Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

III. Wandel der Reiche

IV. Polverschiebungen - Mutterrecht

Doch lassen wir diese unlösbaren Probleme und kehren wir zurück zur Betrachtung des mit Wahrscheinlichkeit für eine nahe Zukunft vorauszusehenden veränderten Gleichgewichtsverhältnisses zwischen den Geschlechtern. Ich hieß die Periode der Vermännlichung der Frau eine Pseudomorphose: zutiefst war die Frau auch damals auf weibliche Ziele ausgerichtet, nur wußte sie sich Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Geistbestimmtheit nicht anders vorzustellen als in Funktion der Angleichung an den Mann. Der Frau gebricht es typischerweise an Phantasie, und als geistiger Mann muß ich sagen, Gott sei Dank dafür, denn nur dank dem können wir Männer das Prestige des geistig schöpferischen Geschlechts auch in Weib-bestimmten Epochen wahren. Man soll sich aber nicht wundern, wenn in der chaotischen und turbulenten Periode, die für sehr lange Zeit unser Schicksal sein wird, auch Rückschläge und Rückgriffe auf für völlig verjährt Geltendes erfolgen. Außerordentlich viele auch unter maßgebenden Männern sind zur Zeit für eine Neu-Einführung der Vielweiberei — wie diese denn nach dem Dreißigjährigen Kriege mit seinem ungeheuerlichen Männersterben sogar von der Kirche zeitweilig sanktioniert wurde auf die Präzedenzfälle hin, welche die Erzväter Israels darstellten. Letztere sind nun im heutigen Europa keine so maßgebenden Autoritäten mehr, daß ihr Beispiel den inneren Widerstand gegen die Vielweiberei seitens der Frauen zu überwinden hülfe. Aber die Frauen selbst mögen angesichts der neuerlichen Dezimierung der Männer aus Liebe zum Leben das Opfer ihrer Eifersucht bringend, zeitweilig für die Idee zu gewinnen sein, denn die soziale Höherwertung der unehelichen Mutter gegenüber früheren Zeiten wird schwerlich bis zur vollkommenen Gleichstellung gehen; das werden sich die Frauen, deren Überzahl vor allem an der Ehe liegt, schwerlich gefallen lassen. Hier möchte ich noch das Folgende über die Ehe überhaupt einflechten, und zur Einführung sei noch etwas mehr über die Modetheorie gesagt, daß das Mutterrecht überall dem Vaterrecht vorangegangen sei. Trotz aller Tatsachen, die sie zu stützen scheinen, halte ich die Theorie für falsch. Alle oder beinahe alle bisher als Fossilien ausgegrabenen Vor- und Frühmenschen waren Menschenfresser; bei der Seltenheit der Funde liegt die Folgerung nahe, daß wirklich alle Frühmenschen ihresgleichen zu verzehren pflegten. Hier mögen jeweils sakrale Gründe oder auch solche des reinen Geschmacks, wie beim menschenfressenden Tiger, mitgespielt haben, oder auch nicht. Sicher handelt es sich hier um eine Frühform der Homöopathie, als welche auch die Homosexualität zutiefst verstanden werden muß. Gleiches will durch Gleiches befriedigt oder neutralisiert oder kuriert werden. Ist dem nun also, dann halte ich für ausgeschlossen, daß der Mann nicht von jeher und immerzu, außer in ganz seltenen Zuständen fester Kulturgebundenheit, die aber im Falle guter Behandlung der Frau nie alle Frauen betraf, seine überlegene Körperkraft nicht mißbraucht hätte. Aber gleichzeitig stand jeder Sohn von jeher im Banne der Mutter, und zur Mutter überhaupt wird für jeden normalen Mann auf die Dauer auch die Mutter seiner Kinder. Daher deren wachsende Bedeutung für ihn bis über den Zeitpunkt hinaus, wo sich die Frage erotischer Anziehung nicht mehr stellt. Nun hing es von der jeweils festgelegten Sitte ab, ob die Waage mehr nach der einen oder nach der anderen Richtung sank. Und die jeweilige Sitte ist sehr oft im tiefsten Sinne zufällig zustande gekommen. Das folgende Beispiel scheint mir direkt einen Prototyp darzustellen. Die Spanier sprechen das c und das z wie das englische oder griechische th aus; das geht, wie mir maßgebende Leute versichert haben, darauf zurück, daß Karl V., der Mann des größten Weltprestiges seiner Zeit, lispelte. Sollte ich hier falsch unterrichtet worden sein, so wird es kulturhistorisch Gebildeteren als ich es bin, auf Grund dieser Anregung nicht schwer fallen, zahlreiche gleichsinnige Beispiele aufzutreiben. Mir fällt noch das folgende aus meiner eigenen Erfahrung ein. Ich half der Religionsstifterin Adela Curtis 1913 dabei, den Park zu ihrem Kloster in Cold Ash anzulegen. Der seltsame Name intriguierte mich, und ich fragte ihre Dienerin, eine richtige Unschuld vom Lande, ob sich nicht jemand im Dorf erinnere, woher der Ortsname stamme.

