Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

I. Ursprünge und Entfaltungen

VII. Kosmopathische Seelen - Einsicht

Warum machte die innere Umstellung, dank welcher ich das Reisetagebuch schreiben konnte, so sehr Epoche in meinem Leben, daß die meisten meine geistige Existenz erst von dem Augenblick an datieren, wo ich sie vollzogen hatte? Das hat tiefere Gründe, als ich sie fassen konnte, da ich die autobiographische Einführung in Menschen als Sinnbilder schrieb.

Zwanzig Jahre früher, im Epilog zum Gefüge der Welt, hatte ich die Einstellung, die zu meiner mit dem Reisetagebuch beginnenden Lebensform führen sollte, in der Theorie im ganzen richtig vorweggenommen. Dort schrieb ich 1905:

Nach außen zu ist die Bedingtheit Bedingung des Lebens; nach innen zu die Fähigkeit, sich den äußeren Bedingungen gegenüber im Gleichgewicht zu erhalten… Das Leben wird nicht desto selbständiger und unabhängiger, je mehr es sich von der Materie abhebt, es wird immer abhängiger; je mehr ein Organismus die Natur zu beherrschen scheint, desto vielseitiger ist er tatsächlich von ihr bedingt… Die Bedingtheit des Geistes ist Bedingung des Erkennens. So bedeutet die Idee der Wahrheit nichts anderes als die zweckmäßigste Beziehung zwischen Weltall und Menschengeist.

Eben darum, heißt es weiter, kann es eine abstrakte und unpersönliche Wahrheit nicht geben.

Jedes Menschen Existenzbedingungen sind besondere, einzige, folglich kann seine Beziehung zum Weltall durch keine allgemeingültige Formel ausgedrückt werden.

Warum glauben wir nun an die Wahrheit dessen, was große Geister zunächst nur für sich behauptet haben? Das ist so, weil wir instinktiv der Überzeugung sind,

daß zwar alle Wahrheit individuell ist und insofern niemals allgemeingültig sein kann, daß aber gerade das Individuum im Höchstfall so universal sein kann, daß seine Erkenntnisse für alle gelten dürfen… Die ganze Wahrheit, die Beziehung der Menschheit zum Weltall, kann in abstracto freilich nicht bestimmt werden. Die größtmögliche Vielheit denkender Geister wird sie nie und nimmer abgrenzen können. Doch sie wird lebendig und seiend und wirklich innerhalb der Grenzen der genialen Persönlichkeit.

Was macht den Weltweisen? Keinerlei Sondergabe. Bei dem, dessen Einsichten als so tiefdringend und umfassend gelten dürfen, daß sie als objektive und allgemeingültige Wahrheiten geglaubt zu werden verdienen, muß die folgende Voraussetzung erfüllt sein: Sein Geist ist der gesamten Natur wahlverwandt, denn er ist von ihrer Gesamtheit bedingt. Der Weltweise ist der bedingteste Mensch, denn eben das heißt, von der anderen Seite her betrachtet, der weiteste Geist. Gilt ein solcher für unabhängiger — von dem, was die meisten am stärksten berührt, persönlichem Glück und Unglück usf., hängt er freilich wenig ab — so ist es, weil er von so unendlich vielem affiziert wird, daß Veränderungen im einzelnen die Gesamtproportionen kaum beeinflussen.

Die meisten bedürfen nur des täglichen Brotes, der Brüder und allenfalls eines Berufs, um zu leben und glücklich zu sein. Alles andere berührt sie nicht. Und doch sind sie in Wahrheit viel weniger bedingt, als die scheinbar so unabhängigen Großen. Auf diese wirkt die ganze Natur; ein jedes in ihr findet in ihnen ihr Echo, hinterläßt unverwischbare, oft schmerzhafte Spuren. Und darum wissen sie von ihr zu reden.

Beim Weltweisen liegen die Dinge gerade umgekehrt wie beim Spezialisten, welcher nur weniges und einzelnes bemerkt und nur von solchem ergriffen wird.

