Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

III. Wandel der Reiche

V. Um das Individuum - Persönlichkeit

Hiermit gelange ich denn endgültig zur Betrachtung der Individualitäts- und Persönlichkeitsfeindschaft dieser Zeit, die sich nicht zuletzt in der kontrapunktisch zu verstehenden Nietzsche-Verehrung und Vergötzung Einzelner offenbart. Der Verstand ist nichts Geistiges, sondern das Differentialkennzeichen des Menschentiers.1 Von Fall zu Fall mag der Intellekt bei einem Menschen unterentwickelt sein, fehlen tut er nie, und weil er zu des Menschen Urnatur gehört, ist er bei jedem entwicklungsfähig, was vom Instinkt und natürlich erst recht der Intuition nicht gilt. Eben weil der Verstand bei allen vorhanden ist, können alle Menschen lernen, das heißt sich Wissen aneignen und dieses nach genügender Übung in die Praxis umsetzen. Darum ist jeder Mensch, auch unter den allerprimitivsten, wie der Siegeszug der Technik gerade unter diesen beweist, der Welt der Künstlichkeit ursprünglich angepaßt. Es gibt kein Volk, das keine Werkzeuge hätte, keins ohne Rechtsbegriffe, keines, in welchem das man, das Prototyp aller verstandesmäßigen Herausstellungen, ursprünglich nicht mehr bedeutete als das Ich; erst bei hoher Begeistung bedeutet die schöpferische Persönlichkeit für Mehrheiten mehr als das man. Eben darum bestimmt unter Primitiven und Primitivierten, unter welch’ letzteren die heutigen Nordamerikaner prototypisch sind, der Preis den Rang und Wert, nicht dieser jenen. Ersterer ist eine Verstandeskonstruktion, deren Sinn zu begreifen jeder fähig ist, letzterer ein rein Geistiges, über welchen der Intellekt überhaupt nicht kompetiert. Im gleichen Sinne ist die Sucht, zu verallgemeinern, ein Zeichen der Primitivität. Nichts liegt dem Verstande näher, als zu vergleichen und von dort her zu generalisieren; das ist dem Menschen genau so natürlich, wie jedem Tier seine für es charakteristische Reaktionsweise seiner Umwelt gegenüber. Begeistung hingegen hat ihren ersten Exponenten in der Befähigung, Einzigkeit und deren unvergleichlichen Wert wahrzunehmen und zu würdigen; woraus sich ergibt, daß jeder Versuch, durch Vergleichen tiefer zu verstehen, Mangel an Geistteilhaftigkeit beweist.

