Schule des Rades

Hermann Keyserling

Prolegomena zur Naturphilosophie

III. Die Erkenntniskritik als Zweig der Biologie

Vernunftkritik

Entsinnen Sie sich dessen, daß das Erkennen vom Leben aus vollständig zu begreifen ist, als lebendiger Vorgang, der sämtlichen allgemeinen Bestimmungen des Lebendigen unterliegt, halten Sie diese Erkenntnis fest und wenden Sie sich nunmehr einer scheinbar weitabliegenden Betrachtung zu. — Stellen wir uns irgendeinen Organismus vor, etwa ein Pferd. Wir wollen dieses Tier nach allen Richtungen hin durchforschen, in seinem Aufbau, Leben und Wirken vollkommen begreifen: hierzu müssen wir erst das, was unmittelbar gegeben ist, feststellen und zusammenfassen, so den Knochenbau, die Fleischteile, den Zirkulationsapparat, das Nervensystem u. s. f. Solches ist Aufgabe der Anatomie. Diese entwirft ein vollständiges Bild des Pferdes, wie es ist. — Allein wir verstehen das Pferd noch nicht, wenn uns sein anatomischer Bau bekannt ist. Denn wir wissen zwar, welche Organe es besitzt, aber wie sich diese verhalten, was sie leisten und nach welchen Gesetzen — dieses Wichtige verschweigt uns die Anatomie. Für sie gibt es, kurz gesagt, keinen Unterschied zwischen einem lebendigen und einem toten Pferde. — Untersuchen wir also das Verhalten der Organe. Wir bestimmen, wie das Herz funktioniert, wie die Drüsen sekretieren, welches die Aufgabe der Nerven und die des Blutes ist; die Wirkungsart jeder Zelle, jeder Faser wird auf das genaueste festgestellt. Das Ergebnis unseres Forschens ist des Pferdes vollständige Physiologie. — Wissen wir jetzt alles, was zum Verständnisse des Pferdes vonnöten ist? — Auch jetzt nicht. Wohl wissen wir, daß und wie das Blut zirkuliert: aber wir begreifen nicht, weshalb dies in bestimmten Bahnen geschieht, wohl haben wir festgestellt, wie und aus welchen nächstliegenden Ursachen jede Zelle sich teilt: aber weshalb aus Zellen Organe werden, und zwar verschiedene, je nach der Lage und den Verhältnissen, hierüber ahnen wir nichts; wohl haben wir alles Wünschenswerte über den Mechanismus des Muskelspiels erfahren : aber wie aus Muskeln, die sich nur dehnen und verkürzen können, ein schreitendes Bein wird, das ist vom physiologischen Gesichtspunkte aus nicht einzusehen. Die Physiologie weiß jede Einzelerscheinung zu bestimmen und zu begründen, aber die Erscheinungen hängen nicht zusammen für sie; sie verlaufen planlos. Nun ist offenbar: das lebendige Pferd, wie es geht und steht, werden wir erst dann begreifen, wenn uns erklärt worden ist, wie Organe und Funktionen zusammenwirken, wie jedes Einzelne dem Ganzen dient und wie das Ganze bestehen und dauern kann; wenn wir erkannt haben, welches der Bauplan ist, nach welchem die Bestandteile angeordnet sind und die Reaktionen verlaufen. Die Lehre vom Bauplane der Organismen ist die Biologie. Diese befaßt sich nicht mit den Lebenserscheinungen selbst, wie sie dem Forscher im einzelnen entgegentreten, sie untersucht die Form ihres Zusammenhangs, die Art ihres Ablaufs und ihren Sinn im Zusammenhange des Ganzen.