Im einzelnen mag er sich häufig irren, im größten und letzten irrt er sich nicht. Denn das All der Natur ist es, das in erster Linie auf ihn einwirkt; das Einzelne erfaßt er mehr durch Abstraktion als durch unmittelbares Erleben. Seine Eindrucksfähigkeit ist so überschwänglich, daß er Zusammenhänge intuitiv erfaßt, welche zu rekonstruieren schlechterdings unmöglich wäre. Dem Wechsel der Eindrücke hält er eine stets jungfräuliche Empfänglichkeit entgegen; sein Gehirn ist so plastisch wie das eines Kindes — er ist niemals erwachsen, niemals erstarrt, niemals endgültig geformt… Nur der Mensch, dessen Gehirn so plastisch wäre, wie die Zahl möglicher Natureinflüsse groß, dessen Geist lebendig wäre, wie das Weltall weit, nur der vermöchte die Einheit des Alls im Spiegel zu erschauen.

Natürlich meinte ich damit mein eigenes, mir damals unbewußtes Ziel, und frech genug, wie begabte sehr junge Leute nun einmal sind, die sich unbefangen arrogieren (daher das Wort arrogant)1, was sie, wenn überhaupt, viel später besitzen werden, identifizierte ich meine eigene höchste Möglichkeit mit der höchsten Möglichkeit überhaupt, so wie jeder zum ersten Male Liebende überzeugt ist, so wie er hätte keiner vor ihm geliebt. Doch das nur nebenbei; sich bei jugendlicher Frechheit überhaupt aufzuhalten, ist lächerlich. — Man vergleiche nunmehr mit dem vorhin Zitierten das, was im ersten Abschnitt des Reisetagebuchs zu lesen steht. Dort schrieb ich, 1911, noch vor der Ausreise aus Rayküll, ich müsse zurück in die Welt, um nicht vorzeitig in bestimmter vorläufiger Gestaltung zu erstarren.

Solange als irgend möglich muß der unvermeidliche Kristallisationsprozeß aufgehalten werden; solange es irgend geht, muß Proteus proteisch bleiben, denn nur Proteusnaturen sind berufen zum Priestertum der Metaphysik… Inwiefern hilft nun die Welt zur Selbstverwirklichung? Sie hilft dem, der die entsprechende Naturanlage besitzt, indem sie seine Seele zu immer neuen Gestaltungen zwingt. Seit ich erwachsen bin (ich fühlte mich erst mit 30 Jahren einigermaßen erwachsen!) bedeuten Eindrücke als solche mir wohl nichts. Dafür reagiert mein Geist jetzt als Ganzes verschieden, je nach den Umständen, innerhalb derer er sich befindet, und dies Verschiedenwerden erschließt mir Seiten der Wirklichkeit, zu denen mir früher jeder Zugang fehlte… Der Plastische, welchen jedes neue Milieu dessen Eigenart entsprechend verwandelt, kann nimmer genug erleben, denn der geht aus jeder Metamorphose vertieft hervor. Indem er am eigenen Leib erfährt, wie bedingt die Gestaltung im allgemeinen ist, was jede einzelne im besonderen auslöst, wie die eine mit der anderen zusammenhängt, sinkt sein Bewußtseinszentrum langsam in jenen Grund hinab, in dem das Wesen als solches lebt.

