Schule des Rades

Hermann Keyserling

Prolegomena zur Naturphilosophie

V. Das Leben

Metaphysisches Wissen

Sie werden mich fragen, ob es denn gar keine Metaphysik als Wissenschaft geben könne. Ganz gewiß nicht; ebenso wenig wie eine Kunst denkbar ist, welche Wissenschaft wäre. Es ist indessen möglich, über den Sinn und die Grenzen der Metaphysik Bestimmtes auszusagen, im gleichen Verstande wie die Ästhetik nichts Widersinniges ist, die den Sinn und die Grenzen der Kunst festsetzt.

Zwei Ästhetiker der Metaphysik (wenn ich mich dieses uneigentlichen Ausdrucks bedienen darf) hat es bisher gegeben, die als Meister gelten dürfen; der eine heißt Immanuel Kant, der andere Henri Bergson. Kant war Ästhetiker im gemeinten Sinne, ohne daß er es gewußt hätte; bewußt hat er sich zeitlebens nur um Naturerforschung bemüht, denn das, was er Metaphysik hieß, ist in unserem Sinne kritische Wissenschaft. Dadurch jedoch, daß er die Sphäre möglicher Erfahrung genau und vollständig abgrenzte, hat er zugleich das Negativ der Metaphysik bestimmt: er hat gezeigt, was sie nicht ist und wo sie anfangen könnte. Bergsons Kritik hat dann die positive Bestimmung dessen gegeben, was außerhalb des kantischen Rahmens belegen und dennoch wirklich ist. Beide Geister gehören insofern dem gleichen Typus an, als ihre Veranlagung keine echt metaphysische war: wäre sie dieses gewesen, sie hätten sich als Kritiker nicht bewähren können. Der schöpferische Künstler ist meistens ein schlechter Ästhetiker, er drückt sich einfach aus und kümmert sich nicht um Gründe oder Grenzen. Mit dem echten Metaphysiker, dem, dessen Metaphysik nichts als Wesensausdruck ist, verhält es sich ebenso: er kann nicht beurteilen was er weiß, es ist gleichsam Glückssache, ob seine Weisheit verständlich ist und der Verstandesgrammatik Rechnung trägt. Was läßt sich nicht alles gegen Hegel einwenden, gegen Plotin, gegen Fichte oder Schelling! Sie alle lebten in der Wahrheit, aber sie waren nicht kritisch genug, um diese einwandsfrei auszudrücken. Kant und Bergson nun waren zur Genüge Metaphysiker, um genau zu wissen, um was es sich handelt, sie waren es nicht hinreichend, um unbefangen als solche zu produzieren, und dank dieser seltenen Konstellation ist es beiden bei ihrer hohen kritischen Befähigung möglich geworden, mit Kompetenz und Exaktheit nicht Metaphysik, sondern über die Metaphysik zu schreiben.

Aus der Kantischen Kritik ergab es sich, daß das transzendente Wirkliche nicht außer uns gesucht werden darf. Nach außen zu liegen überhaupt keine transzendenten Probleme, der Rahmen möglicher Wissenschaft ist so weit wie die denkbare Außenwelt. Aber es gibt allerdings ein Wirkliches und nur eines, das jenseits dieses Rahmens verbleibt: dieses eine Wirkliche ist das Leben. Wenn es daher Wahrheiten geben soll, die nicht vor das Forum der Wissenschaft gehörten, so können sie nur das Leben betreffen. Aus Bergsons Untersuchungen geht nun unzweideutig hervor, daß dieses tatsächlich der Fall ist, seine Analysen und Grenzbestimmungen lassen keinen Zweifel hierüber bestehen. Und blicken wir nun, wo Sinn und Wesen des Metaphysischen bestimmt worden sind, auf das zurück, was von großen Metaphysikern je behauptet ward, so wird uns offenbar werden, daß sie alle, wie immer sie sich ihr Wissen deuten mochten, das Metaphysisch-Wirkliche gemeint haben, welches eben das Leben ist. Heraklits Werden entspricht genau der gleichen Anschauung wie Hegels Prozeß, und Bergsons durée ist nur dessen präzisester Ausdruck; Hegels objektiver Geist bedeutet genau dasselbe wie Bergsons élan vital, und dem gleichen entspricht Fichtes Ich, des Mystikers Gottheit. Man lasse sich durch die Unterschiede in der Bestimmung nicht irre machen: jeder Denker hat sein metaphysisches Wissen den Begriffen gemäß ausgedrückt, die ihm geläufig waren und angemessen erschienen, und wenn Bergsons durée den Einwänden nicht unterliegt, die gegen Hegels Lehre vom Geiste erhoben werden können, so ist das einfach den objektiven Fortschritten zu verdanken, welche die Kritik seither gemacht hat; Bergson hat sich eigentlicher ausdrücken können. Aber das Wesentliche liegt jenseits aller Formeln und im wesentlichen haben alle übereingestimmt. So dürfen wir denn zuversichtlich den allgemeinen Satz aussprechen: alle großen Metaphysiker haben das Leben gemeint, auch wo sie von anderem kündeten.

