Schule des Rades

Hermann Keyserling

Prolegomena zur Naturphilosophie

I. Der kritische Gesichtspunkt

Relativität der Erkenntnis

Es ist nämlich ein Mißverständnis, daß die Kritik notwendig zu einer Weltauffassung führen muß, nach welcher die Welt letztlich als Funktion des Menschen begriffen wird. Dieses wäre nur dann der Fall, wenn der Mensch sich selbst auf eine andere, unmittelbarere Weise gegeben wäre, als ihm die Außenwelt gegeben ist, und wenn die Kritik sich eines anderen, unmittelbareren Erkenntnismittels bediente als die Wissenschaften der Natur. Beides ist aber, wie schon hervorgehoben wurde, nicht der Fall. Ich bin mir, nicht bloß als Körper sondern auch als psychisches Wesen, auf genau die gleiche Weise gegeben wie die Gegenstände außer mir, meine Gedanken, Gefühle und Impulse sind mir um nichts gewisser als die materiellen Erscheinungen. Alle Phänomene, obschon verschiedenen Ordnungen angehörig, sind doch im gleichen Sinne wirklich, und keine haltbare Erwägung berechtigt mich dazu, wenn ich die Antithese Natur und Geist aufstelle, das Psychisch-Gegebene zum Geiste zu rechnen: es ist vielmehr ohne jeden Zweifel Natur. Es gibt nichts, was sich als Objekt begreifen läßt, das nicht zur Natur gehörte, es ist ein schwerer Denkfehler, den Menschen als psychisches Wesen der Natur gegenüberzustellen. Schon diese Überlegung entscheidet darüber, daß die Kritik nicht notwendig zur Kantischen Auffassung führen muß. Und das andere Argument, das die Erkenntnismethode betrifft, führt zum gleichen Ergebnis. Ich sagte: wenn die Kritik sich eines anderen, unmittelbareren Erkenntnismittels bediente als die Wissenschaften der Natur, dann allein dürfte sie es unternehmen, zum Grunde der Erscheinungen hinabzuführen. In der Tat, gäbe es eine schlechterdings apriorische Erkenntnisart, die aus sich selbst heraus, ohne Erfahrung und unabhängig von den Erscheinungen, die Welt zu produzieren oder zu konstruieren vermöchte, dann allerdings vermöchte die Kritik unter die Erscheinungen hinabzutauchen und dergestalt zu ihrem Seinsgrunde vorzudringen; und da dieser Seinsgrund im erkennenden Geiste nachgewiesen würde, den keine Kritik als übermenschlich zu erweisen fähig ist, so wäre der Mensch offenbar nicht Teil der Welt, sondern deren bedingende Ursache. Aber es gibt keine apriorische Erkenntnisart, keine intellektuale Anschauung; es gibt schlechterdings keine andere wissenschaftliche Methode als die, welche auch in der Natur ihre Anwendung findet; wie der Physiker, so geht auch der kritische Philosoph von gegebenen Erscheinungen aus und sucht diese im Zusammenhang zu begreifen. Aus der Sphäre der Phänomene gelangt er nicht hinaus, er muß ihre Wirklichkeit voraussetzen, kann sie nicht ihrerseits begründen. Er vermag höchstens den Sinn des Erkenntnisprozesses innerhalb der sonstigen Naturvorgänge, die er alle als gleich wirklich anerkennen muß, festzustellen. Daher besteht für die Kritik keine Notwendigkeit, beim Menschen, sei es als physisches oder psychisches Wesen, als letzter Instanz stehen zu bleiben.

Dieser Umstand ist von großer und grundsätzlicher Bedeutung. Daß Kant den wahren Sinn seiner Kritik nicht deutlich genug präzisiert und wohl auch nicht ganz deutlich erfaßt hat, ist nicht abzuleugnen. Aber diese Unklarheit im Letzten beim klarsten Denker der Welt wird den nicht wundern, der historisch und psychologisch zu denken weiß. Jeder Denker gelangt zu neuen Wahrheiten über alte hinweg, die er als anerkannt vorfindet, erst übernimmt, alsdann in Frage stellt und zuletzt überschreitet oder verwirft; deshalb steht er immer in Gegensatz zu dem, was vor ihm galt, und die neue Wahrheit nimmt unwillkürlich die Form an, welche diesen Gegensatz am schärfsten zum Ausdruck bringt. So mußte am Ende des XVIII. Jahrhunderts, auf daß der immer noch mächtige scholastische Realismus endgültig gestürzt würde, aller Nachdruck darauf gelegt werden, daß die Vorstellungswelt nicht Ding an sich, sondern Erscheinung ist; so war es geboten, um der dogmatischen Metaphysik, die vom Absoluten her dekretiert, den Todesstoß zu versetzen, so stark als nur möglich die Relativität der Erkenntnis und die Unmöglichkeit zu betonen, hinter die Erscheinungen vorzudringen. Diese Gründe haben Kant veranlaßt, seiner Philosophie die Form zu geben, welche das Subjektive der Erkenntnis im Vordergrunde zeigt; und unwillkürlich nahm sie dabei — denn er war nur ein Mensch — für sein persönliches Bewußtsein einen subjektivistischeren Charakter an, als mit der Wahrheit vereinbar ist. Aber das zeitliche Gewand hat längst seinen Dienst getan, nun ist es abgetragen; uns hat sich der Geist vom Buchstaben losgelöst, wir können ihn nackt erfahren. Ob Kant selbst es gewußt hat oder nicht, wir wissen es jetzt; die Großtat seiner Kritik besteht darin, daß sie den Zusammenhang der Phänomene, dem alles Gegebene angehört, von metaphysischen Voraussetzungen und Beimengungen befreit und rein in sich selbst begründet hat. Alles Gegebene ist Phänomen und als solches im gleichen Sinne wirklich. Daher sind alle innerhalb der Erscheinungswelt belegenen Aussichtspunkte gleichberechtigt; Gründe der Zweckmäßigkeit entscheiden darüber, welchen ich erwählen soll. Betrachte ich den totalen Zusammenhang vom erkennenden Subjekte aus, so übersehe ich dabei am besten die spezifisch-menschliche Geistesorganisation; aber die übrige Welt wird mir dann undeutlich und unübersichtlich. Es ist schwer zu verstehen, wie Mensch und Natur zusammenhängen, wie sich die Erfahrung zum absolut Realen verhält; es ist kaum zu begreifen, auf welche Weise die Denkvorgänge mit den Naturvorgängen übereinstimmen können, und die mathematischen Berechnungen mit dem wirklichen Geschehen. Es ist endlich nicht leicht, den Grundfehler des Solipsismus oder der aprioristischen Metaphysik klar zu erkennen und auf dem Wege scharfsinnigster Überlegung nicht zu einer Welttheorie zu gelangen, die sowohl der Evidenz der Erfahrung als dem Takte des gesunden Verstandes schreiend widerspricht. Wie aber, wenn wir vom ideellen Weltmittelpunkte aus die Phänomene zu überblicken suchen? Wir können und dürfen es tun. Von Hause aus sind alle Gesichtspunkte gleichwertig. Nur werden Sie bald erkennen, daß die kritische Philosophie, die nicht vom Menschen her, sondern von der Gesamtheit der Erscheinungen aus die Welt zu begreifen unternimmt, bei weitem die deutlichste Aussicht gewährt.

Hermann Keyserling
Prolegomena zur Naturphilosophie · 1910
I. Der kritische Gesichtspunkt
© 1998- Schule des Rades
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