Von hier aus werden wir denn des wahren Sinnes des Primats des Sachlichen gegenüber dem lebendig-Persönlichen inne: es bedeutet ein Zurückfallen von einer mehr oder weniger hohen Stufe erreichter Spiritualität auf eine solche geringerer, bei gleichzeitig unerreicht hoher Intellektualisierung. Man erinnere sich dessen, was ich an anderer Stelle schrieb: ich weiß nicht, ob Adam eher beschränkt oder begabt war — sicher war er ein Intellektueller. Der Intellektuelle nun, welchem das Sachliche über dem Lebendigen steht, muß eben darum das Anorganische über das Organische stellen, dieses dem Nomos jenes unterzuordnen streben, das Leben aus dem Toten entstanden wissen wollen und diesem insofern den Primat zuerkennen — denn der Verstand ist ursprünglich dem Anorganischen angepaßt. Eben dieses Unterordnen des Lebendigen unter das Tote hat das Fortschrittszeitalter mit wachsendem Erfolge unternommen — freilich in der Absicht wachsender Humanisierung; aber hier handelt es sich um eine Kompensierung des Wirklichen durch bloß Vorgestelltes, wie solches allemal unwillkürlich statthat, wo sich nur ein Teil der Seele in der Wirklichkeit auslebt, weswegen der Betreffende den jeweiligen Schwindel selten als solchen erkennt. Dank seiner Überwertung des Anorganischen hat das Fortschritts-Zeitalter das Erdhafte freilich wie kein früheres gemeistert. Doch das Menschliche konnte nicht umhin, in diesem Prozesse immer mehr zu verkümmern, so daß es nur natürlich sowie logisch ist, wenn das Fortschrittszeitalter in Zerstörung und Grauen ohnegleichen ausklingt. Dieses Entsetzliche ist der Natur- wie Geist-notwendige Endausdruck der Vorherrschaft der Theorie, der Wissenschaft und der Technik über der lebendigen Erfahrung des Menschen auf den Menschen hin; wenn irgendwo, dann gilt hier das Christuswort An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen. Vor der französischen Revolution hat politische Theorie so gut wie gar keine Rolle gespielt — aber damals gelangten in allen Ländern normalerweise Staatsmänner an die Spitze, die zu ihrem Amt wirklich berufen waren und wie sie neuerdings nie mehr zu bestimmender Stellung gelangen würden. Bei ihnen war an erster Stelle die social intelligence, der Sinn für menschliche Beziehung und deren Bedeutung ausgebildet, und dieser entscheidet letztlich auch dort, wo überhaupt Menschen bevollmächtigt werden, Sachen zu vertreten; auch heute kommt es bei den Beziehungen zwischen den Völkern und Reichen in ungeheurem Maße auf die Fähigkeit zur Menschenbehandlung der akkreditierten Diplomaten an. Neuerdings stehen typischerweise Gelehrte und Techniker an der Spitze — früher wurden diese Typen menschlich richtig eingeschätzt das heißt sie spielten in allen menschlichen und darum auch völkischen Beziehungen eine untergeordnete Rolle. Früher waren Wissenschaft und Technik rudimentär, aber menschliche Belange hatten den absoluten und als solchen anerkannten Primat über dem Äußerlichen, und so bestand eine sinngerechtere Beziehung zwischen Äußerlichem und Innerlichem als seither. Der Primat des Anorganischen über dem Organischen ergab seinerseits zwangsläufig eine wachsende Überwertung der Quantität gegenüber der Qualität. Freilich kamen in Qualität-beherrschten Epochen von bestimmten kritischen Punkten ab Mißstände und Mißbräuche vor, welche abzustellen schwieriger war, als in sachlich gesinnten Zeiten, da ja das Qualitative irrational ist und bei der Vorherrschaft des Lebendigen die Tradition unvermeidlicherweise mehr bedeutet, als das Richtige: nichtsdestoweniger kann nicht geleugnet werden, daß alle großen Zeiten der Geschichte Qualität-bestimmt waren und daß gelegentliche Korruption auch nicht annähernd so viel Schaden angerichtet hat, als die Vorherrschaft des ehrlichen und gerecht denkenden Subalternbeamten.

Die Menschen der Generationen, welche ich erlebt habe, waren und sind geblendet durch die unbezweifelbaren Verbesserungen der äußeren Zustände, welche zumal das XIX. Jahrhundert in den fortschrittlichen Ländern durchgeführt hat und schätzen den Intellekt, auch wo sie behaupten, Intellekt-feindlich zu sein, hoch über Gebühr ein, weil alle diese Fortschritte auf theoretische Forderungen gepaart mit wissenschaftlicher Einsicht und deren Tatsachen-gerechter praktischer Anwendung zurückgingen. Das tun sie allerdings, und nichts liegt mir ferner, als gegen äußere Zustandsbesserung das Geringste einzuwenden. So viel aber erscheint mir unbezweifelbar und durch alle Tatsachen des XX. Jahrhunderts erwiesen: sobald das Sachliche in letzter Instanz entscheidet, ist der lebendige Mensch entwertet — sogar dort, wo sachliche Erwägung gerade Vermenschlichung im Auge hat, wie im Falle Rousseaus. Die Rezeption von dessen Theorien führte in kurzer Zeit zu den Massakern der französischen Revolution, und gleichsinnig die der Tolstoischen zu denen der bolschewistischen. Sobald überhaupt Theorie vorherrscht, gilt in bezug auf Menschen gleiches, wie in der Wissenschaft, wo das Wahre das Falsche ipso facto tötet und ohne weiteres als zu töten befugt gilt. So haben alle Theoretiker von Revolutionen sich und ihren Nachfolgern implizite das Recht auf Ausrottung aller derer zuerkannt, welche anders dachten oder anderes wollten wie sie; welche Gesinnung ihren klassischen Ausdruck im Ausspruch Lenins fand:

Es tut nichts, wenn vier Fünftel der Menschheit ausgerottet werden, wenn nur das überlebende Fünftel kommunistisch ist.

