Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

I. Ursprünge und Entfaltungen

III. Houston Stewart Chamberlain - Verehrung

Bisher — dieses schreibe ich in meinem sechzigsten Lebensjahr — merke ich nur zwei mich störende altersbedingte sogenannte Ausfallerscheinungen: eine immer mehr sich steigernde Weitsichtigkeit, welche mich, wenn ich einmal die Brille verlege, lesens- und schreibensunfähig macht. Dann aber — und hiervon allein soll hier die Rede sein — die Unmöglichkeit, so zu verehren, wie ich’s in meinen jüngeren Jahren vermochte. Nicht daß mir nichts objektiv Verehrungswürdiges mehr begegnete: wer allein meine Bücherschauen im Weg zur Vollendung verfolgt hat (von dem zu schweigen, welcher sich dessen erinnert, wie sehr ich mich auf den großen Darmstädter Tagungen bemüht habe, das Verstanden- und Anerkanntwerden bedeutender Persönlichkeit zu fördern) kann wissen, wie sehr es in mir liegt, in aller Erscheinung das Positive zu bemerken und dieses eher zu über- als zu unterschätzen. Doch das Verehren, das ich meine, setzt eine Physiologie voraus, die bei den meisten schon in den Zwanzigerjahren einer anderen Platz macht — bei mir hat sie bis in die Vierzigerjahre durchgehalten; und von einem gewissen höheren Alter ab ersetzt im normalen Lauf der Dinge Verehrtwerden das anfängliche Verehren. Mir nun macht Verehrtwerden gar keine Freude. Zu allen Zeiten fand ich, daß Geben seliger ist als Nehmen, Lieben ein Schöneres als Geliebtwerden. Verehren nun gar hat mir, solange ich dessen fähig war, den glücklichsten Zustand schlechthin bedeutet, weil er der Zustand totaler Aufwärtsbewegung ist. Sobald ich mich einem Wesen als einem von mir als höher anerkannten geöffnet hatte, schmolzen mich bis dahin beengende geistig-seelische Krusten ein, die verehrende Schau hob mich über meinen jeweiligen Zustand hinaus und begann mich dem Bilde des Verehrten anzugleichen. Der Zustand der Verehrung ist nämlich ein Meditationszustand. Wer tief verehrt, trägt das Vorbild Tag und Nacht im Herzen, und so hat dieses Gelegenheit, auszuwirken, was überhaupt in ihm liegt. Und das Wunderbarste an diesem glücklichen Natur- und Geistgesetze ist, daß es dabei auf die Gültigkeit des Urteils, vor dem der Betroffene so gern seine Verehrung intellektuell begründet, sehr wenig ankommt; was einen fördert, ist eben das verehrte Bild — und keinem Heiligenverehrer hat es je geschadet, wenn die Ikone dem Originale unähnlich war. Im Gegenteil: gerade Überschätzung fördert hier und jede Unterschätzung schädigt. Die Frage intellektuell begründbarer Würdigkeit stellt sich eben im Falle eines wirklich verehrten und damit als wirklich vorbildlich vorgestellten Vorbildes überhaupt nicht. Nur hat die Verehrung neben vielem anderen auch dies vor der Liebe im eigentlichen Sinn voraus, als welche leicht Tatbestände als solche idealisiert und damit Trugbilder schafft, daß der Trieb zur Verehrung entweder von sich aus einigermaßen richtig auswählt, oder aber von vornherein, wo ein würdiges Vorbild fehlt, das erste beste transfiguriert im Sinn eines objektiv gültigen Ideals, welchem dann unabhängig vom Tatbestande die Verehrung gilt, gleichwie dies von der angebeteten Christusgestalt unabhängig von dem Holze, aus dem sie geschnitzt ward, gilt.

Mit dem hier kurz Umrissenen habe ich eigentlich, wie mir scheint, auch eine ziemlich vollständige Psychologie positiv zu verstehender religiöser Anbetung gegeben. Eben darum ist es natürlich, daß der alte Mensch, welcher menschliche Vorbilder schwer mehr verehren kann, sein Verehrungsbedürfnis, falls seine Anlage es ihm erlaubt, auf Gott und Götter überträgt. Aber auch die Psychologie der Verleugnung einstiger Ideale ist in den obigen Betrachtungen enthalten: durchschaut einer den Sinn seines Verehrens nicht, dann glaubt er leicht, wenn er einmal über den Zustand, in dem ihm ein bestimmtes Vorbild viel bedeuten konnte, hinausgewachsen ist, er hätte sich früher geirrt. Dies führt dann gar leicht zu häßlichen Reaktionen. Das größte weithin sichtbare Beispiel dessen bietet Nietzsches späteres Verhalten zu Richard Wagner. Ich selber habe schon sehr viele Male seitens früherer sogenannter Schüler ähnliches erlitten, erstens weil ich mich ungern idealisieren lasse und darum unwillkürlich das Götzenbild selber zerschlage, das andere in mir verehren, dann auch wohl wegen der Intensität und Schnelligkeit der Wirkung, welche mein Dynamismus auslöst. Doch ich selber war gottlob schon in sehr jungen Jahren gewitzigt genug, um die Sachlage richtig zu erkennen. Wo ich irgend verehren konnte, habe ich verehrt, so wie andere sich verlieben, wo es irgend geht, und mir von vornherein die Frage zu stellen untersagt, ob das im Zustand der Verehrung gebildete Urteil richtig sei. Ich habe mir, im Gegenteil, von vornherein das Recht zur Überschätzung zuerkannt. Und bin allen denen, welche ich überschätzte, zeitlebens dankbar dafür geblieben, daß sie den produktivsten aller Zustände in mir ausgelöst hatten.

