Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

I. Ursprünge und Entfaltungen

VIII. Städter und Urnaturen - Weltstadt

Ich sagte, ohne Züchtung von Haustieren sei spezifisch menschliche Gesittung undenkbar. Das ist natürlich nicht ganz richtig. In alten Zeiten sind Tiere oft durch Sklaven ersetzt worden, und einmal wird vielleicht die Maschine Mensch und Tier in heute ungeahnter Weise von allem Dienen, das nicht dem Geist der Menschlichkeit entspricht, entlastet haben. Irgendeinmal muß doch die unerschöpfliche Sonnenenergie eingefangen werden: dann müßte alle elementare Notdurft und Nahrung jedermann so selbstverständlich gewährleistet sein wie heute die Luft zum Atmen. Irgendeinmal muß auch die durch Atomzertrümmerung freigesetzte Energie in großen Mengen verfügbar und zu Positivem nutzbar gemacht werden — dann aber wird Arbeiten überhaupt eine sehr geringe Rolle spielen — bei allen der Zivilisation teilhaftigen Menschen jedenfalls keine größere als früher unter freien Herren. Das im Zusammenhang dieser Betrachtungen Wesentliche wäre aber auch dann, daß der Fortschritt nicht durch natürliche Entwicklung, sondern dank künstlichem Eingriff (vom Standpunkt der Natur) in das Geschehen zustande käme. — Kehren wir jetzt zum Problem der Stadt zurück. Blicken wir in die von Jahr zu Jahr anwachsende erkundete Anzahl von Jahrtausenden zivilisierten Menschenlebens zurück, so finden wir, daß sie alle schon in allerfrühesten Zeiten in Städten oder stadtähnlichen Niederlassungen ihren Ursprung oder ihr regierendes Zentrum hatten. Das Gemeinschaftsleben als solches tut’s freilich nicht. Keine Herde, keine Horde, keine Armee hat aus sich heraus einen genius loci oder eine psychische Atmosphäre geboren, welche als Vater oder als Mutterschoß zivilisatorischer und kultureller Gestaltung gewirkt hätte. Was auf Grund aller Erfahrung die Entstehung der letzteren voraussetzt, ist eben dies, was ich schon als Kind als Differenzialkennzeichen des Städtertums unterschied und rückblickend also bestimmte: die gleichsam elektrische Bezogenheit aufeinander von Mensch zu Mensch. Wer elektrisch sagt, meint nämlich polar zusammenhängend, und polarer Zusammenhang ist das genaue Gegenteil von Gleichschaltung. Das kollektive Leben einer Stadt artikuliert sich freilich einerseits nach dem Prinzip der Arbeitsteilung, was auch von der Armee, ja sogar von Horde und Herde gilt, andererseits und vor allein jedoch in der freiwilligen Ergänzung von Typen und Initiativen. Eine zwangsbewirtschaftete Stadt verlöre ipso facto ihren Stadtcharakter und würde zur Kaserne.