Rekapitulieren wir kurz: vom Pferdefuß lehrt uns die Anatomie, welches seine Bestandteile sind, die Knochen, Knorpeln, Nerven, Muskeln und Hautteile; die Physiologie, wie die Bestandteile funktionieren, wie die Knochen tragen, die Nerven leiten, die Muskeln sich dehnen und verkürzen. Der Biologie aber bleibt es vorbehalten, festzustellen und zu erklären, wie aus diesen Elementen ein Fuß wird, der laufen kann. — Die aufgezählten Disziplinen, die sich scharf von einander unterscheiden, haben alle drei das gleiche Objekt; sie sind gleichwohl unvertauschbar, gleich notwendig, und jede in ihrer Sphäre unersetzlich. Wer Anatomie mit Erfolg betreiben will, muß derweil biologische Fragen ungestellt lassen, und wer sich mit Biologie befaßt, den geht währenddessen die Physiologie nichts an. Den Grenzen zwischen den Wissenschaften entsprechen gewiß keine in der Wirklichkeit: Anatom sowohl als Physiolog und Biolog studieren das gleiche Pferd. Aber die Gesichtspunkte, die sie einnehmen, sind verschieden, und dementsprechend verschiebt sich die Ansicht des Objekts. Der Vordergrund des Anatomen ist dem Physiologen Hintergrund, und was der Biolog erschaut, dafür sind beide anderen blind. Dieses Verhältnis ist keine Anomalie, es ist typisch für jeden Standpunkt, welcher immer es sei: kein von außen blickender Geist kann das Ganze auf einmal übersehen. Er muß sich fortbewegen, wenn er von einer Seite zur anderen gelangen will, und tritt er zu einer heran, so wendet er sich eben damit von einer anderen ab1. Wer das Leben des Organismus erfassen will, hat andere Probleme vor sich als der Erforscher seiner Faktoren, und seine Wissenschaft wird einen besonderen, einzigen Charakter tragen.

Der Mensch als psychisches Wesen ist nicht minder ein Organismus, als er es in physischer Hinsicht ist; der Geist ist in keinem anderen Sinne Einheit als der Körper, und in keinem anderen darf er als Vielheit angesprochen werden. In beiden Fällen handelt es sich um Erscheinungen verschiedener Ordnungen, die nach einem einheitlichen Plane zusammenhängen, um einen komplizierten Apparat von Organen und Funktionen, die einem höheren Ganzen dienen. Daher sehen wir uns in beiden Fällen der gleichen Schwierigkeit gegenüber: es gelingt nicht, einen Standpunkt zu finden, der einen simultanen Überblick über das Ganze des Gegebenen gewährte. Auch in der psychischen Sphäre ist das Ganze nur sukzessive, von verschiedenen Gesichtspunkten aus zu übersehen, von denen jeder eine Seite des Zusammenhangs deutlich zu erkennen gestattet, auf die anderen Seiten jedoch überhaupt keine Aussicht eröffnet.

Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Inhalte des Bewußtseins, und suchen wir diese zu begreifen, so gelangen wir zu einem wissenschaftlichen System, das den Namen Psychologie führt. Die Psychologie zählt die Elemente des Seelenlebens auf, untersucht deren Ursprung und Zusammenhang, bemüht sich die Gesetze des Vorstellungsablaufs festzustellen und die Ordnungen der psychischen Tatsachen zu bestimmen. Ihr entsprechen in der physischen Sphäre Anatomie sowohl als Physiologie, jene, soweit die Psychologie atomistisch, diese, soweit sie dynamisch ist. Aber ebenso wie die genannten Disziplinen über das eigentliche Leben des Organismus, das zielstrebige Zusammenwirken der Organe und Funktionen, keinen Aufschluß gewähren, ebensowenig vermag die Psychologie das Geringste darüber zu lehren, wie aus Vorstellungen Erkenntnisse werden. — Um diese Frage zu entscheiden, müssen wir einen anderen Gesichtspunkt einnehmen. Der nächstliegende scheint derjenige der Logik zu sein. Diese Wissenschaft bringt die Bedingungen zum Ausdruck, denen alles Denken überhaupt unterliegt, sofern es zu Erkenntnissen führen, oder alles Geschehen, sofern es begreiflich sein soll. Die Grundsätze oder Axiome, die sie aufweist, sind die Normen, deren Nichtbefolgung dem Denken seinen Sinn und den Naturvorgängen ihre Denkbarkeit nehmen würde. — Welches die Bedingungen sind, welche alles Denken überhaupt einhalten muß, sofern es sich selbst nicht aufheben soll, lehrt uns die Logik allerdings: aber lehrt sie auch, welches die Bedingungen der Erkenntnis des Wirklichen, d. h. der Erfahrung sind? Nein; denn da sie die Grundgesetze alles Wirklichen, sofern es möglich sein soll, bestimmt, so hat sie es mit keinem Wirklichen im Besonderen zu tun. Ihren Grundsätzen entspricht in der physischen Sphäre — die Analogie ist keine wirkliche, sie deutet auf keine wesentliche Übereinstimmung hin, dürfte aber doch geeignet sein, den Tatbestand für den Augenblick deutlich zu machen — das Energieprinzip, das für alle Erscheinungen gilt und daher keine Handhabe bietet, das besondere Verhältnis zwischen zwei Erscheinungsarten zu bestimmen. Die Frage nach den Bedingungen der Erfahrung betrifft aber gerade das gegenseitige Verhältnis zweier Arten des Wirklichen zu einander, nämlich eines erkennenden Organismus zu seiner Außenwelt. Vom Gesichtspunkte der Logik ist demnach das Problem, unter welchen Bedingungen Erkenntnisse Erfahrungen sind, ebensowenig zu lösen, wie vom Standpunkte der Psychologie die Frage, unter welchen Bedingungen Vorstellungen Erkenntnisse vermitteln, einer Beantwortung fähig ist; es sind also beide betrachteten Wissenschaften außerstande, gerade die Frage zu beantworten, welche in bezug auf den lebendigen Wert des Geistesprozesses die wichtigste ist, nämlich wie die Wirklichkeit zu verstehen ist, und worin sie besteht, in der wir uns zeitlebens bewegen. Infolgedessen ist es unumgänglich notwendig, einen Standpunkt zu entdecken, der auf diese Seite des Zusammenhangs eine deutliche Aussicht gewährte. Der gesuchte Gesichtspunkt ist der der Vernunftkritik. Sie allein vermag, was Logik und Psychologie nicht vermögen: zu erklären, was Erfahrung bedeutet.

