Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

III. Wandel der Reiche

V. Um das Individuum - Diskussion

Was mich zeitlebens am meisten gestört, ja verstört und meiner Erinnerung nach — außer in meinen Lehrjahren als technische, dem Kalligraphie-Lernen (in dem ich es auch nie weit brachte!) im Zwischenreich entsprechende Übung — nicht ein einziges Mal gefördert hat, ist die Auseinandersetzung, in welcher die hoffnungslos Intellektuellen das eigentliche Betätigungs- und Bewährungsfeld dessen sehen, was sie unter Geist verstehen. Und hierbei meine ich mehr und anderes als das, was ich in der Einführung zu Amerika über die einzig förderliche (im Gegensatz zur allein anerkannten und üblichen) Art der Diskussion in für mich endgültiger Form ausgesprochen habe. Auseinandersetzen kann man sich fruchtbar nur über Äußerliches, zu welchem alle sogenannten wissenschaftlichen Wahrheiten gehören, zu deren Wesen es gehört, bald überholt zu werden. Sobald einer sich mit einem anderen als Sein oder Wesen auseinandersetzen will, es sei denn, er beabsichtige Krieg und Vernichtung eines Gegners, sehe ich in der bloßen Zumutung, sich dazu herzugeben, anmaßend-taktlose Rücksichtslosigkeit, recht eigentlich ein Attentat auf die Identität und Integrität des Anderen. Es ist doch selbstverständlich, daß jeder, welcher überhaupt ein originales Sein verkörpert, als Ganzes anders ist als alle anderen. Diese Ganzheit primär zu sehen und anzuerkennen, ist die erste und elementarste Voraussetzung ersprießlichen Verkehrs; wer sich gegen einen anderen abzugrenzen das Bedürfnis spürt, der habe wenigstens die Delicadeza, dies für sich allein zu tun. Schon im bloßen Vergleichen als einem nicht-Anerkennen der Einzigkeit liegt für den Verglichenen ein Kränkendes. Wer da wirklich verstehen will, der vergleicht überhaupt nicht, denn alle Vergleiche haften an der Oberfläche. Aus dem verschieden-Sein folgt aber selbstverständlich verschiedene Gesinnung im weitesten Verstand. Darum kann ich als ersprießliche Beziehung zwischen zwei Menschen die allein anerkennen, wo bei restloser gegenseitiger Anerkennung des verschieden-Seins jeder für sich beim anderen das allein betont, was er als positiv empfindet und was ihn fördern kann. Und gerade jeder anders-Seiende und darum auch -Gesinnte kann einen, wo der Akzent wie hier beschrieben gelegt wird, mehr fördern als jeder Ähnliche und Gleichdenkende. Dies gilt schon bei geringer Persönlichkeit. Wo ein Mensch nun substantiellen Geist in hoher Potenz verkörpert, dort spielt das Sachliche, auf dessen Ebene allein Auseinandersetzung sinnvoll sein kann, gar keine Rolle: hier stellt das jeweilige Sein und Wesen eine kosmische Kraft dar, die sich als solche auswirkt, und ob sie in allen Hinsichten Unrecht hätte. Hier kommt es weit mehr darauf an, wer etwas, als was er sagt. In diesem Falle kann man so weit gehen zu behaupten, daß es einen viel größeren Gegensatz gibt, als den für die Wissenschaft letztgültigen zwischen wahr und falsch: es ist derjenige zwischen wahr und richtig. Was einer aus seiner Vollmacht als substantieller Geist behauptet, ist immer wahr, nämlich als wahrhaftiger Ausdruck eines realen Inneren als kosmischer Kraft, welche wirklich und damit auch richtig macht, was es nicht immer und vielleicht nie früher war. Bei solchem geistig-Schöpferischen stellt sich die Frage der Richtigkeit im wissenschaftlichen Verstande überhaupt nicht. Letztere bedeutet immer nur Angepaßtheit an Äußerliches oder Ausgleich mit solchem; eben darum kann es kein endgültig Richtiges geben. Die Aussprüche großer und tiefer Geister hingegen bleiben trotz aller jeweiligen Unrichtigkeit ewig wahr, weil bei ihnen jeder Ausdruck einerseits sinnbildlich, andererseits Wirklichkeit-schaffend im Unterschied von Wirklichkeit-spiegelnd gemeint ist. Durch jedes Sinnbild spricht geistige Wirklichkeit; nie tut sie es durch wissenschaftliche Begriffe. Ich nun habe zeitlebens nur sinnbildlich und im Zeichen des Wirklichkeit-Schaffens geredet, sowie alles an mich Herantretende nur als Sinnbild und auslösendes Reaktiv in mich aufgenommen. Die Korrektur, deren auch ich selbstverständlich fortlaufend bedurfte, bestand niemals in äußerer Berichtigung, sondern in einer Steigerung meiner inneren Fähigkeit zum Durchschauen, zu welcher es freilich reicher Erfahrung bedarf.

