Schule des Rades

Hermann Keyserling

Prolegomena zur Naturphilosophie

II. Vernunft und Weltordnung

Bewußtsein

Der Zusammenhang der Grundnormen des Denkens mit der objektiven Ordnung der Dinge muß Ihnen jetzt so klar geworden sein, daß weitere Erklärungen meinerseits nicht nur überflüssig erscheinen, sondern das gewonnene Bild wahrscheinlich trüben würden. Ich will also, ehe ich diese Stunde schließe, nur noch eine Frage zu beantworten suchen, die viele von Ihnen gewiß stellen werden, wenn Sie daheim dem Gehörten nachsinnen; die Frage nach dem objektiven Sinne der menschlichen Vernunft im Zusammenhange der Erscheinungen.

Die Philosophen, welche die Vernunft als Urgrund der Welt hypostasierten, weil diese so gar vernünftig eingerichtet sei, sind bei ihren Betrachtungen meist von der Anschauung des Organischen ausgegangen. Sie haben — ich konstruiere frei dem Sinne nach, ohne mich ums Historische zu bekümmern — zuerst den vernunftgemäßen Charakter der Organisation konstatiert, den Lebewesen dann vernünftige Seelen zugesprochen, welche die vernunftgemäßen Erscheinungen hervorbrächten und lenkten, und diese Einzelseelen zuletzt zu einer Weltseele zusammengezogen oder in der absoluten Vernunft Gottes aufgehen lassen. Hätte jemand diesen Denkern die Frage vorgelegt, ob es denn überall sicher sei, daß die Vernunft das Grundprinzip des Lebendigen ist, sie hätten diese Frage ohne Zweifel als töricht verlacht; es sei doch evident, daß die Vernunft das Lebendige regiere! So wie sie es meinten, werden sie wohl im Recht gewesen sein; so wie sie ihre Meinung aussprachen, haben sie Unrecht gehabt. Denn die Vernunft in des Wortes verständlicher Bedeutung kann als Prinzip des Lebens nicht anerkannt werden.

Nicht etwa, weil die Lebenserscheinungen den Anforderungen der Vernunft nicht genügten; das tun sie im höchsten Maße; sondern weil der deutliche Begriff einer Vernunft zu eng ist, um die Gesamtheit des Vernunftgemäßen zu umfassen, und weil vieldeutige Begriffe für die Erkenntnis wertlos sind. Vernunft ist an Bewußtsein gekettet, sie lenkt Vorgänge geistiger Art, schließt diese zu Zweckeinheiten zusammen: anders verstanden, ruft ihr Begriff keine Vorstellung wach. Die Vernunft, welche Lebensprinzip sein sollte, müßte aber unbewußt sein, müßte unterschiedslos in der physischen sowohl als in der psychischen Sphäre zum Ausdruck kommen, müßte endlich auf beiden Gebieten schöpferisch sein. Und das ist mehr als die menschliche Vernunft zu leisten vermag. Sie werden die Fortpflanzung schwerlich als vernünftige Handlung bezeichnen wollen, und doch ist ihr Ergebnis nicht allein vernunftgemäß, sondern so wunderbar, so vollendet und meisterhaft, daß keine Vernunft es nur zu verstehen fähig ist. Sie werden dem Magen ungern wissenschaftliche Überlegung zuschreiben wollen, und doch vermag er, was kein noch so weitblickender Chemiker versteht: im Augenblick, wo ein neuer Stoff die Mundhöhle betritt, erfindet er einen neuen Verdauungssaft, welcher der kommenden Nahrung und nur dieser aufs genaueste gemäß ist1. Sie werden endlich der Amöbe kaum genialische Einfälle zutrauen, und doch bildet sie augenblicklich, wenn ein Objekt ihr naht, die zweckmäßigsten und aufs scharfsinnigste zusammengesetzten Organe aus, um sich mit ihm auseinanderzusetzen, Organe, die nach getaner Arbeit wieder verschwinden2. Es ist außerordentlich unwahrscheinlich, daß die Amöbe Bewußtsein besitzt, von einer Psyche des Magens kann gewiß nicht die Rede sein, und doch steckt in beiden mehr schöpferische Spontaneität als in den meisten menschlichen Intelligenzen. Für den, welcher das Leben wirklich zu schauen weiß, kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die Vernunft von allen vernunftgemäßen Einrichtungen die mangelhafteste ist. Sie ist nur ausnahmsweise schöpferisch, sie ist beschränkt, irrt häufiger als daß sie das Richtige trifft und ist selten fähig, sich den wechselnden Verhältnissen schnell genug anzupassen, wie dies der viel verachtete Körper doch meistens vermag. Unter diesen Umständen dürfte es ein wenig gegenständliches Verfahren sein, dem Leben gerade die Vernunft als Prinzip zugrunde zu legen. Anstatt davon auszugehen, daß die Lebenserscheinungen vernunftgemäß sind, was nicht eben viel besagen will, wäre es gewiß richtiger und dem Tatbestande entsprechender, die Vernunft als Ausdruck des Lebens zu beurteilen. Tun wir nun dieses, so wird uns manches verständlicher vorkommen, als es bisher erschienen ist. Wir werden die Evidenz nicht als Absurdum von uns weisen, daß jeder Körper mehr Phantasie besitzt als die durchschnittliche Intelligenz, daß er versteht und schafft, sich bildet und voraussieht und so merkwürdig dankbar ist: das Leben liegt tiefer als der Gegensatz von Körper und Geist. Ja, ob es sich in der Schöpfung von Organen, von Nachkommen oder von Kunstwerken äußert, ist offenbar eine Frage des Ausdrucks, nicht der bedingenden Ursache. Auch die Tatsache wird uns dann weniger befremden, daß im lebendigen Geschehen Bewußtsein so wenig bedeutet: für die Vernunft allein ist Bewußtsein ein unerläßliches Attribut, unbewußtes Leben ist keine blinde Vorstellung. Endlich werden wir nun besser begreifen, weshalb echte Geistesschöpfungen immer als Naturprodukte zur Welt kommen, aus innerem, dunklem Drang, ohne Absicht und ohne Begründung, und weshalb es wohl kaum einen lebendigen Geist gegeben hat, der die Vernunft nicht ein wenig verachtet hätte: sie ist ein spezielles Organ des Lebens, weder dessen höchster Ausdruck, noch sein Prinzip, noch auch sein letzter Sinn. Das Leben ist mehr als alle Vernunft. Deswegen weiß diese es nicht zu fassen.

1Vgl. die Forschungsergebnisse des russischen Physiologen Pawlow. Da mir die Originalarbeiten in meiner Landeinsamkeit nicht zugänglich sind, vermag ich in diesem Falle keine genauen Nachweise zu geben.
2Vgl. das Kapitel Protoplasma in Uexkülls bereits zitierter Innenwelt etc. und Jennings grundlegendes Werk Behavior of the lower Organisms, New-York 1906.
Hermann Keyserling
Prolegomena zur Naturphilosophie · 1910
II. Vernunft und Weltordnung
© 1998- Schule des Rades
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