Nun wirkte die christlich inspirierte Humanität des XVII. und XVIII. Jahrhunderts freilich so lange nach, daß die grundsätzliche Unmenschlichkeit der Intellekt-beherrschten Fortschrittsperiode, die ihre Erfüllung in der Apotheose des Sprengstoffs, des Giftgases und in der Freilassung sämtlicher Dämonen, welche über ein Jahrtausend gleich dem persisch-arabischen Dschinn in der Flasche eingekapselt gewesen waren, erst zu Tage treten konnte, nachdem die edlere Vergangenheit mehr oder weniger vergessen war; Ortega sagt mit Recht: jedes frühere Jahrhundert wußte mehr von Geschichte und hatte mehr von ihr in succum et sanguinem aufgenommen, als das XIX. und XX. Jedoch der Keim zur Verunmenschlichung war schon in der bloßen Anerkennung des Quantitäts- und damit des Majoritätsprinzips enthalten. Ich weiß, letzteres lag schon den ersten englischen Parlamentsbeschlüssen zugrunde und schon lange vorher, wahrscheinlich von jeher jeder Entscheidung einer Versammlung gleichberechtigter Bürger. Aber in früheren Zeiten spielte das Majoritätsprinzip trotzdem eine sehr geringe Rolle, weil eben das Qualitätsbewußtsein dominierte. Darum durfte in früheren Zeiten niemals jeder wählen oder gewählt werden; im alten Rom durfte sogar nur der als dazu qualifiziert Anerkannte öffentlich reden. In England herrscht das Qualitätsprinzip sogar heute noch programmmäßig vor, nur fehlt es auch dort, wie überall in der versachlichten Welt, an den schönen Grundsätzen entsprechenden Persönlichkeiten. Persönlichkeit kann sich nur innerhalb eines ihr holden Zeitgeists entfalten, genau wie der Baum nur bei genügend vorhandenem freien Raum voll ausschlägt. Freilich festigt sie sich erst im Kampf mit Schwierigkeiten, aber ihr Keim und ihre Kindheits- und Jugendstadien sind das Zarteste vom Zarten und nur wo sie sich ursprünglich anerkannt fühlt — von hier aus ermißt man am besten die ungeheure Bedeutung der christlichen Lehre vom unendlichen Werte jeder Menschenseele; sie als Grundlage akzeptiert macht Demokratie menschenwürdig, weil sie jedem eine Chance gibt, ebenso ungekränkt heranzuwachsen wie sonst nur der Hochprivilegierte —, nur wo Persönlichkeit sich ursprünglich anerkannt fühlt, bleiben Verbildungen beim Wachstum aus. Daher die phantastische Rolle, welche Neid, Mißgunst und Haß in der modernen Welt spielen. Dieser eine Gedankengang erklärt, warum es in aristokratisch geordneten Zeiten trotz aller Mißstände mehr markante Persönlichkeiten gab, als in solchen, wo jedermann gleiche Chancen hatte; mochte es den jeweiligen Oberschichten an Begabung fehlen, deren Vertreter waren freiere und unabhängigere Menschen, und darauf vor allem kommt es an. Hier gedenke ich zumal der Landtage unserer baltischen Ritterschaften. Große Männer habe ich unter den höchstgeachteten unserer Ehrenamtsträger keine gekannt, und doch stand jeder von diesen als Gesamtpersönlichkeit hoch über allen modernen Parlamentariern, mit denen ich zusammengekommen bin, außer in England und Ungarn, wo die Volksvertreter vor einem Vierteljahrhundert jedenfalls den baltischen sehr ähnlich waren. Seitdem und wo der Quantitätsgedanke vorherrscht, kann primäres Qualitätsbewußtsein, außer in bezug auf spezialisierte Leistung, unmöglich gedeihen; nur in der kleinen Provinz des Gesamtlebens, welche von Künstlern und Virtuosen bevölkert ist, wird primär noch der Mensch bewertet und dann auch meist überwertet; überall sonst hat die Sache vor diesem den Primat.

