Schule des Rades

Hermann Keyserling

Die neuentstehende Welt

Der Weg zur Zukunftskultur

Ökumenische Menschheitskultur

Was wir bisher schilderten, war der allgemeine psychologische Zustand. Daß dieser alles eher als ein Kulturzustand ist, liegt auf der Hand. Und auf lange hinaus wird Kultur auf Erden zweifellos unmöglich sein. Trotzdem liegen im neuen Zuständlichen auch schon die Vorbedingungen der neuen möglichen Kultur enthalten. Wir brauchen bloß, geometrisch gesprochen, die Linien zu verlängern, um uns davon ein grundsätzlich zutreffendes Bild zu machen. Greifen wir auf die drei Hauptmomente zurück, welche das Ende der alten Kulturen herbeigeführt haben oder herbeiführen, die Technik, die Verstandesentwicklung überhaupt und das Sinnlosgewordensein des Lebens in seiner bisherigen Gestaltung. Zum ersten: Wenn die Technik ein wesentlich Selbstverständliches ist, dann wird sie irgendeinmal auch faktisch als selbstverständlich gelten müssen, denn jedes gelöste Problem ist damit für das Bewußtsein erledigt; und dies bedeutet, daß die Technik das menschliche Interesse dann kaum mehr bannen wird. Schon heute bedeutet sie, trotz ihrer größeren Ausbreitung, im Westen nicht annähernd mehr so viel, wie vor 20 Jahren. Ihr Überraschungscharakter ist hin und wird nie wiederkehren, selbst wenn sich einmal die Möglichkeit erwiese, den Mond auf die Erde herunterzuholen, denn grundsätzlich ist alles fortan Erzielbare vorauszusehen. Praktisch müssen deshalb die jüngsten technischen Errungenschaften gar bald das gleiche Schicksal erleiden, wie seinerzeit das Fahrrad: nachdem es ursprünglich nur Herrenfahrer gab, ist dieses Fortbewegungsmittel heute kein Mittel mehr, um Auszeichnung zu erringen, und nur was auszeichnen kann, ist mögliches Ehrgeiz-Ziel. Nachdem nun alles Technische einmal, wie dies nicht ausbleiben kann, im gleichen Sinne selbstverständlich geworden ist, dann wird es dem Geist das gleiche und nicht mehr bedeuten, wie ehedem das Material, aus welchem die Technik schuf; dann werden ihre Errungenschaften zur an sich unbeachteten Grundlage jedes späteren Zustands geworden sein. Damit aber wird die heute beliebte Gegenüberstellung von Zivilisation und Kultur ihren Sinn verloren haben, denn das jener Eigentümliche wird zur Voraussetzung alles Lebens geworden sein. Und damit wird sich die Ebene aller Problemstellungen verschoben haben, und zwar überall nach oben zu — denn darüber besteht kein Zweifel, daß der Mensch als Naturbeherrscher mehr ist, denn als Naturunterworfener. — Gleiches gilt von der Verstandesentwicklung überhaupt. Verstandesprobleme können nur so lange das vitale Hauptinteresse bannen, als einerseits deren Lösungen problematisch erscheinen und andererseits die Überzeugung herrscht, daß der Verstand alle Probleme lösen kann und in letzter Instanz entscheidet. Diese kann auch innerhalb der Massen nicht lange währen, so sehr sie hinter den Eliten zurück sind, und zwar aus zwei Gründen nicht. Erstens sind jeder Verstandeserkenntnis ihre sämtlichen möglichen Fortentwicklungen immanent, weshalb diese überaus schnell erfaßt werden. Zweitens macht die ausschließliche Akzentlegung auf das Intellektuelle indirekt besonders schnell bewußt, daß seine Sphäre nicht die Gesamtheit des Lebens einschließt und sogar das Wichtigste ausschließt, denn das aus dem Bewußtsein Verdrängte beweist seinen Realitätscharakter nun desto unheimlicher durch das irrationale und unaufhaltsame Wirken des