Schule des Rades

Hermann Keyserling

Politik, Wirtschaft, Weisheit

Wirtschaft und Weisheit

Staat und Sozialismus

Wie komme ich, ein Metaphysiker, dazu, über Wirtschaft zu reden? — Nun, Wirtschaft ist zunächst genau ebenso interessant oder uninteressant vom geistigen Standpunkt, wie jede andere Betätigung; jede ohne Ausnahm kann Ausdruck des Tiefsten sein, jede ohne Ausnahme nur für die menschliche Flachheit Beweise aufhäufen. Auch die Wirtschaft ist letztlich nichts Selbstgegründetes, Sichselbstgenügendes, sondern nur ein Mittel unter anderen, um Geistigem zur Verkörperung zu verhelfen. Heute nun springt ihr geistiger Charakter in die Augen. Während Ökonomie früher — scheinbar wenigstens — so ausschließlich mit realen Werten operierte, daß man wohl meinen konnte, die Materie selbst trüge das Gebäude der materiellen Macht, kann heute kein Aufmerkender daran zweifeln, daß deren wahre Grundlage das Vertrauen, also ein Geistiges ist (wobei einem klar wird, daß nicht das Gold selbst in den bestfundierten Zeiten die letzte Wertbasis war, sondern vielmehr das Vertrauen auf das Gold): die ökonomischen Werte dieser Zeiten sind vielfach höchst irreal, im Falle der Valuten nicht selten richtige imaginäre Größen — und doch, genau wie in der höheren Mathematik, sind durch sie und mit ihnen reale Ergebnisse zu erzielen. Die Grundlage des heutigen internationalen Wirtschaftslebens unterscheidet sich sonach nicht viel von der der Religion, so daß es niemand zu verwundern brauchte, wenn ein Metaphysiker ihre Gesetze und Gründe studiert. — Doch nicht in diesem theoretischen Zusammenhang will ich heute von Wirtschaft reden, sondern in einem praktischen. Den Griechen war der unmenschliche Naturverlauf, die Moira, das Schicksal — sie vermochten jenen nicht zu beherrschen und also band er sie. Napoleon behauptete, das Schicksal sei die Politik — und sie war es zu seiner Zeit wirklich, denn dieser dämonische Mann beherrschte die politischen Zusammenhänge, gleichviel ob er schob oder geschoben wurde, so souverän, daß sein politischer Wille für die übrige Menschheit Fatumcharakter trug. Heute nun ist, im gleichen Sinn, unzweifelhaft die Wirtschaft das Schicksal, so fatumhaft die Siegerpolitik zunächst erscheine. Sie ist es erstens, weil es für Europa kein ernsteres Problem als das gibt, ob es die wirtschaftliche Krisis aushält oder nicht, weshalb vor dessen Lösung kein zwischenstaatlicher Vertrag als endgültig ratifiziert gelten kann; sie ist es zweitens und vor allem, weil die wirtschaftlichen Zusammenhänge zu so ungeheuren, völlig selbständigen Mächten herangewachsen sind, daß sie bisher kein Wille zu meistern verstand. Eben deshalb nun kann die Wirtschaft heute zum besten und wichtigsten Ausdrucksmittel des Geistes werden, weil es immer die stärksten Kräfte sind, welche, gezähmt, dem Menschen am besten dienen; so die Natur-Moira in den Händen unserer Technik, die politische unter der Führung Napoleons. Jene stellt auch wirklich schon heute das wichtigste Äußerungsgebiet des Gemeinschaftslebens dar. Deshalb befasse ich mich hier mit ihr. Es gab eine Zeit, wo der Staat wenig bedeutete im Vergleich mit der Religionsgemeinschaft; im Mittelalter, wie heute noch in der islamischen, der indischen Welt, stellte diese, im Fall Europas also die Christenheit, gegenüber aller politischen Gestaltung das sehr viel Wichtigere dar. Seither, am energischsten in Frankreich von Ludwig XI. ab, am einleuchtendsten vielleicht in Deutschlands reformierten Staaten, in denen die Religion als Landeskirche ihre Selbstgegründetheit gegenüber dem Staate immer mehr verlor, nahm dieser gegenüber der Glaubensgemeinschaft an Bedeutung unaufhaltsam zu, und bis vor nicht langer Zeit ist diese stetig gewachsen, und das so sehr, daß die Volksgemeinschaft zumal in Deutschland keinen anderen Ausdruck für sich mehr vorstellen konnte als den staatlichen. Heute nun nimmt die Bedeutung des Staates wieder unaufhaltsam ab im Verhältnis zur Bedeutung der Wirtschaftsgemeinschaften. Schon vor dem Kriege war das Gleichgewicht eigentlich in diesem Sinn verschoben.

