Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

I. Ursprünge und Entfaltungen

VIII. Städter und Urnaturen - Künstlichkeit

Als Kind war ich so absoluter Landmensch, daß die Stadt überhaupt als Tatsache ähnlich auf mich wirkte, wie das Bild des Turms zu Babel auf meine Phantasie. Keine meiner angeborenen und früh entwickelten Bereitschaften war auf Stadtleben und Stadtatmosphäre eingestellt, so wenig, daß bei meinem ersten Besuch in Reval — ich muß damals fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, doch heute noch sehe ich das Panorama, das mich damals erstaunte, so deutlich vor mir, als hätte ich’s gestern erst gesehen — sogar meine Fähigkeit zu perspektivischer Schau aussetzte: wie ich vom Domberg auf den Bahnhof hinabblickend zum ersten Male eine fahrende Eisenbahn gewahrte, war ich der festen Überzeugung, Lokomotive und Wagen seien nicht größer als meine Spiel-Eisenbahnen. Mit der Stadt Pernau, die ich in einem Winter bei Schnee zum ersten Male besuchte, assoziiere ich als erstes die Riesenschlange und das Krokodil — je ein Tier dieser Art, dabei allerkleinsten Formats, wurde dort in einer Schaubude gezeigt; daß solches überhaupt möglich war, zumal bei Schnee, ließ mir die Stadt völlig fremdartig erscheinen. Zu meinem täglichen Leben stand sie ja auch in keinerlei Beziehung. Eisenbahnverbindung zu uns gab es nicht. Telegramme wurden per Pferde-Estafette aus sechzig Kilometer Entfernung befördert, die Post kam nur an zwei oder drei Tagen die Woche, Einkäufe in der Stadt wurden nur wenige Male im Jahre zu traditionellen Terminen getätigt, wenn die Fuhren langsamen Schritts hin- und zurückfuhren; im übrigen wurde zu Hause hergestellt, wessen man bedurfte, und auf das meiste dessen, was zu Hause nicht zu schaffen war, hatten zum mindesten die Kinder zu verzichten. Wie ich nun etwas älter war und wieder einmal in die Stadt mitdurfte, da erschienen mir die Städter selber als ganz andere Menschen, als die Landscheu, wie man bei uns sagte — schon daß sie sich unwürdig schnell auf schmalen Trottoirs bewegten, anstatt geruhsam und meist in breiter Front in der Mitte der Straße zu promenieren, befremdete mich. Ihr ganzes Lebenstempo, ihre ganze Reaktionsart war anders, als ich es bei Menschen gewohnt war; ich spürte da eine Art elektrischer Bezogenheit von Mensch zu Mensch, welche diese sehr nahe miteinander verband, die Reaktionsgeschwindigkeit gegenüber der, welche ich als menschengemäß kannte, merklich beschleunigte und sie inmitten des Weltganzen irgendwie isoliert heraushob in ein Reservat des nur-Menschlichen. Und dieses merkwürdige Wesen Stadt schien auch die Landschen zu verändern, wenn sie dort wohnten. So empfand ich die Großeltern und Taubes als andere Wesen, wenn sie in Reval eingezogen waren — das Einziehen in die Stadt für den Winter war beim estländischen Adel seit Jahrhunderten Brauch. So wurden mir Stadt und Land von früh auf zu grundverschiedenen, gewissermaßen archetypischen Wesenheiten.