Die Euphorie, die mich ergriff, da ich von dieser neuen Einstellung her zur Welt zurückkehrte, die ich 1908 für mein inneres Erleben verlassen hatte (so oft ich auch inzwischen, aber immer nur für kurze Zeit, in sie zurückkehrte), kann der allein begreifen, welcher weiß, wie wenig meine kritischen Leistungen von 1909 bis 1911 mich selber befriedigt hatten und daß der Sommer vor meiner Abreise ein besonders unangenehmer gewesen war. Einen Augenblick hatte ich gehofft, mit den Prolegomena hätte ich mein Ziel erreicht. Aber nicht nur ich — eine sehr kluge ältere Freundin, Lady Leslie, die zwar wenig von Philosophie, mich aber wunderbar verstand, schrieb mir gleich nach Erscheinen: das ist noch nicht das Werk, das Sie von sich erwarten und schenkte mir als Talisman einen goldenen Bleistift mit einem Saphir, den eine Inschrift in ihrer Handschrift zierte: it will be. 1911 fand ich als Geist nicht weiter, das Wetter war enervierend, die Ernte schien schlecht zu werden; ich brach mir Arm und Schulter, sogar ein langwierig zu werden drohendes Nierenleiden stellte sich ein, welche Art Krankheit immer besonders deprimiert. Kaum hatte ich jenen ersten Absatz niedergeschrieben, aus dem ich vorhin zitierte, so wurde alles in mir und für mich anders. Ich wurde auch überraschend schnell wieder gesund. Ich hatte eben einen neuen Mittelpunkt in mir gefunden, von dem aus und um den herum sich meine ganze widerspruchsreiche Vielfältigkeit, ohne Ausschluß irgendeiner Sonderregung und darum ohne irgendeine von ihnen zur Sabotage herauszufordern, in Harmonie und Kontrapunkt ordnen und ausleben konnte. Mit gleichem hängt auch alle Heilung von der Psyche her zusammen. Bei der viele Persönlichkeiten abwechselnd verkörpernden Person, welche Morton Prince in seinem berühmten Buch The dissociation of a personality beschreibt, war eine derselben, Sally, vollkommen gesund, auch wenn eine andere an schwerer Infektionskrankheit litt. So wirkt Harmonisierung der Seele in den meisten Fällen körpergesundend. Mein eigenes Unbewußtes hinderte jahrzehntelang durch physisches Erkranken das Weiterschreiten auf Bahnen oder Fortschaffen an Arbeiten, die meinem gegebenen Zustand nicht entsprachen. Umgekehrt wurde ich zum erstenmal im Leben mit zweiundfünfzig Jahren als Normalzustand gesund, und zwar nachdem ich die Südamerikanischen Meditationen endlich vollendet hatte herausstellen können. Während der Arbeit daran war ich andauernd krank gewesen und bei keinem anderen Buche habe ich so viele geschriebene Seiten — es mögen viele hunderte gewesen sein — verworfen, bevor ich den sinnentsprechenden Ausdruck fand.

Ich hatte mich praktisch und de facto so in das Weltall hineingestellt, wie ich dies als einzig richtige Einstellung für den Philosophen theoretisch schon im Gefüge der Welt antizipiert hatte. Das Wunderbarste am Ganzen für mich aber war, daß ich außer an den angedeuteten Wirkungen überhaupt nicht merkte, daß etwas Besonderes in mir vorgegangen war. Nichts Katastrophales oder Wunderbares hatte ich in mir erlebt: wie selbstverständlich lebte ich einfach fortan aus der Einstellung des Sinneserfassers im Unterschied vom kritischen Philosophen heraus, an welche Einstellung ich theoretisch nie gedacht hatte. Ich hatte mich eben zum ersten Male selbst gefunden, wenn auch damals nur auf der Ebene von Seele und Geist; den Körper, das Irdische überhaupt, bezog ich damals überhaupt nicht auf mein Ich zurück oder in dasselbe hinein. Daher das ungeheure Glück der ganzen Reisetagebuchzeit, obgleich ich seit Kalkutta ein kranker Mann und insofern sogar aufgegeben war, als schließlich kein Arzt mehr an dauernde Heilung glaubte. Auf niederträchtigste Weise eine Darmentzündung ausnützend, waren Koli-Bazillen in mein ganzes Nierensystem eingedrungen und verursachten dort dauernde Abszesse. Von Kalkutta ab konnte ich mich nur wenig mehr bewegen, war ich keinen Augenblick mehr körperlich wohl. Nach Estland heimgekehrt, mußte ich auf Monate ins Spital und war dann trotz aller Klimawechsel und aller direkteren Heilversuche bis zum Juni 1914, bis ziemlich genau zum Tage der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand, ein Siecher. Ich wurde geheilt durch etwas, woran niemand jemals gedacht hatte: eine aus ganz anderen Gründen vorgenommene Blinddarmoperation. Bis dahin aber war das Reisetagebuch so gut wie fertig geschrieben. Es war das Werk eines körperlich schwerkranken Mannes — doch dank dem seelischen Glück, welches es ausstrahlt, hat, glaube ich, keiner je etwas davon gemerkt.

1Vgl. die Ausführung meiner Gedanken über die psychologischen Beziehungen zwischen Jugend und Alter im Kapitel Le conflit des générations von Sur l’art de la Vie (Paris 1935, Ed. Stock).
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
I. Ursprünge und Entfaltungen
© 1998- Schule des Rades
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