Der erste und wichtigste Gegenstand echter Verehrung, den ich gehabt habe, ist Houston Stewart Chamberlain gewesen. Wenn ich diesen so überschwänglich verehren konnte, so war dies zutiefst natürlich deshalb, weil ihn mein Unbewußtes als zur Zeit bestmöglichen Wegweiser und -bereiter erkannte. In der Tat stellt mein späterer Aufruf zur Neuverknüpfung von Geist und Seele, mein Vertreten von Weisheit im Gegensatz zur abstrakten Philosophie, von Seins- im Gegensatz zu Könnenskultur, kurz alles das in meinem Werk, dessen Symbol die Schule der Weisheit ist, ein weiteres Stadium dar auf einem der vielen später auseinandergehenden Wege, die von einem Wege ausgingen — und diesen war um die Jahrhundertwende sichtbarlich vor allen anderen Chamberlain gegangen. Aber bis nach dem Weltkriege ahnte ich ja gar nicht, daß ich auch einmal dogmatisch Positives vertreten würde, und als ich zum Abschluß meiner Universitätsstudien nach Wien zog, dachte ich an nichts von dem, wozu die Begegnung mit Chamberlain später führen sollte. Ich dachte überhaupt an nichts Bestimmtes, außer an dies: diesen Mann mußt du kennenlernen, sein Einfluß wird bei dir Epoche machen. Von dem, was Chamberlain zur geistespolitischen Macht gemacht hat, seinem Rassenglauben, seinem Pangermanismus, seinem Antidemokratismus und -liberalismus sah ich vollständig ab — diese Eigenheiten gab ich Chamberlain vor, wie der Freund dem Freunde vorgibt, was er von seinem Standpunkt nicht immer billigen kann; mich persönlich interessierten sie nicht; damals war ich vollkommen und durchaus unpolitisch. Chamberlains Grundlagen des XIX. Jahrhunderts begann ich noch 1899 in Dorpat zu lesen, kurz nach der Duellverwundung, die mir durch ihre Nachwirkung weiteres urburschenhaftes Toben im alten Umfang unmöglich machte. In Heidelberg las ich sehr gründlich weiter, und da sprang mir bald in die Augen: dieser Mann hat irgendwie dein eigenes Problem für sich gelöst; hier stellt sich dieselbe Vielfalt schöpferisch vereinheitlicht dar, an der du zu zersplittern fürchtest. Eigens um Chamberlain kennenzulernen, beschloß ich, meinen Doktor in Wien zu machen. Einer jener providentiellen Zufälle, wie solche jedem Strebenden begegnen, fügte es so, daß mich an dem einen Tage, den ich im Sommer 1901 zur Vorbesprechung über meine geologische Doktorarbeit mit Professor Friedrich Becke in Wien weilte, der Indolog Leopold von Schroeder, ein Jugendfreund meines Vaters, dem fremden Besuchern grundsätzlich unzugänglichen Chamberlain zuführte, und da erwachte sofort überschwängliche Verehrung in mir. Ich erschaute den älteren lebenden Mann so überlebensgroß, wie der Verehrer Goethes seinen Meister hundert Jahre nach dessen Tode schaut, und diese Verehrung leitete eine wahrhaft schwindelerregend schnelle Entwicklung in mir ein. Man denke nur: 1900 in Dorpat war ich nur Korpsstudent gewesen, 1901 nur Geolog mit einer milden Neigung zur bildenden Kunst und zur Musik (in Heidelberg hatte ich viel bei Henry und Daniela Thode verkehrt). In den zwei kurzen Wiener Jahren erwuchs ich im wesentlichen zu dem ganz anderen Menschen — wie ich 1902 zum erstenmal seit 1900 wieder die Heimat besuchte, erkannten mich Großmutter, Onkel und Tanten kaum wieder — der das Gefüge der Welt zu schreiben fähig war. Diese schnelle Metamorphose ermöglichte eben, mittels der Gluthitze meiner Verehrung, das Sinnbild des Eigenen, noch Ungeborenen, welches mir Chamberlain bedeutete. Damals erlebte ich an mir selber zuerst und zugleich am intensivsten das Mysterium der Stellvertretung. Die Inder leugnen bekanntlich, daß es überhaupt möglich sei, ohne Guru weit voranzukommen, sowie eine Wahrheit einzusehen, die einem nicht geschenkt würde; sie sind darin radikalere Offenbarungsgläubige als alle Christen. Daß Fortschritt über Unstetigkeitsmomente hinaus nur dank der Hilfe eines, welcher dieselbe schon hinter sich hat, möglich sei, trifft nicht zu; wohl aber bewirkt solche Hilfe allemal eine ungeheure Beschleunigung. Die Tiefenpsychologie erklärt diesen Tatbestand so, daß der Schüler sein eigenes Unbewußtes auf seinen Lehrer projiziere: auch wo diese Erklärung technisch das Richtige trifft, erschöpft sie das Problem nicht. Das Wesentliche ist, daß der Werdende im schon Gewordenen das sieht, was er noch nicht ist, wirklich nicht, auch in seinem Unbewußten nicht; wer das leugnet, bekennt sich gleichsam zur simplistischen ersten Entwicklungstheorie, nach welcher der spätere Mensch im Ei voll ausgestaltet, jedoch en miniature enthalten wäre. Den nächsten Weg zur Wahrheit scheint mir das rechte Verstehen des folgenden Tatbestandes zu beschreiten. Jeder, welchem das eigene Wesen überhaupt Gegenstand seines Bewußtseins ist, wird direkt vom Wesen anderer affiziert. Bei mir geht dies so weit, daß ich bei anderen Menschen, auf welche ich mich konzentriere, eben dieses Wesen, ein oberzeitliches, dem zeitlosen Sinn der sich in der Zeit verwirklichenden Lebensmelodie Vergleichbares spüre. Das gleiche drückte sich früher oft so aus, daß ich als erstes nicht die Wirklichkeit, sondern die Möglichkeit eines Menschen wahrnahm. Dieses Wesen der anderen konstelliert nun aber zwangsläufig in dem, welcher sich ihm hingibt, dessen Wesen, welches ihm vorher oft ganz unbekannt war. Und reifes Wesen kann mittels des gleichen Polarisationsprozesses die Entwicklung von noch Unreifem phantastisch beschleunigen. So kann die Begegnung mit einem Gott den Gott im eigenen Innern urplötzlich ins Leben beschwören. Es handelt sich hier also letztlich nicht um Projektion auf andere, sondern um Evokation des Eigenen. An der Projektionstheorie bleibt in bezug auf das Wesentliche des Phänomens nur soviel wahr, daß der Schüler nach Evokation des Eigenen dieses zuerst im Meister schaut.

Chamberlain nun war in jenem Stadium meines Lebens unter allen, denen ich damals hätte begegnen können, der eine, welcher, wie Adolf Harnack sich 1906 ausdrückte, zur Hebamme meines Geistes werden konnte. Es lohnt sich, auch diesen sachlichen Aspekt unserer Beziehung zu analysieren. Was mich aus der Entfernung zu Chamberlain zog, war, soweit ich mir darüber Rechenschaft zu geben vermochte, seine Universalität. Längst interessierte ich mich für schlechthin alles, das meine Aufmerksamkeit aus irgendeinem Anlaß weckte, und zwar für alles beinahe in gleichem Maß. Doch bevor ich mit Chamberlain lebendige Fühlung gewann, sah ich keinen Weg, gerade diesen meinen Universalismus fruchtbar zu machen; ich schien zur bloßen Vielseitigkeit und zum Dilettantismus vorherbestimmt. Aus früherer Erfahrung und von der Keyserlingschen Familientradition her wußte ich nur von der Möglichkeit, einerseits einen bestimmten Beruf auszufüllen, andererseits ein universell gebildeter Mensch zu sein — in deren Erfüllung aber sah ich für mich kein Heil, denn nichts bestimmtes Besonderes interessierte mich so sehr, daß ich hätte darin aufgehen können, und bloß ein gebildeter Mensch zu sein, widersprach meinem von jeher großen Selbstgefühl, und meinem Ehrgeiz genügte es schon gar nicht. So stand ich, sobald ich einmal mit dem Studium ernst zu machen begonnen hatte, meiner eingeschlagenen wissenschaftlichen Karriere skeptisch gegenüber, und wenn mir davor graute, später nur Landwirt und gar baltischer Landespolitiker zu werden, so wußte ich doch nicht, auf welches höhere Ziel ich hätte mein Leben hinsteuern können. Jurist konnte ich nicht werden, weil ich das Recht als solches schon damals nicht ernst nahm, zur Politik im großen fehlte mir die persönliche Interessiertheit an politischen Problemen, zur Diplomatie die dazu erforderliche Geschmeidigkeit und Umgänglichkeit. Daß es so etwas wie die Existenz und Lebensform eines freien Schriftstellers gab, war mir noch gar nicht in den Sinn gekommen. — Aus den Grundlagen des XIX. Jahrhunderts nun sprach mich eine ungeahnte Möglichkeit der Lebensgestaltung an. Und wie ich dann deren Verfasser begegnete, da erkannte ich, daß der Mensch Chamberlain viel mehr noch war als sein Werk, wenigstens vom Standpunkt meines persönlichen dunkel geahnten Zieles aus geurteilt. Das Vorbild eines geistigen Menschen, das man mir während meiner Kindheit vorgehalten hatte, dasjenige meines Großvaters, sagte mir persönlich nichts; dieser war gar zu anders als ich. In Chamberlain indessen sah ich einen Menschen gleicher Vitalität, wie sie meine Vorfahren, denen ich mich am nächsten verwandt fühlte, auszeichnete, einen unbezweifelbaren Herrn vor mir — dabei aber war er allumfassend gebildet, universell und dennoch einheitlich; vor allem aber: in ihm war gerade das, worin ich meine größte Schwierigkeit sah, die Anlage zum Dilettanten, schöpferisch geworden. Es gab also einen Typus, der mir zum Sinnbild und damit zum Leitstern auf meinem eigenen Wege werden konnte. — Sobald ich im Herbst 1901 nach Vollendung meiner zweiten geologischen Feldarbeit im italienischen Tirol — die geologischen Karten aus den austro-italienischen Hauptkampfgebieten während des ersten Weltkrieges stammen zum Teil von mir — in Wien einzog, stellte ich mich ganz auf Chamberlain ein und gab mich ihm vollkommen hin. Und da es mir auf die Synthese vielfältiger Anlagen und das geistbedingte Sein als solches ankam, so stellte ich mir unwillkürlich — denn keine der eingangs dieses Kapitels ausgeführten Betrachtungen hätte ich damals angestellt — überhaupt nicht die Frage sachlicher und gesinnungsmäßiger Übereinstimmung, noch auch die andere, ob ich Chamberlain folgen könnte und bis wohin. Ja, mir war es von vornherein letztlich gleichgültig, ob Chamberlain überhaupt in irgendeinem Sinne recht hatte. Aus reinem Instinkt heraus, ohne Mitwirkung bewußter Reflexion, wandte ich auf Chamberlain zuerst und dabei von vornherein vollkommen jene Methode der Polarisierung an, die mir seither den einen Weg sicheren Voranschreitens bedeutet hat. Chamberlain wurde mir zum Pol, der den in mir angelegten Gegenpol in die Erscheinung hineinberufen sollte: so, nicht anders stellte ich mich auf ihn ein. Daß ich übrigens schon damals mit dem noch unverstandenen Problem meiner eigenen Fortschrittstechnik rang, beweisen die bloßen Titel meiner ersten, 1902 geschriebenen, in der Beilage zur Münchener Allgemeinen Zeitung veröffentlichten Versuche: Priorität und Originalität, Rezeptivität und Produktivität und Phantasie und Technik. Am besten verstanden hat sehr viel später meine besondere Art, durch Verstehen über das Verstandene hinauszuwachsen, Leo Frobenius. Dieser schrieb mir am 8. August 1932 nach Lektüre der Betrachtungen, die seine Schicksalskunde in mir ausgelöst hatte:

Ich habe Ihre ungemeine und mir an sonst niemand bekannte Begabung, das Wesen anderer Personen und auch Ansichten zu erfassen und zu gestalten (ich denke daran, was sie über Spengler, Richard Wilhelm usw., ebenso aber auch über indische, chinesische, amerikanische usw. Weltanschauung, dann im Spektrum Europas ausgeführt haben), stets bewundert. Sie gleichen hierin durchaus großen Dichtern, die bekannte Stoffe nehmen und zu Gebilden gestalten wie der Bildhauer den Lehm. In vorliegendem Falle bin ich einfach verblüfft, wie unter Ihrer Hand meine Gedanken Form und Gestalt gewonnen haben. Ich habe sehr viel aus dieser Arbeit, in der Sie die Gedanken dann mit Hilfe eigener Beobachtungen weitergesponnen haben, gelernt.