Oh ja, erwiderte sie erstaunt, zu Großvaters Zeiten lebte hier ein ganz ungewöhnlicher Herr, er pflegte Hach (Fleisch-Haché) kalt zu essen. Hier ißt man es sonst nur warm.

Spricht man das h nicht aus, also Hash als Ash, ergibt sich die Bezeichnung Cold Ash. Der Mensch kann sich in schlechthin beliebigen eigenen Verträgen fangen, um in den Worten von Wagners Wotan zu reden, und uneingefangen hält er es nie lange aus. Bei der Ehe liegen nun die Dinge grundsätzlich anders. Vor allen Sondergestaltungen möglicher Dauerbeziehung zwischen Mann und Weib, von denen die meisten im Sinne des Obigen zufällig, aus der Interferenz verschiedener äußerer Ursachen zustandekamen, hat sie, die echte Ehe, einen höchst eigenen inneren Sinn, einen Sinn an sich, der sich entweder erfüllt oder aber nicht. Die Erfüllung ist niemals notwendig, denn alle Sinnesverwirklichung setzt persönliche Sinngebung voraus und keine Art Einbildungskraft fehlt von jeher den allermeisten Menschen mehr, als die, welche Goethe die Phantasie für die Wahrheit des Realen heißt. Die meisten Gestaltungen des Zwischenreichs waren und sind Ausgeburten der Willkür und nicht der Einsicht. Und schien es manchmal, als führe Willkür von sich aus, nach noch so weiten Umwegen, dem wahren Sinne zu, so liegt das nicht daran, daß die Umwege sinnvoll waren, sondern daran, daß die Wahrheit dem Leben entspricht und die Unwahrheit dem Tod; darum amortisiert sich alles Verfehlte irgend einmal. Ferner leuchtet der wahre Sinn, einmal bemerkt, nicht einmal eingesehen, einigermaßen tiefen Naturen so unmittelbar ein, daß echteste Sinnesverwirklichung in unzulänglichstem, ja groteskestem Körper möglich ist. Es hat glücklichste Ehen dort gegeben, wo entweder die Frau mißhandelt wurde oder der Mann. Es gibt glücklichste Ehen von Menschen, die einander niemals erotisch anzogen; das ist bei all den Völkern häufig so, wo das Familiengefühl stärker ist als das Bedürfnis genauer Entsprechung in der Zweisamkeit. Gemeinsam getragenes sehr schweres Schicksal vertieft jede Ehe, wie schon einander ergänzende Arbeit Sinn-Erfüllung zeitigt, weil die Ehe in erster Linie Schicksalsgemeinschaft ist und der Primat dieser Beziehung, einmal anerkannt, alle Komponenten der Ehegemeinschaft in richtige Relation zueinander setzt, während umgekehrt Nichtanerkennung der Schicksalsgemeinschaft als des Wesentlichen die glücklichst begonnene Ehe auf die Dauer dem Unglück zuführt. Über dieses Grundsätzliche brauche ich mich nicht weiter auszubreiten, da ich es in nicht weniger als drei Büchern (Das Buch vom persönlichen Leben, La Vie Intime, Das Ehe-Buch) ausführlich behandelt habe und überdies in vielen Aufsätzen und Vorträgen. Hier möchte ich noch auf einiges eingehen, was in früheren Zusammenhängen unberücksichtigt blieb. Auch im Harem kommen echte und sehr glückliche Ehen vor. Erstens ist dort meistens eine Frau die eigentliche Gattin, dann aber spielt die Eifersucht bei diesem System die geringste Rolle. Meist identifizieren sich die verschiedenen Frauen in bezug auf den einen Mann mit einander, überdies fehlt hier jede Voraussetzung zu jener Kultur der Eifersucht, die sie zu der zerstörerischen Gewalt hochzüchtet, als welche sie sich in offiziell monogamen Ländern so oft erweist. Dann ermöglicht Vielweiberei älteren Frauen gelegentlich ein Ausleben ihres Macht- und Panschinstinktes, wie es sonst nicht vorkommt. Vespasians Gattin wählte für den Kaiser persönlich die Konkubinen aus, die sie je nach der Stimmung und politischen Aufgabe des Tages orchestrierte. Das Wunderbarste, was ich in diesem Zusammenhange kenne, war der Lebensstil Dschingis Khans. Der hatte eine echte Ehefrau, die ihm so viel bedeutete, wie nur je eine kluge Gattin einem Christen. Andererseits kürte er unter der Aufsicht jener aus jeder besiegten Völkerschaft