Schule des Rades

Hermann Keyserling

Die neuentstehende Welt

Der Sinn des ökumenischen Zustands

Vereinheitlichung der Menschheit

So wird denn der ökumenische Zustand, dessen Entstehungsweg das erste Kapitel beschrieb, in seinem Endausdruck gewiß ein noch gespannterer und farbigerer sein als der unseres Mittelalters; und dies zwar gerade wegen seines universellen Charakters. Denn jede starke Bewegung ruft reflektorisch entsprechende Gegenbewegungen wach, jede Vereinheitlichung kompensatorische Unterschiedsbetonung. Der Widerspruchsgeist ist recht eigentlich der Nerv des Lebens. Alles Lebendige will eben weiterleben. Herrscht ein universalistischer Zeitgeist, so vitalisiert dieser gleichzeitig das Ausschließliche; liegt auf dem übertragbaren der Bedeutungsakzent, so gibt eben dies dem Irrationalen gesteigerte Kraft. Gehen wir jetzt den sich eröffnenden Perspektiven noch mehr ins Einzelne nach. Ich zeigte, daß bei den Völkern die mögliche Größe des Einzelnen der Unzulänglichkeit des Ganzen erfahrungsmäßig proportional ist. Gleichsinnig entspricht die Härte des russischen Führertyps der Weichheit der russischen Masse, der pathische Subjektivismus eines Teils der Deutschen der vorherrschenden Sachlichkeit. Das gleiche Urgesetz kann nicht umhin, zu bedingen, daß die künftige Vereinheitlichung der Menschheit zu einer in der Geschichte unerhörten Hochentwicklung und Bedeutungssteigerung des Individuums führen muß, sonach einer Universalisierung und Intensivierung zugleich des cäsaristischen Phänomens. Man vergleiche die, welche heute die Entwicklung wirklich lenken, die Bolschewistenhäuptlinge, Mussolini, im Westen die großen Wirtschaftsführer, mit den Lenkern der Vorkriegszeit: schon sie, obschon wir erst am Anfang des Prozesses stehen, sind diesen an Intuition und folglich allgemein geistig weit überlegen. Große Zusammenhänge können eben nur große Geister übersehen. Da kleine es nicht können, so werden solche, wo sie sich noch am Ruder befinden, unaufhaltsam abwirtschaften; die Not der Zeit wird auf die Dauer zwangsläufig überall den großen Begabungen zur unbestrittenen Vorherrschaft verhelfen, und dies trotz allen Neids, genau wie in Rußland die Not größte Begabungen, die sich sonst selbstverständlich befehdet hätten, zu gemeinsamem Werk vereinigt hat. Dieser Prozeß kann auf die Dauer weiter nicht umhin, zu einer molekularen Umlagerung der Gesamtheit zu führen, die in eine Neuordnung alles Lebens auf Grund des Qualitätsgedankens einmünden muß. Damit gelangen wir von einer neuen Seite her zur Feststellung, daß die demokratische Ära, im großen betrachtet, hinter uns liegt. In früheren Schriften begründete ich dies folgendermaßen.

Sobald eine Bewegung ihr Ziel erreicht hat, ist sie am Ende. So ist gerade deshalb, weil der demokratische Gedanke im Weltkriege gesiegt hat, überall eine neue aristokratische Ordnung im Entstehen. Fascismus und Bolschewismus, beides extrem aristokratische Systeme, beweisen dadurch, daß jener von einem gewesenen Sozialisten geführt wird und dieser ein marxistisches Gewand trägt, besonders deutlich, daß es sich bei der Bildung der neuen Aristokratien um die geschichtslogische Folge der erschöpften demokratischen Bewegung handelt. In Amerika, dessen Geschichte von der Europas abweicht, erweist sich das gleiche Gesetz des historischen Kontrapunkts darin, daß dort, wo Abstammung von Hause aus nichts bedeutete, der Grundgedanke unserer mittelalterlichen Ordnung in neuer Form zur Geltung gelangt. Hier liegt der Sinn der Eugenik. Den Zugang zu ihr hat die dortige öffentliche Meinung vor allem durch den intelligence test gefunden, dem alle Rekruten des Weltkriegs unterworfen wurden. Nachdem dieses Examen, das nach dem Maßstab der Normalbegabung bestimmter Lebensalter, wenn ich mich recht erinnere, des sechsten, neunten, dreizehnten und sechzehnten Jahrs, verfuhr, erwiesen hatte, daß die überzahl der Amerikaner unter dreizehn Jahre alt ist, und daß höhere Begabung von besserem Bluterbe abhängt, ist das baldige Ende des Gleichheitsglaubens mit allen seinen Folgerungen für dort gewiß. Bei allen heutigen Ansätzen zu einer neuen Aristokratie bewegt sich die Entwicklung freilich noch im Geist des mechanistischen Könnens-Gedankens. Ihr Endausdruck aber kann unmöglich ein anderer sein als der, daß der Nachdruck vom Können ganz aufs Sein verlegt wird, denn letztlich fußt im Charakter aller Wert. Als bloße Könnenskultur geht ja die unsrige zugrunde1.

