Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

III. Wandel der Reiche

IV. Polverschiebungen - Beziehung zwischen den Geschlechtern

Doch nun genug des Scherzhaften. Der Leser wird bei diesem Kapitel mit Recht in höherem Grade als bei den früheren Schärfe der Linienführung und kompositorische Einheitlichkeit vermissen. Aber ich wollte gerade das festhalten, was ich 1944, allem Anschein nach dem kritischesten Jahr dieser kritischen Zeit, hinsichtlich des Themas dieses Kapitels gewahre, erinnere, ahne und fühle. Um Endgültiges kann es sich hier nur in grundsätzlichen Fragen handeln, und darum war auch nur selten eine abschließende Fassung möglich. Aber gerade das Vorläufige dieses Kapitels erscheint mir fassungswürdig, weil es nicht nur meinem jetzigen Zustande entspricht, sondern dem allgemeinen der Welt. Embryonale Organe hören bei der Reifung eines Organismus zu bestehen auf und doch kann deren Kenntnis für das Verständnis des Vollendungszustandes besonders wichtig sein. Aus allen diesen Gründen mußte ich dieses Mal viel umständlicher und weitschweifiger sein, als ich es gerne bin. In meiner frechen Jugend fragte ich einmal einen Reichstagsabgeordneten, der gerade eine vierstündige Rede gehalten hatte, warum er sich nicht kürzer gefaßt hätte: Weil ich dazu keine Zeit hatte, erwiderte er mir. — Zum Abschluß nun möchte ich wenigstens das Grundsätzliche in eine knappe Form fassen, und dabei vom letzten Sinn her schärfer, als bisher geschah, belichten, was für mich schon heute völlig feststeht, und damit den Akzent innerhalb der vorhergehenden Betrachtungen nachträglich völlig unmißverständlicherweise dorthin legen, wo er sozusagen kosmisch liegt.

Vom Standpunkt der Natur machen Mann und Weib zusammen erst den Menschen aus. Deren gegenseitiges Verhältnis ist ein polares; da evoziert ein Pol den anderen, verändert sich die Besetzung des einen der Wandlung des anderen entsprechend, bewirkt Schwächung des einen zwangsläufig Stärkung des anderen bis zu einem kritischen Punkt, von welchem ab das über-stark Gewordene wieder schwach wird, was neu-Erkraftung des vorhin geschwächten Gegenpols zur Folge hat. Diese tatsächlich bestehenden Verhältnisse bieten die eindrucksvollst denkbare Illustration zu den im I Ging enthaltenen Wahrheiten Yang und Yin.

Nun besteht zwischen den Polen überdies eine Arbeitsteilung, welche nicht in Funktion des Polaritätsgesetzes begriffen werden kann, sondern nur in Funktion desjenigen der Korrelation, und diese Differenzierungen sind auf der Ebene des Empirischen in hohem Grade festgelegt. Die Pole selber sind dies aber in sehr geringem Maß, sie sind der vielfachsten Erscheinungsformen und Besetzungen fähig, nur eben innerhalb der Grenzen möglicher Wechselbeziehung der Teile eines vorherbestehenden Ganzen. Widerstreitet eine Polverschiebung deren Gesetz, dann tritt Pathologisches zutage. Und an der Grenze des Pathologischen liegen alle extremen Vereinseitigungen, und seien diese Träger sublimster Werte. Der Mann kann sich als nur-Geist, die Frau als nur-Seele vereinseitigen oder beide mögen ins nur-Tierhafte zurücksinken. In letzterem Falle äußert sich das Korrelationsgesetz so, daß in Zeiten der Vertierung großen Maßstabs andererseits Formen ausschließlich geistiger Existenz, wie Mönchtum und ähnliches eine große Rolle zu spielen beginnen. Solche Kompensationen liegen schon in der Wurzel der meisten Standes- und Berufsdifferenziationen, welche allesamt einander ergänzende Abstraktionen aus dem Menschheitskosmos und aus möglichem integralen Menschentum verkörpern. — Der Aufstieg oder die Höherentwicklung des Menschen­geschlechts nun erfolgt nicht auf der Ebene der aufgezeigten Polaritäten und Korrelationen — er erfolgt mittels ihrer, auf anderer und höherer Ebene. Wo immer jene letzte Instanzen darstellen, wie bei den Tieren und den aus Begabungsmangel keines Aufstiegs fähigen Individuen und Völkern, dort erfolgt keine Höherentwicklung, während es umgekehrt auch für den Begabtesten allezeit möglich ist, aus einem höheren in einen niederen Zustand zurückzufallen: jedem steht es frei, seinen Geist aufzugeben oder seine Seele auszuhauchen und dies zwar schon bei Lebzeiten. Dank der Grundpolarität des Lebens, die sich im Zusammenwirken von Aufbau und Zerstörung äußert, kann letztere in jedem Augenblicke zur absoluten werden. Wird der Geist aufgegeben, dann herrscht allein das Gesetz des Fleisches und dessen End-Schicksal ist das zu Erde-Werden.