Hieraus ergibt sich denn ohne weiteres Eigenart und Sinn der besonderen Tugend des Städtertums. Die Stadt, und sie allein, schafft eine nur-menschliche Umwelt. Das nicht-Menschliche spielt gar keine Rolle in ihr, nicht mehr jedenfalls, wie die mehr oder weniger als Milchkühe fungierenden Larven und Pilze, welche gewisse Ameisen oder Termiten in ihren Hügeln züchten. Eben darum aber erlebt alles nur-Menschliche Steigerung in ihr. In bezug auf Wissenschaft und Technik liegt dies auf der Hand. Aber das gleiche gilt nicht allein von der Geistes-, sondern auch von der Gefühlskultur. Betrachten wir zunächst diese, weil sie den bisherigen Gedankengängen am fernsten lag. Delicadezaals natürliche Feinfühligkeit bedeutet eine Begnadung vorzüglich südlicher Rassen. Doch alle Kultur der Delicadeza hat in Europa bezeichnenderweise ursprünglich Höflichkeit, Courtoisie, das ist Hofmäßigkeit oder Urbanität, das ist Stadt-Verhalten, geheißen. Leben Menschen so nahe beieinander und dabei in Freiheit, nicht von oben her zwangsmäßig organisiert, und wollen sie dauernd friedlich nebeneinander hausen — nicht in Fehde miteinander wie Ritter in ihren benachbarten Burgen — dann differenzieren sie sich gegenseitig am Kontakte; das Grobe verfeinert sich, das Eckige schleift sich ab. Schöne Formen des Verkehrs und deren anerkannte Normen evozieren ihrerseits die ihnen entsprechenden Inhalte. Jeder objektive Inhalt, ob gefühlsmäßiger oder intellektueller Art, bedeutet nun für den einzelnen einen Ausgangspunkt, der ihn, woher immer er stamme, als auf der Höhe der Zeit erscheinen läßt. Nur Zeitgenossen können ja überhaupt am städtischen Gemeinschaftsleben teilnehmen. Da nun die Stadtatmosphäre die menschliche par excellence ist, so wird auch jeder Zugezogene, der überhaupt geistig oder seelisch empfänglich ist, unglaublich schnell von ihr ergriffen. Darum sind die meisten Pariser, obschon nicht in Paris geboren, echte Pariser, und die meisten Berliner, von denen auch die wenigsten in Berlin geboren wurden, echte Berliner. Die stärkste verwandelnde Kraft dieser Art bewies in Deutschland bisher die Luft der Hansastädte.

Ich gab mich der Stadt als Stadt zum ersten Male in Paris hin. Noch in Wien hatte ich das Städtische an der Großstadt kaum bemerkt. Ich hatte dort einerseits meinen Studien im weitesten Verstand gelebt, in bezug auf welche mir meine Umgebung gleichgültig war, andererseits am Leben der Gesellschaft, auch der des Habsburger Hofes, teilgenommen, so wie wir baltische Landsche zeitweilig, ohne unsere Gewohnheiten im mindesten zu verleugnen, zu Festen in Riga, Reval oder Mitau zusammenkamen. Dann unterwarfen wir uns die Stadt zeitweilig, wir beherrschten ihr Bild, drängten ihr unsere vollkommen unstädtische Art auf, zum immer neu auflodernden Mißvergnügen der städtischen Spießer. In Riga gelang uns dies am wenigsten, denn das war eine Patrizierstadt so starken Eigengeists, daß dieser sich durch alle Überwältigung hindurch behauptete. In Reval beherrschte der Adel den Domberg ohnehin, den er beinahe allein bewohnte, er war verpflanztes Land; so bedurfte er kaum der Eroberung. Mitau nun war am typischsten für die baltische Eigenart. Ein ganz und gar unansehnliches Städtchen, als solches ohne Prätention, aber der stolzeste, unabhängigste und vornehmste Menschenschlag, den es im Osten gab, verlieh ihm das Gepräge, und so wirkte das ärmliche, schmutzige Milieu mit seinen vielen zerlumpten Juden nur als Steigerung der adeligen Herrlichkeit. Ja, eigentlich verhielt ich mich zur Großstadt Wien, wenn ich mich einmal gesellschaftlich einstellte, nicht viel anders, wie als Student zum winzigen Städtchen Wolmar, in welchem allwinterlich die berühmten Wolmarer Bälle stattfanden in scheunenartigem Gebäude auf mit Kreide geglättetem ungehobelten Bretterboden. Aber eine elegantere Gesellschaft sah ich nie. Die Südlivländer und vor allem Südlivländerinnen jener jungen Generation gehörten einem selten schönen Menschenschlage an, und die Gleichgültigkeit aller Umgebung gegenüber gab den Festen etwas Überirdisches. Ähnlich war mir die Stadt Wien, wenn ich an Gesellschaften teilnahm, die kaum beachtete Folie wie bei den Festen landscher Menschen.