Leider sind mir nur sehr wenige Menschen begegnet, welche ursprünglich ebenso empfanden wie ich. Darum habe ich am Verkehr gerade mit solchen, die sich für gleiches wie ich interessierten, wenig Freude und eigentlich gar keine Förderung erlebt. Die meisten sachlichen Geister verkehren miteinander im Geiste gegenseitiger Berichtigung; eben darum hat das Ursprüngliche in unserem Kulturkreis eine so verschwindend geringe Rolle gespielt. Ein voraussetzungsloses Denken und Handeln gibt es nicht, und nur einem unter Millionen fällt wirklich Eigenes ein, außer in ganz nahen und privaten Zusammenhängen. Daraus allein folgt, daß beinahe alles Verhandeln im weitesten Verstand von Autoritätsglauben im gleichfalls weitesten Verstande ausgeht und ausgehen muß. Noch heute bedeutet das meiste Philosophieren in Europa ein Berichtigen der Einfälle des Plato, Aristoteles, Thomas Aquinas und allerjüngstens Kants; gerade die, welche von Kant nichts mehr wissen wollen, sind nämlich letztlich nichts als Berichtiger seiner im Geist der allerprimitivsten Selbständigkeits-Regung, des Muts zum Nein-Sagen. Aller Freiheitsdrang auf Erden begann seine Äußerung nicht mit dem schöpferischen Ja sondern mit dem abgrenzenden Nein. Dieses Verhängnis ist das unvermeidliche Ergebnis der Suprematie des unschöpferischen Intellekts über den schöpferischen Geist. Bei meinen Lebzeiten habe ich insofern in Frankreich am meisten gelitten, obgleich ich andererseits ob ihrer in Europa unerreichten Begabtheit auf der Ebene der sensitiven und emotionalen Ordnung mit keiner Menschenart lieber verkehrt habe als mit Franzosen. Geistiges Verhandeln mit französischen Männern war nie möglich außer in Form der Diskussion von rigiden Voraussetzungen her — französische Frauen waren natürlich weiter und offener ob der Vorherrschaft der persönlichen Beziehung in ihrem Fall. Dabei könnte der Verkehr mit jedem Menschen fruchtbar sein, wenn er von vornherein auf Polarisierung von Einzigkeiten eingestellt wäre, wie er dies im Rahmen unserer versachlichten Welt nur mehr im Fall der Liebe ist. Vielleicht liegt hier eine Erklärung der unaufhaltsam wachsenden Bedeutung der Homosexualität: wo Männer unter erotischen Voraussetzungen miteinander verkehren, können sie nicht letztinstanzlich sachlich miteinander diskutieren; so bedeutet hier vielleicht Perversion einen Umweg zur Ursprünglichkeit zurück.