Der Aufstieg des Menschen erfolgt nun nicht allein in einer Region oberhalb der Polaritäten mittels dieser überhaupt, sondern mittels beliebiger. Niederlage, Schwäche und Häßlichkeit können genau so gut zu Mitteln des Aufstiegs werden, wie Sieg, Kraft und Schönheit, Verzweiflung genau so gut wie Hoffnung, Widerstreben genau so gut wie Streben. Eben darum kann auch, wie ein früheres Kapitel erwies, das Böse von heute das Gute von morgen sein und umgekehrt. Eben darum gibt es nichts empirisch-Vorhandenes, das nicht zutiefst ambivalent wäre und darum nicht plötzlich in sein Gegenteil umschlagen könnte, wie Liebe in Haß; ich wähle letzteres Beispiel zum Sinnbild für alles hierher Gehörige, weil Haß nur dort entsteht, wo potentielle Liebe vorliegt; darum sind alle mehr vom Verstande als vom Gefühl beherrschten Völker schlechte Hasser. Auf der Ebene des spirituell und metaphysisch Wirklichen nun bleibt die Ambivalenz insoweit bestehen, als, sinnbildlich ausgedrückt, der Gute Gott gleichzeitig der Böse Gott ist und man nie sagen kann, der absolut gedachte Gott sei das eine oder das andere. Hier erweisen sich die sich empirisch ausschließenden Attribute als Aspekte eines gleichen unbedingt-Positiven. Darum und darum allein bedeuten furchtbare Zeiten in ihrer Grausamkeit und Ungerechtigkeit keine Gegenbeweise gegen die Existenz einer göttlichen Weltordnung, sondern weit eher, wenn man einmal an diesem Mythos festhalten will, den deutlichsten Beweis ihrer Existenz. Ohne vorhandene Verwirklichungsmittel kann sich der Geist auf Erden nicht manifestieren. Und diese sind nicht immer da. Alles gerade Vorhandene mag das geistig Erforderliche sogar unmöglich machen. Unter diesen Umständen mag der beste Gott gelegentlich den Untergang von Millionen und ganzen Kulturen wollen. Den schönsten Ausdruck dieses Glaubens sehe ich im buddhistischen Bilde des Bodhisattvas des Unterganges, welcher in aller Freundlichkeit die Welt in Stücke zerbricht und diese in Brocken und diese wiederum in kleinere und immer kleinere Krümel zerreibt, bis daß die Materie völlig aufgerieben ist. Was sich einmal empirisch verfestigt hat, ist vom Geiste her nicht mehr direkt beeinflußbar, das kann nur eingeschmolzen werden oder aber sterben.1 Da bleibt nun Gott nichts anderes übrig, wo er nicht alle Hoffnung auf Wandlung aufgibt und das Todesurteil ausspricht, als so viel Unheil und Drangsal über die Menschen zu bringen, daß dies sie als Reaktion ihrer letzten schöpferischen Tiefe zum metanoein bewegt. Dazu aber müssen sie sich selber entschließen. Ohne Mitarbeit des guten Willens der Menschen vermag kein Gott seine Ziele durchzusetzen. Die Ebene der Geschichte ist die, auf welcher der Mensch letztlich verantwortet, dort sind nirgends höhere Mächte im Spiel (hierauf brauche ich nicht näher einzugehen, da ich es schon ausführlich in der Neuentstehenden Welt getan habe, die ich 1925 veröffentlichte, deren Inhalt ich jedoch schon ab 1921 in öffentlichen Vorträgen vertrat; dort nannte ich die Geschichte unter anderem eine einzige Serie verpaßter Gelegenheiten). Sinn verwirklicht sich auf Erden immer nur so, daß er von einem persönlichen Menschen aus freier Initiative gegeben wird: nur von innen heraus kann er realisiert werden. Diesem Geben aber entspricht polar Empfängnis-Bereitschaft. Darum geht der Aufstieg der Menschheit so entsetzlich langsam voran, ein wenig schneller nur in ungeheuer harten Zeiten, wenn in ihnen Menschen besonders hoher geistiger und seelischer Begabung geboren werden, welche den Mut haben, ihr innerliches Wissen und Wollen über alles Äußerliche zu stellen und zu anerkannten Vorbildern werden. Darum führt schon keine Politik je zu einem guten Ziel, die nicht an erster Stelle mit dem freien Willen der Be- und Mißhandelten rechnet. Zwang vermag auf die Dauer überhaupt nichts, außer auf der Ebene der trägen Gana, die sich beliebige Gewohnheiten einprägen läßt; beim in allen Fällen letztentscheidenden Freien im Menschen löst er letztlich nur Gegenbewegungen aus, deren Stärke dem ausgeübten Drucke nicht allein proportional ist, sondern diesen meist weit übersteigt; auf diesem Gebiet ist Norm, was man das Kind mit dem Bade ausschütten heißt. Von hieraus erkennt man vollends, daß böse Zeiten dem Begriff eines guten Gottes weit besser entsprechen, als gute. Nur Böses erleiden und Böses tun lösen im Extremfall guten Willen aus. Von sich aus hat kaum einer unter Abermillionen auch nur annähernd genügend guten Willen. In guten Zeiten und unter bequemen Lebensumständen schläft beim Menschen allzuleicht aller Wunsch nach mehr-Werden und besser-Machen ein.