Das künftige Fachmanntum wird also wieder charismatisch sein; das heißt, man wird in jedem Falle wieder die Frage des wer der nach dem was voranstellen, nicht in der Sache, sondern im Menschen, der sie tut, das Entscheidende sehen. Damit aber wird dem Sinn nach eine Wiedergeburt des altindischen Kastengedankens in die Erscheinung treten. Niemandem wird mehr eine Betätigung zugestanden werden, zu der er nicht geboren ward. Und diese Wiedergeburt des alten Kastengedankens wird sich gewiß, nachdem die Menschheitseinheit zur historischen Wirklichkeit geworden, auch innerhalb der Völkergemeinschaft manifestieren. Daß die Kastenordnung auf völkischer Grundlage nicht sinnlos ist, erwiesen einmal Indien und unser Mittelalter, erweist heute Nordamerika, wo die Sonderanlage jedes Volks gerade wegen des freien Wettbewerbs in bestimmten Schichtungen zum Ausdruck kommt, die man nur deshalb nicht als bestimmend anerkennt, weil man sie nicht anerkennen will. Hat nun der Gedanke eines auf Sein basierten Fachmanntums in der Menschheitsvorstellung gesiegt, dann werden auch die Völker sich, in den großen Zügen, begabungsmäßig schichten. Keines wird mehr seinen Hauptehrgeiz darein setzen, was andere besseres können; jedes wird vorwiegend das tun, wozu es am besten taugt. —

So schrieb ich in früheren Zusammenhängen. Die Gedankengänge dieser Schrift erweisen nun die Richtigkeit der gegebenen Prognose aus anderen Kausalreihen. Ich sage ausdrücklich Richtigkeit, nicht bloß Wahrscheinlichkeit: bei meinen Prophetien handelt es sich um keine Mutmaßungen darüber, was auch anders werden kann, sondern um die Antizipation vom Sinn her der psychologisch notwendigen Folgeerscheinungen des schon heute historisch Wirklichen. Innerhalb jeder aus selbständigen Teilen bestehenden lebendigen Einheit vollzieht sich, sofern das Leben aufsteigt, zwangsläufig Gleiches wie in der einzelnen, denn Kollektive und Einzelseelen sind durchaus analog. Es stellt sich gar nicht die Frage, ob die Menschen fortan Qualität, im Gegensatz zur Quantität, wieder anerkennen wollen; sie werden es tun müssen, sofern sie weiterleben wollen, und der Selbsterhaltungstrieb ist überall letzte Instanz. Wie kein Recht standhält, das sich nicht behaupten kann, und wie es sich nur dort behauptet, wo die psychologischen Voraussetzungen seiner Anerkennung vorliegen, so konsolidieren sich zwangsläufig immer die Lebensformen, die den gegebenen wirklichen Verhältnissen entsprechen. Universalismus hat die Bedeutungssteigerung des Einzelnen zum notwendigen Korrelat, Differenzierung auf Grund der Arbeitsleistung, d. h. der Qualität, ist die notwendige Folgeerscheinung jedes Wachstums über die bestehenden Grenzen hinaus, sofern die Einzelteile innerhalb eines Ganzen, das sie bedingt, ihr Eigenleben behalten und dennoch fortleben wollen. Überall im Leben aber bedingt das jeweilige Ganze seine Teile; die Gemeinschaft besteht insofern vor dem Einzelnen, und ob dieser will oder nicht — ihre Bedürfnisse bestimmen den Charakter des Gleichgewichtszustands.

