Schule des Rades

Hermann Keyserling

Politik, Wirtschaft, Weisheit

Anhang zu Deutschlands wahre politische Mission

Ein offener Brief an Graf Westarp

Über Ihren Angriff habe ich mich aufrichtig gefreut, weil seine sachlich vornehme Art mir die innere Möglichkeit gibt, gegen die Vorwürfe, die ich von konservativer Seite so oft erfahre, persönlich Stellung zu nehmen1. Ich befinde mich nämlich in einer eigentümlichen Lage: viele, die nur meine philosophischen Schriften kennen, zu denen, trotz ihres Themas, auch die Mission gehört, sehen in mir einen wirklichkeitsfernen Ideologen, während die meisten, die meinen mehr praktisch orientierten Vorträgen gelauscht haben oder gar meine Schüler gewesen sind, gerade den Willensmenschen in mir würdigen, den geistigen Förderer nationaler Wiedergeburt. Hier scheint ein Widerspruch vorzuliegen, und doch ist dies nicht der Fall.

Ihr Artikel, Graf, geht von einer falschen Voraussetzung aus: Sie meinen, daß Deutschlands wahre politische Mission erst kürzlich geschrieben ward. Ich schrieb sie im November 1918, sie erschien im März 1919, und aus der damaligen Zeitstimmung ging sie ihrem äußeren Rahmen nach hervor. Deshalb darf sie nicht als Aktualität beurteilt werden, und wenn mich ein Vorwurf treffen kann, so ist es der, daß ich bei Neuauflagen nicht ausdrücklich auf die Geburtsstunde hinwies und im übrigen ihren von aller Zeitlage unabhängigen Charakter betonte — denn je nach jener stellt sich die gleiche Wahrheit anders dar, und auf die allein kommt es bei dieser Schrift an. Als zeitlich Wirkender schreibe ich ganz anders. Wenn Sie s. 13. den Anfang der Bücherschau im soeben erschienenen zweiten Heft der Mitteilungen der Schule der Weisheit Der Weg zur Vollendung, ansähen, so würden Sie gewahren, daß ich zur Stunde genau den gleichen Heroismus predige wie Sie. Nur tue ich es von anderer Voraussetzung aus: nach wie vor vertrete ich die richtunggebenden Ideen, die meine Mission enthält. In einem Punkte können wir uns nämlich niemals einigen: Sie erwarten Deutschlands Wiederaufstieg vom Wiedererwachen des Geistes der letzten Jahrzehnte; ich hingegen, der im übrigen Heroismus, Patriotismus und Nationalgefühl genau so hoch wertet wie Sie, als selbstverständliche Bedingung jedweder völkischen Zielsetzung, halte jenen Geist, trotz seiner unbestreitbaren Vorzüge, für die eigentliche Ursache des Zusammenbruchs, weil er einerseits Deutschlands bestem Wesen nicht entsprach und daher keinen eigentlichen Lebensantrieb hinter sich hatte, und andererseits ebenso wenig zeitgemäß mehr war, wie, übertrieben gesprochen, ein Saurier im quartären Meer. H. G. Wells hat von Preußen gesagt, sein Verhängnis sei gewesen, zugleich das modernste und das älteste Ding Europas zu sein; allen Ländern war es voraus in seiner Ausrüstung, hinter allen zurück im Verstehen und Verkörpern der heute wirkenden geistigen Imponderabilien. Das Urteil trifft zu. Und macht kein tieferes Verstehen bald dem Nichtverstehen Platz, treten die großen altpreußischen Eigenschaften nicht bald in den Dienst eines weiterblickenden Geists, dann wird Deutschland ebenso sicher nicht wieder auferstehen, wie dies von den Riesen der Vorwelt gilt. Auch ich erwarte von den deutschen Konservativen, als Typen, die Erneuerung, weil sie den Demokraten, wieder als Typen beurteilt, charakterlich überlegen sind. Aber zu einer Erneuerung kann es nicht früher kommen, als bis jene zugelernt haben. Sonst wird das nationale Wiedererwachen wieder einmal zu jenem für Deutschland leider charakteristischen sinnlosen Heldentum führen, von dem der Schlußabschnitt der Mission handelt. Es ist aber nicht wahr, daß ich gegen die moralische Gesinnung sei, welche die besten Konservativen kennzeichnet, im Gegenteil: nichts anderes predige ich meinen Schülern Tag für Tag; meine immer wiederkehrende Losung ist Initiative, Selbstverantwortung, Heldenmut. Nur muß jene Gesinnung tieferer Einsicht zustatten kommen. Ich bestreite glatt, daß das wiedererstehende Alte Heil bringen kann. Es muß ein Neues erwachsen, das den Siegerstaaten ebenso weit voraus wäre, als das Alte hinter ihnen zurück war. Auf der gleichen Ebene, auf der jene sich heute bewegen, ist Deutschlands Wiederhochkommen aus sehr realen Machtgründen ausgeschlossen. Gelingt es ihnen hingegen, die Ebene zu verschieben, dann kann es dem Bann jener auf einmal entwachsen sein.