Der Psyche, gerade wie der Physis gegenüber, sind drei von einander unabhängige Fragestellungen erforderlich, wenn der ganze Tatbestand erschöpfend begriffen werden soll; in der physischen Sphäre heißen die entsprechenden Wissenschaften Anatomie, Physiologie und Biologie, in der psychischen Logik, Psychologie und Erkenntniskritik. Sollte sich die Erkenntniskritik zur Psychologie ebenso verhalten wie die Biologie zu Anatomie und Physiologie? So ist es in der Tat. Die Biologie stellt fest, wie der Organismus vermittelst bestimmter Organe, die nach bestimmten Gesetzen funktionieren, leben kann, und sie leistet dies, indem sie den Bauplan aufweist, dem jedes einzelne ein- und untergeordnet ist; sie hat es mit dem formalen Zusammenhange der Lebenserscheinungen, nicht mit diesen selbst zu tun. Ganz im gleichen Sinne erforscht die Erkenntniskritik, wie der Mensch vermittelst seiner nach logischen und psychologischen Gesetzen ablaufenden Geistesprozesse erkennen, d. h, geistig leben kann, und sie leistet dies, indem sie den Rahmen feststellt, dem sich die gemeinten Prozesse eingliedern. Auch sie hat es nur mit dem formalen Zusammenhange der Erscheinungen, nicht mit diesen selbst zu tun, sie belehrt uns über die reinen Formen der Erkenntnis, nicht, wie die Psychologie, über die Erkenntnisinhalte. Beide Wissenschaften haben also den gleichen Sinn. Wenn Kant nachweist: der Mensch erkennt gemäß den Formen von Zeit, Raum und Kausalität, nach bestimmten Schemen und Kategorien, so leistet er genau das gleiche wie der Biolog, der den Mechanismus des Gehens demonstriert, nachdem Anatom und Physiolog die Faktoren des Beines festgestellt haben. Und ebenso wie es unmöglich ist, von einem anderen als dem biologischen Gesichtspunkte aus das Gehen zu verstehen, ebenso ist Verständnis dessen, was Erfahrung ist, nur durch Erkenntniskritik, nicht durch Psychologie zu gewinnen. Aber die Bestimmung, daß die Erkenntniskritik sich genau so zur Psychologie verhält wie die Biologie zur Physiologie, bedeutet noch nicht die letztmögliche Präzisierung des Verhältnisses: die Erkenntniskritik ist Biologie, die nachgewiesene Gleichung beweist nicht bloß Proportionalität, sie beweist Identität. Da das Erkennen nur als Äußerungsform des Lebens, die dessen sämtlichen allgemeinen Bestimmungen unterliegt, erschöpfend zu begreifen ist, und da der unter der Voraussetzung des Lebens gewonnene Erkenntnisbegriff sich wirklich überall als stichhaltig und gegenständlich erweist, so steht der Auffassung der Erkenntniskritik als Zweiges der allgemeinen Biologie auch nicht ein Bedenken entgegen. Die Erkenntniskritik ist wirklich Biologie. Diese Bestimmung nun, die an und für sich kaum etwas Neues zu bringen scheint, wird uns dazu verhelfen, von der Stellung der Kritik unter den Wissenschaften sowohl als von der Stellung ihrer Erkenntnisse unter den übrigen Ergebnissen der Forschung einen Begriff von vollendeter Deutlichkeit zu gewinnen so entscheidend wirkt oft ein einziger richtig bestimmter und richtig angewandter Begriff. Zunächst leuchtet jetzt ohne weiteres ein, wie verfehlt das Unternehmen gewisser Forscher ist, die Erkenntniskritik durch Biologie ersetzen zu wollen, — ist sie doch selber Biologie! wie aussichtslos jeder Versuch sein muß, durch Psychologie die Vernunftkritik überflüssig zu machen: denn was diese übersieht, ist für jene überhaupt nicht vorhanden. Ferner verstehen wir jetzt vollkommen, was es mit den Thesen der Vernunftkritik für eine Bewandtnis hat. Wenn wir eine Erscheinung erst begreifen, nachdem wir sie im Rahmen bestimmter Kategorien betrachtet haben, obgleich diese weder denknotwendig noch durch psychologische Forschung nachzuweisen sind, so liegt das daran, daß die Kategorien integrierende Bestandteile der Organisation sind, welche den erkennenden Menschen als Naturprodukt definiert: die Welt ist erfahrbar, nur insofern sie unsere Umwelt ist, nur dank den Organen, mit denen wir sie erfassen, im Rahmen des Planes, dem diese eingeordnet sind. Die Vernunftkritik stellt eben den Rahmen fest, der uns umgrenzt, und den wir deshalb jedem Objekte aufzwängen, zu dem wir in Beziehung treten. Nun ist auch völlig klar, inwiefern Begriffe, gemäß Kants Lehre, nur auf mögliche Erfahrung Anwendung finden können, inwiefern sie Werkzeuge sind und nicht das Wesen der Dinge bezeichnen. Wenn wir den Phototropismus eines Seeigels studieren, so werden wir nie darauf verfallen, aus den Reflexen des Echinoderms auf das Wesen des Lichtes Schlüsse zu ziehen; wir werden aus der Art, wie der Igel auf das Licht reagiert, nur schließen, wie der Igel organisiert ist, nicht was das Licht an sich selbst sein mag. Es wäre doch absurd, zu behaupten, das Wesen des Lichtes bestehe darin, daß ein Seeigel vor ihm davonläuft! Eben den fragwürdigen Sinn hat aber die Theorie, daß der Begriff eines Gegenstandes dessen Wesen darstelle, denn der Begriff als solcher bezeichnet eben die Art, wie der Organismus Mensch als erkennendes Wesen sich zur Wirklichkeit stellt, um mit ihr eine Gleichung einzugehen, und weiter nichts.