Von Wien plante ich ursprünglich, zur Fortsetzung meiner Studien in die französische Provinz, insbesondere in die Auvergne, dieses klassische Gebiet erloschener Vulkane, zu gehen und war baß erstaunt, als mir Chamberlain dringend riet, mir zunächst einmal von den Geistern der Städte Paris und London einen finishing touch geben zu lassen. Vorbereitet hatte mich auf das Stadtleben freilich bereits Wien. Der immer hervorragend gut angezogene Chamberlain hatte mir zum erstenmal klargemacht, was kein echter Landscher von seiner Einstellung her weiß, daß Kleider wirklich, wie man sagt, Leute machen. Vorher hatte ich nie einen anständigen Anzug besessen, was bei meiner schlechten Gestalt für die Augen anderer besonders belastend (die Amerikaner haben dafür in bezug auf Frauen den köstlichen Ausdruck: she is hard to look at) war, mich aber damals nicht störte. Chamberlain hatte mich auch 1904 schon veranlaßt, einen Bart zu tragen, weil er die Disproportion zwischen Stirn und Mundpartie für unerträglich erklärte, welcher Rat mir damals vor allem darum willkommen war, weil ich das Rasieren haßte. In Paris nun öffnete ich mich bewußt dem Einfluß der Stadt als solcher, und von da ab vollzog sich in mir der Prozeß in Windeseile, der aus jedem empfänglichen Landbewohner in der Stadt etwas ganz anderes, Beweglicheres, Glatteres macht. Unter den Großstädten dieser Zeit war nun freilich Paris jedenfalls bis zum zweiten Weltkrieg wie keine andere als Atmosphäre schöpferisch und bildend. Der Einfachheit halber drucke ich hier ab, was ich 1927 im Spektrum über die Ville Lumière schrieb:

Diese Stadt ist ein Phänomen. Vielleicht gab es zu Griechentagen Ähnliches, seither sicher nicht wieder; nein, auch zu Griechentagen gab es Gleiches nicht, weil ja Paris’ Bedeutung gerade darauf beruht, daß es Weltstadt ist. Zunächst zu seiner Stellung innerhalb Frankreichs. Dieses Land ist im Laufe der Zeit zu einem insofern einzigartigen sozialen Organismus erwachsen, als es wirklich einen, und nur einen, Kopf hat und die übrige Landschaft ausschließlich dazu da zu sein scheint, ihn zu ernähren. Gewiß, die französische Provinz — nur in Frankreich, et pour cause, hat dieser antike Ausdruck noch Sinn — führt sehr ihr eigenes Leben, so sehr, daß heute der regionalistische Gedanke neu hochkommt. Aber sie hat die Vitalität des Magens, der Leber, des Beins. Fühlt sie sich eigenlebig, und sei dies auch so sehr wie die Bretagne, in der nicht einmal das Französische allgemein verstanden wird, so stellt sie doch nie die Frage, Paris zu stürzen; gerade die Wurzelechtheit und die Kraft des Provinzlertums ist vielmehr die Gewähr für den Bestand von Paris. Paris nun ist Gehirn und Sonnengeflecht zugleich. Was irgend begabt ist, strebt und gelangt selbstverständlich hin. Und doch verlangt der Sinn wiederum, daß sich eine bestimmte Schicht in stetem Stoffwechsel immer wieder erneut hierarchisch gliedert. Denn Paris steht und fällt mit seiner rein qualitativen Einstellung; von dem Augenblick an, wo es nicht aristokratisch empfände, wäre es erledigt. Insofern es dies nun aber tut, unterstellt es sich selbstverständlich zeitlosen Normen. Wenn man spricht, so muß man die Gesetze der Konversation, der öffentlichen Rede überhaupt beherrschen, und solche gibt es; der Maler muß Bestimmtes können; gewisse Exzentrizitäten sind ein für allemal unerlaubt. Aber diese zeitlosen Normen präjudizieren doch jeweils nichts über das Konkrete, auf das sie Anwendung finden sollen: Beweis dessen ist, daß gerade Paris das Weltzentrum der Mode ist. Auch deren Wechsel folgt ja strengen Gesetzen; eben die werden in Paris am schnellsten und sichersten erfaßt. Vor allem aber muß jede Mode ihrerseits