Nebenfrauen und zwar mußten diese weniger schön als begabt und bedeutend sein. Dieser Harem bildete unter dem Vorsitz der Hauptfrau des großen Eroberers geheimen Rat. Und ganz abgesehen davon, daß der große Mongole dank dieser Art der Gattenwahl mehr bedeutende Kinder gezeugt hat, als irgend ein bekannter Mensch, war er wie wohl kein zweiter gut beraten. Frauen wissen immer mehr von den geheimen Wünschen, Triebfedern und Absichten der Männer, als die Männer selbst, die kein direktes Organ für das Unbewußte anderer besitzen, und auf dies Geheime muß ein Völkerfürst am meisten Rücksicht nehmen. Ich persönlich wäre grundsätzlich dafür — wie ich schon lange für weibliche Könige als Regel bin — daß es auch in Europa aus Frauen bestehende Senate gäbe; praktisch dürfte allerdings die Verwirklichung dieser Idee vorläufig am Mangel bedeutender Frauen in Europa scheitern. Es könnte nachgerade auch anderen als mir aufgefallen sein, daß die bedeutendsten Frauen dieser Wendezeit im Osten und Fernen Osten zu finden sind, welche alle, falls sie nicht selber noch in einem abgeschlossenen Frauenreich erzogen wurden, wenigstens mütterlicherseits, wenn ich dem Wort einmal diese ungewöhnliche Bedeutung geben darf, daher stammen, während die Amerikanerinnen typischerweise die unbedeutendsten sind. Die jungen Generationen der Zeit, da ich dieses schreibe, dürften sich schwer vorstellen können und darum auch schwer wahr haben wollen, ein um wieviel geringeres spezifisches Gewicht die heutige gebildete Frau — sicher gibt es viele mir unbekannt gebliebene Ausnahmen, aber die sind bestimmt nicht dicht gesät — gegenüber denjenigen der besten Typen der Frauen alter Kulturtradition hat, deren ich noch viele in vielen Ländern gekannt habe. In den Jahren der Vermännlichung und der Freiheitskämpfe hat sich die westliche Frau in phantastischem Grade verdürftigt. Dies beruht zum großen Teil auf einem Tatbestand, auf welchen hinzuweisen ich noch keine Gelegenheit hatte: nämlich daß bei der Frau Erziehung im Sinne von Fleischwerdung des Wortes, als welches jede lebendige Tradition und jede tiefverwurzelte Sitte bedeutet, unverhältnismäßig viel bedeutet. Hier gedenke ich gerade der Frauen, die aus sozialen Niederungen stammend auf höchste Höhen gelangten, deren größte Beispiele die vielen aus der Gosse stammenden byzantinischen Kaiserinnen bieten. Bei vielen Frauen großer Karriere, die ich gekannt habe, konnte kein nicht-Wissender darauf kommen, daß sie in ihr Sosein und ihre Stellung nicht hinein geboren waren. Das lag in allen mir persönlich bekannten Fällen nicht an genialer Anlage, sondern an der unbegrenzten Erzieh- und Verwandelbarkeit der Frau. Eben darum kann sie ohne weiteres, ohne sich selber untreu zu werden, Namen und Nationalität wechseln. Wo nun alle Vorbilder fehlen, welche der Selbstgestaltung die Richtung geben können, und diejenigen aus früherer Zeit wegen abrupten Wechsels des Zeitgeistes nicht mehr richtig verstanden werden, muß dies bei der Gegebenheit der Frauennatur zur Niveausenkung führen. Auch beim nicht sehr starken Manne liegen die Dinge ähnlich. Wo immer männergemäße Gleichschaltung und Massenerziehung den Typus formt, sinkt dessen Rang. Nur exklusive Erziehung schafft ausgeprägte Persönlichkeiten. So werden ja auch die zu Führern und Führerinnen moderner Massen Vorherbestimmten immer mehr auf sonderliche Weise und in der Abgeschlossenheit erzogen. Je weniger einer nun bei vorhandener Begabung quantitativ zu sehen bekommt, desto mehr bemerkt und errät er. Die tiefsten Menschenversteher waren von jeher die Einsiedler, und ähnlich wirkt auf begabte Frauen Erziehung in der Abgeschlossenheit. Auch die echte Einehe bedeutet schließlich eine Art Klausur — unwesentliches Äußeres berührt sie nicht und das Wesentliche dringt aus der Intimität nicht heraus.