Und sie sind es mir geblieben; noch heute fühle ich mich fremd in der Stadt, obgleich ich beinahe die Hälfte meines Lebens in städtischer Atmosphäre zugebracht habe. Es hat so bleiben können, weil ich von Jugend auf genügend Lebenskunst besaß, um mir durch Abblendung und Ignorieren einerseits und Betonen andererseits, um, mit Jakob Uexküll zu reden, aus beliebiger Umwelt die Merkwelt zu schaffen, derer meine Natur zum Wohlbefinden und zur freien Entfaltung bedurfte. In der Stadt habe ich eigentlich immer so gelebt, als lebte ich nicht in der Stadt. Von dem, was sie bot, habe ich auch während der Zeiten ununterbrochenen Städterdaseins nur in kurzen Perioden mehr gehabt als in späteren Land-Zeiten, wo ich auf ungefähr zehn Tage im Jahr — länger hielt ich es selten aus — in allen mir zugänglichen Großstädten weilte und dann freilich allerhand in mich aufnahm. Normalerweise sah ich Menschen auch in der Stadt möglichst wenig, außer auf Festlichkeiten, während welcher ich aus meinem eigentlichen Leben heraustrat; verkehren tat ich nie. Seitdem ich meine eigentlichen Lehrjahre hinter mir hatte, besuchte ich auch Sehenswürdigkeiten kaum mehr; auch Theater und Konzerte nur, wenn ganz Außerordentliches zu erwarten war. Wie Wolkoff mir einmal in Rom, wo er seit Jahrzehnten immer wieder lange geweilt hatte, gestand, daß er noch nie in der Sixtinischen Kapelle gewesen war und sich nur mühsam von mir hinschleppen ließ, erkannte ich meine eigene Psychologie, karikiert, belustigt wieder. Desto mehr, als auch er die Ureigenschaft jedes Schöpfers dabei zeigte, nur das jeweils zu bemerken, was zu seinem eigenen Schaffen in Beziehung stand; so rief er, als er des Jüngsten Gerichtes gewahr wurde, als erstes aus:

Regardez-moi ça! Michelange était un colosse, mais comme cette figure est mal imitée! (Er schrieb damals an seinem Buch über die Nachahmung in der Kunst und die schlechte Beobachtungsgabe der meisten Kritiker.)

Bei meinen langen Spaziergängen mied ich Abwechslung und erlebte auch das städtische Milieu möglichst als Natur und im übrigen distanziert, ähnlich wie dies der Landschaftsmaler tut. Zoologische Gärten und Parks zog ich allem anderen vor. In Berlin besuche ich regelmäßig nur den Zoo, oder aber ich wiederhole den Spaziergang im Tiergarten um die Serpentine herum, den ich im Jahr der Unsterblichkeit tagtäglich machte. In Darmstadt zumal habe ich als Regel eigentlich genau so gelebt wie in Rayküll. Unser Häuschen liegt oder vielmehr lag dicht am für Fußgängerbegriffe unermeßlich weiten Odenwald: nur dort ging ich spazieren, in der Stadt verirrte ich mich. Telephonieren tat ich selber nie und Besucher mußten sich genau wie vormals lange im voraus bei mir ansagen und meine Genehmigung einholen, wenn ich sie überhaupt und gar in entgegenkommender Stimmung empfangen sollte. Eingekauft habe ich von jeher möglichst wenig; seitdem ich verheiratet bin, tue ich es überhaupt nicht mehr. Einem Klub habe ich nur in Reval, wo ich nie wohnte, angehört. Und zu aller Zeit bin ich sehr früh erwacht und wenn irgend möglich sehr früh schlafen gegangen. Diese skizzenhaften Hinweise genügen wohl zum Erweise dessen, daß ich nie ein gerechter Städter gewesen bin.