Meine Hingabe bedeutete schon zur Zeit, da ich noch nicht fähig war, Eigenes zu produzieren, zu einem erheblichen Teil, genau wie es Frobenius darstellt, Versenkung in einen Stoff. Dank dem wuchs ich dann am Kontakt mit Chamberlain naturnotwendig nicht zu seinem Schüler oder Jünger heran, sondern zu dem, wozu ich persönlich bestimmt war. Freilich glaubte ich anfangs, mich selber in Chamberlain endgültig gefunden zu haben, wie sich nur je ein Jüngerer in einem Älteren fand, in dessen Fußstapfen tretend er fortan sein ganzes Leben sicher gehen würde. Aber dank dem, daß ich mich mit Chamberlain eben polarisierte, spürte ich bald, daß dieses Gefunden-Haben nur eine erste Etappe bedeutete.

Doch dieses bald bedeutete immerhin vier bis fünf Jahre später. Erst bei der Arbeit an der Unsterblichkeit und dann an Chamberlains mir gänzlich unerwarteten Reaktion auf dieses Buch, das ich noch heute zu meinen besten rechne (er aber fand es trivial), merkte ich, daß wir auseinanderwuchsen und damals schon ein recht weites Stück auseinandergewachsen waren. Und die Zeit, wo ich mich ganz eins wähnte mit meinem verehrten Freunde, war eine der wunderbarsten meines Lebens. Nicht ungegenständlich dürfte man sie als die Zeit meiner Verlobung mit meinem noch unerkannten schöpferischen Selbst bezeichnen. Eduard Keyserling sagte später einmal von mir, ich stünde vor diesem wie ein Kind vor dem Weihnachtsbaum. Im Gegensatz zu dem, was Böswillige später aus diesem vielzitierten Ausspruch gemacht haben, war er vorbehaltlos gut gemeint; der Onkel Eduard und ich standen einander sehr nahe, und wie wenige verstand und würdigte er mich von dem Augenblicke an, wo ich ihn, unterwegs zu Chamberlain, in München zuerst kennengelernt hatte. Er meinte das Bild so, daß ich mein schöpferisches Selbst, als mit meinem Ich nicht identisch, als fremdes Wunder anstaunte. Tatsächlich erfuhr ich noch bis 1938 das, was allein ich in mir als unbedingt wertvoll bejahe, als grundverschieden von meinem empirischen Ich und freute mich darum bis dahin kindlich darüber, wenn ohne mein Verdienst noch Würdigkeit Höheres aus mir sprach. Damals aber, wo mir originelle Einfälle selten kamen, wo ich kaum ahnte, wo ich hinauswollte und -sollte, schuf der Zusammenhang mit Chamberlain in mir die ganze Stimmung eines sicheren Versprechens, dessen Erfüllung noch nicht bald bevorstand, jedoch ganz gewiß nicht ausbleiben würde. In Wien gingen wir mindestens einmal die Woche in intensivem Gespräch selbander spazieren; sehr viele Abende verbrachte ich im sechsten Stock der Blümlgasse, entweder als einziger Gast oder in sogenannten Lesestunden zusammen mit Rudolf Kassner, Graf Brockdorf-Rantzau, mitunter auch Leopold von Schroeder. Dort las entweder Chamberlain aus seinem werdenden Kant vor oder Kassner aus dem, woran er gerade arbeitete, oder der Hausherr wählte ein uns anderen unbekanntes klassisches Stück zumeist französischer oder englischer Prosa zu gemeinsamer Lektüre aus. Denn es gab kaum etwas Gutes in irgendeiner ihm geläufigen Sprache, was Chamberlain nicht kannte. Auf die Vorlesung erfolgte dann intensive Unterhaltung beim Asti spumante. Überdies schrieb mir Chamberlain, der große und meisterhafte Briefschreiber, auch wenn wir in der gleichen Stadt weilten, viele Briefe und ließ mich allezeit Einblick in sein jeweiliges Schaffen gewinnen, von anderer Lektüre zu schweigen, zu welcher er mich anregte oder mir verhalf. Zwei Sommer verbrachten wir gemeinsam auf Schweizer Bergeshöhen. Chamberlains liebevoller Leitung bei Lektüre und Reflexionen gab ich mich restlos hin. Meine ganze kritische Fähigkeit stellte ich ihm gegenüber damals ab, ich meditierte das Sinn- und Vorbild, welches er mir bot, und ließ mich willig dem zuführen, woran ich früher nie gedacht hatte, so zum Beispiel den französischen Dichtern Jules Laforgue und Stephane Mallarme und den Engländern Sterne, Burton, Burke und dem Schriftsteller Darwin. Jedes Wort Chamberlains wirkte damals zündend in mir, jede Andeutung setzte Unvorhergesehenes in Bewegung. Ich war diese Jahre über so vollkommen en rapport mit ihm von meinem Standpunkt aus, daß ich für mein Gefühl buchstäblich aus ihm herauslebte, beinahe so, wie Paulus behauptete, er lebe aus Christus heraus; ich scheue mich nicht vor letzterem Vergleich, weil ja auch Paulus in Jesus ganz anderes sah, als dieser für sich gewesen war (man vergleiche hierzu Albert Schweitzers klassisches Buch über den Heidenapostel).