Auf die vorhergehenden so verschiedenartigen Einzelheiten bin ich deshalb eingegangen, um zu zeigen, wie reiche Möglichkeiten der Lebensgestaltung sich bei wachsender Geistbestimmtheit auch vom Standpunkt der Frau bieten. Da auf dem Gebiet des geistbestimmten Lebens der Sinn den Tatbestand schafft und nicht umgekehrt, mögen unter anderen, noch einmal, auch längst für verjährt geltende Gemeinschaftsformen neu aufleben und eine Heiligung erfahren. Mit der strikten Monogamie früherer Zeiten ist es wohl bei allen Völkern, die am modernen Fortschritt teilhaben, vorbei — denn ob einer oder eine Viele auf einmal oder nacheinander heiratet oder sonst vielfache Beziehungen unterhält, bedingt keinen großen psychologischen Unterschied. Der wahre Sinn der Ehe wird sich fortan, wenn überhaupt, in großer Unabhängigkeit von der jeweils gültigen sozialen Gestaltung zu verwirklichen haben, gleichwie echte Religiosität sich immer unabhängiger ausleben wird von bestimmter Konfession. Der Sinn der Ehe ist Schicksalsgemeinschaft im Rahmen eines bestimmten polaren Spannungsfeldes; sie ist eine strikt persönliche Beziehung sonderlicher und ganz bestimmter Art, die durch Beziehungen anderer Art, auch zu anderen Männern beziehungsweise Frauen, nicht berührt wird. Immer häufiger wird sich die Frage stellen, ob eine Frau zur Ehe berufen ist oder nicht — in bezug auf die Männer wurde sie in unserem Mittelalter am richtigsten gestellt; der Geistige, der nicht die Berufung zur Ehe in sich fühlte, wurde nicht zum Hagestolz, sondern er trat in den geistlichen Stand ein, innerhalb welches seine Beziehungslosigkeit zur Frau einen rein positiven Sinn erhielt. Gleichsinnig wurde dank dem besonderen Ansehen, das die Angelsächsin unabhängig von ihrem Verheiratetsein genoß, in England und Amerika schon im XIX. Jahrhundert die Unterscheidung auf den ersten Blick zwischen Verheirateten und Unverheirateten sehr schwer, die sich auf dem europäischen Kontinent noch zu Beginn des XX. Jahrhunderts jedem Aufmerksamen aufdrängte. So mag der Verdürftigungstypus der alten Jungfer gänzlich aussterben und dies zwar völlig unabhängig von Geschlechtsbefriedigung oder Enthaltsamkeit. Wahrscheinlich wird in Zukunft unter jungen Mädchen und Frauen, als Reaktion auf diese Zeit herrschender Männermoral, dem Vorbilde Rußlands entsprechend, häufiger bewußte und gewollte Keuschheit vorkommen als seit langer Zeit, und zwar als positive Lebensform, nicht als Verzicht. Jedenfalls aber wird die körperliche Beziehung zwischen Mann und Frau immer weniger bedeuten gegenüber der geistig-seelischen. Sehr charakteristischerweise begann sich dies in Amerika zuerst bei den Männern zu äußern. Bei einer jener für dieses Land charakteristischen öffentlichen Umfrage stellte es sich Ende der zwanziger Jahre heraus, daß einem sehr großen Prozentsatz der Männer weit mehr an seelischer Gemeinschaft lag als an allem anderen. Gleiches wird in Europa, wo die jungen Männer solche Gemeinschaft jahrzehntelang mehr als je früher entbehrt haben, bald in sehr viel höherem Maße der Fall sein; und dies wird mithelfen zur Neudurchseelung der Frau, und der Konkretisierung ihrer Sehnsucht nach dem Geist, denn die Frau möchte ursprünglich alles für jemanden tun. Am frühesten dürfte die Mütterlichkeit eine Universalisierung und Durchgeistigung erleben. Insofern sehe ich in Erika