Der Städter ist nämlich wirklich eine Spielart des homo sapiens für sich. Bei Menschen schaffen psychische Einstellungen die Unterschiede, welche bei Tieren in den verschiedenen Arten und Gattungen körperlich materialisiert in die Erscheinung treten; dauerhafte Sitten, Gebräuche und sonstige Kunstformen ersetzen die sich gleichbleibenden Instinkte dieser und technische Erfindung das, was bei Tieren bedürfnisgerechte Organe leisten. Bei den Tiefseefischen findet man die modernste Beleuchtungstechnik durch Organe vorweggenommen und bei einigen Reptilien und Amphibien hat die Natur unsere Laboratorien für Giftbereitung vorbereitet, in Fischen und Vögeln überhaupt die menschliche Tauch- und Flugtechnik. Freilich ist die Leistung der Natur auf allen Gebieten für unsere Begriffe weit erstaunlicher als unsere eigene Leistung, doch für die Zwecke vorliegender Betrachtung ist es besser, die Frage umgekehrt zu stellen. Denn beim Menschen leistet eben geistgeborene Technik das, was bei Tieren die Phantasie des Körpers leistet, und wird sie auch das nie leisten, was Natur vermag, so ist sie andererseits nicht an die Grenzen der Leistungsfähigkeit physischer Organe gebunden. So werden wir Menschen in einigen Jahrhunderten höchstwahrscheinlich nicht nur Äquivalentes, sondern mehr an möglichen Werkzeugen zwecks erfolgreichen Daseinskampfes herzustellen lernen, als Natur je hergestellt hat. Es wird sich dabei um Künstlichkeiten handeln, aber eben diese Fähigkeit zum Ersatz ist eines der zoologischen Differenzialkennzeichen des Menschen. Und das ursprünglich Künstliche wird auf die Dauer zur notwendigen Daseinsebene des Menschen. Dies gilt zumal von der Künstlichkeit, welche die Stadt darstellt. Bei niederen Tieren, deren Phantasie des Körpers die allergrößte ist, finden wir Gleichsinniges bei Siphonophoren und Salpenketten und das Rudiment dieser wiederum in Korallenbänken. Unter höheren Tieren findet man nur bei Termiten, Ameisen und Bienen Ähnliches, welches Ähnliche andererseits unseren Städten sehr viel näherkommt. Und doch scheidet ein Abgrund gerade die Bauten jener Insekten von unseren Gründungen. Jene entstehen auf Grund von Naturnotwendigkeit und sind sie fertig, dann stellen sie ein dem menschlichen Organismus Verwandtes dar — zumal im Falle der Termiten, deren Königin buchstäblich als Gehirn des Baus funktioniert —, welcher Organismus auch von Generation zu Generation, durch individualisierte Zwischenstadien hindurch, wieder ersteht. Beim Menschen ist Städtegründung keine Naturnotwendigkeit, und die Kollektivseele, die auch bei ihm durch Kontakt-Metamorphose entstehen kann, faßt immer nur das Untermenschliche zusammen, welche Zusammenfassung das Individuum wohl erdrücken, nie aber ersetzen kann. Ja, die Stadt ist eine Künstlichkeit; das Prototyp und der primäre Hochausdruck zugleich der Welt der Künstlichkeit. Aber gerade dies ist für den Menschen charakteristisch. Sein zivilisiertes Leben setzt die Stadtatmosphäre voraus. Darum findet man Kulturen seit unvordenklichen Zeiten um Städte, ja sehr früh schon um Großstädte großen Formats gruppiert, mit deren Aussterben oder Verlassen die Kulturen verschwanden; diese Ruinen nehmen sich, vom Standpunkt der Natur aus betrachtet, genau so aus wie ausgestorbene und zersprengte Termitenhügel.