Die Größe Englands beruhte nicht zum mindesten darauf, daß es politisch insofern zurückgeblieben war, als neben dem Staat eine Reihe anderer, freier Verbände die Idee des Imperiums trugen; Amerikas Aufstieg hing zum großen Teile davon ab, daß dort der Staat nur als G. m. b. H. unter anderen wirkte, und was gar Deutschland betrifft, so beruhte seine wahre Macht auf Erden, die ungeheuer viel größer war, als die meisten Deutschen ahnten, nicht auf seiner immerhin nur kontinentalen Armee, sondern dem feinmaschigen Spinnengewebe, mit dem seine Wirtschaft den ganzen Planeten überspannt hatte — und diese Macht hat nur deshalb zerstört werden können, weil deutscherseits versäumt wurde, eine den wahren Interessen der Wirtschaft gemäße Politik zu treiben, so daß die wahre Macht vom Geist des relativ Unwichtigsten und Ohnmächtigsten abhängig erschien. Seit dem Kriege springt nun dies historische Gefälle, das einem Bedeutungsverlust des Staates zustrebt, in die Augen. An erster Stelle natürlich bei den geschlagenen Völkern. Als der Staat relativ wenig bedeutete, da bedeutete auch eine Niederlage relativ nicht viel; die Menschenverluste waren nicht zu groß, das Privateigentum blieb in jedem Fall gesichert, der Sieger vermochte über den Besiegten nicht allzu viel. Heute vermag jener mehr wie zu assyrischen Zeiten, weil eben das Wirtschaftliche dominiert und folglich alles Private für das Staatliche einstehen muß. Aus eben dem Grunde ist ein Weg zur Befreiung für die Besiegten heute nur insoweit denkbar, als ihr Gemeinschaftsleben sich aus der Synthese des Staates wieder herausdifferenziert und die Einsicht bestimmend wird: nicht die Völker, nicht die Einzelnen sind geschlagen, sondern nur die Staaten und jene genau nur insoweit, als sie sich mit diesen identifizieren. Der deutsche Staat ist heute, wie jedermann weiß, nichts als eine Konkursmasse; er kann den Einzelnen und das Volk nur mehr ausbeuten, anstatt höheres Leben zu gewährleisten, was seine Bestimmung ist. Folglich findet gerade hier unaufhaltsam eine innere Abwendung vom Staate statt, welche sich vorläufig, solange die veränderten Verhältnisse nicht klar erfaßt sind, in Unehrlichkeit äußert — Unehrlichkeit bei sonst ehrlichen Leuten bedeutet immer Nicht-Angepaßtheit, und diese liegt meist an den Verhältnissen, nicht den Menschen. Wo die Gehälter zu gering sind (China), wird viel bestochen, wo die Strafen zu hart sind, wäscht eine Hand die andere (Solidarität der Beamten des alten Rußlands in Sachen der Untreue), wo die Steuern zu hoch sind, werden sie nicht bezahlt. Aber diese innere Abwendung vom Staate müßte in Deutschland selbst dann stattfinden, wenn seine ökonomische Lage weniger verzweifelt wäre. Der preußisch-deutsche Staat hatte längst seine sinngemäßen Befugnisse überschritten und seine Kräfte überspannt, kam deshalb ungewollt immer häufiger in die Lage, seine Macht zu mißbrauchen. Jeder Organismus hat sein Schicksal, das allgemeinorganische Schicksal des Jungseins, Aufsteigens, Auf-der-Höhe-Weilens und schließlichen Niedergangs; hat so der staatliche seinen Höhepunkt überschritten, so kann er freilich weiterleben, nie mehr jedoch gleich Positives bedeuten. Schon