Ihr weithin sichtbares Zifferblatt hatte die Uhr des Weltgeschehens — man gestatte mir diesen etwas hinkenden Vergleich — an der wachsenden Vorherrschaft des Geldes über alle anderen Werte. Geld ist nämlich die Beziehung an sich; als Höchstes bewertetes Geld, oder, was auf das Gleiche herauskommt, Bewertung aller Dinge nach dem Geldwert stellt das konkret aufeinander Bezogene grundsätzlich unter die Beziehung als solche. Und wo der Akzent im Bewußtsein auf dem Gelde ruht, verlieren alle Qualitäten ihren Eigenwert, insofern Geld-Quantität psychologisch den Bewertungsmaßstab für die verschiedensten und an sich miteinander auf keinerlei Generalnenner zu bringenden Gegenstände abgibt. Innerhalb aller Geldwirtschaft erscheint alles Konkrete für das Bewußtsein durch Abstraktionen ersetzt; von ihr gilt wirklich, was Kant von der Wissenschaft behauptete, nämlich, daß sie genau nur insoweit echt sei, als sie Mathematik enthalte. Hier entscheidet allein der arithmetische und bei höherer Entwicklung der algebraische Aspekt aller Objekte, Funktionen und Beziehungen; der Entwicklungsgang ist grundsätzlich der gleiche gewesen, den die Physik gegangen ist, die heute kaum mehr mit realen Kräften und Stoffen rechnet; von hier aus leuchtet die intime Beziehung zwischen Geldwirtschaft und Wissenschaft vielleicht am besten ein. Mittels mathematischer Abstraktionen und Kondensationen läßt sich nun freilich besser rechnen, als mit Gegenständen: so hat jeder Sieg des Majoritätsprinzips dank einer leicht zu übersehenden psychologischen Konstruktion zu einer Steigerung der Geldbedeutung geführt. Darum war die erste Folge der Gleichmacherei der französischen Revolution eine früher so nie dagewesene Vorherrschaft der Hochfinanz. Alle später stattgehabten Entwicklungen sind so klar logische Folgen der aufgezeigten Prämissen, daß sie a priori hätten konstruiert werden können und ich es mir jedenfalls ersparen darf, sie im einzelnen aufzuzeigen. Ob die Mehrheit grundsätzlich immer im Recht sein soll oder die Masse, ob sachliche Erwägung — das sachlich Richtige wird unwillkürlich als allgemeingültig vorgestellt — alles Persönliche gleichgültig erscheinen läßt; ob das Können mehr bedeutet als das Sein — nur Leistungen können aneinander gemessen werden, nie Menschenwerte — oder das Geringe dem Großen gleich gelten soll; ob der Wert eines Buches an der Zahl seiner Leser bemessen wird oder der Reichtum an sich als höchster Wert anerkannt wird, aus welcher Voraussetzung sich die groteskest-denkbare Skala menschlicher Werte ergibt, oder ob umgekehrt Privatbesitz überhaupt negiert wird und in allen Hinsichten nur Kollektives anerkannt wird, woraufhin alle qualitativen Unterschiede zu verschwinden haben außer in dem einen Fall, daß das jeweilige Kollektiv bestimmter Qualitäten als funktionierender Organe bedarf, welchen jedwede selbstständige Bedeutung abgeht; ob die persönliche Überzeugung oder das Menschenleben gegenüber dem als sachlich richtig Anerkannten als belanglos gilt —: alle diese für unser Zeitalter charakteristischen Erscheinungen haben den gleichen Grundsinn. Von ihm her wäre auch längst vorauszusehen gewesen, daß der Liberalismus in Kommunismus einmünden muß: die Weltanschauung des Majorismus kann sich nur zum Unanimismus fortentwickeln, wenn überhaupt eine Fortentwicklung in der gleichen Richtung statthat. Die Frühchristen, jene ersten echten Kommunisten, waren wesentlich Unanimisten — der Heilige Geist offenbarte sich ihrer Auffassung nach durch die Übereinstimmung aller Gemeindeglieder, welche Urauffassung durch die Kirchenkonzile hindurch noch bis in die Verhandlungsart der ersten türkischen Parlamente nachgeklungen ist. Logisch streben alle Gleichschaltungstendenzen und alle Neigungen zu Autoritätsglauben in welcher Form auch immer dem Ideal des Unanimismus zu. Der Grundsinn, von welchem ich hier handle, erscheint nun im Gelde am reinsten und schärfsten herausgearbeitet. Darum leuchtet sein Wert auch jedem abstraktionsfähigen, sonst noch so primitiven Menschen am leichtesten ein. Und im Gegensatz zu dem, was die meisten glauben, könnte das Geld den Höhepunkt seiner Entwicklung und Bedeutung dann erleben, wenn auf jede Deckung seiner verzichtet würde — das Gold als Deckung schuf immerhin eine Beziehung zu stofflicher Qualität — denn dann verbliebe als letzte Instanz des praktischen Lebens eine vollkommen reine Beziehung, auf welche schlechthin alles ohne Berücksichtigung irgendeines Konkreten auf einmal bezogen werden könnte, wodurch das von jeher vorwiegend in Handel und Wandel bestehende Gemeinschaftsleben der Erdbewohner eine heute kaum vorstellbare Vereinfachung erführe; welcher Höchstzustand übrigens seit Jahrtausenden durch die Kaurimuschel vorweggenommen worden ist. Es bedürfte nur einer etwas größeren Zusammenfassung aller materiellen Werte auf Erden seitens einer Mehrheit ihr freiwillig zustimmender Völker, damit solches Rechnen mit imaginären Größen die allerrealsten Ergebnisse zeitigte. Die Algebraisierung der ursprünglichen Arithmetik begann auf dem betrachteten Gebiet mit der Bedeutungssteigerung des Kredits gegenüber dem realen Besitz. Für diese Entwicklung, sofern sie überhaupt fortschreitet, sehe ich keine denknotwendige Grenze.