Ich bin wesentlich kein Städter; kein Kosmopath war dieses je, auch wenn er in der Stadt lebte, denn der tiefste Sinn des Städtertums ist die Herstellung eines nur-menschlichen Milieus, und zwar in der Spezifizierung des Menschen als geborenen Schöpfers von Künstlichkeiten, der sich in der Umgebung solcher am besten erfüllt — der Kosmopath aber erlebt primär das kosmische Ganze, von dem der Mensch mit seiner Kunst und Qual nur ein winziger Teil ist. Er ist der weltoffene Mensch par excellence, die Stadt hingegen existiert gerade als Abwehr von allem, was nicht menschlich ist. Wilde Tiere darf es freilich geben, doch nur in von Menschen hergerichteten zoologischen Gärten und Aquarien; Pflanzen freilich, aber nur als Bestandteile von Gärten und von Zimmerschmuck, wilde Landschaften freilich, doch nur im Abbild von Gemälden, Katastrophen freilich, aber nur auf dem Theater oder als Theater. Das Natürliche der Krankheit wiederum irrealisiert das Hospital, in dem auch der Schmerz möglichst aufgehoben wird. An den absoluten Städter tritt nicht-Vermenschlichtes überhaupt nicht heran. Er ist grundsätzlich nicht unähnlich dem Nachtpfauenauge, welches, zur Zeit des Liebesfluges in einer Großstadt losgelassen, durch alle Häuserblöcke hindurch meilenweit die Anwesenheit des Weibchens spürt und dieses auch findet — andererseits aber nur das Weibchen überhaupt spürt. Ich halte nun für sehr möglich, daß, falls kein Unstetigkeitsmoment katastrophaler Art den Prozeß der Verstädterung, dem gerade primitive Menschen am leichtesten anheimfallen — schon heute sehen in Europa nur Höchstkultivierte im Landleben ein Höheres als im Stadtleben — unterbricht oder freier schöpferischer Wille die Entwicklung abbiegt, der Turm zu Babel wirklich Menschheitsschicksal ist, und zwar ein Turm zu Babel ähnlich dauerhafter Art, wie dies der Termitenhügel ist. Im letzten Zukunftsfilm von Wells, welchen ich sah, fragt der Urenkel, der gerade ein Geschichtsbuch liest, den bemerkenswert beweglichen Urgroßvater erstaunt, was denn ein Fenster sei und erhält zur Antwort: unsere armen ungebildeten Vorfahren mußten noch zur Orientierung in die Welt hinausblicken, so wie sich diese dem Tiere darstellt. Ärzte behaupten, daß verschiedene zum Leben in der Natur unerläßliche Organe unaufhaltsam atrophieren. So mögen wir schließlich ähnlich organlos wie die Termiten enden, die nur noch Antennen-Ähnliches zu besitzen scheinen, und schließlich ähnlich wie sie das Tageslicht scheuen. Dann wird der Mensch überhaupt nur in der Stadt leben können, wie die Termite in ihrem Hügel.