Im Prozeß der heute sich vollziehenden Polverschiebung zwischen Mann und Weib sehe ich gerade wegen der vielen Schwierigkeiten und Gefahren, die in diesem Kapitel umständlich, vielleicht zu umständlich geschildert wurden, einen Umweg zu einem höheren Zustand. Selbstverständlich nur, wenn die Menschen diese Möglichkeit ausnutzen. Das Heil kann in dieser Wende nur in der Hinwendung zum Ursprung kommen, und dies bedeutet im Fall des Mannes: zum nie früher gleich ursprünglich erlebten und bestimmenden Geist, und für die Frau zur nie früher so unmittelbar und tief erlebten Seele. Der kürzeste Weg dahin führt den Mann über zeitweilige Entgeistung und die Frau über zeitweilige Entseelung. Auf daß der Weg zum Ursprung freigelegt werde, müssen aber die überkommenen Zwischenreichsbildungen zerstört werden. Es müssen auch alle Ausgeburten der Abstraktionssucht erledigt werden, damit der Geist wieder konkret erlebt werde, als reine Substanz. Zu letzterem neigt ursprünglich nur die Frau: schon darum sehe ich das Heil von einer Verstärkung der Bedeutsamkeit des weiblichen Prinzipes herkommen. Überdies und letztlich aber aus einem Grunde, welchen die vorhergehenden hauptsächlich das Empirische betreffenden Betrachtungen kaum berücksichtigen konnten: weil im Anfang das Weib war und nicht der Mann. Er ist ursprünglich ein Abspaltungsprodukt von ihr. So erfordert Heimkehr zum Ursprung einen Umweg über die Mütter — worunter ich Tieferes verstehe, als was nicht nur Ludwig Klages, sondern auch Goethe mit den gleichen Worten gemeint hat. Soll der Geist als substantiell erlebt werden, wovon alle bessere Zukunft abhängt, so muß der Geist so realisiert werden, wie ihn allein die Frau ursprünglich sieht. Diese Veränderung der Perspektive leitete schon der christliche Impuls ein mit seinem Bilde vom ganz Mensch gewordenen Gott; er tat es damals, wie dies nicht anders sein konnte, im Körper vorchristlicher Überlieferungen, welche den wahren Sinn auf die Dauer immer mehr verfälschten. Aber von ihm aus ist doch der Weg frei zur vollkommenen Sinneserfassung — während die neuerliche Persönlichkeitsvergötterung, welche von Goethe über Schopenhauer, Nietzsche und Chamberlain bis zur Vergötzung der modernen Massenführer geführt hat, einen Rückfall in den Caesarenkult der entarteten Antike bedeutet, und die auf Hegel zurückgehende Vorstellung, daß der Geist eine der Person überlegene Sache sei, unmittelbar zu der Verunmenschlichung geführt hat, welche sich heute in ihrer ganzen Schrecklichkeit auswirkt. Heute gilt es ein Geist-Erleben neuer Art, welches genau so tief ins Herz des Kosmos hinauf und hinabreicht, wie der tiefste religiöse Glaube der Vergangenheit, sein wirkendes Zentrum jedoch in der freien Persönlichkeit hat. Mehr brauche ich hierüber nicht zu sagen, da dies das Thema ist, das ich seit über einem Vierteljahrhundert immer wieder behandelt und abgewandelt habe. Aber ich mußte dieses Grundsätzliche doch berühren, damit meine Leser einsehen, um ein wie Tiefes, und zwar auch vom Standpunkt des reinen Geistes Tiefes, es sich bei der Beziehung zwischen den Geschlechtern handelt, weswegen ich allen Anlaß hatte, auch deren äußerliche Aspekte, welche schlecht Beratene für ein so Oberflächliches halten, mit größter Aufmerksamkeit zu betrachten und zu bedenken. Und zwar gerade dort, wo es sich um Ansätze und erste Anfänge handelt. Bewußtmachung beschleunigt den Aufstieg, kann vor Irrwegen behüten, kann bewirken, daß eine Entwicklung, welche an sich verschiedene Richtungen einschlagen könnte, die bestmögliche wählt und einhält. Keime lassen sich leicht beeinflussen, ausgewachsene Gestalten überhaupt nicht ändern. Jesus sagte: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Die altchinesische Weisheit begriff den Zusammenhang tiefer, da sie lehrte: An ihren Keimen sollt ihr sie erkennen.2

1S. Verhärtete und Verjüngte. Eins der Kapitel, die im folgenden Band gedruckt werden. [Anmerkung des Keyserling-Archivs]
2Vollendet Aurach, 8. 9. 1944.
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
III. Wandel der Reiche
© 1998- Schule des Rades
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