Doch nicht allein mit Chamberlains Geist identifizierte ich mich damals, auch mit seinem Fleische tat ich’s mehr, als jemals im Falle eines Verwandten. Mit den Brüdern meiner Mutter hatte ich mich als Natur wesenseins gefühlt, und diesen glich Chamberlain als mächtiger und selbstbewußter Herr für mein Gefühl in hohem Grad. Aber überdies war er mimosenhaft sensitiv, frauenhaft empfindlich, eben dieses war auch ich, und darum fühlte ich mich Chamberlain physiologisch näher noch als meinen Onkeln. Heute darf ich wohl sagen: hierin fühlte ich mich damals viel zu sehr verwandt mit ihm, denn ohne Chamberlains Beispiel, in dem ich meine Natur in der Übertreibung bestätigt fand, hätte ich später weniger Rücksicht auf meine Empfindsamkeit genommen und mir damit wahrscheinlich manchen Umweg und manche Schwierigkeit erspart. Denn früher kam ich gar nicht darauf, mir das Recht zuzugestehen, unangenehmen Eindrücken auszuweichen und mich Konflikten nicht persönlich zu stellen. In letzterem ging Chamberlain so weit, daß er mir bei unserem Abschied nach Abschluß meiner Wiener Periode, welcher Abschied in Salzburg stattfand, als ich davon sprach, im Falle einer mir im Wege stände, würde ich ihn fordern, empört erwiderte:

Wozu soll sich ein wertvoller Mensch einem minderwertigen Gegnerstellen? Meuchelmord wäre hier das Richtige. —

In Wien führte ich meine geologischen Studien zu Ende, und Chamberlain hoffte, daß ich bei der Geologie bleiben würde, obgleich er es war, der mir andererseits dringend riet, zunächst einmal einige Jahre in Europas Großstädten, besonders in Paris, zu weilen, um mir die ganze europäische Kultur der Gegenwart in succum et sanguinem anzueignen. Trotz allen Wahldeutschtums hielt Chamberlain nämlich die französische Atmosphäre für die einen jungen strebenden Menschen bildendste. Ich aber hatte innerlich der Geologie in dem Augenblick den Rücken gekehrt, als ich mich das erstemal in Chamberlains Augen gespiegelt hatte. Ich trat in die Periode allgemeiner, auf keine bestimmte Tätigkeit gerichteter, hauptsächlich von absichtsloser Hingabe an alle Kultureinflüsse bestehender, nur durch die Erwartung, einmal ein guter Schriftsteller zu werden, in bestimmter Richtung lose zusammengehaltener Formfindung ein, von der im nächsten Kapitel mehr gesagt werden wird und aus der ich schließlich als kritischer Philosoph hervorging.

Während der drei Jahre, die ich, von 1903 bis 1906, die längste Zeit über in Paris, zeitweise aber auch in England und Italien verbrachte, korrespondierten Chamberlain und ich eifrig. Beinahe regelmäßig einmal die Woche kam ein langer Brief von ihm; ich schrieb ihm natürlich viel häufiger. Unmerklich aber verschob sich die Art unserer polaren Beziehung. Ich wurde zu Chamberlains Vertrautem während der Trennung und Scheidung von seiner ersten Frau. Das war eine sehr merkwürdige Angelegenheit. Chamberlain war, wie bereits angedeutet, ein gegenüber persönlichen Eindrücken nahezu wehrlos schwacher Mann, und diese Schwäche pflegte er überdies aus weltanschaulichen Erwägungen. Keiner, den ich gekannt habe, war je so leicht verstört; keiner erkannte seine Empfindlichkeit so sehr als entscheidendes Argument an. Seine erste Frau, Anna, eine sehr brave subalterne Gouvernantennatur, heiratete er zur Zeit seines ersten großen gesundheitlichen Zusammenbruchs, der wohl ein Vorbote war der schauerlichen Krankheit, an welcher er 1927 schließlich starb. Als das Kind im Hause, welches ich von 1901 bis 1903 bei Chamberlains in Wien war, weiß ich über ihr Verhältnis wahrscheinlich besser Bescheid als irgendein Lebender. Chamberlain war Anna ehrlich und warm in Dankbarkeit und der Art Anhänglichkeit verbunden, welche man langjährigen selbstlosen Betreuern und Behütern gegenüber empfindet. Als Sinnen- und Seelenwesen ging er längst eigene Wege, zu verzichten brauchte er nicht, und so war ihre Ehe eine glückliche der Art, wie sie zumal in Frankreich häufig vorkommt. Doch subaltern war Anna freilich, und so ertrug Chamberlain sie immer schwerer, je mehr seine Stellung sich seinem Selbstbewußtsein anglich. Früher oder später hätte er sich, so viel war klar, wenn sie nicht frühzeitig starb (sie war sehr viel älter als er) von Anna trennen müssen. Das für Chamberlain Charakteristische war nun, wie er das bewerkstelligte. Er benutzte eine zufällige Abwesenheit von ihr, um plötzlich für sie nicht mehr erreichbar, ja vorhanden zu sein. Von einem Tag zum anderen hatte er keine Adresse mehr für sie. Kein Brief von ihr erreichte ihn mehr, jede Aussprache lehnte er durch seinen Rechtsanwalt ab; von heute auf morgen, ohne irgendeinen erfindlichen Grund, der die Situation geändert hätte, gab es für Anna nur mehr den Weg über den Advokaten zum Geliebten. Ich nun war ins Vertrauen Chamberlains gezogen. Von vornherein sagte ich ihm, daß ich die Art, wie er die Scheidung betriebe, wenig schön fände, doch kennte ich seine Schwäche, und für mich entscheide letztlich der geistige Wert: um dessentwillen würde ich unterstützen, was ich sonst verurteilen müßte. Während dieser auch für ihn bei seiner Hypersensibilität und seinem selbstverständlich schlechten Gewissen sehr schweren Zeit, war mir Chamberlain in Dankbarkeit sehr nahe verbunden. Im Herbst 1905 schrieb er mir: Ihnen bereite ich eine ganz besondere Ehrung vor, und die erfolgte dann in Form der Widmung seines Kant an mich, den damals Vierundzwanzigjährigen; der Wortlaut war: Graf Hermann Keyserling, dem Freunde. Dies galt, wohlgemerkt, dem Menschen, welcher zu ihm stand und hielt, nicht dem Geist.