Was folgt hieraus für die Metaphysik überhaupt? — Zunächst und vor allem, daß sie zum Dasein berechtigt ist. Sie ist, ihrem Wesen nach aufgefaßt, keine Lehre der Wahngebilde, sie bringt Wirkliches zu wahrhaftigem Ausdruck. Und Wirkliches im Sinne der Natur: denn deren Umkreis ist weiter als der Umkreis möglicher Naturwissenschaft. Das Metaphysisch-Wirkliche, das Absolut-Wirkliche oder das Absolute schlechthin ist das intensive, schöpferische Prinzip, das von innen her eine Außenwelt möglich macht, es ist das Wirkliche, welches im Rahmen der Erscheinungen und Gesetze nicht zu begreifen ist, und zwar deshalb, weil es das ist, in bezug auf welches dieser Rahmen existiert. So hat denn Fichte, allem Anscheine entgegen, Kant nicht mißverstanden, sondern überaus tief erfaßt, indem er auf die Kritik hin, welche die Relativität aller Erkenntnis bewiesen hatte, vom Absoluten zu künden unternahm: denn jene macht echte Metaphysik nicht unmöglich, sie ebnet ihr im Gegenteil die Bahn; gerade dank den Grenzbestimmungen des großen Königsbergers ist es möglich geworden, vom Absoluten Kunde zu geben. — Gleichwohl haben wir bisher nur wenig Zuverlässiges von diesem erfahren; zumal Hegel, der größte Metaphysiker der Neuzeit, hat mehr Irrtümer als Wahrheiten in die Welt gesetzt. Daher wird es nützlich sein, auf Grund der gewonnenen Einsichten genau zu bestimmen und kurz zusammenzufassen, was das metaphysische Wissen sicher ausdrückt und was nicht.

Es bringt sicher und ohne Vorbehalt den Urgrund des Lebens zum Ausdruck. Es spricht das aus, was wir sind, was das Lebendige ist. So haben denn die Weisen von jeher, als ob sich dies von selbst verstünde, Wahrheiten vertreten, die gegen alle nächstliegenden Theorien verstoßen und deshalb noch heute, obschon nun auch Kritik zu ihnen hingeführt hat, nur von lebendigen Geistern eingesehen werden: erstens und vor allem die Wahrheit, daß der Grund des Lebens tiefer liegt als der Gegensatz von Körper und Geist. Die Mystiker haben immer gewußt, daß beide Ausdrucksformen einesgleichen sind, daß der Körper nicht weniger Einbildungskraft besitzt als der Geist, daß die Vernunft nur ein möglicher Ausdruck des Lebens ist. Sie haben auch immer gewußt, daß das Wesen mit Bewußtsein und Person nicht zusammenfällt, daß es tiefer liegt als alle Individualität. Endlich haben sie auch von jeher die Kantische Kritik vorweggenommen. Da sie in der Tiefe lebten und ihr Bewußtsein den Grund ihres Wesens spiegelte, so konnte ihnen nicht verborgen bleiben, daß dieses außerhalb der Welt möglicher Erfahrung liegt; während Kant von außen her das Innere abgrenzte, stießen jene von innen her an die Grenze. So sprachen sie in aller Einfalt das nämliche aus, was Transzendentalphilosophie mit Mühe hat begründen können und was noch heute von scharfsinnigen Wissenschaftlern nicht begriffen wird.

Das metaphysische Wissen bringt also das zum Ausdruck, was wir sind. Hierüber kann kein Zweifel obwalten. Mögen alle Metaphysiker, von welchen die Geschichte weiß, insofern gefehlt haben, als sie den eigentlichen Ausdruck nicht fanden und ihre Wahrheit in einem Begriffsgewande hinaussandten, das sie unkenntlich machen mußte: es ist eine Metaphysik möglich, die das Leben unverfälscht und erschöpfend zum Ausdruck bringt. Vermag die Metaphysik aber mehr? Kann sie den Sinn des Weltalls offenbaren, wie sie es so häufig unternommen hat? Das ist die große Frage. Und ich fürchte, wir werden sie verneinen müssen.