Nun leugne ich in keiner Weise die ungeheuren, ja unvergleichlichen Vorzüge der Geldwirtschaft gegenüber der Naturalwirtschaft im weitesten Verstand; wovon später mehr. Sicher aber ist, daß sie ursprünglich Persönlichkeits-, Individualitäts- und darum Wert-feindlich ist; in Nordamerika sieht man es heute schon, daß ausschließliche Einstellung auf das Geld physiologisch werteblind macht. Merkwürdigerweise hat meines Wissens bisher keiner, welcher die Auswüchse des Kapitalismus zu korrigieren unternahm, überhaupt an das eine gedacht, worauf allein es letztlich ankommt, nämlich, daß es das Lebendige, unter keinen Umständen sachlich zu Verstehende, von der Tyrannei der Sache überhaupt zu erlösen gilt. Der Kapitalismus gesteht wenigstens dem sehr erfolgreichen Kapitalisten Persönlichkeitswert zu; auf ihn konzentriert sich in Amerika zum Beispiel das allen Menschen angeborene Bedürfnis, Größere und Höhere zu verehren, und so wird der bloß Reiche dort sozusagen zum grand homme malgré lui. Der Sozialismus, welcher die Vorherrschaft der Kapitalisten und der hinter diesen stehenden anonymen Mächte brechen will, erkennt niemanden unabhängig von seiner Leistung für die Gesamtheit als Werteträger an; Leistung aber ist etwas ebenso sachlich Verstehbares wie das Geld, weswegen es durchaus nicht sinnwidrig ist, daß die bestallten Richter über Leistungen typischerweise über keine höheren Fähigkeiten verfügen noch auch solche benötigen als durchschnittliche Finanzbeamte. Der Kommunismus gar, der Gegenpol des Kapitalismus, übersteigert die menschlichen Nachteile dieses. Er gewährt menschlichem Wert überhaupt keinen Lebensraum, Persönlichkeit soll und darf es für ihn nicht geben; eben darum auch keine nicht materiell zu verstehenden Werte, keine moralische geschweige denn spirituelle Ordnung, keinen Gott. Es verbleibt einzig als molochartige Gottheit das Abstraktum Kollektiv. Von hier aus erscheint denn der Weltbeherrschungsanspruch und -trieb des Bolschewismus vollkommen natürlich, ja als logisch notwendig, und ebenso die Bereitschaft der Massen, jenen anzuerkennen. Der Kommunismus bedeutet die verkörperte Verallgemeinerung. Und keiner, in welchem der Verallgemeinerungstrieb vorherrscht, duldet gutwillig Ausnahmen. Freilich sind heute schon Gegenbewegungen gegen diese Entwicklung in Form von Konkretismen verschiedener Art im Werden und im Machtkampf begriffen. Doch so lange die Frage des größten Glücks der größten Zahl — alles Spätere kann aus dieser Formel des liberalen Bentham abgeleitet werden — überhaupt gestellt wird, muß das Sachliche über dem Persönlichen dominieren und damit das Individuum verkümmern.