Weiter wird Ihnen jetzt ganz deutlich werden, inwiefern die Grundaxiome der Geometrie keine Konventionen sind, obschon sie keiner Denknotwendigkeit entspringen. Wer von der Möglichkeit ausgeht, wie der Mathematiker, der kann dem euklidischen Raum natürlich keinen Vorzug vor den übrigen konstruierbaren Räumen zuerkennen, denn logisch sind sie alle gleich möglich und es besteht kein logischer Grund, den dreidimensionalen Raum für wirklicher anzusehen als einen von n Dimensionen. Aber unsere Empfindungen können wir gleichwohl nur zu einem dreidimensionalen Gebilde, und zu keinem anderen, zusammenschließen, für die Erfahrung kommt der euklidische Raum allein in Betracht. Dies bedeutet, daß der Mensch als Naturprodukt unter den zahllosen Möglichkeiten nur die eine verwirklicht, daß die Axiome welche vom Standpunkte des Mathematikers nur Konventionen sind, zugleich die naturnotwendigen Grenzen seines Vorstellungsvermögens bezeichnen. Das wichtigste Ergebnis unserer methodischen Untersuchung dürfte indessen das sein, daß Ihnen jetzt vollkommen klar geworden sein muß, inwiefern die Vernunftkritik aus der Erscheinungswelt nicht hinausführt und nicht hinausführen kann. Sie führt zum Begriffe des Menschen als erfahrenden Wesens innerhalb der Gesamtheit des Wirklichen, dieses ist alles, was sie vermag. Das Weltall aufzubauen oder umzustürzen, geht über ihre Kraft. So bedeutet denn der Versuch, von der Kritik aus zu einer Metaphysik zu gelangen, ein Versuch, der von Kants unmittelbaren Nachfolgern an bis heute nicht aufgegeben worden ist, ein grundsätzliches und vollständiges Mißverstehen des Sinnes der Kritik. Nicht nur, daß unsere Anschauungen allesamt empirisch sind; nicht allein, daß Begriffe bloß als Erkenntnisrahmen für das Empirische überhaupt einen Sinn haben; die Vernunft selbst, so wie Kant sie bestimmt hat, ist keine metaphysische Wirklichkeit, sondern der abstrahierte Rahmen, innerhalb welches der Erkenntnisprozeß sich abspielt. Sie hat keinen anderen Sinn als der Bauplan, den der Biolog im Organismus nachweist, welcher nur dessen besonderen Charakter innerhalb des Erscheinenden definiert und gar nichts über sein inneres Wesen behauptet. Von der Kritik aus führt kein Steg zur Metaphysik hinüber. Jene gibt zwar den abschließenden Begriff von der Natur, da sie den Sinn der Naturwissenschaft im Zusammenhange der Erscheinungen feststellt, aber sie bleibt selbst begriffliche Erkenntnis, und kann infolgedessen aus der erscheinenden Wirklichkeit nicht hinausführen.