So anders der Weg sein mag, soziale Differenzierung und Gleichgewichts­verschiebung erfolgt, im großen betrachtet, ebenso unabhängig von allen persönlichen Velleitäten, wie sich das Gehirn ohne die Zustimmung der Organe, die dadurch an Bedeutung verloren, zum Beherrscher des Menschenleibs entwickelt hat. Dies ist der Sinn des unaufhaltsamen Siegs des Zeitgeists. Er siegt, weil er jedesmal der psychische Ausdruck eines bestehenden oder sich bildenden neuen organischen Zustands ist. Mit dem Wert der Theorien an sich hat er nichts zu tun; die sind nichts als historische und politische Stümper, die hierbei verweilen. Schon 1920 sagte ich voraus, daß England und Frankreich, trotz ihres Sieges, ihrerseits ihr 1918 erleben mußten, was seither geschehen ist; auf Versailles mußte, früher oder später, Locarno folgen, weil der Geist von Versailles den wahren Verhältnissen Hohn sprach. Alle Hoffnungen deutscher Romantiker, die nicht begreifen, daß seit dem Weltkrieg eine neue Ära angebrochen ist und dessen Folgen rückgängig machen wollen, müssen enttäuscht werden, welche Zufälle immer die natürliche Entwicklung scheinbar kreuzen mögen. Sie kreuzen diese immer nur scheinbar, weil nur solche Zufälle bedeutsam werden können, die im Sinn der Entwicklung liegen2. Das Unzeitgemäße hat keinen Halt im Unbewußten. Der ökumenische Zustand entsteht unaufhaltsam dadurch, daß die Bindungen, welche die früheren schufen und erhielten, sich zum Besten neuer auflösen, wie embryonale Organe zum Besten zu selbe ständigem Leben bestimmter vergehen oder aber zu Teilrädern in einem größeren Mechanismus werden. So werden auch die folgenden Voraussagen unvermeidlich eintreffen.

Der Staat im heutigen Sinn, den es nicht immer gab, wird im ökumenischen Zustand ein relativ Geringes bedeuten; er wird vor allem der Wohlfahrt der Nationen dienen, für Gerechtigkeit und Billigkeit der Beziehungen zwischen Einzelnen, Gruppe und Gesamtheit Sorge zu tragen haben. Die Nation wird nicht mehr der äußerste Ausdruck der Menschengemeinschaft sein, nicht mehr wie heute der Blutsverband oder die Stadtgemeinde. Nationalitätenkriege werden dadurch bald ebenso unmöglich werden, wie es heute Religionskriege sind. Wird zunächst der Hauptakzent im Westen, wie im Vorhergehenden und in Wirtschaft und Weisheit ausgeführt wurde, auf dem Wirtschaftlichen ruhen, so muß dessen Primat auf die Dauer unvermeidlich zum Besten des Kulturellen abdanken, denn dieses ist aller Lebensinteressen Integral. Damit wird Außenpolitik als ein Wichtigstes im heute gültigen Verstande ausgespielt haben. Diese Prognose aber spricht andererseits nicht zugunsten der heutigen Pazifisten, Liberalen und Menschheitsverbrüderer, ganz im Gegenteil. Der ökumenische Zustand wird, noch einmal, ein Zustand weit größerer Spannung und folglich Konfliktsmöglichkeit sein als irgendein früherer. Deshalb sind dessen Wegbereiter nicht die Ausgleichspolitiker, sondern allein die heroischen Universalisten, deren Prototyp die Bolschewisten darstellen. Ja, sogar engstirnige Nationalisten arbeiten zielsicherer im Sinn der ökumenischen Zukunft als jene. Da es sich bei diesem um einen organischen Zustand handelt, sind Weltanschauungen als solche irrelevant. Worauf es ankommt, ist die Auswirkung der real vorhandenen Kräfte, die sich dann zwangsläufig auf die Dauer, auf Grund lebendiger Erfahrung, dem neuen Ganzen einordnen werden. Und der ökumenische Zustand besteht ja in Wahrheit schon; dies hat das erste Kapitel gezeigt.