schön sein. Insofern gilt der Satz, daß über Geschmäcker nicht zu streiten sei, nicht: unter Voraussetzung bestimmter Gegebenheit gibt es absolut Gutes und absolut Schlechtes. Das Prinzip des Richters über zeitlosen Wert hat Paris weiter nun deshalb so einzigartig herausarbeiten können, weil der Franzose im übrigen so wechselfreudig ist, weshalb die Gefahr immer wieder vermieden werden konnte, die absolute Norm mit irgendeinem Inhalt ein für allemal zu verknüpfen. Im übrigen kam sein Sinn für Klarheit dem gleichen zugute: ein Gedanke ist erst vollkommen ausgedrückt, sofern er klar ist, und nur vollkommen richtig, sofern er klare Fassung verträgt. Nicht anders steht es mit der Anmut und dem Takt. Insofern nun der Sinn für Qualität an sich in Paris so extrem herausgebildet ist, insofern Paris sich als Gerichtshof vollkommen sicher fühlt, kann es alles gelten lassen… So hindert die physiologische Unfähigkeit, Fremdes zu verstehen, die Franzosen durchaus nicht, es im Zusammenhang des Lebens, gewiß nicht immer, aber doch sehr häufig, richtig zu beurteilen. Gesunder Menschenverstand und logische Schärfe bewähren sich eben überall. Klar Gedachtes ist überall klar, präzise Formel der ungenauen immer überlegen. Der bloße Ausdruck magistrature, den Frankreich für seinen kulturellen Vorherrschaftsanspruch verwendet, öffnet die Tür zum richtigen Verständnis: der Lehrer ist oft viel törichter als sein Schüler, und dennoch hat er recht und fördert er mit seiner Zensur. Paris nun handhabt sein Amt des Zensors dank seiner ästhetischen Einstellung, seiner ungeheuer reichen Erfahrung, seinem sicheren Geschmack, seiner logischen Sicherheit, der großen Distanz, aus welcher es alles Fremde betrachtet, und last not least aus dem Geist seiner traditionellen Courtoisie heraus mit einer bonne grâce, die auf Erden nicht ihresgleichen hat. Ist es da ein Wunder, daß die meisten auf Qualität beruhenden Weltreputationen in Paris gemacht werden? —

Um den Sinn des allgemeinen Zusammenhanges, der hier in Frage steht, ganz deutlich zu machen, wäre dem 1927 über Paris Gesagten noch dies hinzuzufügen. Die geschilderte einzigartige Atmosphäre zieht seit dem Mittelalter so viele unabhängige Geister und Seelen nach Paris, daß feinsinnige Unabhängigkeit zur Dominante des genius loci geworden ist, welche nun von sich aus jeden Zuziehenden ergreift. Man bedenke: schon im frühen Mittelalter war Paris die eine übernationale vollkommen freie Hochschule der Welt. Und das Gesellschaftsleben hatte dort so sehr den Primat vor dem Politischen — der Salon war entscheidender als Forum sowohl wie als Atrium — daß jenes sogar in Zeiten politischer Unterdrückung frei blieb (wie Horace Walpole zur Zeit Ludwig XV. nach Paris kam, gab er seiner Verwunderung über den Unterschied zwischen Paris und London Ausdruck; in Paris sei das soziale Leben frei, das politische geknechtet, in London wäre es umgekehrt). Wenn nun Kosmopathie seltene Gabe ist, so fehlt Poleopathie wegen der rein- und ausschließlich menschlichen städtischen Atmosphäre eigentlich niemand. Und da in Analogie mit dem, was seine Zeitgenossen über Ludwig XIV. sagten: c’est le roi le plus roi qui fut jamais Paris als la ville la plus ville qui fut jamais gelten darf, erklärt dieser Umstand allein, warum Paris ein Wesen oberhalb aller Nationen darstellt, fähig, alle zu assimilieren. Schon lange sind viele der ersten Pariser Damenschneider selber nicht Franzosen; schon im 18. Jahrhundert gehörten Deutsche zu den führenden Parisern. So verschiedene und eigenwillige deutsche Geister wie Stefan George und Rainer Maria Rilke sind in ihrer Endgestalt undenkbar ohne Pariser Bildung. Bedenkt man hier nun die völlige