der alte deutsche Staat sog, wie gesagt, in verderblichem Grade das nationale Gesamtleben in sich auf, was den Seelen seiner Bürger die letzte Verantwortlichkeit nahm1 und sie im übrigen verdürftigte; schon er war recht eigentlich sozialistisch2 und züchtete dementsprechend bei der Mehrheit all die Fehler, die dem Beamten eigentümlich sind. Seit der Revolution nun hat er sich endgültig überwuchert; er ist zur äußeren Zusammenfassung der reinen Quantität geworden, also sozialistisch schlechthin, und solche Prozesse sind nie mehr rückgängig zu machen. In der Mission führte ich die Vorzüge des unvermeidlichen Siegs des Sozialismus, so wie ich diesen verstehe, für Deutschland aus; Deutschland sei prädestiniert, schrieb ich dort, den sozialen Zukunftsstaat als erstes Land zu begründen. In der Tat liegt hier die eine seiner großen Vorsprungsmöglichkeiten. Staat und Sozialismus werden nämlich mit der Zeit immer mehr eins werden in dem Verstand, daß, was überhaupt staatlich ist, sozialistischen Geist verkörpert, und dies zwar überall. Hier steht Deutschlands Schicksal nicht einzig da, es ist nur Schrittmacher; was hier vorgeht, wird sich allmählich überall ereignen, denn überall gelangt die Masse de facto zur politischen Macht, was man am deutlichsten in England sieht, dessen vor dem Krieg so völlig unsozialistische Struktur sich seither, in typischer Weitsicht, in manchen Hinsichten mehr sozialisiert hat als bisher in Deutschland geschah (überhaupt ist die Frage, ob in den Ländern, die der Revolution vorgebeugt haben, der Sozialismus nicht den dauerhaftesten Sieg erfochten hat). Diese fortschreitende Sozialisierung des Staates ist organisches Schicksal; es liegt in der Logik seines Heranreifens, das ihn von der Vasallenschaft gegenüber Einzelnen und Kasten fortschreitend immer mehr zum Organ der Gesamtheit, zuletzt der Masse mit ihren Bedürfnissen macht, so daß er bald nur noch dem größten Glück der größten Zahl im Sinne Benthams dienen wird. Sofern er dies tut, ist er freilich daseinsberechtigt; es muß den Massen immer besser gehen, ein würdiges Leben schließlich Gemeingut werden. Der sozialistische Staat stellt also insofern einen Fortschritt dar, weshalb alles das, was ich von Deutschlands Zukunftsmöglichkeit im sozialistischen Zeitalter schrieb, seine positive Bedeutung beibehält. Nur muß eben der Staat, entsprechend seiner neuen Spezialisierung, auf allen übrigen Gebieten an Bedeutung einbüßen und zu bestimmen aufhören. Da er fortan Quantitätsorgan ist und immer bleiben wird — es wäre gut, sich die Wechselbeziehung von Sozialismus und Staat für alle Zukunft als Schlagwort einzuprägen —, so wird alles qualitativ Bedeutsame fortan außerhalb seiner erwachsen und begründet werden müssen3. Es ist z. B. völlig aussichtslos, die Universität auf das Niveau zurückerheben zu wollen, das die Berliner zur Zeit ihrer Gründung innehatte — die Universität, auf Massenbedürfnisse notwendig eingestellt, wird dementsprechend notwendig an Qualitätsniveau verlieren, außer in der Hinsicht rein technischer Qualität; das ist ihr Schicksal, eben weil sie staatlich ist, durch die edelsten Reformpläne nicht aufzuhalten. Da der Staat fortan