes zu herrschen, so wie er es erfordert, nun, so wird sie, trotz aller Vorurteile, an Bedeutung einbüßen, wie dies schon mit vielen vormals herrschenden Rassen geschah, und wird dies dann nicht zu schlimmem, sondern zu gutem Ende erfolgen. — Europas Aufgabe ist es, noch einmal, den neuen bestimmenden Kultur-Typus heranzuzüchten. Als materielle Vormacht hat es ausgespielt. Aber andererseits ist es über den Zustand, in dem der Chauffeur und dessen Häuptling endgültig in ihm bestimmen könnte, psychologisch hinaus. Hier sind auch die Massen über die Möglichkeit eines bestimmenden Materialismus grundsätzlich hinausgewachsen. So spielt Europa denn heute, sofern man überhaupt vergleichen darf, die gleiche historische Rolle, die Palästina im Rahmen des römischen Weltreichs spielte. Heute steht das geistliche Licht nicht mehr vom Osten zu erwarten; fortan wird dieser zum Träger und Sinnbild des Materialismus werden, so tiefgesinnte Minoritäten auch er weiter beherbergen möge. Heute kann es nur mehr im kleingewordenen, geschwächten Europa aufleuchten. Hier stellen sich heute alle menschheitswichtigen Probleme. Hier allein kann der neue Sinn als historische Macht geboren werden. Und dies nicht allein, weil hier die Problematik der Sinneserfassung schon akut ist, sondern auch aus zwei empirischen Gründen: erstens ist die technisch-intellektuelle Seite schon voll ausgebildet und bietet deshalb kein Problem mehr; insofern ist der Körper zur Neubeseelung schon reif, was weder von Rußland noch erst recht vom Osten gilt. Dann aber ist der ökumenische Zustand der spannungsreichste der bisherigen Menschheitsgeschichte; dessen Führer müssen folglich mehr Spannungen in sich verkörpern, in sich zu ertragen fähig sein, als irgendein früherer Mensch, und der Vielfältigkeit und Gegensätzlichkeit dieser Spannungen gewachsen ist heute allein der Europäer. So ist denn Europa das Palästina der neuentstehenden Welt. Zunächst ist es nur deren Laboratorium. Es kann zu deren Kulturvorbild, zuletzt zum bestimmenden Mittelpunkt erwachsen.

Es kann in Zukunft mehr bedeuten, als es je bedeutet hat. Zunächst hat es inmitten der neuen Völkerwanderung das Heilige Feuer des metaphysischen und religiösen Geistes zu hüten, wie es bei der ersten Völkerwanderung die Klöster taten. Seine wahre und letzte Sendung ist aber nicht etwa die, die Gegen-Welt zur materialistischen Sowjetwelt zu erschaffen, dem Satanischen das Göttliche entgegenzuhalten, wie manche meinen, sondern, extrem ausgedrückt, einen inneren Mittelpunkt zu gewinnen, der sowohl das Göttliche als das Teuflische im Menschen von jenem her zu beherrschen gestattete. Denn nur die neue, höhere Synthese der Weltüberlegenheit hat historische Zukunft; auch das Reich des bloß Heiligen liegt unwiederbringlich hinter uns. Wer aber dieses Eine, was not tut, die neue, höhere Synthese, in und für sich erreichte, der hat das Wichtigste getan, was in den nächsten Jahrhunderten überhaupt zu leisten ist. Und der hat es für alle getan.

… Doch es braucht nicht so zukommen; und kommt es anders, dann geht Europa als Bedeutungsträger unter. Größte Möglichkeiten bedingen immer entsprechende Gefahren. Damit gelange ich denn zur Forderung zurück, daß fortan nur tiefste Geistigkeit, gepaart mit nüchternster Klarheit und eherner Konsequenz in Europa bestimmen darf. In der ehernen neuentstehenden Welt kann auch der Geistesträger nur als Ritter Bedeutung erlangen. Aus geistigem Nebel bildet sich dieses Mal kein tanzender Stern. Alle frommen Erwartungen weicher Seelen werden getäuscht werden, alles bloße Erleben wird seine historische Bedeutungslosigkeit erweisen. Ich weiß es wohl, diese Feststellungen hören gerade viele Geistige nicht gern. Sich umzustellen, Gewohntes zu verleugnen, Neues zu wollen, ist unangenehm, gehegten Illusionen zu entsagen, schmerzlich. So viel bequemer wäre es doch, wenn bald ein Erlöser käme, der dem Einzelnen alles abnähme, oder wenn eine neue Theorie ein neues weiches Kissen zum Weiterschlafen schüfe, oder wenn das Schicksal alles von selbst in Ordnung brächte, oder wenn gefühlsmäßiges Erleben in trautem Kreis an sich schon die Welt erneuern könnte. Die Dinge liegen heute anders, als gerade viele Geistige wahrhaben möchten. Gerade ihnen muß die neuentstehende Welt, so wie sie wirklich ist, in der Seele zuwider sein, und erst recht der Typus ihrer prädestinierten Führer. Wieder erschallt, in zeitgemäßer Fassung, allenthalben der alte Ruf: Was kann von Nazareth Gutes kommen? — Inwiefern heute nur schlichte klare Weisheit Heil bringen kann, soll das Schlußkapitel zeigen.

1Siehe die genaue Beschreibung dieses Typus im Kapitel Weltüberlegenheit der Schöpferischen Erkenntnis.
Hermann Keyserling
Die neuentstehende Welt · 1926
Das richtig gestellte Fortschrittsproblem
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