Verschiedenheit der französischen Provinz von der Zentrale, dann hat man den Eindruck, daß das heutige Frankreich mit Paris mindestens ebensosehr steht und fällt wie das antike Römertum mit der Ewigen Stadt. Würde Paris zerstört, so erschiene Frankreich als völlig anderes Land, und das Pariserische setzte sich in der Verwandlung auf anderem Boden fort — wie das Römische in den romanischen Nationen —, vielleicht in Rumänien, Neu-Griechenland, in der Türkei oder in Buenos Aires. Freunde des damals äußerst ungern reisenden José Ortega y Gasset sagten mir einmal lachend, er verließ Madrid nicht aus Angst, es könnte dort etwas auf der Straße passieren, was ihn anginge: eigentlich alle echten Pariser fühlen so, solange ich aus persönlicher Erfahrung urteilen kann. Ich verbrachte mehrere Sommer auf der von mir wie keine andere geliebten Insel Belle-Isle-en-Mer in der Bretagne und lud meine französischen Freunde, welche mich ausgiebig sehen wollten, ein, mich dort zu besuchen. Keiner kam — während ein Australier von Sidney aus ohne weiteres dieser Aufforderung nachkam —, alle hingegen bestürmten mich mit dem Ansinnen, doch sofort nach Paris zu kommen, das sie nicht verlassen könnten; ja Guy de Pourtalès entschuldigte sein Nichtkommen einmal dadurch, daß er dazu ja einen neuen Kraftwagen kaufen müsse, wozu er zur Zeit nicht in der Lage sei.

Auf ganz andere Art beginnt aber auch schon von Berlin — dieses schrieb ich vor dessen Zerstörung — dasselbe zu gelten wie von Paris, was endgültig erweist, ein wie sonderliches Wesen die Stadt als solche ist. Für Berlin wesentlich ist, daß kaum ein maßgebender Berliner in Berlin geboren ward und dennoch alle Zugezogenen und zu Macht und Stellung Aufgerückten wenigstens in der einen Hinsicht echte Berliner sind, daß sie schneller und dabei besser arbeiten und schärfer denken als Deutsche es anderswo tun. mutatis mutandis war es vielleicht in jeder Großstadt so. Knossos muß ein noch viel Raffinierteres gewesen sein als Paris und ein noch viel Selbständigeres; es war offenbar zuletzt außer Zusammenhang mit dem historischen Geschehen geraten und wurde so wahrscheinlich fast ohne Gegenwehr von Barbaren zerstört. Was hat Babylon, das in Babylonien beinahe allein zählte, einmal bedeutet, Alexandrien, das nicht Ägypten war, das spätere Athen, das während der letzten Jahrhunderte der Existenz seiner inneren Selbständigkeit (bis Justinian) allein inmitten einer völlig anders gewordenen, gebundenen und geknechteten Welt den alten freien Heidengeist perpetuierte! Auch Palmyra, dieser protzige unkultivierte Umschlagplatz zwischen den Wüsten, muß einen sehr starken Eigengeist besessen haben. Vielleicht liegt aber in ihm die geistige Wurzel vieler moderner Welthandelsstädte. Jedenfalls muß Palmyra New York mehr geglichen haben als Rom. Hiermit gelangen wir denn zur ville tentaculaire, wie sie Verhaeren nannte, zur modernen Großstadt, deren bisherige Höchstprägungen Amerika aufweist. Diese Art Stadt ist wesentlich nivellierenden im Gegensatz zu Spannung-erhaltenden und -schaffenden Charakters und wirkt darum auf alles schöpferische Wesen sterilisierend, obgleich sie andererseits die Höchstentwicklung organisierender und rechnender Intelligenz fördert. Auch die amerikanische Großstadt ergreift einen unwiderstehlich, wie Paris — doch in wie anderem Sinn! Obgleich ich in New York im Hause eines der lebendigsten wie merkwürdigsten Menschen, den ich je gekannt habe, wohnte, nämlich bei Charles Crane1, mußte ich dort mehr gegen innere Entleerung und den Ansturm geistfeindlicher Gewalten ankämpfen, als in Zentralasien (vgl. meine Schilderung dessen, was mir dort widerfuhr, im Kapitel Peshawar des Reisetagebuches).