Quantitätsorgan ist und das allein, so wird alles qualitativ Bedeutsame, noch einmal, immer mehr und ausschließlicher außerhalb seiner erwachsen oder aber sich von ihm loslösen und außerhalb und selbständig fundieren. Dies geschieht schon heute, würde schon heute im größten Maßstab geschehen, wenn die meisten Nicht-Wirtschaftler nicht, in unüberwindlicher Trägheit, in Kategorien der Vergangenheit dächten und nicht der Staat noch die meiste Initiative zu lähmen die äußere Macht hätte. Wissen nicht die denkenden Industriellen, Bankiers und Kaufleute der ganzen Welt, daß Europa nur aus unpolitischem Geist heraus saniert werden kann, durch ein Zusammenarbeiten über alle Verträge und Grenzen hinaus? Findet dieses nicht überall, wo es irgend möglich scheint, bereits statt? Bedeuten nicht Verbände, wie die Katholische Kirche, die Alliance Israélite, die Freimaurerei wieder mehr, wie sie seit Jahrhunderten bedeutet haben? Die außerstaatlichen Organisationen, deren Keime überall im Wachsen sind, werden bald mehr Gewicht haben als alle, selbst die größten Einzelstaaten. Wenn einmal Rußlands Neukolonisation beginnt (dank dem Bolschewismus wird aus Rußland ebensolches Neuland, wie es seinerzeit Amerika war, das prädestinierte Versöhnungsfeld der bisher feindlichen Völker), so wird doch niemand daran denken, sich seine Staatlichkeit einzuverleiben; der staatlichen Selbstbestimmung der Russen wird niemand wehren. Doch diese Staatlichkeit wird nichts bedeuten im Verhältnis zu den Nachbildern der einstigen Ost-Indien-Kompagnie, die das Land in Wahrheit beherrschen werden. Und sie werden es nicht nur materiell beherrschen: auch das Geistige wird von ihnen hauptsächlich gepflegt werden, da im russischen Zukunftsstaat die rohe Bauernmasse politisch zunächst bestimmen, weshalb die Kultur andere Stützen suchen müssen wird. Die mögliche Bedeutsamkeit des Staats nimmt eben ab im geraden Verhältnis zu seiner Sozialisierung und seiner materiellen Notlage. Im heutigen Deutschland bedeutet der Reichsverband der deutschen Industrie entschieden viel mehr als der Reichstag, und kommt einmal eine deutsche Einheitsfront zustande, so wird dies keiner Parteienfusion zu danken sein, sondern dem Erstarken der Zentral-Arbeitgemeinschaft (oder deren ideeller Nachfolgerin), die, wenn sie Stadt und Land zusammenfalte, ohne weiteres die Politik diktieren könnte. Ein so geeintes Deutschland würde einer Riesenstehuhr gleichen: was auf dem Zifferblatte vorgeht, entspräche der Politik, der Zeiger würde scheinbar laufen wie er will, in Wahrheit bestimmte das unsichtbare innere Triebwerk.

1Vgl. hierzu Erscheinungswelt und Geistesmacht in Philosophie als Kunst und den Aufsatz Arbeit im 1. Heft des Weg zur Vollendung.
2Vgl. hierzu den Artikel Die Zukunft des Preußentums im Anhang zur Mission.
3Vgl. hierzu die Ausführungen in Was uns not tut, welche Studie ab Mai 1922 nicht mehr einzeln, sondern nur mehr als Bestandteil der Einführung in die Schule der Weisheit Schöpferische Erkenntnis (Otto Reichl Verlag) erhältlich sein wird.
Hermann Keyserling
Politik, Wirtschaft, Weisheit · 1922
Wirtschaft und Weisheit
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