Hantel eine der wenigen schon heute sichtbaren Pionierinnen der neuen Zeit. Ihre Idee, dem mittelalterlichen Beghinen-Gedanken einen neuen Körper und dadurch dem Mütterlichkeitsbedürfnis vereinsamter oder auch eines weiteren und durchgeistigteren Wirkungskreises bedürftiger Frauen eine neue Verwirklichungsmöglichkeit zu schaffen, hat eine große Zukunft. Gleiches gilt sogar von Neuverkörperungen des Kloster-, Mönch- und Nonnengedankens überhaupt, besonders im Geist der Tertiarer und deren weiblicher Entsprechung unter den Franziskanern. Denn zwangsläufig wird das Ideal eines befriedigenden Eigenheims als Ergebnis der Zerstörungen des zweiten Weltkriegs für Millionen heute Lebender ein unerreichbares Wunschbild bleiben und das Beghinenheim und das Kloster entsprechen zweifellos den geistig-seelischen Bedürfnissen des Menschen besser als die Mietskaserne und das Gemeinschaftshaus im heutigen Verstand. Denn gerade auf Abgeschiedenheit kommt es der im kollektivistischen Zeitalter so schlecht mitgespielten Seele am meisten an. (Hier muß ich auf einige sehr beachtliche Gedankengänge in Hermann Ullmanns Brasilien-Buch [Eugen Diederichis Verlag] besonders hinweisen, auf die ich selbst hätte kommen können, aber tatsächlich nicht gekommen bin. Mir fiel 1929 der enorme psychologische Unterschied zwischen dem verkrampften, eitlen, engen, neiderfüllten, Skorpion-artigen Portugiesen vor-Salazarscher Zeit mit dem großzügigen Brasilianer, der doch oft erst als junger Mensch aus Portugal eingewandert war, sehr auf. Ullmann deutet offenbar richtig, wenn er behauptet, daß das, was die spezifische moralische Vorzugsstellung des Bewohners der neuen Welt gegenüber dem Europäer ausmacht, nicht die leichteren physischen Lebensbedingungen sind — es leben, im Gegenteil, die meisten Einwanderer, zuerst wenigstens, in viel dürftigeren Verhältnissen als in Europa — sondern die geringere Gekränktheit seiner Seele ist. Die Seele strebt in erster Linie nach Unabhängigkeit und Entfaltung ohne fremden Eingriff. Im übervölkerten Europa wird jedem auf seine sämtlichen nur möglichen seelischen Hühneraugen getreten, und so muß der Europäer fortlaufend seelisch häßlicher werden, je übervölkerter der Kontinent wird. Früher schuf Auswanderung in weite Welten für jeden Freiheitsdurstigen das Sicherheitsventil. Wahrscheinlich ist diese auf lange hinaus, vielleicht für immer, ausgeschlossen. In diesem Falle bleibt nur das Kloster oder das Kloster-Ähnliche — wozu gerade das unberührbare Heim gehört, innerhalb welches die individuelle Seele und deren Glück und Heil an erster und letzter Stelle zählt, — als Reservat für die Seele übrig, es sei denn, ein Massensterben noch heute, im Mai 1944, ungeahnten Ausmaßes schüfe einen neuen freien europäischen Seelenraum). Doch wie dem auch werde: die modernen Klöster werden sicher nicht dem Geist der Entsagung, auf welcher Ebene immer, sondern demjenigen erstrebter größtmöglicher Fülle auf der Basis freien schenken-Wollens entwachsen. Auch hier gilt das Gleiche wie überall sonst: die jüngste Entwicklung tendiert als Ziel nicht einem neuen Zwischenreich, sondern dem Ursprung zu, sowohl in der Richtung der Natur, wie in derjenigen des Geists.

Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
III. Wandel der Reiche
© 1998- Schule des Rades
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