Schule des Rades

Hermann Keyserling

Die neuentstehende Welt

Der Sinn des ökumenischen Zustands

Die neue Einheit

Es wird noch manches Jahrhundert hingehen, bevor die Gesetze der Menschheitsentwicklung einigermaßen erkannt sind. Heute läßt sich mit Sicherheit nur soviel sagen, daß sie durch nicht weniger als drei interferierende, aber für sich selbständige Kausalreihen bedingt wird: kosmische Einflüsse, Vererbung und geistgeborene Selbstbestimmung. Unter kosmischen Einflüssen fasse ich alles das zusammen, was irgendwie unter den alten Milieubegriff fällt; sowohl die Einflüsse, deren Niederschlag die Geologie zur Unterscheidung von Epochen veranlaßt, als das Klima jedes Erdstrichs, als das, was Frobenius unter Kulturkreis versteht, als die Zeitgrenzen, welche die allgemeine Naturordnung der Dauer jedes Sonderzustands setzt, somit das Spenglersche Schicksal, als endlich die göttliche Vorsehung, soweit diese nicht Geistiges betrifft und nicht durch die Subjekte der Menschen hindurchwirkt. Hier genauer zu unterscheiden, sind wir, sofern wir gewagte Hypothesen vermeiden wollen, noch nicht imstande. Unter Vererbung verstehe ich Blutübertragung sowohl als Tradition. Beim historisch betrachteten Menschen ist die Synthese von beiden die eigentliche Vererbungswirklichkeit, denn die ererbte geistige Einstellung und das ererbte Niveau hängen zur guten Hälfte von der Kinderstube ab. Sobald die Tradition abreißt, stirbt, wie wir sahen, der geistig-seelische Typus aus, mag das Blut in noch so großer Reinheit fortleben. Was aber wiederum nicht so verstanden werden darf, als sei die Erziehung alles; diese Annahme hat die Erfahrung des letzten Jahrhunderts gründlich widerlegt. Es bilden vielmehr Blut und Tradition eine vom Kulturstandpunkt unauflösliche Einheit. Frühere Zeiten unterschieden sehr wohl zwischen geistiger Vaterschaft und bloßer Bildung1. Während diese immer ein Äußerliches bleibt, bedingt jene den Charakter der Seele ebenso zwingend, wie das Bluterbe die Anlagen.

Kulturgeschichte nun gibt es ausschließlich auf Grund des organischen Zusammenwirkens von physischer und psychischer Tradition. Die Gültigkeit dieser Auffassung ist übrigens durch die folgende allgemeine Erwägung grundsätzlich zu erweisen. Nachdem Bergson die objektive Wirklichkeit der Erinnerung oder vielmehr des Erinnerten kritisch begründet hat, besteht nicht allein keine prinzipielle Schwierigkeit, das anorganische Gedächtnis Herings und Semons Mneme mit dem objektiv existenten kollektiven Unbewußten zusammenzudenken, welches Jung erforscht, und dergestalt die Vererbung im üblichen besonderen Verstand unter den Allgemeinbegriff der kosmischen Erinnerung zu subsumieren: deren Begriff allein entspricht dem primär gegebenen, während die üblichen einem Abstraktionsprozeß ihren Ursprung danken. Die Zeit ist ein allgemein Wirkliches im Sinn von Bergsons durée réelle. In der Welt des Psychischen geht ebensowenig je etwas verloren wie in der des Physischen. — Die Kausalreihe geistgeborener Selbstbestimmung brauche ich hier nicht näher zu erörtern: unter sie fällt alles Historische und Kulturelle, soweit es den initiatorischen Geist oder die schöpferische Phantasie, also das freie individuelle Subjekt, zum Ursprung hat.

Die genannten drei großen Kausalreihen sind in ständiger Interferenz begriffen, so daß man wohl sagen kann, jede kosmische Situation sei vom Menschenstandpunkt aus nur durch drei Koordinaten auf einmal zu bestimmen. Aber je nach den Umständen liegt auf der einen oder anderen das Übergewicht. In der vorhistorischen Zeit galt und gilt dies von den kosmischen Einflüssen. Im Anfang der Geschichte galt gleiches von der Vererbung. Je mehr nun das Bewußtsein erwacht, desto entscheidender wird der Faktor der Geistesfreiheit. Deshalb hat Spengler desto weniger Recht, je geistigere Menschheitszustände er betrachtet; daß man heute z. B. aus kulturmorphologischen Gründen nur das von ihm Prophezeite wollen könne oder nichts, ist eine völlig irrtümliche Annahme. Deshalb bedeutet auch der Tatbestand, welcher Frobenius’ Kulturkreisbegriff zugrunde liegt und dessen Wirklichkeit ich für erwiesen halte, immer weniger. Gesetzt z. B., dieser Forscher hätte mit seiner Annahme recht, daß Deutschland fortan seinen Zusammenhang mit dem matriarchalischen Westen lösen und eine neue Einheit mit dem patriarchalischen Osten eingehen werde: der kulturmorphologische Tatbestand wird keinesfalls der wichtigste sein. Wichtiger ist die neue Einheit, welche die Umzentrierung des psychischen Organismus aller Menschen auf das Übertragbare erschuf und die aus nicht kulturmorphologischen Gründen auf dem eurasiatischen Kontinent eine Zweiteilung in Ost und West er, fahren muß. In diesem Kapitel möchte ich nun in großen Zügen zeigen, inwiefern der neue Zustand einen absoluten Fortschritt bedeuten kann, und damit die Betrachtungen des vorhergehenden soweit zum Abschluß bringen, als die Natur des Problems es gestattet.

1Vgl. über den richtigen Begriff der Geisteskindschaft das gleichnamige Kapitel von Wiedergeburt.
Hermann Keyserling
Die neuentstehende Welt · 1926
Der Sinn des ökumenischen Zustands
© 1998- Schule des Rades
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