Von hier aus glaube ich denn allem Ökonomismus den Fangschuß geben zu können. Was immer wohlmeinende Verstandesmenschen beweisen mögen: es kommt letztlich nicht darauf an, daß es allen gleich gut gehe, sondern daß das Leben Sinn habe und sich sein innerer Reichtum entfalte. Nicht einmal darauf kommt es an, daß es den Menschen überhaupt gut gehe, denn dauerhaftes Glück gibt es auf Erden nicht. Daß dem so ist, erkennen auch die radikalsten Weltverbesserer, ja gerade sie insofern an, als sie sich nichts daraus machen, zwecks Erreichung ihrer Ziele Millionen in den Tod zu schicken, ihnen unerwünschte Typen zu unterdrücken und unterwegs zum Ziel ganze Völker beliebig lange Zeit im Elend schmachten oder unter furchtbarem Druck ächzen zu lassen. Ja meist sind ehrliche Weltverbesserer, sofern sie zur Macht gelangten, härter als Tyrannen gewesen, da sie überhaupt nur an die Sache und gar nicht an die Menschen dachten. Sogar in der Verkündigung Jesu, daß er nicht den Frieden bringe, sondern das Schwert, spüre ich als Unterton etwas von dieser Gesinnung mitklingen. Hier liegt auch eine der Ursachen des Deutschenhasses. Jeder Deutsche ist von Vervollkommnungsstreben in bezug auf das beseelt, was seine Sache ist. Mein französischer Verleger, welcher die längste Zeit des ersten Weltkriegs in deutscher Kriegsgefangenschaft zugebracht hatte und den ich einmal deswegen bemitleidete, sagte mir lachend:

Ach, schlimm war es nur zu Anfang. Aber da der Deutsche psychologisch einfach nicht umhin kann, Vorgefundenes zu verbessern und ein in dieser Hinsicht wohlmeinender Vorgesetzter den anderen ablöste, so waren die Gefangenenlager zuletzt so vollkommen, daß ich die Freilassung direkt bedauert hätte — wenn nicht das Freiheitsstreben bei jedem Franzosen letztlich alles überwöge.