Die rasend schnell fortschreitende Entseelung und Entvitalisierung Amerikas führe ich ganz und gar auf den immer mächtiger werdenden Einfluß Chikago-artiger Großstädte zurück. Man bedenke: vor hundert Jahren noch war Amerika vorwiegend von Landmenschen bevölkert; in den Südstaaten gar herrschte eine der englischen sehr ähnliche Schloßkultur. Allein diese ist so vollkommen rasiert, wie der Bolschewismus die zaristische Welt rasiert hat. Das ist der Erfolg konzentrierter Einseitigkeit städtischen Lebens auf seinen geschäftlichen Umsatz hin. Da ist denn auch die Seele von Saison zu Saison ausverkauft worden. Kein Ton wird vom Pedal verstehenden Gedächtnisses festgehalten, so daß er in der Folge noch nachklingt; es gibt überhaupt keine Attachen mit der Vergangenheit, und ohne Kontinuität keine Kultur. In keinem Lande der Erde hat wohl der Tod je ein so absolutes und so wenig betrauertes Ende bedeutet. Der berühmte San-Franzisko-Film, in dem man Tausende unter Ruinen begraben werden sieht, endet damit, daß unmittelbar darauf die Überlebenden zur Melodie Lore, Lore, Lore enthusiastisch neu beginnen, ohne auch nur einen Augenblick zurückzudenken. So habe ich vom Tode meines Freundes Charles Crane auch nur auf Umwegen gehört und für seine Kinder waren alle Beziehungen, die er gehabt hatte, mit seinem Tode abgeschnitten.

Solchem Städtertum gegenüber hat die Stadtfeindschaft so vieler Kreise freilich Berechtigung. Aber diese Art Stadt stellt einen monströsen Auswuchs dar, dessen schädigende Wirkung auf die Dauer durch das immer-bedeutsamer-Werden der noch moderneren Gartenstadt abgebogen wird. Demgegenüber denke man daran, was kleine Städte bedeutet haben! Winzig war das Format vor allem von Alt-Athen, winzig dasjenige Brügges, winzig war das klassische Florenz. Die Stärke eines hochkultivierten genius loci konnte man noch nach Generationen, als die Residenzen längst keine Kulturstätten mehr bedeuteten, an der kleinen deutschen Universitätsstadt ermessen. Wahrscheinlich kann es Kulturstätten nur bei bescheidenem äußeren Formate geben. Aber der Sonderart möglicher Kulturstätten scheinen kaum Grenzen der Mannigfaltigkeit gesteckt. In Patmos lebte bis vor kurzer Zeit der identische genius loci fort, welchen der Schreiber der Offenbarung Johanni eingeatmet hatte. Benares ist psychisch heute noch kaum anders wie vor Jahrtausenden, Oxford perpetuiert mittelalterlich-scholastischen Geist. Ein unicum sui generis stellt Genf dar — ich meine natürlich nicht die ehemalige Residenz des Völkerbundes, als welche ohne jede Bedeutung ist. Was Genf zu Calvins Zeiten bedeutete und wieweit ihr Geist dazumal ausstrahlte, weiß jeder Gebildete. Doch noch zur Zeit, da ich in jener Stadt studierte, war die Atmosphäre ihres bodenständigen Bewohnerkreises einzigartig. Das von Calvin eingeführte und zu höchster Blüte geförderte Denunziantentum wirkte nach beinahe vier Jahrhunderten noch so weit nach, daß keine alt-genferische Familie aus innerer Gehemmtheit im Stil ihres meist sehr großen Reichtums zu leben wagte. In einigen der hochmögendsten sah man als Gast kaum Dienstboten — im 16. Jahrhundert