Unbewußten. So steht schon diese Zeit im weitesten Maß im Zeichen von Versuchen, das Bewußtsein auf den wahren Lebensmittelpunkt zurückzuzentrieren. Solange diese in Form von Reaktionsbewegungen erfolgen, ist wenig erreicht; weder das neuerwachte russische Ur-Christentum noch das primitive der Amerikaner, noch auch die unverjüngte katholische Kirche hat historische Zukunft, weil die zeitweilige Areligiosität eine reale Veränderung der Psyche zur Ursache hat, die zu verjährten Formen unmöglich eine lebendige Beziehung im Sinne zukunftsgewandten Lebens finden kann. Aber früh oder spät müssen die metaphysischen und religiösen Bewegungen, welche dem neuen Zustand Rechnung tragen, über den reaktionären die Oberhand gewinnen. Hat aber die Psyche auf diese Weise ihre einzig richtige Einstellung wiedererlangt, ist ein neuer Zusammenhang zwischen Tiefe und Oberfläche erschaffen, hat alles Extreme sich totgelaufen — nun, dann wird Kultur im eingangs bestimmten Sinn von Lebensform als unmittelbarer Geistesausdruck wieder möglich werden. Und zwar in einem umfassenderen Verstand als je bisher. Denn dann wird es sich um eine ökumenische oder Menschheitskultur handeln. Partikuläre Kulturen im überkommenen Sinn sind fortan ausgeschlossen, weil das Übertragbare gegenüber dem Ausschließlichen für immer die Oberhand gewonnen hat. Aber eine Menschheitskultur wird dann genau aus den gleichen Ursachen möglich werden, die Kultur überhaupt zunächst unmöglich machen. Dann wird sich der Geist mittels der verstandesmäßig erkannten und technisch beherrschten Natur ebenso unmittelbar ausdrücken können, wie in vergangenen Zeiten mit anderen Mitteln. Dann wird die Menschheit wieder religiös werden. Dann wird es auch wieder große Kunst geben können. Heute kann es solche nicht geben, so viele Künstlertalente geboren und ausgebildet werden, weil Kunst als Wesensausdruck bestehende Kultur voraussetzt. Sie ist ihrer Natur nach sekundärer Kulturausdruck; Kulturbildner sind nur Religionsstifter, Philosophen und Staatsmänner. Wer im Vorurteil der kulturbildenden Kunst befangen ist, bedenke nur das eine, daß der Künstler weiblich geartet ist, nur auf Anregungen hin schafft, oder jemand dem zuliebe, und dieses zwar so sehr, daß oft schwer zu entscheiden ist, wer an der Schöpfung großer Kunstwerke mehr beteiligt war, der Künstler oder der Mäzenat. Dieser als Förderer des Neuen erscheint aber im großen Stile immer erst dann, wenn Kunst wesentlicher Zeitausdruck und insofern bedeutsam ist. Heute bedeutet nur eine Art Kunst überhaupt etwas: die des Chauffeurs; die futuristische Malerei und die Jazz-Bande. Doch die ist ein Vor-Kulturelles.

Der Impuls zur Kultur stammt allerdings aus besonderer Geistessphäre; in der natürlichen Entwicklung liegt ihre Entstehung nie. Das dritte Kapitel wird zeigen, inwiefern eine Höherbildung der Menschheit trotz alles Ausgeführten niemals notwendig ist. Aber das im Zusammenhang dieses Kapitels Entscheidende ist, daß ein geistiger Impuls unmöglich eingreifen kann, bevor die Vorbedingungen dazu in der Sphäre des Ausdrucks, der Erscheinung, erschaffen wurden; bevor, religiös gesprochen, die Zeit erfüllt ist. Die Vorbedingungen zur Bildung einer neuen, höheren Kultur sind aber andererseits identisch mit den Ursachen des Untergangs der alten.

Hermann Keyserling
Die neuentstehende Welt · 1926
Der Weg zur Zukunftskultur
© 1998- Schule des Rades
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