Doch vorläufig, und von meinem Standpunkt, sage ich: allen guten Geistern sei Dank dafür, ist es noch lange nicht so weit. Und da der zivilisierte Mensch noch in der Minderheit ist und seine Erfindungsgabe sich zur Zeit gar hauptsächlich in Zerstörung und Selbstzerstörung betätigt, so mag es sogar jahrhundertelange Rückentwicklung geben. Überdies hat der Erfindungstrieb des Menschen auch eine andere Entwicklung eingeschlagen als die, welche zur Verstädterung führt, und ist diese nur einigermaßen erfolgreich, so mag sie zu einem Gegenpole der Entwicklung der letzten Jahrhunderte führen. Die Prophetie eines Wells, die bisher leider nur allzusehr recht behalten hat, setzte ausschließlich Fortschritt in der Richtung des anorganischen Naturismus (siehe über letzteren Begriff das Weltfrömmigkeitskapitel meines Buchs vom persönlichen Leben) als Menschenschicksal voraus. Dieser kennzeichnet in der Tat die nordamerikanische Geschichtsperiode, in der wir heute leben, welcher die Natur ausschließlich anorganische Natur ist, die es nicht nur zu bewältigen, sondern deren Geist es sich auch anzupassen gilt. Daher Materialismus, Institutionalismus, Educationalismus, Pragmatismus, Behaviorismus. Der Mensch wird hier so beurteilt, als stelle er gleichsam die Vorstufe einer Maschine dar. Es gibt nichts, was nicht mechanisiert oder unter den Voraussetzungen der Mechanik verstanden werden könne. Dieser Einstellung kann die Natur natürlich nur ein Vorläufiges sein, ein Studien- und Ausbeutungsobjekt, und so erfüllt sich der Mensch überhaupt und an sich in der Verstädterung. In Kompensation zu dieser Entwicklung wächst nun in Europa der organische Naturismus zur Macht heran, mit seinem neuen Verständnis für organische Prozesse und Werte. Dessen Pioniere sind nicht die Physiker, sondern die Biologen oder biologisch Denkenden, es sind ein Carl Ernst von Baer, Carus, Mendel, Nietzsche, H. S. Chamberlain; unter den jüngsten ist der wichtigste Alexis Carrel. Und da sogar die Mehrheiten langsam einzusehen beginnen, daß, wenn auch ein Automobil schließlich in einer Sekunde (alles in allem) hergestellt werden könnte, ein Kind immer noch neun Monate des Wachstums im Mutterleib bedürfen wird, daß die Verstädterung auch Nachteile hat, Entartung und Aussterben mit ihr zusammenhängt und allen Fortschritt illusorisch machen kann, so orientiert sich der Zeitgeist zunächst in einigen Ländern unaufhaltsam, diesen Einsichten entsprechend, um. Es wird immer besser verstanden, daß die lebendige Zeit — hier war Bergson Pionier des Verstehens — ein anderes ist als die physikalische, und so bildet sich aus biologischer Einsicht heraus eine Gegenbewegung gegen das Tempo des nordamerikanisch bestimmten Zeitgeists. Doch auch der organische oder biologische Naturismus steht nicht im Zeichen des Rufs Zurück zur Natur; diese soll nicht sich selbst überlassen, sondern gelenkt werden; an Stelle der mechanisch verstandenen Entwicklung und des Fortschritts tritt die Züchtung. Diese beginnt immer mehr ab ovo im wortwörtlichen Sinn, insofern künstliche Befruchtung immer häufiger an die Stelle der natürlichen tritt; jene arbeitet anscheinend viel sicherer, mittels des gleichen Materials läßt sich das hundertfache Ergebnis erzielen, vor allem aber läßt sich dank ihrer am sichersten erwünschter Qualität gegenüber unerwünschter auch quantitative Vorzugsstellung sichern. Ich zweifle nicht, daß irgendwann und irgendwo auch mit Menschen ebenso vorgegangen werden wird wie mit Stieren und Kühen. Man wird sich daran erinnern, daß in den großen Zeiten die Könige mehr Kinder hatten als die Proletarier, und vielleicht gar einmal eine Befruchtungsdienstpflicht ausgewählter Männer einführen… Es waltet auch hier der spezifisch menschliche Wille zur Künstlichkeit, denn züchten kann man nur im Laboratorium, welches gleichfalls dem Geist der Stadt und nicht des Landes entspringt.