hätte ein Überhören herrschaftlicher Gespräche durch solche zum Scheiterhaufen führen können. Es herrschte unverkennbar angstgeborene Engigkeit, ja Dürftigkeit. Die Genfer sind die einzige französisch redende Menschenart, deren Typus fordert, langweilig und pedantisch zu sein. Und trotzdem: welch hohe und eigenartige Kultur! Es gibt einen Roman, welcher Genfs Atmosphäre der letzten Tage meisterhaft evoziert: das ist Guy de Pourtalès La pêche Miraculeuse, nebenbei bemerkt, eines der wenigen echten Meisterwerke der ganzen Romanliteratur. Dem Verfasser schrieb ich darüber 1938 unter anderem das Folgende, das ich hier wieder abdrucke, um möglichst viele meiner Leser auf dieses selten lehrreiche Buch aufmerksam zu machen:

Es handelt sich hier durchaus nicht, wie Sie meinen, um einen tolstoi-artigen Roman. Bei Tolstoi bildet die russische Unermeßlichkeit (l’immensité russe) den Hintergrund der geringsten Einzelheit — eine Unermeßlichkeit im Sinn von Zeit sowohl als Raum. Sie hingegen haben mit wunderbarer visionärer Kraft das Allerengste, was es auf Erden gibt, evoziert und es zum Sinnbild jenes zugleich Alltäglichen und Ewigen gemacht, welches Maeterlinck preist und welchem Flaubert aus Mangel an Liebe und aus Übermaß an bitterer Ironie nicht gerecht werden konnte. Aus dem eigentlich-Genferischen, ja dem Ville-Hauteschen am Genferischen ein großes allgemein-menschliches Sinnbild geschaffen, die Weltkrise in Funktion derer bestimmt und gezeichnet zu haben, die am wenigsten an ihr teilhatten — das bedeutet eine einzigartige Leistung in der modernen Literatur. Ihr Buch ist gleichzeitig ein chef d’œuvre et un tour de force… Endlich bedeutet Ihr Buch ein großes historisches Monument. Sollte nur dieses vom ganzen Genf des 19. Jahrhunderts übrigbleiben — dieses Genf wird fortleben. Und es lohnt sich, daß es fortlebe: diese kleine und trockene Gottesstadt (Cité de Dieu) bedeutet auf ihre Art ein Pendant zur Insel Patmos, deren Atmosphäre sich kaum verändert hat, seitdem der Verfasser der Apokalypse sie bewohnte.
1
Ich möchte hier meinem alten Freund ein Denkmal setzen und drucke darum den Nekrolog ab, den ich im Weg zur Vollendung Nr. 28 Crane zu Ehren schrieb:
Aus Arabien kommend, erschien 1927 bei mir plötzlich ein rundlicher alter Herr mit seltsam verträumten Augen. Er sah einen nie eigentlich an, schien auch sonst wenig Äußerliches zu bemerken: aber ich spürte sogleich, daß er mit irgendeinem sechsten oder siebenten Sinn unmittelbar auffing, was von den meisten gar nicht wahrgenommen wird. Bei dem ersten Besuche wußte ich gar nichts von Charles R. Crane. Nach und nach kam heraus, daß er Leiter eines der gewaltigsten Konzerne von Chikago, amerikanischer Kommissar bei der Mandatsvertretung der alten Türkei, amerikanischer Botschafter in China gewesen und später zum Ratgeber ehrenhalber dieses Volks und Staats geworden war, Rußland sehr genau kannte (er war nicht weniger als 24mal dort gewesen, zuletzt in der Bolschewikenzeit, zweimal unter dem Schutz eines amerikanischen Detektivs), besonders aber ein phantastisch verstehender Freund war aller islamischen Völker.