Was ist nun dieses Neue, das entstehen soll? Im knappen Rahmen eines Briefes kann ich dies unmöglich erschöpfend sagen. Ich werde mich aphoristisch ausdrücken, auf die Gefahr hin, wieder mißverstanden zu werden — vielleicht werden Sie, Herr Graf, mich doch verstehen. Selbstverständlich soll jeder Staatsbürger nach wie vor national empfinden, wer nicht einmal dies vermag, ist seines Volks nicht wert — nur darf sein Patriotismus dem Europäer nie mehr letzte Instanz sein: in der neuentstandenen Welt stellt Europa das politische Atom dar. Gar klein ist es geworden als Folge des unseligen Krieges, der insofern die Entwicklung wirklich beschleunigt hat. Eine Weile wird es sich freilich weiterzerfleischen, aber das ist eine Reaktionserscheinung, wie solche gerade für Perioden intensiven Fortschreitens charakteristisch sind; weiterkommen wird durch engen Nationalismus hinfort kein europäisches Volk. Alle Staaten, die ihm noch frönen, werden es bitter bereuen, Frankreich allen voran. Den gewaltigen angelsächsischen und asiatischen Reichen, die jetzt entstehen, wird es bald nicht schwer fallen, den Störern des europäischen Friedens, den zu wahren ihr Interesse unbedingt verlangt, Einhalt zu gebieten. Wer hat da am meisten europäische Zukunft? Wer sich am schnellsten als Europäer fühlt und dementsprechend handelt. Deshalb verlangt meiner Überzeugung nach Deutschlands allererstes Interesse, nicht bei den Erwägungen momentaner Taktik stehenzubleiben, sich nicht in die Reaktion hineinpeitschen zu lassen, so nahe dies liegt, sondern innerlich unbekümmert um das, was heute geschieht, d. h. diesem nur taktisch, nie strategisch Rechnung tragend, auf die Zukunft hin zu leben. Es gilt sich zu beeilen, denn diese bricht schneller heran als viele denken. Schon ist dem scheinbar unvermeidlichen amerikanisch-englischen Konflikte vorgebeugt, es sollte mich sehr wundern, wenn zwischen Japan und Amerika nicht Gleiches gelänge, der Appell Frankreichs und Englands an den Völkerbund wegen Oberschlesiens werden dessen Prestige gewaltig erhöhen2 — solche Präzedenzfälle verbauen die Zukunft jedes Revanchekrieges sowohl als jeder Restauration. Europa wird sich vereinheitlichen müssen, ob es mag oder nicht. Wie soll da ein Staatswesen prosperieren, daß sich an der Tradition Alt Preußens, soweit diese außenpolitisch ist, orientiert? Dessen Zeit ist endgültig um. Nur auf anderem Wege kann Deutschland wieder groß werden. Dieser Weg ist aber eben der, den ich unter etwas anderem Gesichtswinkel in der Mission skizziert habe: indem Deutschland von seiner universalistischen Gesinnung, seiner Rechtlichkeit und praktisch von seinem wirtschaftlichen Begabungs- und Ausbildungsvorsprung ausgeht, mit anderen Worten von den Eigenschaften, die dem Bürger innerhalb eines Staates den Erfolg gewährleisten, denn das Europa von morgen ist eben, ob dies nun bald verbrieft werde oder nicht, ein unteilbares Ganzes. Gewiß wird es sich nie uniformieren, die nationalen Unterschiede werden sogar eher zu- als abnehmen, aber sie werden von immer geringerer politischer Bedeutung sein. Ob Deutsche je das Vereinigte Europa politisch führen werden, ist schwer zu sagen; in Amerika sind sie noch nie zur politischen Führerschaft gelangt. Aber ich möchte sogar dieses beinahe glauben, aus dem in der Mission näher ausgeführten Grunde, daß in der Welt von morgen Politik immer weniger bedeuten wird. Diese wird gewissermaßen aufhören, Hauptfach sein zu können. Dies wird den automatisch ins Hintertreffen versetzen, dessen Hauptbegabung politisch ist; aber die, deren Hauptfach die Ökonomie ist, werden in einer wesentlich ökonomisch orientierten Welt im Nebenfach desto erfolgreicher politisieren. Da das Wirtschaftliche nun, neben der Wissenschaft, das eigentlich nationaldeutsche Hauptfach ist, so erwarte ich in verhältnismäßig kurzer Zeit deutsche Führerschaft auf der ganzen europäischen Linie. Aber dies nur dann, noch einmal, wenn Deutschland rechtzeitig den Geist der kommenden Zeit erfaßt und diesem innerlich in seiner Volkserziehung vorarbeitet.