Deshalb sind alle lebendigen Bewegungen — aber andererseits nur sie — von Hause aus Teilausdrücke seiner. Von hier aus gewinnen wir denn endlich den richtigen Maßstab zur Bewertung der Einseitigkeit der repräsentativen Typen dieser Zeit. Gewiß, diese wirken, im Verhältnis zu früheren, überaus dürftig. Die heutige Jugend ist über alle Begriffe primitiviert, der Chauffeur kein hohes Ideal, und weder die Bolschewisten- noch die Fascistenführer sind Kulturvorbilder. Mit Recht sehen die gebildeten Italiener in jenen Barbaren und Barbarisierer, und alle Russen von alter Kultur in diesen Verneiner ihres besten Geists. Aber neues Leben erwächst nie anders als aus winzigem Keim. Insofern der alte Zustand historisch tot ist, können die neuen Menschen ihn keinesfalls verkörpern. Ein neuer Kulturzustand, in dem das Überkommene, auf neue Grundlagen bezogen, zu neuem Leben erwachte, ist andererseits erst als Reifeerscheinung möglich. Die Jugend vermag nie mehr als das zu skizzieren, was erst Erwachsene zu reichem Gemälde auszuführen fähig sind. Bei einem so radikalen Neubeginn, wie es der heutige ist, liegt es somit in der Natur der Dinge, daß die primitivsten Komponenten der möglichen späteren Synthese zuerst die Erscheinung bestimmen. Dies ist der Seinsgrund des Archetypus des Chauffeurs, als des intellektualisierten und technisierten Primitiven. Seine Erscheinung ist, von der möglichen Zukunft her, nicht negativ, sondern positiv zu bewerten, weil in ihm einerseits die in der vergangenen Epoche durch Differenzierung geschwächten oder verdrängten Urtriebe wieder kraftvoll in die Erscheinung treten, die allein unter allen Umständen das Leben neu aufzubauen vermögen, und andererseits der Intellekt die dem neuen Zustand entsprechende Rolle spielt. Aus diesen beiden Momenten, zusammen mit dem Umstand, daß sie durch Bildung unbelasteter ist und deshalb mehr Mut zum eigenen Einfall hat, als frühere, erklärt sich der Anschein besonderer Begabtheit der jüngsten Generation, den die meisten mißdeuten. Gewiß wird der künftige ökumenische Kulturmensch weder der Sohn noch der Enkel des Chauffeurs sein; er wird aus anderen Keimzellen erwachsen. Innerhalb der Menschengemeinschaft vollzieht sich Wachstum und Differenzierung nicht anders wie bei physischen Organismen. Ein allgemeiner unsichtbarer Plan regiert; das Primitivste, Lebensnotwendigste bildet sich zuerst, das Höhere gewinnt erst spät, von besonderen Urgebilden her, Gestalt. Und ist es ausgebildet, so verliert das Erstentstandene an Bedeutung, wenn es sich nicht zurückbildet oder ganz vergeht. So wird es Bolschewisten, Fascisten, Chauffeure als bestimmende Typen später schwerlich mehr geben; sie werden sich aller Wahrscheinlichkeit nach als Embryonalphasen erweisen. Zunächst aber sind sie die Bildner gerade der Ökumene. Wer ihnen gegenüber die zahllosen Bewegungen, die, ohne Ausdruck des Kommenden zu sein, aus bloßem Verständnis vergangener Ideale, aus Gefühlsstimmung und Sehnsucht heraus die Welt zu verbessern unternehmen, auch nur einen Augenblick ernst nimmt, verkennt vollkommen die Zeichen dieser Zeit.

1Vgl. das Kapitel Seins- und Könnenskultur der Schöpferischen Erkenntnis.
2Vgl. das Kapitel Die Symbolik der Geschichte meiner Schöpferischen Erkenntnis.
Hermann Keyserling
Die neuentstehende Welt · 1926
Der Sinn des ökumenischen Zustands
© 1998- Schule des Rades
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