Gleich bei dem ersten Besuche lud Charles R. Crane mich ein, bei meiner bevorstehenden Amerikareise sein Gast zu sein. In seinem New-Yorker Hause empfing mich eine Atmosphäre, die ich für immer tot glaubte: russische, lettische, estnische Dienstboten, die einen betreuten, wie in der fernsten Vorkriegszeit; in allem echt russische Großzügigkeit. Wie ich einmal krank war, hörte ich vor meiner Türe herrlichen russischen Kirchengesang: Crane hatte mir als Medizin den besten russischen Kirchenchor New Yorks bestellt; und wirklich, diese Aufmerksamkeit allein wirkte Wunder. Dann war ich wochenlang Cranes verwöhnter Gast in Palm Springs, jener herrlichen Oase in Kaliforniens Wüste. Und je mehr ich mit Charles Crane zusammenlebte, desto lieber gewann ich ihn. Er redete wenig und selten Wesentliches. Aber schweigend nahm er, wie wenige, die Tiefe anderer auf, und im gleichen Sinne strahlte sein Schweigen das Verstehen dessen aus, was ihm viel bedeutete. Dies war in den Jahren, da ich ihn kannte, vor allem die Welt des neu erwachenden Arabertums. Crane war ein persönlicher Freund der meisten Wüstenkönige, besonders Emir Faisals und Ibn Sauds. Sie setzten unbegrenztes Vertrauen in ihn. In früheren Zeiten hatte er Brunnen in Mekka gestiftet, bei Stammesfehden ausgleichend gewirkt; jetzt förderte er vor allem das Wahabitentum. Doch war Charles Crane einerseits, seelisch-geistig, ein arabischer Chadschi oder alttürkischer Märchenerzähler, so war er andererseits nur — Amerikaner. So hatte er älteste und auf die berühmtesten Namen der Geschichte, ja der biblischen Geschichte, bezogene Dattelpalmen Arabiens aufgekauft und (mit Erfolg) nach Kalifornien verpflanzt, woselbst deren Früchte freilich nicht so aromatisch sind, wie in ihrer Heimat, denn die amerikanische Hygiene fordert Desinfizierung bis zur Vernichtung der geschmackbildenden Mikroben.
Zu mir fühlte sich Charles Crane in ähnlichen Zusammenhängen hingezogen wie zu den Wüstenkönigen. Ich war ihm vor allem ein Weitenmensch, welchem, gleich ihm, die Unermeßlichkeit und Tiefe und der schöpferische Friede des Ostens mehr zusagten als des modernen Westens hastige Engigkeit. Er las mich, glaube ich, nie, aber alljährlich suchte er mich heim, um einige Stunden mit mir zusammen zu leben. Was dabei gesagt wurde, war ziemlich einerlei. Doch bei jedem dieser Besuche fühlte ich mich wesentlich verstanden, und dies beglückte mich. Nun hat auch Charles Crane diese, für mich persönlich immer mehr verarmende Welt verlassen. Und mit ihm ist für mich nicht nur ein selten hochherziger Mäzen gestorben — das ist Crane nicht nur vielen Universitäten und Instituten in Amerika wie im Osten, sondern auch den meisten Persönlichkeiten gewesen, welche er hochschätzte —, sondern der originellste meiner noch überlebenden Freunde. Mit Vorliebe erzählte er die Geschichten jenes ironischweisen türkischen Vagabunden (Nur Nasreddin Chodscha hieß er, glaube ich, doch ich mag mich irren), der im Nebenberuf Hofnarr Tamerlans war, der volkstümlichsten Gestalt der vorderasiatischen Welt, der an schier jegliche handwerkliche Hantierung und jedes bäuerliche Geschehen und Schicksal Betrachtungen knüpfte, die ihm den Hintergrund der Ewigkeit verliehen: diesem armen Sonderling war die Seele des amerikanischen Milliardärs nahe verwandt. Daher Charles Cranes durch keine Tatsache begründbarer rätselhaft schimmernder Charme.
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
I. Ursprünge und Entfaltungen
© 1998- Schule des Rades
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