Ab 1905, wo meine Polarisierung mit Wolkoff zur für mich wichtigsten Angelegenheit wurde, begann ich innerlich von Chamberlain, soweit Geistesrichtung in Frage kam, erst unmerklich, bald aber unaufhaltsam abzurücken. Kein Wunder, denn sobald nicht mehr das Gefühl meiner Verehrung für ihn die Dominante war, mußte das, worin ich mit Chamberlain nicht übereinstimmte, immer deutlicher in mein Bewußtsein treten. Dies gilt in erster Linie in bezug auf das, was ich das Katholische in Chamberlains Anlage nennen möchte — ich benutze das Wort in dem weiten psychologischen Verstand, den ich im Reisetagebuch begründet habe, und nicht nur trotz, sondern gerade wegen Chamberlains Feindschaft gegen die katholische Kirche. Katholisch war Chamberlain zunächst in dem Verstand, daß sein Universalismus nicht Geöffnetheit bedeutete, sondern den Anspruch, alles und jedes in der Welt in den Schoß seiner Weltanschauung heimführen zu können. Daß diese Weltanschauung allem Wertvollen gerecht werden könnte, daß umgekehrt Heimführbarkeit in seine persönliche Weltanschauung über den Wert bestimme, bezweifelte er nie. Solcher Dogmatismus verträgt sich mit Kritik nur bis zu dem Punkt, bis zu welchem, mutatis mutandis, auch die mittelalterliche Scholastik kritisch war. Das letzte Wort ist dem katholischen Geist die Autorität. Das nun galt von Chamberlain in einem Grad, der bei einem Nichtkatholiken im konfessionellen Verstande sonst kaum vorgekommen sein dürfte und heute auch unter katholischen Denkern selten geworden ist. Chamberlain lebte buchstäblich von Sprüchen, welche ihm Glaubensartikel waren; genau in dem Sinne zitierte er dort, wo jeder andere persönlich untersucht und verstandesgemäß geschlossen und bewiesen hätte. Zur genauen Analyse und zur scharfen Diskriminierung fehlte ihm die erforderliche Begabung in erstaunlichem Grad; derselbe Mann, welcher Kants kritische Methode so wunderbar einleuchtend zu popularisieren wußte, konnte sie selber gar nicht anwenden. Aber wenn Chamberlain zitierte, so war es doch niemals X-Beliebiges: es mußten kanonisierte Heilige sein. Das waren ihm denn Goethe, Kant und einige andere Große, ob sie im übrigen miteinander kompatibel waren oder nicht. Während der letzten Jahre, welche wir eng zusammenhielten, verfaßte er immer erneut Entwürfe einer Lebenslehre, welche schließlich unvollendet und bis auf wenige Teile auch unveröffentlicht geblieben ist. Deren verschiedene Abschnitte unterstellte er — ich meine dies wörtlich — Schutzgeistern; das waren Schopenhauer, Plato, Goethe und einige andere, deren ich mich nicht mehr genau entsinne. Chamberlain bedeutete von ihm anerkanntes Genie buchstäblich Gleiches, wie Kanonisierung dem gläubigen Katholiken. Von Genie-Aussprüchen gedeckt, fühlte er sich dann frei zu diskutieren, zu debattieren, zu konstruieren und neue Synthesen zu schaffen, wie nur je ein Theolog. Ein freies persönliches Selbst als letzte Instanz kannte er für sich nicht. Trotzdem hatte er sehr persönliche Überzeugungen (welche er zwar auch meist von anderen übernommen hatte, die er aber nicht auf sie zurückführte, weil die Urheber keine kanonisierten Heiligen waren), diese aber verschmolz er mit dem, was ihm die Genies offenbart hatten, so daß er im Endergebnis, auf besonderer Ebene freilich, eine ebenso geschlossene Weltanschauung vertrat, wie die katholische Kirche. Diese nun wollte er der Welt aufdrängen, weil sie für ihn die Wahrheit war. So sehr er den Alleszermalmer Kant verehrte — Kants Kritik fand Platz in seinem unzermalmbaren Bau —, Kritik an letzterem wies er a limine ab. So fehlte Chamberlain die Weltoffenheit des Philosophen, so sehr er sie theoretisch schätzte, und damit dessen wesentliche Demut. Er war hochfahrend stolz, aber doch wiederum nicht auf seine Person, so daß viele ihn sogar als bescheiden mißverstanden haben: er war hochmütig wie ein die Wahrheit besitzender und betreuender Kirchenvater.