Sind wir also überhaupt Gegner, Graf? Insoweit unbedingt, als Sie an eine deutsche Zukunft im alten Sinne glauben — ich nicht. Ich halte diese Zeit für die der größten Erneuerung seit 2000 Jahren und jedes Vorbild aus naher Vergangenheit deshalb für irreführend. Aber wofür Sie sonst kämpfen — nationale Ehre und Würde, moralische Wiedererhebung —, dafür arbeite auch ich, denn diese sind Grundbedingungen jeder Wiedererhebung. Ich bin nicht mehr Demokrat, nicht mehr Pazifist als Sie. Nur erstrebe ich nicht die alte, den Namen nicht mehr verdienende Aristokratie, sondern eine neue, echte, und wünsche den Heroismus im Dienste höherer als der alten Ideale zu sehen. Selbstverständlich muß Deutschland seine Fesseln sprengen. Nichtsdestoweniger werden innereuropäische Kriege bald ebenso unmöglich erscheinen wie heute solche zwischen Baden und Württemberg. Ich arbeite für eine weitere Zukunft, um Jahrzehnte voraus. Nur von dieser her ist mein Streben zu verstehen. Kommt nun die fernere Zukunft nicht mindestens ebenso sehr in Betracht wie die allernächste? Ist es nicht mindestens ebenso wichtig, daß die Kinder von heute in angemessener geistiger Rüstung seinerzeit auf den Kampfplatz treten, als daß die Erwachsenen in ihrem Tageskampfe leidlich abschneiden? — Sie leben der Gegenwart. Falls es Ihnen aus deren Gesichtswinkel notwendig erscheint, mich zu bekämpfen, so tun Sie es nur; bei Ihrer vornehm sachlichen Art wird es mir immer eine Freude sein, Ihre Angriffe zu lesen. Nur müssen Sie mir innerlich freistellen, jene weiteren Ziele aufzuzeigen, ohne deren Erkenntnis es letztlich nie gelingt, die näher belegenen richtig zu lokalisieren.

1Aus den gleichen Gründen habe ich es abgelehnt, mich mit dem Baron Eduard Stackelberg auseinanderzusetzen, der mich kürzlich in einem vielfach abgedruckten und ausgeschlachteten Offenen Brief mit darauffolgenden Herausforderungen, ihm Rede und Antwort zu stehen, auf das leidenschaftlichste ad personam angegriffen hat — und, da ihn Ehrengerichtssprüche (die gleichen Anschuldigungen fanden schon einmal, im Jahre 1918, ihre Erledigung) und Rücksicht auf die Allgemeinheit, nach bisheriger Erfahrung zu urteilen, nicht binden, wohl noch des öfteren weiter angreifen wird. Stackelbergs kerndeutsche Gesinnung, Bekennermut und Tüchtigkeit im Vereinswesen, sogar sein persönlicher Haß gegen mich in Ehren — ich kann es nicht verstehen, wie sachliche Gegnerschaft (er ist die Seele der auf S. 32 behandelten catonischen Hetze gegen mich) ihn dahin bringen konnte, ohne jegliche Provokation meinerseits, meine Person in der Öffentlichkeit schädigende Bezichtigungen häßlichster Art, Entstellungen und direkte Verleumdungen (wie die Insinuation meiner Flucht aus dem Baltikum vor den deutschen Heerführern!) in die Welt zu setzen; denn ohne böse Absicht tut man dergleichen in der Regel nicht, besonders nicht gegenüber einem Mann, von dem man weiß, daß er einer gemeinsamen Sache wichtige Dienste leistet — und solche böse Absicht muß bei einem baltischen Edelmann, bis zur Erbringung des Beweises, für ausgeschlossen gelten. Die Tatsachen habe ich in Nr. 45 (Ausgabe vom 6. November 1921) der Deutschen Post aus dem Osten (Redaktion: Berlin SW, Königgrätzerstraße 47) ein für alle Male zurechtgestellt. Ich würde den für mich ein wenig lästigen, für weitere Kreise völlig gleichgültigen Fall überhaupt nicht mehr berühren, wenn er mir nicht zum Anlaß einer Betrachtung über die mögliche Zukunft des Adels in einer endgültig demokratisierten Welt geworden wäre, welche gerade meinen Standesgenossen unter den Lesern dieser Schrift nicht vorzuenthalten mich Pflicht dünkt. Als ich, eine Reihe häßlicher Zeitungsausschnitte vor mir, dem allgemeinen Probleme nachsann, erschien mir der Geist des Konfuzius, der vor 2500 Jahren zuerst den Idealtypus des vornehmen Menschen geprägt hat. Mit seiner sprichwörtlichen Höflichkeit verneigte er sich vor mir und sagte kurz, ohne jegliche Einführung noch Begründung:
Der Edle gräbt keine Leichen aus. Der Edle enthüllt nicht. Wer andere zu entblößen wähnt, entblößt sich selbst. Der Edle verleumdet nicht. Der Edle ehrt den Feind. Der Edle überfällt nicht. Wer überfällt, gewinnt nicht, sondern verwirkt das Recht zum Meinungsaustausch …