Warum führe ich das alles hier aus? Weil ich im Fall des Kapitels Besitzende und Besitzlose, das ich besonders vielen vor seiner Endfassung zu lesen gab, besonders viele unfruchtbare Berichtigungen erfahren habe. Jeder Leser meiner Werke konnte doch vor Kenntnisnahme jenes Kapitels wissen, daß ich überhaupt keinen Beitrag zu den Wissenschaften der Nationalökonomie und Soziologie leisten wollte; insgleichen, daß ich nie mehr sagen wollte, als ich eben gesagt habe — zumal in diesem Buch, welches die ganze Peripherie bestimmter Existenz von deren schöpferischem Zentrum her belichtet oder sie auf dieses zurückbezieht. Aber nein: so tief sitzt das wissenschaftliche Vorurteil, die starrste Form des Autoritätsglaubens wenn nicht des Aberglaubens, in den Seelen der heutigen Menschen, daß sie das Sosein eines Andersgearteten als solches gar nicht aufzunehmen und für sich fruchtbar zu machen psychologisch fähig sind. Nur in zwei Hinsichten haben mir die erhaltenen Berichtigungen genützt: erstens, indem sie mich dazu anregten, die vorhergehenden grundsätzlichen Erwägungen öffentlich anzustellen, und zweitens, indem sie mir klar machten, daß jenes Kapitel des zweiten Bandes einer Ergänzung bedürfe. Jenes hatte zum ursprünglichen Titel Arme und Reiche, aber in diesem weiteren Rahmen konnte ich nicht umhin, Verschiedenartiges und Unvereinbares zu vermengen; deswegen schränkte ich später die Gesamtproblematik, die ich im Sinne hatte, auf eine begrenztere Fragestellung hin ein. Aber das Besitzproblem läßt sich nicht endgültig ohne Bezugnahme auf das Problem von Arm und Reich überhaupt und damit letztlich auf das Geldproblem und das Überwiegen des Abstrakten über dem Konkreten, des Vergleichbaren über dem Unvergleichlichen, des Sachlichen über dem Persönlichen, des Äußerlichen über dem Innerlichen und damit endlich des Kollektiven über dem Individuellen sinngerecht behandeln. Was ich in dieser Hinsicht im vorhergenannten Kapitel versäumte, soll jetzt so gut als möglich nachgeholt werden. Aber auch dieses wird ausschließlich von meinen bestimmten Voraussetzungen her im Sinn des substantiellen und nicht des deutenden Geists geschehen. Was bei mir meist als Deutung unter anderem mißverstanden wird, ist der Versuch, durch selbstherrliche Sinngebung zu befruchten und damit einer neuen und besseren Wirklichkeit zur Geburt zu verhelfen. Je mehr ich mich ins ökonomische und soziale Problem auf Grund meiner persönlichen Erfahrung versenke, desto gewisser wird mir, daß das entsetzliche Unheil dieser Zeit seinen tiefsten intellektuellen Grund in der Fragestellung der modernen Ökonomie und Soziologie überhaupt hat. Ich sehe einen schauerlichen Irrtum darin, von an sich berechtigten theoretischen Idealen her, wie zum Beispiel dem des Benthamschen größten Glücks der größten Zahl, den Menschenzustand bessern zu wollen. Die ausschlaggebende Blickrichtung sollte und muß die umgekehrte sein: letztlich kommt es auf die Wirkung äußerer Zustände auf Geist und Seele an. Und dies zwar nicht im Sinn der Soziologen, welche verschiedene soziale Gestaltungen als mehr oder weniger gleichberechtigt aneinanderreihen, sondern im Sinn desselben Absoluten, welches das Christentum mit seiner Lehre vom unbedingten, unvergleichlichen und darum letztinstanzlichen Wert der individuellen Menschenseele meinte. Eigentlich brauche ich diese letzten Sätze überhaupt nicht zu belegen. Alle Scheußlichkeiten, welche die erste Hälfte des XX. Jahrhunderts kennzeichnen, sind die logischen und vom Standpunkt des ursprünglichen Lebens unvermeidlichen Folgen des Willens zur Weltverbesserung aus dem Geist des sachlich Richtigen heraus. Aus den letzten Sätzen dürfte meinen verstehenden Lesern schon eine Ahnung dessen hervorleuchten, warum ich das Ergänzungskapitel zu Besitzende und Besitzlose Um das Individuum betiteln mußte. Der wissenschaftliche Geist, in diesem Fall am deutlichsten im Gelde an sich verkörpert, setzt die Beziehung zwischen über das aufeinander Bezogene und damit ein Abstraktum über das Lebendige.

Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
III. Wandel der Reiche
© 1998- Schule des Rades
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