Dieser eine Aspekt der geistigen Persönlichkeit Chamberlains genügt zur Erklärung dessen, warum er und ich niemals wirklich harmonisieren konnten, seitdem unsere Beziehung nicht mehr die des Chelah in seinem Guru war. In meiner Jugend war ich persönlich keiner Sache, keiner Erkenntnis sicher, andererseits aber auch des Autoritätsglaubens unfähig; ich konnte mich nur einem Vorbilde des Experiments halber hingeben und dann zusehen, was dabei herauskam. Meine ganze Einstellung zielte darauf hin, durch persönliche Erfahrung und organisches Wachstum des ganzen Menschen an ihr langsam zur Gewißheit zu gelangen; Stellung nehmen konnte und wollte ich zu nichts. Eben dank dem konnte ich eine Zeitlang ganz in Chamberlain aufgehen. Seiner Natur nach konnte dieser aber nicht, so wie ich, erkannte Nicht-Übereinstimmung mit Freundschaft, ja mit bloßer Treue gegen die Vergangenheit lange vereinen. Chamberlain als Kirchenvater war letztlich nicht Erkenntnis-, sondern Willensmensch. Obschon ich es selber damals nicht glaubte, war ich wirklich in den ersten Jahren unserer nahen Beziehung, wie Anna Chamberlain sich ausdrückte, l’émule für ihn gewesen. Instinktiv dachte er ähnlich wie die katholische Kirche: wer nicht für mich ist, ist wider mich. Deswegen allein konnte er in späteren Jahren mit so gutem Gewissen ganz von mir abrücken. Und dies begann sehr früh, für mich merklich mit der Veröffentlichung meiner Unsterblichkeit; über diesen Fall kann sich jeder, welchen es interessiert, leicht orientieren, da das betreffende Schreiben in seinen gesammelten Briefen abgedruckt steht. War Chamberlain begeistert gewesen, als ich ihm 1904, auf der Schynigen Platte, aus dem werdenden Gefüge der Welt vorlas — bei Erscheinen schrieb er mir: jedesmal, wenn ich in diesem Erstlingswerke lese, lache ich auf vor heller Freude — so beurteilte er Unsterblichkeit viel abfälliger, als dies aus Geistesgründen nötig gewesen wäre. Vor allem aber unter der Voraussetzung fortbestehender Freundschaft; wer einen jungen Menschen bejaht und ihn fördern will, gibt ihm doch selbstverständlich auch Um- und Abwege vor. Er hatte mich eben, insofern ich nicht sein Jünger blieb, preisgegeben. Darin erwies er sich ganz als politisch denkender Engländer, welcher je nach den Interessen seines Landes konsequent oder inkonsequent ist und sich durch keine begangene Härte oder Treulosigkeit innerlich belastet fühlt. Von Schopenhauer als Verbilder war Chamberlain freilich 1910 wieder einmal entzückt und schrieb mir dementsprechend. Im November 1909 war ich längere Zeit im Hause Wahnfried in Bayreuth sein Gast gewesen, und obschon er als Gatte von Eva Wagner gegenüber seinem früheren Zustande sehr stark verändert war, so verlief das Zusammensein im ganzen doch erfreulich. Da passierte 1910 etwas Ähnliches, wie seinerzeit in bezug auf seine erste Frau. Plötzlich schrieb er mir, Wagners und deren Kreis liefen Sturm gegen mein Schopenhauer-Buch, was ihn in seinem Schaffen störte; und bald darauf, er befände sich in der eigentümlichen Lage, zwischen seiner Frau und mir mehr oder weniger wählen zu müssen; ich würde verstehen, daß er sich für sie entschiede. Freilich verstand ich, sagte mir jedoch, daß ich mich fortan über gar nichts wundern würde. Wohl schickte mir Chamberlain noch 1912 seinen Goethe mit der Widmung in treuem Gedenken an vergangene Zeiten, strich aber nichtsdestoweniger die Widmung des Kant an mich bei einer späteren Auflage — wo meine Widmung des Gefüges der Welt an ihn selbstverständlich so lange mitzulesen sein wird, als dieses Buch existiert. Immer häufiger drang zu meinen Ohren, daß er sich unfreundlich über mich äußerte. Wie aber dann nach seinem Tode die zwei Bände Briefe von ihm erschienen, da war ich dennoch sprachlos. Von den unzähligen Episteln, die er an mich gerichtet, wurden ausgerechnet die allein veröffentlicht, die mir in den Augen einer schlecht informierten Welt schaden mußten; keine Zeile ließ auf unsere wirklichen Beziehungen schließen, wie sie ein volles Jahrzehnt über bestanden hatten; statt dessen spricht aus der Auswahl späterer Briefe an andere — auch aus der Zeit, wo er sich mir gegenüber als mein treuester Freund darstellte — wenn nicht die Absicht, die Vergangenheit anders darzustellen, als sie gewesen war — das mag ich nicht insinuieren —, so doch sicher unfreundliche Absicht.