Jäh sah ich mich drauf in die Völkerwanderungszeit versetzt. Ich befand mich auf einmal wehrlos. Von inneren Bindungen gehemmt, die ich dem Weisen verdankte, vermochte ich nichts gegen die, welche noch keine Vorurteile kannten. Da durfte jeder sich alles erlauben in Wort und Tat, und die Faust entschied nachträglich über Ehr’ und Unehr’ … Darauf eilte mein Geist über die Gegenwart hinweg in die Zukunft voraus. Wie wird der Geburtsadel sich halten können in einer Welt, die ihm keine äußeren Vorrechte mehr gönnt? — Allein dadurch, daß er sich ganz in der inneren Verpflichtetheit, dem Noblesse oblige rückversichert. Er wird höheren Ansprüchen genügen müssen, als jede andere Klasse sie stellt. Gilt das Gentleman-Ideal allgemein (so ist es schon heute im ganzen gebildeten Europa), dann muß den Edelmann ein höheres binden. Nenn sein Ehrgefühl sich vormals darin äußerte, daß er sich nichts bieten ließ, so wird dessen Zukunftsausdruck darin zu bestehen haben, daß er sich nie etwas innerlich vergeben darf. Nachgeben den eigenen Leidenschaften gegenüber wird dann als Feigheit gelten, innere Vornehmheit im höchsten vorstellbaren Sinn zum Standesideal des Edelmannes werden müssen, so daß Unvornehmheit einen solchen ipso facto deklassierte. Dementsprechend werden die alten Ehrbegriffe zu korrigieren sein. Versteht sich der alte Adel dazu, nimmt er die Bildung seines Nachwuchses dementsprechend energisch in die Hand, dann kann ihm noch eine große Aufgabe zukommen in der demokratisierten Welt. Äußere Schranken kann man einreißen, innere nicht. Erkennt der Edelmann fortan das Noblesse oblige, im hier skizzierten tieferen Sinne an, dann bedürfte er auch keines äußeren Privilegs mehr, um die ererbte Stellung zu behaupten; das innere Privileg böte mehr als einen Ersatz dafür. Und der alte Adel kann den neuen höheren Ansprüchen, wenn er nur will, sehr wohl Genüge leisten: den Vorsprung des Bluts und der ererbten Gesinnung hat er noch vielfach voraus. Fortan benutze er diese dazu, um zum Vorbild der Aristokratie der Zukunft zu werden, anstatt eine Erinnerung zu bleiben an eine schöne Vergangenheit. Wir münden bald, aus der sich unaufhaltsam selbst erledigenden Demokratie heraus, in eine neue aristokratische Gesellschaftsordnung ein. In dieser kann der alte Adel, soweit er nicht entartet ist, noch eine große Rolle spielen. Nur muß er dazu sich selbst schon jetzt als Schrittmacher der Zukunft, nicht als Hort der Vergangenheit beurteilen. Denn wie der Mensch sich denkt und vorstellt, so entwickelt er sich. (Anfang Dezember 1921.)

2Dies gilt auch nach der völlig verfehlten Entscheidung. Die Fehler des Völkerbundes legen nur nahe, deren Ursachen abzustellen; und dies wird, sehr langsam aber auch unaufhaltsam, im Lauf der Jahre immer mehr geschehen. (November 1921.)
Hermann Keyserling
Politik, Wirtschaft, Weisheit · 1922
Anhang zu Deutschlands wahre politische Mission
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