Der Bauplan ist die letzte Instanz der Biologie als Naturwissenschaft. Mehr als den Plan, nach welchem die Erscheinungen ablaufen und angeordnet sind, vermag sie nicht festzustellen, mehr vom Leben nicht unter Begriffe zu bringen. Folgt hieraus, daß dieser äußerste Begriff das Leben erschöpft? Die elementarste Selbstbesinnung bezeugt das Gegenteil. Das Wichtigste und Ausschlaggebende ist der wissenschaftlichen Fassung entgangen: nämlich das Leben selbst. Es läßt sich nicht begreifen, was Freiheit ist, was Schöpfung, wie Neues entstehen kann. Und doch ist das nicht zu fassende Wirklichkeit. Die Wissenschaft ist nur dem Fertigen gewachsen, und das Leben ist wesentlich unfertig, ein ewig anhebendes Werden. Von tausenderlei Gesichtspunkten weiß die Wissenschaft das Leben zu beleuchten, es innerlich zu ergreifen vermag sie nicht. Hier gibt es aber eine innere Wirklichkeit, es gibt etwas, was die Lebenserscheinungen hervorbringt. Wie wird aus dem Samen der Baum, aus dem Kinde der Mann? Wie kam aus absichtslosen Einfällen die Kritik der Vernunft zustande? Das vermag keine Wissenschaft deutlich zu machen. Folglich erschöpft der Rahmen, welchen Kant für die Wirklichkeit abgesteckt hat, nicht die ganze Wirklichkeit. Es gibt eine Realität, die außerhalb dieses liegt. In der Sphäre der Begriffe, wie Jahrtausende lang gewähnt worden ist, kann sie nicht wohnen: Begriffe sind die speziellsten unter allen Phänomenen, da sie nur des Menschen Erkenntniswerkzeuge sind. Die transzendente Wirklichkeit muß anderswo zu suchen sein; wohl auch auf anderen Wegen. Denn soviel ist gewiß: die Biologie kann nicht weiter vordringen als bis zum Bauplane der Lebewesen, und die Erkenntniskritik nicht weiter als bis zur reinen Vernunft. Das Leben aber ist ein anderes, Wirklicheres als der abstrakte Bauplan, und der Geist etwas Wesentlicheres als die Kantische Vernunft.

1Diesen Gedankengang habe ich im genau ausgeführt und verweise daher alles Weitere und Nähere betreffend auf dieses Werk S. 166 ff.
Hermann Keyserling
Prolegomena zur Naturphilosophie · 1910
III. Die Erkenntniskritik als Zweig der Biologie
© 1998- Schule des Rades
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