Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

I. Ursprünge und Entfaltungen

IV. Rudolf Kassner - Abgestimmtheit

Die letzten Schöpfungen Rudolf Kassners kennzeichnet, im Gegensatz zu seinen Jugendwerken, ein getragener und erhabener Stil. Diesen Rhythmus spüre und darum lese ich die Bücher, obgleich ich nach der Lektüre mich kein einziges Mal eines einzigen Satzes zu erinnern fähig gewesen bin. Gerade des reifen Kassners Bücher können ja mir, dem nur der im Sinn der richtig gestellten Bezeichnung übertragbare, das heißt die Erkenntnis objektiv voranbringende Ausdruck überhaupt Erkenntnis-Ausdruck ist und dem, je älter er wird, desto mehr das allein wertvoll dünkt, was das erkenntnisbedingte Leben fördert, unmöglich etwas bedeuten, denn auch die von Kassners Gedanken und Bildern, die ich ohne Transponierung als Einsichten gelten lassen kann, gehören von meinem Standpunkt der Region des Überflüssigen an; ihr Verhältnis zu dem, was mir Ideal und Ziel ist, ist ein ähnliches, wie das eines schönen Teppichs zur Zeichnung eines Leonardo, der einen selber schärfer und tiefer sehen lehrt. Aber was versteht man denn wirklich? Weil man an Geschriebenes mit Begriffen heranzutreten gewohnt ist und sich natürlich alles mit irgendwelchen Begriffen irgendwie fassen oder umschreiben läßt — ob diese nun das Gemeinte überhaupt bestimmen oder nicht — so meint man, man verstände Gelesenes selbstverständlich. Und so glaubt man auch, die Menschen zu verstehen, für deren Beschreibung man überhaupt Worte findet und deren Art gewohnten Begriffen nicht völlig unverkennbar widerspricht. In Wahrheit spielt das so verstandene Verstehen bei den meisten lebendigen Beziehungen eine sehr geringe Rolle. Wer lebendigen Sinn für bildende Kunst, für Musik, für Dichtung hat, in dem weckt das Erlebte ein seiner Natur gemäßes Echo; doch dieses Echo braucht durchaus nicht begriffliches Verstehen zu sein. Im Kapitel Die emotionale Ordnung der Südamerikanischen Meditationen habe ich von den Begriffen der Entsprechung und der Kompatibilität her einen neuen Erkenntnisbegriff fundiert, welcher mir wesenhafter scheint als alle früher gültigen. Darüber will ich hier nichts sagen, der gegebene Hinweis genüge. Doch auch ohne daß jenes Kapitel nachgelesen werde, dürfte die folgende Wahrheit einleuchten: weder braucht der, welcher gut über Kunst schreibt, mehr an ihr zu erleben, als wer beim Erleben keinerlei Begriffe bildet, noch nützt die begriffliche Interpretation beim Kunst-Erleben; im Gegenteil, nichts verbaut leichter den Weg zu lebendiger Beziehung, da der Geist nunmehr anstatt sich hinzugeben, bei vorgefaßten Meinungen verweilen kann. Menschen nun sind überhaupt nicht so zu verstehen, wie dies für selbstverständlich gehalten wird, denn hier ist die Einzigkeit erste und letzte Instanz, und wo weder verglichen noch verallgemeinert werden kann, müssen Begriffe umkehren oder abdanken. So konnte meine Beziehung zu Rudolf Kassner gerade darum eine so tiefe und förderliche werden, weil ich von meinem Denken und Verstehen her gar keinen Zugang zu ihm fand: so bildeten sich andere und tiefere Erlebnisorgane in mir aus; vor allem aber: ich lernte im integralen und totalen Reagieren das auch erkenntnismäßig Wichtigere sehen als im Begreifen. Ich lernte dergestalt leben, daß jedes Erleben mir alles gab, was es mir überhaupt geben konnte. Dies hat mich in bezug auf äußere Eindrücke und von außen an mich herantretenden Geist von Jahr zu Jahr bedürfnisloser gemacht. Nicht jedoch, weil mein Interessenkreis fortschreitend enger wurde, sondern weil ich mehr und mehr an jeder Einzelheit Totales erlebe.

An diesem präzisen Punkte hätten Kassner und ich uns eigentlich auch im üblichen Sinne verstehen sollen: denn hier erscheinen wir beiden Außenstehenden in nahezu gleichem Sinn als Mystiker. Allein wir haben einander nie verstanden und uns zuletzt stillschweigend darüber geeinigt, einander nicht mehr zu sehen. Solange wir einander sahen, sprachen wir natürlich so wenig als möglich über unsere Bücher, allein das spürten wir beide: auch in unseren Tiefen und von diesen her verstehen wir einander nicht. Dies mußten wir desto deutlicher spüren, als unser Freundeskreis im großen und ganzen der gleiche war. Aber ich für meinen Teil will gar nicht mehr von irgend jemand verstanden werden, dem ich nicht selbstverständlich einleuchte. Es gibt ja nur diesen einen Weg zu einem der eigenen Tiefe entsprechenden Du. Als Buddha einmal gefragt wurde, wie er seine Jünger erkenne und auswähle, antwortete er ungefähr das Folgende:

Ich predige, wo ich gerade bin, zu allen, welche zuhören wollen. Auf einmal steht einer auf und sagt: Wie vortrefflich! Wie wahr! Wie tief! Gerade so habe ich immer gedacht, nur habe ich’s nicht zu formulieren gewußt. Das ist dann der prädestinierte Jünger.

Da es hier auf ursprüngliche Gleichheit der Wellenlänge ankommt oder die Abstimmung einer nicht festgelegten Seele auf eine neue, von einem anderen verkörperte, welche Abstimmung nur durch von-selbst-Anklingen des Eigenen erfolgen kann, so hat es nicht den allergeringsten Zweck, irgend etwas erzwingen zu wollen. Suggestion ruft in den Tiefen nur Gegen- und Abwehrbewegungen hervor und stärkt diese. So sind originale Geister letztlich nur insofern Volks- und Menschheitsbedeutsam, als sie in anderen Wecker des Eigenen sind. Es hat damit jeder seinen unüberschreitbaren begrenzten natürlichen Wirkungskreis.

Doch in dieser Zeit immer mächtiger werdenden Massengeists und immer seltenerer Abgestimmtheit der Menschen auf Tiefe überhaupt, dank dem der natürliche Wirkungskreis jedes Tiefen fortschreitend enger werden muß, bildet sich eine neue unsichtbare und unausgesprochene Gemeinschaft der schicksalsmäßig Vereinsamten. Die verschiedenen Geister verstehen einander darum nicht besser, sie sehen einander auch nicht öfter, sie wollen nicht mehr voneinander als in früheren Tagen. Jedoch sie schauen einander aus der Ferne, so wie der Stern den Stern schaut. Jeder verfolgt seine eigene einsame Bahn; kein Kraftfeld verbindet sie, sie gravitieren einander nicht zu. Doch indem sie den dunklen kalten Weltenraum durchziehen, erleben sie Freude dabei, in noch so weiter Ferne das Licht noch so weniger anderer selbstleuchtender Himmelskörper scheinen zu sehen.

Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
I. Ursprünge und Entfaltungen
© 1998- Schule des Rades
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