Das tut es in der Tat bei allen Europäern mit Ausnahme der Deutschen. Dem Deutschen allein bedeutet das sachlich Richtige (oder das, was er dafür hält) mehr als die Selbstbestimmung. Daher will er von Beamten, welche von oben her im Namen der Staatsgewalt verordnen, abhängig sein. Kurz nach der Machtergreifung des Nationalsozialismus, nachdem das Prinzip der freiwilligen Spenden geltend geworden war, erlebte ich es, daß alle Polizeibeamten einer Großstadt, als der Polizeipräsident ihnen nahelegte, freiwillig zu spenden, diesen durch einen Abgesandten um einen Befehl baten, wieviel sie freiwillig zu spenden hätten; diesem würden sie gerne Folge leisten, sonst aber wüßten sie überhaupt nicht, wie sie sich zu verhalten hätten. Allen anderen Völkern bedeutet Selbstbestimmung mehr als Ordnung. So fühlen sie sich in ihrem Teuersten bedroht, wo immer Deutsche die Macht haben, ihren Zustand zu bessern. Dabei ist der Deutsche so sehr Protagonist der Geistesfreiheit, daß die Etikette made in Germany, pejorativ verstanden, zuerst dem Import freien deutschen Geistes während der Reformationszeit ins konservative England galt. Sonst aber liebt der Deutsche Bevormundung, während alle anderen Völker weißer Rasse nichts mehr verabscheuen. Es ist eigentlich merkwürdig, daß ausgerechnet Deutschland zur Wiege des Protestantismus wurde; im Grunde entspricht das Autoritätsprinzip der katholischen Kirche keinem Volk auch nur annähernd so gut wie dem Deutschen. — Doch zurück zum ökonomischen Problem. Auf dessen Gebiet ist ein unbedingt Gutes weil Richtiges überhaupt nicht zu erreichen. In einer Welt des Werdens und Vergehens, des Absterbens und Neugeborenwerdens, des unaufhaltsamen Wandels und Handels im Verstand des Umsatzes der Werte, dank dem die Besitzer und Eigentümer unter allen Umständen unter Opfern wechseln — Simmel hat richtig bemerkt, daß es ohne Opfer keine Wirtschaft geben könne — ist eine Lösung des ökonomischen Problems und damit der sozialen Frage, so wie sich solche jeder wohlgesinnte deutsche Beamte vorstellt, grundsätzlich ausgeschlossen. Je mehr Individuen im Geist des als richtig Geltenden erfaßt werden, je weniger Ausnahmen möglich sind, eine je geringere Rolle Zufall und Glück spielen, desto unglücklicher fühlt sich der primär freiheitsliebende Mensch. Ein oktroyierter statischer Zustand vollkommener Gerechtigkeit und Billigkeit würde von der überwältigenden Mehrheit aller Menschen als Hölle auf Erden empfunden werden, weil als Übersteigerung aller der Bindungen, gegen welche die Menschheit seit Jahrtausenden mühsam gekämpft hat. Dazu kommt, was ich nie oft und stark genug betonen kann, daß die Voraussetzung alles individuellen Erlebens und Strebens das jeweils Selbstverständliche ist; worüber in Besitzende und Besitzlose alles Erforderliche gesagt ward. Es ist nicht wahr, daß geborene Unterschichten wie die Oberschichten leben wollen. Jeder Typus hat real besondere Bedürfnisse, die er nur in der Vorstellung ableugnet. Selbstverständlich soll das allgemeine Niveau soweit als möglich gehoben werden; auch im unwirtlichen Norden sollten die Menschen wenigstens so leben können und darum die gleiche ursprüngliche innere Unabhängigkeit besitzen, wie in den Tropen, wo sich bei aller pekuniären Armut die Frage der Notdurft nie so stellt wie dort. Wohl jedoch fühlt sich jeder nur in seiner in der Gana fest verankerten Sphäre, es sei denn, er sei anlagemäßig für eine höhere vorherbestimmt. Eben darum entarten die Nachkommen von Emporkömmlingen in der Regel rasend schnell. Für eine Abstufung der materiellen Möglichkeiten spricht auch der Umstand, daß jeder Mensch sich dann allein zu Höherem, als er ursprünglich war, entfaltet, wenn er sich mit als höherstehend Anerkannten zu polarisieren Gelegenheit hat. Die ganze Geschichte seit der amerikanischen und französischen Revolution beweist, daß die Emanzipierung immer breiterer und tiefer situierter bisheriger Unterschichten nicht zu der erstrebten Niveau-Hebung dieser führt, sondern zu einer Nivellierung nach unten zu, wenn nicht einer psychischen Bastardisierung ähnlicher Art, wie wenn ein Baum-Affe ohne Kino nicht leben und sich nur in einer asphaltierten Großstadt wohlfühlen könnte. Ich persönlich bin Billigkeitserwägungen in besonders hohem Maße zugänglich. Von Kind auf war ich Freund aller Aufstrebenden, später habe ich so manchen jungen Esten auf meine Kosten studieren lassen; nie war mir mein Privatinteresse letzte Instanz. Allerdings aber steht mir die Wert-Frage hoch über allen Billigkeitserwägungen. Der Aufstieg der Menschheit hängt einzig und allein von der sich frei und selbstständig entfaltenden Persönlichkeit ab, die aber muß privilegiert werden, um voll auszuschlagen. Es bleibt also dabei, daß das tiefste Motiv aller Sozialisierung der Kampf gegen die Individualisierung und Persönlichkeits-Werdung ist.

1Hierüber habe ich mich im Ursprung von meinem Standpunkt aus erschöpfend ausgelassen und brauche darum nicht mehr darüber zu sagen.
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
III. Wandel der Reiche
© 1998- Schule des Rades
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