Gerade weil diese Studie auch weiterhin hauptsächlich Chamberlains Positives behandeln soll, mußte ich angesichts seiner Äußerungen über mich, die mein Bild für seinen sehr weiten Leserkreis entstellt haben, die Gesamtlage öffentlich richtigstellen. Und heute lebt kein Mensch mehr, welcher Chamberlain so gut gekannt hätte wie ich. Hierbei nehme ich seine zweite Frau nicht aus. Frauen kennen Männer mit sehr seltenen Ausnahmen immer nur in bezug auf Zwecke, denn ihr Privatleben ist ja gerade das Gebiet ihrer hohen Politik. Normalerweise gehört entweder der Mann zur Frau als zu ihrem Schicksal und hat insofern eine bestimmte von ihr vorgezeichnete Rolle zu spielen, oder aber sie heiratet sein Schicksal, das sie sich aber allemal auf eine sehr bestimmte, ihr gemäße Weise vorstellt. Den Mann so spiegeln, wie er wirklich ist, unabhängig von aller Zielsetzung, und ihn insofern zu verstehen, so wie er es meint, tut die Frau nur in der besonderen Situation, wo eben in solchem unverfälschten Spiegeln ihr eigenes von ihr anerkanntes Schicksal liegt. In der Regel ist dies die Rolle der Muse oder Geliebten, doch kann es unter selten günstigen Umständen auch die Gattin sein. Die Tochter eines großen Mannes nun sieht in beinahe allen Fällen, wo sie nicht im Gegensatz zur Vater-Tradition ein neues Leben beginnen will, ihr Schicksal in der Fortsetzung dieser Tradition, bei welcher dann dem eingeheirateten Mann eine bestimmte Rolle zugeteilt wird. Und Eva Wagner war mehr gute Tochter in diesem Verstand als irgendeine Frau, von der ich unter Zeitgenossen wüßte. Jahre bevor ich nach Wien zog, war Chamberlain recht eigentlich aus Bayreuth geflohen: die Wagners wollten ihn, so sagte er im Gespräch mit mir besorgt, als Jünger endgültig festlegen; tatsächlich äußerten sie sich, wie ich 1902 und 1904 bei den Festspielen ihr Gast war, über Chamberlain höchst unfreundlich als einen Renegaten. Nachdem ich Wien verlassen hatte, befreundete er sich mit einer recht unbedeutenden Schauspielerin, und diese liaison dauerte so lange und war so innig — er schrieb bei ihr sogar an seinem Goethe —, daß wir alle meinten, bei dieser Bindung würde es wohl bleiben, zumal er nie viel Glück bei Frauen gehabt hatte und seine letzte Freundin dementsprechend überschätzte. Da las ich, ich glaube es war 1908, kurz nachdem ich mich in Rayküll niedergelassen hatte, in der Zeitung, es ginge das Gerücht, Chamberlain würde Eva Wagner heiraten. Ich schrieb ihm am selben Tage: da ich wüßte, daß er doch wieder in Bayreuth gewesen war, glaubte ich daran und gratulierte ihm. Er antwortete belustigt: ja, Sie haben recht. Und bald war er, der vormals so ängstlich auf äußere Selbständigkeit Bedachte, daß er auf seiner Tür im sechsten Stock der Wiener Blümlgasse eine Art Novelle angebracht hatte, deren Wortlaut etwaige Besucher abschrecken sollte, in Wahnfried eingefangen wie eine Haremsfrau und bald darauf auch vollkommen bezwungen und gezähmt. Es machte mir einen niederschlagenden Eindruck, wie er bei meinem Besuch in Wahnfried 1909 beinahe demütig am Abend Siegfried Wagner, welcher im Schlafrock auf einer Art Thronsessel prangte, aus Plutarch vorlas und begeistert tat, solcher Dienstleistung gewürdigt zu werden. Aber er war so unzweifelhaft glücklich, viel glücklicher als er es als freier Mann gewesen war. Und nachdem er das Erobertsein durch Wagners anerkannt hatte, ließ die Familie ihn natürlich frei gewähren und förderte seine Sonderbestrebungen. — Daß Chamberlain mich nun aufgeben mußte, hatte — wie schon früher angedeutet — seinen ursprünglichen Grund vor allem wohl darin, daß ich mich nicht hatte erobern lassen. Von 1902 ab schrieb Cosima Wagner mir zwei oder drei Jahre entlang immer wieder lange Briefe, was mir anfangs natürlich baß schmeichelte. Doch bald durchschaute ich, daß sie mich zu einer Art Ernst von Wolzogen umbrechen wollte, und aus dieser gemerkten Absicht ergab sich bald Verstimmung. Die Frauen und Töchter bedeutender Männer sind schon gefährliche Wesen. Ich kann ja auch davon erzählen. Nach dem Tode meines Großvaters Alexander Keyserling begann seine Tochter Helene von Taube am Lebensbild von ihm zu arbeiten. Doch sie betrieb dies so eifersüchtig als eine rein persönliche Privatangelegenheit, daß wir anderen nicht nur nicht mitzureden hatten, sondern auch nichts erfuhren vom Fortschritt der Arbeit und meine Tante gar auf die Aufnahme der so wichtigen Briefe an meinen Vater verzichtete, weil sie uns dadurch zu Mitarbeitern hätte machen müssen. Wie dann das Lebensbild in Briefen erschien, standen wir vor nie wieder Gutzumachendem. Meine Tante hatte die ganze Materie im Licht der liebend-idealisierenden Tochter verarbeitet. Dank dem fehlte im Lebensbild in Briefen alles das, was am Bilde meines Großvaters von bleibendstem Interesse wäre. In erster Linie war dieser ein distanter Aristokrat, ein beißend satirischer Geist, ein souveräner Ironiker, vielleicht der größte Meister des Bonmots, den deutscher Adel überhaupt hervorgebracht hat. Nun aber lebt keiner mehr, der sich erinnert…

Zum Abschluß dieses rein persönliche Erinnerungen betreffenden Abschnitts sei noch an Chamberlains letzte Zeit erinnert. 1925 veröffentlichte ich auf die Bitte seines Verlegers Hugo Bruckmann (der auch der Verleger meines Erstlingswerks gewesen war), ich möge doch etwas dazu tun, daß seine Schriften neu gekauft würden — denn materiell ginge es Chamberlain sehr schlecht —, zu seinem 70. Geburtstag am 9. September einen Artikel, für den mir Chamberlain sehr dankbar war. Damals standen seine Aktien in der Tat ähnlich niedrig, wie sie jetzt, da ich dieses schreibe, 1937, hoch stehen. Mir war es selbstverständlich, nach dem Kriegsende, das für den Engländer Chamberlain etwas noch weit Furchtbareres bedeutet hatte als für die meisten Deutschen, unsere alten Beziehungen so weit als möglich wieder aufzunehmen und für ihn zu tun, was nur in meiner Macht stand, ganz einerlei, wie er sich zu mir verhielt. Ich schrieb unter anderem:

Als ein Siecher, schier ein Märtyrer — er leidet an der schlimmsten Form der Parkinsonschen Krankheit —, feiert H. S. Chamberlain seinen 70. Geburtstag. Erschüttert denke ich an die Zeiten vor nun 24 Jahren zurück, wo der Ruhm seiner Grundlagen des XIX. Jahrhunderts seinen Zenith erreicht hatte und Chamberlain selbst ein Mann von strahlender Kraft und mächtigem Temperamente war. Ihm ist nie wirklich Gerechtigkeit widerfahren. Wie es jedem ergeht, dessen Anlage irgendeinem zeitlichen Bedürfnis entgegenkommt, war er zeitweilig zu modern, um in seiner Tiefe erfaßt zu werden, und ist er später entsprechend vergessen worden. Aber Chamberlain ist viel mehr, als die Welt von ihm weiß. Er ist ein Geist, umfassend wie wenige in Europa, zumal er kein Gelehrter, sondern eigentlich ein Mann der Tat ist: als Mann der Tat hat er ja schließlich auch gewirkt … Was Chamberlain über Kant, Goethe und andere Geistesgrößen angeblich populär geschrieben hat, war in Wahrheit darauf angelegt, deren Tiefstes für das ganze Volk fruchtbar zu machen. So veranlagte Geister sind notwendig zeitlich insofern, als sie in ihrer Wirkung verglühen. Doch dieses ändert nichts an ihrer wesentlichen Größe, wo solche vorliegt…

Ich erwartete damals tatsächlich nicht, daß eine Wiederauferstehung Chamberlains in Frage kam… Gestorben ist er als ein großer und echter Dulder. Geistig lebendig bis zuletzt, wo kein Muskel, kein motorischer Nerv mehr ihm gehorchte.

Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
I. Ursprünge und Entfaltungen
© 1998- Schule des Rades
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