Wenn nämlich die Metaphysik nichts anderes tut, als das Leben zu geistigem Ausdruck zu bringen, dann kann es ihr Beruf nicht sein, das Weltall zu erklären. Ja und mehr noch: dann ist es ein grundsätzliches Mißverständnis, solches von ihr zu verlangen. Die Metaphysik hat gar nichts zu erklären, sie drückt ein Wirkliches aus, und dieses Wirkliche ist Leben. Denn auch dieses erklärt sie ja nicht. Wohl mag es zuweilen den Anschein haben, als sei der vorgebliche Ausdruck Theorie, zumal wo sich’s um ethische Behauptungen und Forderungen handelt, wie deren die meisten Aussprüche religiös zentrierter Denker enthalten. Allein der Anschein ist trügerisch: die sittlichen Gebote, soweit sie im echten Sinne sittlich sind und nicht bloß politische Kundgebungen bedeuten, sind Ausdruck eines höchsten Wirklichen, denn indem es sich selbst setzt, setzt das Leben auch Werte in die Welt. Die Ideale der Ethik und Ästhetik sind keine Konventionen, sie sprießen aus den Tiefen der lebendigen Wirklichkeit hervor, als deren Blüte und Vollendung. Nun mag man dieses Wirkliche extrapolieren und den Kosmos als lebendig begreifen, man mag diesem allen den Sinn beilegen, der sich im Leben offenbart: das haben fast alle Metaphysiker getan. Das Christentum hat der Natur eine Heilsordnung zugrunde gelegt, der Buddhismus begreift den Lauf der Gestirne aus moralischen Prämissen; die Inder haben den Atman als Weltprinzip gesetzt und die Mystiker die ganze Natur durchgottet. Aber es ist die Frage, ob solches statthaft sei. Mir scheint, in dieser Extrapolation kommt, in letzter Stunde gleichsam, das Verstandes­postulat der Einheit zum Ausdruck, und für Verstandespostulate ist in der Metaphysik kein Raum. Wenn an dieser Grenze möglicher Einsicht sichere Schlüsse überhaupt zu ziehen sind, dann muß es ein Mißverständnis bedeuten, wenn Metaphysiker vom Weltall künden. Weltall ist der Grenzbegriff möglicher Erfahrung, er bezeichnet die Gesamtheit dessen, was als Erscheinung gegeben und nach Gesetzen begriffen werden kann; er umgrenzt die Außenwelt. Was aber Außenwelt sein kann, davon gibt es eben deshalb keine Metaphysik. Hier bedeutet die Gegebenheit, wie sie ist, die letzte Instanz, hier sind Sinnesdeutungen Dichtungen, die von der Wirklichkeit abführen, anstatt in sie einzudringen, hier gehört der Erfahrung das erste wie das letzte Wort. Wer die Natur in Zusammenhänge hineinbegreift, die sich nicht unmittelbar aus ihr ableiten ließen, zieht die Wirklichkeit ins Märchenland hinüber. Umgekehrt aber gibt es, vom Metaphysisch-Wirklichen her gesehen, kein Weltall und keine Natur. Wohl mag die Seele ein Überindividuelles sein, ein Unendliches, das alle Grenzen verneint: sie bleibt doch immer nur sie selbst. Sie mag von den Sternen künden, sie mag vom Weltmeer sagen: sie meint doch immer nur sich. Welten über Welten bringt sie hervor und ist doch keine von ihnen. Sie weiß von keiner Vielheit, keinen Schranken, sie weiß von nichts, was nicht sie selber wäre.

Und damit ist gesagt, daß Metaphysik keinen Begriff von der Welt zu geben vermag. Zweifelsohne existiert eine allumfassende Natur, von der das Leben nur ein Element ist. Aber diese Wahrheit gilt nur im Sinne der Naturforschung, und das Leben liegt jenseits von deren Sphäre. Nur den Lebenserscheinungen ist sie gewachsen. Das Leben offenbart sich im Leben selbst, es enthüllt sich, indem es sich ausdrückt. Dieser Ausdruck jedoch, der mehr sagt als alle nur mögliche Wissenschaft, schweigt ewig über das, was er nicht ist. Er besagt schlechterdings nur sich selbst. So vermag er deren Erkenntnisse nicht aufzuheben.

Hermann Keyserling
Prolegomena zur Naturphilosophie · 1910
V. Das Leben
© 1998- Schule des Rades
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