Schule des Rades

Hermann Keyserling

Die neuentstehende Welt

Philosophie und Weisheit

Über-Journalisten

Nur scharfe klare Erkenntnis kann unserer Zeit zum Heil werden. Deshalb kein neues Lebensgefühl, auch keine Religion an sich. Erkenntnis allein verändert. Ging die Wandlung, welche der Christus-Impuls innerhalb der westlichen Menschheit einleitete, von einer neuen Art Liebe aus, so doch nur deshalb, weil diese der unter den damaligen psychologischen Voraussetzungen geeignetste Körper tieferen Verstehens war. Denn Gefühle sind der Fernwirkung unfähig; nur in Form der Ansteckung sind sie übertragbar, und solche reicht nie über einen engen Kreis hinaus. Was nun von jeher galt, gilt von unserer Zeit im höchsten Grad. Dem heutigen intellektualisierten, unerhört verstehensfähigen Zustand entspricht als Körper eines geistigen Impulses nur mehr ein Geisteskörper. Und mag sich hierüber, in Anbetracht der weiten Kreise, die dies zunächst nicht einsehen, insofern streiten lassen — daß nur die übertragbarste Form das gemeinte Ziel erreichen kann, ist sicher. Denn nur sie wirkt schnell genug. Auf Geschwindigkeit aber kommt deshalb alles an, weil der Gegen-Geist dessen, der allein wahre Kultur neu aufbauen kann, die Vorteile der sofortigen Übertragbarkeit des Geistigen mit vollendeter Meisterschaft nutzt. Wer diesen verwirklichen will, darf die Mittel möglicher Sinnesverwirklichung nicht schlechter beherrschen als jener. Der muß die Gesetze der psychologischen Behandlung, des magischen Ausdrucks, der möglichen Fernwirkung überhaupt vollkommen meistern. Die folgende Erwägung dürfte dies ganz einleuchtend machen.

Der eigentliche Vermittler des Geistigen ist heute nicht der Schreiber dicker Bücher, sondern der Journalist. Dieser Tatsache glauben die meisten dadurch genügend Rücksicht zuteil werden zu lassen, daß sie dieselbe bedauern. Damit beweisen sie jedoch sträfliche Oberflächlichkeit. Wohl dient die journalistische Technik bisher nur selten dem besten Geist. Doch dies ändert nichts daran, daß sie die Technik ist, die heute am meisten vermag. Zum Lesen von Wälzern haben die wenigsten Zeit und Lust. Ihnen muß das Wissenswerte in möglichst kurzer und prägnanter Fassung vorgetragen werden, damit es in sie eingehe. Und zwar beweist dieser Umstand an sich nicht Oberflächlichkeit der Leser, sondern höhere Geistesentwicklung. Wer aus zwei Worten ermißt, worauf es ankommt, ist dem, welcher langstieliger Auseinandersetzungen dazu bedarf, ebenso absolut überlegen, wie der des prägnanten Ausdrucksfähige dem Umständlichen. Daß die journalistische Anlage an sich keine Minderwertigkeit beweist, geht aus der einen Tatsache hervor, daß alle großen Staatsmänner ohne Ausnahme in der Behandlung der Massen auf journalistische Methode Meister waren und daß die fähigsten Lenker dieser Zeit aus dem Journalismus hervorgingen. Die betreffende Anlage bedeutet an sich nur die Fähigkeit zu kurzem, treffendem und wirkungsfähigem Ausdruck. Was anderes nun kennzeichnet die wirkungskräftigsten unter den tiefen Geistern aller Zeiten, ob sie nun Könige waren oder Weise, als eben diese Gabe? Waren sie nicht alle insofern nicht zwar Journalisten, wohl aber Über-Journalisten? Unter den heutigen Geschwindigkeitsverhältnissen, wo alle Vertreter des Schlechten dem neuen Geisteszustand mit Meisterschaft Rechnung tragen, kann jedenfalls nur der Über-Journalist im Guten Bedeutendes erreichen. Was Jesu, Laotse, Heraklit und Nietzsche auszeichnet, muß dem Vertreter des Geists, der heute führen will, im höchsten Grade eignen. Deshalb beweist es vollendetes Mißverstehen, wenn einer, weil nur Erkenntnis die heutige Welt erlösen kann, deshalb erwartet, neuen philosophischen Systemen oder Theorien oder überhaupt dicken Büchern, die nichts unausgesprochen lassen, käme in Zukunft erhöhte Bedeutung zu. Im Gegenteil: solche Arbeiten werden im großen immer weniger bedeuten; sie werden fortan nur das Material vorbereiten für des magischen Ausdrucks mächtige. Ihre historische Stunde ist um. Und zwar ist sie nicht etwa deshalb um, weil Geist in Zukunft weniger ernst genommen werden würde als bisher, sondern weil Geist mehr bedeuten und deshalb besser als früher verstanden werden wird, was Geist eigentlich ist. Das Zeitalter vorherrschender Theorie war nämlich letzten Endes ein Zeitalter des mißverstandenen Geists. Die Sinnesverwirklichung vom Geist her verlangt eine grundsätzlich andere Einstellung, als die des wissenschaftlichen Zeitalters. Dies klarzumachen, ist die Aufgabe unseres letzten Kapitels.

Hermann Keyserling
Die neuentstehende Welt · 1926
Philosophie und Weisheit
© 1998- Schule des Rades
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