Die unabsehbare Tragweite dessen, was ich hier kurz andeute, scheinen nicht allzu viele bisher erfaßt zu haben. Mir aber war mein Besuch im Tierpark zu Hellabrunn bei München im selben Sinn das wichtigste Erlebnis des Jahres 1938, wie Goethe im Jahre 1830 eine anatomische Entdeckung Geoffroy St. Hilaires: man erinnert sich der Anekdote, wie ein Besucher den Alten aufs äußerste erregt fand und meinte, es wäre wegen der Nachricht von der Julirevolution, dieser aber ärgerlich abwehrte: Ich meine wirklich Epochemachendes. Im künstlichen Milieu ist es nämlich tatsächlich gelungen, durch sinngemäße Kreuzung im Geist der bisher am sichersten bekannten Vererbungsgesetze, aus heute lebenden ganz andersartigen Stieren und Kühen den längst ausgestorbenen Urstier, wie ihn die Felsenzeichnungen von Altamira darstellen, und ebenso aus heutigen Pferden das gleichfalls ausgestorbene europäische Wildpferd, den grimmen Schelch des Nibelungenliedes, als Wunsch- und Wunderkind geboren werden zu lassen. Wo sind nun die Grenzen solcher Umkehrung des Ablaufs des Films organischer Schöpfung? Wird man nicht bald auf experimentellem Wege feststellen, von welcher Art Vorfahren der Mensch tatsächlich abstammt? Durch künstliche Beschleunigung der natürlichen Tendenz zur Typenverwandlung Halbgötter schaffen? Oder gar durch naturgetreue Nachbildung solcher Milieuänderungen katastrophaler oder nichtkatastrophaler Art, wie solche im Lauf der Erdgeschichte vielmals vorgekommen sind, im abgekürzten Verfahren neue Arten züchten, zum mindesten Mutationen ungeahnten Grads erzwingen? Ein Beispiel von Ähnlichem gibt es schon: die Termiten verstehen es längst, die Arten von Haufengenossen als organische Produkte zu züchten, die bestimmten sehr spezialisierten Aufgaben genauer angepaßt sind, als es je bisher ein menschlicher Berufstypus seiner Aufgabe gegenüber war. Man vergleiche mit diesen dem organischbiologischen Naturismus innewohnenden Möglichkeiten alles vom Geist des Anorganischen, von Amerika inspirierten Naturismus bereits Verwirklichte, dessen Übersteigerung in Aldous Huxleys Brave New World das beste Sinnbild alles Erreichten ist — und man möchte mitleidig lächeln über das amerikanische Stümpertum. Suggestion verwandelt nie wirklich; letztendlich erweist sie sich als Geburtshelferin selbständiger Gegenbewegungen. Wohl aber lähmt sie die Seelen und stumpft sie ab. Der vollkommen mechanisierte Mensch verliert auf die Dauer seine Vitalität in solchem Grad, daß er irgendeinmal schicksalsmäßig vital verbliebenen Barbaren zum Opfer fallen muß. So zerstörten wenige robuste Spanier in wenigen Tagen das überorganisierte Inkareich, dessen Bewohner durch allzu treue Bevormundung durch einen allzu vorbildlichen Beamtenapparat völlig passiv geworden waren.

Demgegenüber kann der wohlverstandene Zuchtgedanke eine neue Ära bestimmender Vitalwerte einleiten und damit wird er auf der Grundlage der positiven Errungenschaften der nordamerikanischen Geschichtsperiode an die Entwicklungsrichtung anknüpfen und sie fortsetzen, welche alle bisherigen Menschengeschlechter groß gemacht hat. Nie sind große Rassen ohne Züchtung entstanden, nie haben sie sich ohne Befolgung der Gesetze sinnvoller Zucht lange erhalten. Der Wille zur Züchtung aber ist, vom Standpunkt der Natur aus beurteilt, allemal Wille zur Künstlichkeit. Ich gebrauche absichtlich diesen extremen Ausdruck, denn auch dort, wo es sich um echte Kunst handelt, ist der Zweck der Übung der, Kunstprodukte an die Stelle von Rohstoffen zu setzen. Und nur wo dem Menschen dies gelingt, kann er sich als Mensch fortschrittlich entwickeln. Auch die vor unvordenklichen Zeiten erfolgte Domestizierung von Pflanzen und Tieren bedeutet einen künstlichen Eingriff in das Naturgeschehen — und ohne sie hätte es nie Gesittung gegeben. Schon Carl Ernst von Baer erklärte die geringe Anzahl roter Menschen, welche vor Ankunft der Weißen Nordamerika bevölkerten, und die Tatsache, daß diese zu ewigem Jägertum prädestiniert schienen, richtig dadurch, daß sie überhaupt keine Haustiere besaßen und an Getreide nur regionenweise Mais. So hängt die ungeheure Bevölkerungszunahme Europas im 19. Jahrhundert und die intellektuelle Entwicklung dieser Massen unmittelbar mit der industriellen Revolution, also wiederum einem künstlichen Eingriff, zusammen. Und wurden einige Jahrhunderte lang vorzüglich Proletarier gezüchtet, so beruhte auch dies eben auf Züchtung.

Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
I. Ursprünge und Entfaltungen
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME