Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

I. Ursprünge und Entfaltungen

I. Vorfahren - Generationswechsel

Beurteile ich nun die Welt der Vorfahren in ihrer Beziehung zu derjenigen der Zeitgenossen von einem anderen Standpunkt aus, so ist dies auszusagen, was zu Beginn schon angedeutet ward: daß sie eine andere Zeitrechnung verkörpert. Dies fühlt wohl jeder implicite als Kind, während erst sehr reifes und wissendes Erwachsenenbewußtsein sich zu gleicher Einsicht durchringt. Mir jedenfalls war es als Kind selbstverständlich, daß meine Zeit eine andere war als die meines Vaters und meiner Mutter, und deren Zeit wiederum eine andere als die jenige der Großeltern. Damals schaute ich die abstrakte Zeit unmittelbar als Teil einer allumfassenden konkreten Zeitgeisteinheit. Und insofern erlebte ich viel mehr echte Wirklichkeit als in den späteren Jahren, während welcher der abstrahierende Verstand die Oberhand gewonnen hatte.

In einer bestimmten Hinsicht muß ich sagen, daß mein Kindererleben dem Leben mittels der Zeitlupe glich. In Anbetracht der ungeheuren Fülle schnellen Ereignis-Ablaufes in mir verging die Zeit als solche unendlich langsam und vollführten die, welche in gleicher Zeit viel weniger Abwechslung erlebten, in meinen Augen Bewegungen gleich einem verlangsamt im bewegten Lichtbild dargestellten springenden Pferd. Nun schritten meine Vorfahren überdies wirklich langsam einher, hatten sie sehr viel Zeit. Von ihrem Arbeiten spürte ich wenig, denn in das sogenannte Kontor durfte ich nicht hinein, und was sie sonst taten, wie Regieren, Planen, Disponieren, Pflanzen, Reden — vor allem Reden — war gerade das, woran teilzunehmen mir schönste Füllung meiner Mußestunden war: so lag ihr Leben für mich von Hause aus auf der Ebene der Dichtung. Mein Vater pflegte uns Kindern jahraus, jahrein, in unregelmäßigen Abständen, die von ihm jeweils aus dem Stegreif erfundene Geschichte von Philipp und Sophie zu erzählen — nachstenographiert und gedruckt, gälte sie heute vielleicht als eine der großen Kinderepen aller Zeiten: während dann sein Riesenkörper, dem Gotte Nil nicht unähnlich, auf breitem Ruhebett ruhte, während wir Putten ringsum auf dem Boden hockten oder lagen, sah ich mein Kinderleben aus dem Abstand der Erwachsenen, und dies konsolidierte in mir das Bewußtsein nicht zu überwindender Distanz zu deren verschiedener Dimension. Das Leben der Vorfahren war mir durchaus Epopöe. Alles geschah oder stand an dem vom Geist der Dichtung vorausbestimmten Platz. So mußte es auch in rhythmischen Intervallen Wiederholungen geben, die ein ganz anderes bedeuteten, als die Routine meines Kinderlebens. Das Vorfahren-Leben skandierte sich nach Festen, wozu für mich gleichsinnig politische Tagungen, Jagden, Familienfeste und Nachbarnbesuche gehörten. Das umfassende Epos, das ich schauend erlebte, setzte sich nun seinerseits aus vielen selbständigen Unterepen zusammen, welche ich alle als konkrete Einheiten empfand, und jedes hatte seinen besonderen Raum und seine besondere Zeit; aus solcher Kinderschau ist wohl die Raumzeiteinheit der klassischen Tragödie entstanden. Es gab die Könno’sche Welt, das war die unsere; die Jervakant’sche, die der Eltern meines Vetters Otto Taube; die Großvaterwelt von Rayküll, die Großmutterwelt von Audern: jede vollkommen einheitlich nach Rhythmus, Art und Sinn, aber jede qualitativ verschieden von jeder anderen, so daß ich auf Vergleiche und Generalnenner-Suche überhaupt nicht kam.

Die besondere Zeit meines Großvaters Alexander Keyserling forderte keinen Fortschritt, keine Karriere. Ihr Fundament war das Gefühl vollkommener Gesichertheit einerseits und unvermeidlicher Sinnerfüllung andererseits. Weder Gewinnstreben noch Ehrgeiz konnten für ihn Dominanten sein. Es war dies nicht Goethesche Zeit: es war die des durch Gottes Ratschluß auf seinen besonderen, sehr hochragenden Platz gestellten unabhängigen Edelmannes. Montaigne schildert wie er, in Rom angelangt, als französischer (noch so kleiner) Ritter ebenso selbstverständlich, wie sich der Fremde heute bei der Polizei zu melden hat, dem Papst seine Aufwartung zu machen hatte: nicht viel anders stand es bis gegen Ende der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit allen baltischen Edelleuten von hoher Bildungstradition und dementsprechenden Beziehungen. Noch mein Onkel Otto von Taube, der Vater des Dichters gleichen Namens, der in Wahrheit der Generation meines Großvaters angehörte (er heiratete spät), erlebte als junger Mann, welchen sein Vater altem Brauch gemäß, mit einigen Goldrollen ausgestattet, auf seine Europa-Fahrt geschickt hatte, in bezug auf den König von Neapel gleiches wie Montaigne: wie er sich, gerade in dessen Residenz eingetroffen, bei einem Friseur rasieren ließ, trat ein Hofbeamter auf ihn zu, apostrophierte ihn als augenscheinlichen Edelmann und machte ihm Vorwürfe darob, daß er sich noch nicht bei Hof gemeldet hatte.

Ein Mensch von der Begabung Alexander Keyserlings nun fand, obschon er vor seiner Heirat gar kein Geld hatte, von vorneherein alle Höhenwege des Lebens für sich frei. Dies war ihm aber dermaßen selbstverständlich, daß kein Ehrgeiz je von ihm Besitz ergriff. Er hat nicht annähernd das geleistet, was er hätte leisten können; er begnügte sich damit, sein Bestes dort zu tun, wohin ihn das Schicksal stellte — Bismarck erklärte später, er sei der einzige Mann gewesen, vor dessen Verstand er Angst gehabt hätte. Diese Sonderart von ihm ging so weit, daß er sich sogar mit einer anderen Frau verheiraten ließ, als er’s erwartete. Die Frau des Finanzministers Grafen Cancrin wollte ihn durch Heirat mit einer Tochter an sich ketten, und mein Großvater meinte, diese würde die von ihm sehr verehrte spätere Gräfin Lambert sein. Wie es die andere Schwester war, da war er einen Augenblick verdutzt, wahrscheinlich wohl auch enttäuscht (gezeigt hat er es nie), beschied sich aber dann und ward ein nicht nur vorbildlicher, sondern auch glücklicher Ehemann. Ebenso heiter und gleichgültig gab er seine so glänzend begonnene Naturforscher-Laufbahn auf (er zusammen mit Murchison und Verneuil war der Begründer der Geologie Rußlands, und später entdeckte er die Quellen des Petschora). Doch dieses Nachgeben bedeutete bei ihm nichts anderes, wie bei anders Gearteten energische Initiative: es gehörte zu ihm, als Sonderstil eines bedeutenden Menschen. So wurde er als junger Mensch wohl angestaunt, doch nie beneidet, als Reifer allerseits anerkannt, als alter Mann hochverehrt; kam er in seinen letzten Jahren nach Petersburg, dann bemühte sich der ganze kaiserliche Hof darum, ihm alle gebührenden Rücksichten und Ehrerbietung zu erweisen. Dieses galt aber einzig seinem Sein, keiner besonderen Stellung oder Leistung. Zeitlebens brauchte er weder seinen Rang zu beweisen noch gar für diesen zu zahlen: er war da.

Alles dieses zusammen ergab denn für ihn und seinesgleichen eine Zeitgeisteinheit und damit einen Stil, den ich als Kind schon als so einmalig empfand, wie er tatsächlich war; ich kam gar nicht darauf, daß auch andere Generationen so sein und leben könnten. Ihr Stil war ein rein statischer, Ehrgeiz und Initiative über ein bestimmtes Maß hinaus hätten ihn gesprengt. Weder kamen sie noch kamen andere darauf, die Gültigkeit der Hierarchien anzuzweifeln, welche diesem Leben die Ordnung gab. Es stellte sich zumal weder die soziale noch die nationale Frage — und es ist schlechthin wesentlich zum Verständnis jener Menschen, daß sie sich nicht stellte. Kein Knecht, kein Bauer kam damals darauf, daß er ein Recht auf Besseres hätte, und kein Herr hielt sich edelstenfalls zu anderem verpflichtet als dazu, ein möglichst guter Herr zu sein. So widerriet mein Großvater Alexander II. entschieden die Bauernbefreiung, so wie sie dieser plante und auch durchführte, und nicht nur deshalb, weil der eingeschlagene Weg tatsächlich nicht zweckmäßig war. Was jedoch die nationale Frage betrifft, so galt für meinen Großvater und seinesgleichen dies: es war ihm selbstverständlich, daß Ober- und Unterschichten verschiedener Rasse angehörten und verschiedene Sprachen redeten. Tatsächlich galt dies in Europa seit der Völkerwanderung, während welcher Landfremde die Alteingesessenen überschichteten, ursprünglich beinahe überall; vor allem aber legte das Bewußtsein früherer Zeiten den gleichen Nachdruck auf Stellungsunterschiede, welcher heute auf Volkstumsunterschiede gelegt wird; so mißtrauten die Bauern von Jassnaja Poljana Leo Tolstoi von vorneherein darum, weil ein Fremder ihr Leben führen wollte. Nicht germanisiert wurde im Baltikum aus Hochmut; ebenso soll es Karl der Große gehalten haben, weswegen das Frankenreich französisch wurde. Die Frage der Landes- und Volkszugehörigkeit schien aber irrelevant, weil das persönliche Unabhängigkeitsgefühl die letzte Instanz war. Die Baltischen Ritterschaften hatten im Lauf der Geschichte bald mit diesem, bald mit jenem Landesherrn paktiert und sich unter seine Suzeränität gestellt; es war jeweils derjenige, der ihre Eigenart und ihre Unabhängigkeit am besten zu schützen in Aussicht stellte; und die entsprechende Art von Selbstgefühl, von dem in Deutschland nur noch ein schwacher Abglanz in den Reichsunmittelbaren lebte, beseelte ganz selbstverständlich die Kultur der Generation meines Großvaters, welcher dem Typus des Hochadels angehörte. Wie völlig unanwendbar die Kategorien des 20. Jahrhunderts auf das Selbstbewußtsein jener Zeit waren, illustriert gut die folgende Episode aus meines Großvaters Leben. Als er Kurator der Universität Dorpat war, begannen die ersten, damals noch recht zaghaften Übergriffe des Russentums auf unser Baltenleben. (Bekanntlich war unser Land von Rußland nie erobert worden. Am Ende des nordischen Krieges schloß der damalige Ritterschaftshauptmann von Estland, ein Ungern-Sternberg, unbesiegt mit Peter dem Großen einen Vertrag, laut welchem der Zar die Suzeränität über das Land gewann, dafür aber für sich und seine Nachfolger die Verpflichtung einging, unsere Privilegien zu achten; zu diesen gehörte das Recht auf die protestantische Religion und auf die deutsche Sprache als die Amtssprache in Liv- und Estland.) Eines Tages kam die Weisung, der Kurator solle zu Kaisers Geburtstag nicht in die protestantische, sondern in die griechisch-orthodoxe Kirche gehen. Mein Großvater — ich erzähle die Geschichte so, wie sie auf Grund seiner Erzählung in der Familienüberlieferung fort lebt — weigerte sich. Da ließ ihm Kaiser Alexander II., der ihn persönlich hoch verehrte, sagen, er möge doch keine Schwierigkeiten machen, hier handle es sich um eine rein politische Kundgebung. Mein Großvater schrieb sofort dem Sinne nach das folgende zurück:

Ew. Majestät Meinung hat mich mit Staunen erfüllt. Wenn ein Gebet für den Kaiser eine politische und keine religiöse Handlung sein soll, dann müßte logischerweise ein Gebet um Gesundheit eine medizinische und ein Gebet um Regen eine meteorologische Handlung sein. Solche Auffassung widerstreitet meiner Naturforscherüberzeugung — und so reiche ich als Kurator meinen Abschied ein.

Seither lebte er als unabhängiger Edelmann still auf Rayküll und ließ sich auch nicht fortlocken, als ihn ungefähr gleichzeitig Alexander II. für Rußland und Bismarck für Preußen als Kultusminister anforderten.

Das für meine persönliche Vorfahrenwelt Eigentümliche ist nun, daß alles spezifisch Keyserlingsche, auch in mir selbst, für mein Gefühl der Großvater-Zeit angehört. Der Grund dafür ist der, daß unser Familientypus als solcher ein ebenso geistiger als milder war, wie ihn Alexander als Höchstausdruck desselben verkörperte. Von seinem Vater schrieb dieser:

Mein Vater war so milde, daß keines seiner Kinder je ein böses Wort von ihm gehört hat. Gern unterhielt er sich mit ihnen über ernste Gegenstände, gern lauschten sie seinen Auseinandersetzungen und Erzählungen. Mein Vater war ein klarer Bekenner der Kantschen Sittlichkeit und Philosophie und rettete mit dieser Erkenntnis die Frau von der pietistischen Wendung einer krankhaften, körperlich verursachten Beängstigung, mit der sie sich einige Jahre zu plagen hatte. Er war ein hochgebildeter Mann, bis in sein Alter der alten Sprachen kundig. Er las viel englisch und gab in späteren Jahren seiner in geistiger Arbeit stets frischen und ausdauernden, hochintelligenten Frau die erste Anleitung zum Studium des Englischen. Er sprach und schrieb gut französisch und führte in deutscher Sprache eine der ausgezeichnetsten Federn. Er war und blieb bis an sein Ende ein vorzüglicher Jäger und Schütze, Reiter und Rosselenker. Für alle landwirtschaftlichen Bauten hatte er sich zu einem vollendeten Architekten ausgebildet. Er war ein liberaler Mann, viel in öffentlichen Geschäften tätig. An der Bauernemanzipation hat er aktiven Anteil genommen und ist ein Hauptbegründer der Kurländischen Kreditbank. Bei seiner rastlosen Tätigkeit war ihm die Musik die liebste Erholung. Selbst ein ausgezeichneter Klavierspieler, versammelte er im Winter in Kabillen auf vierzehn Tage eine Gesellschaft, die sich ausschließlich mit Musik beschäftigte, bei welchen Zusammenkünften Probst Amende, ein Freund Beethovens und Violinist ersten Ranges, hervorragte1.

Über Alexander Keyserling schreibt seine Tochter Helene von Taube:

Mein Vater war ein Weiser und ich habe ihn nie klagen noch über Unabwendbares Vorwürfe machen hören. Er war selten krank, aber jegliches Unwohlsein griff ihn dermaßen an, daß die Apathie, die einen so großen Gegensatz zu seiner gewöhnlichen Regsamkeit bildete, uns alle mehr beunruhigte, als unserer Mutter häufige, oft schwere Erkrankungen. Sie trug alle körperlichen Schmerzen mit Heroismus und besiegte sie sozusagen durch ihre Liebesmacht, die, je mehr sie litt, um so stärker hervortrat. War mein Vater krank, so litt er still, wollte weder Mittel noch Ärzte, die er für das größere Übel hielt. Geistige Arbeit mit seinen Kindern zu teilen, als sie heranwuchsen, war ihm Bedürfnis. Als mein Bruder ungefähr vier und ich etwa acht Jahre alt war, fing mein Vater an, sich mit uns zu beschäftigen.
Er machte mit uns lange Spaziergänge, und da er sagte, er sei wie der Teufel, der nie auf demselben Weg zurückkehrt, so kam es vor, daß wir ungeachtet aller Hindernisse über Gräben und Zäune, durchnäßt und abgerissen heimkamen, zur Verzweiflung unserer sehr ängstlichen Mutter. Die zarte Gesundheit meines Bruders beunruhigte sie besonders. Oft war der Kleine so müde, daß er, an einen Steinzaun sich anlehnend, ausrief: Ich bleibe hier, ich kann nicht weiter! — Niemals rief mein Vater uns einen Befehl zu, er appellierte an das Ehrgefühl, erzählte von den Reisen Barths und Overwegs in die Sahara und sagte höchstens: Schämst du dich nicht, wenn du an die Entbehrungen und Gefahren denkst, mit denen diese Männer zu kämpfen hatten? — Das machte stets Eindruck und wir langten, sehr stolz auf unsere Strapazen, zu Hause an… Gleich der liberalen Erziehung, die er in seinem Elternhaus genossen, ließ er uns volle Freiheit; im Garten oder in den weiten Räumen des Hauses führten wir ein Phantasieleben, das jahrelang fortgesetzt wurde… Auch von unserem Vater läßt sich sagen, was er von dem seinen rühmte, daß wir Kinder nie ein böses Wort von ihm gehört. Er hatte eine natürliche Heiterkeit, die ihn nie, auch in den schwersten Stunden nicht, verließ. Er erschien dann nur ernster als sonst. Die gegebene Aufgabe in der Gegenwart freudig zu erfüllen und sich nicht um eine ungewisse Zukunft zu ängstigen, war der Grundzug seines Charakters, der wohl seinem Wesen die gleichmäßige Ruhe verlieh. Niemals gab er seinen Gefühlen so weit nach, daß sie ihn für die geistigen Interessen und die allgemeinen Fragen der Gegenwart abstumpften. Er tadelte es an subjektiven Naturen, daß sie sich so leicht durch ihr Gefühlsleben beeinflussen ließen, die Außenwelt nicht mehr zu beachten. Was nützt es, sagte er einmal einem jungen Menschen, daß man dich reisen läßt; du trägst eine Art Regenmantel um deine Seele, durch den alle äußeren Eindrücke ebensowenig durchdringen können als der Regen durch den Mantel. Er abstrahierte von eigenen Gefühlen und erkannte vor allem den kategorischen Imperativ Kants an. Daher konnte er bei all seiner Milde, besonders jüngeren Leuten, streng erscheinen, weil er höhere Anforderungen an die Menschen stellte. Dennoch hatte er Verständnis für die verschiedenartigsten Empfindungen; nur wollte er nicht, daß der Mensch sein schönstes Vorrecht, die Vernunft und den Verstand, preisgeben sollte… Er hatte ein fast frauenhaftes Verständnis für alle zarten Regungen des Gemütes und den gleichen Abscheu vor allem Rohen. Seine Weltauffassung war eine optimistische, harmonische, und diese bewährte sich auch in schweren Prüfungen… In den Tagebuchblättern des Grafen Alexander Keyserling, Philosophisch-Religiöse Gedanken, sind seine Anschauungen über Religion und Weltordnung veröffentlicht. Hier sei nur gesagt, daß ihn religiöse Probleme von Jugend auf bis in seine letzten Tage beschäftigt haben; er rang nach der Wahrheit, aber bei aller Schärfe des Denkens legte er den größten Wert auf die Liebesmacht, die Christus nach ihm bis ans Kreuz in einer nie dagewesenen Kraft betätigt hatte, und dahin kehrte er immer zurück, zu der alle Widersprüche ausgleichenden Auffassung des Evangeliums Johannes: Gott ist die Liebe.

Dem gleichen Typus haben alle Keyserlings der alten Generation so ausgesprochen zugehört, daß sie vom 18. Jahrhundert an mehr oder weniger als besondere Menschenart anerkannt wurden, als ein sehr anderes, als es die sonstigen Geschlechter Kurlands und Preußens waren. Kein bedeutender Keyserling war Krieger, keiner Kämpfer im Verstande des zweiten Drittels des 20. Jahrhunderts. Es waren allesamt dem Temperament nach langsame und körperlich ungewandte, geruhsame aber zähe, sehr vielseitig begabte, geistig allseitig interessierte und behende, musische, sehr ironische, sehr humorvolle, sehr überlegene, wesentlich milde und friedliche, nicht willensstarke, sondern von Natur aus eher indolente Menschen ohne Ehrgeiz und ohne kinetische Energie, von ausgesprochen philosophischer Grundhaltung und ebenso ausgesprochener Detachiertheit; befähigt, von hoher Warte her den verschiedensten Ansprüchen und Tätigkeitsgebieten gerecht zu werden. Als Landwirte waren sie eher Theoretiker als Praktiker, doch gerade darum oft bahnbrechend; als Staatsmänner nicht unähnlich jenen Gelehrten, welche wieder und wieder die Geschicke des Reichs der Mitte mit feinem Fingerspitzengefühl gelenkt haben. Rechnet man in anderer Analogie den sonstigen baltischen Adel in Transposition auf Indisches der Kshatriyakaste zu, so darf man die Keyserlinge als Brahmanen ansprechen. Und das Merkwürdige war, daß alle Welt ihnen über zwei Jahrhunderte lang auch ohne weiteres eine Brahmanen-artige Stellung zuerkannte. An ihrem Beispiel erkannte ich zuerst den Wesensunterschied zwischen Autorität und auf möglicher Gewaltanwendung beruhender materieller Macht. Die Keyserlinge hatten nichts Durchsetzerisches, nichts Aggressives; sie strebten nie nach der unverhältnismäßig hohen Stellung, die ihnen als Familie zugestanden wurde, versuchten deren Berechtigung auch nie unter Beweis zu stellen. Ihre Kultur war ausgesprochene Seins-, im Gegensatz zu Könnenskultur, und gerade jene wirkte in ihrer unwillkürlichen Ausstrahlung so ungeheuer stark. So waren mir Geist und Milde, Geist und Zartheit, Geist und Wunschlosigkeit vom Bilde meines Großvaters als höchsten Vertreters des Familientypus her Synonyma. Und war meine hauptsächlich durch das mütterliche Erbe und dann wohl auch durch russische Vorfahren bestimmte Erdnatur alles eher als im skizzierten Sinne keyserlingisch, so konnte ich andererseits deren angestrebte Vergeistigung nur als Verkeyserlingichung vorstellen. Hieraus vor allem erklärt es sich, wieso ich nach der schweren Duellverwundung in Dorpat im Jahre 18982, die meine Vitalität schwächte, so plötzlich selbstverständlich und dermaßen ausschließlich meine Natur auf deren sensitiven Pol umzentrieren konnte. Begriff ich also aus Familienvorurteil den Geist als wesentlich nicht weltgewaltig, so bedingte das gleiche Vorurteil, daß ich das väterliche Prinzip ursprünglich milde und zart vorstellte und von Kind auf bis zu der Zeit, da ich dieses schreibe, alles irdisch-Gewaltige unwillkürlich auf das mütterliche Prinzip zurückführe; worüber man Näheres im Schlußkapitel dieses Bandes finden wird. An diesem Bilde vom väterlichen Geiste hinderte mich die Tatsächlichkeit meines Vaters nicht, denn war dieser sonst ganz anders als die sonstigen Keyserlinge — dies war so sehr der Fall, daß mein Großvater einmal von ihm meinte: Das ist keine richtige Vererbung, sondern ein Generationswechsel! Genaueres über dessen Sonderart wird der Leser in den Kapiteln Mütter und vor allem Tolstoi finden — war er als Physis eine noch mächtigere Erscheinung als meine Vorfahren mütterlicherseits und als Persönlichkeit von außerordentlichem spezifischem Gewicht, so war er doch zutiefst wegen seiner ausgesprochenen russischen Seelenweichheit genau so milde, ja noch milder als die typischen Keyserlinge. Wie ich nun als Student aus dem Nest meiner nächsten Familie ausflog und bald geistiges Streben in mir erwachte, da lernte ich auf meinen ersten Reisen mehrere Söhne von Brüdern meines Großvaters sowie Vettern zweiten Grades meines Vaters kennen: diese alle verkörperten, ob sie im übrigen mehr oder weniger begabt waren, durchaus den Urtypus der Familie, und seither stellte ich mich als geistig Strebender vollbewußt keyserlingisch ein. Und da war es bei meiner unbändigen Vitalität und der, man kann wohl sagen, Primitivität und Barbarei meiner irdischen Urnatur wohl segensreich, daß ich unter anderen Keyserlings am häufigsten mit dem Zartesten zusammentraf: dem Dichter Eduard. Dieser war, so dekadent er erschien mit seinem beinahe aztekenhaft winzigen Kopf, der fliehenden Stirn und der fast völligen Kinnlosigkeit (welches Dekadente bei ihm aber nicht Keyserlingsches, sondern Rummelsches Erbe war; alle Keyserlings waren und sind noch heute als Typus ungewöhnlich gesund), als Endzustand nämlich im höchsten Grade artgerecht. Er war ohne Energie, ohne Entschlußkraft, wie wenige indolent; seine Passivität grenzte beinahe an Lethargie. Nur dank ihr erlitt er ein so schweres Schicksal. Als Student vergaß er einmal eine Geldsendung rechtzeitig abzusenden, vergaß dann wiederum, daß er es nicht getan hatte, und so ergaben sich Unstimmigkeiten, welche die kurländische Ritterschaft aufgriff. Vettern und Brüder waren, wie in solchen Fällen üblich, die härtesten Beurteiler; auf deren Anstiften wurde er auf Grund eines wirklich lächerlichen Versehens aus der kurländischen Adelsmatrikel ausgeschlossen. Bis daß er sich in Deutschland niederlassen konnte, war sein Leben grauenhaft. Jahrzehntelang bewirtschaftete er Güter seiner Brüder in Kurland, ohne daß man mit ihm verkehrte. Er duldete alles still, und sein reicher Geist wurde dabei immer feiner, sein Schönheitssinn immer zarter und tiefer. So erwuchs aus namenlosem Leiden eine wunderbare Leid- und Entsagungskultur, die durchaus in der Keyserlingschen Möglichkeit liegt. Ja, es erwuchs aus ihm die größte menschliche Herbstkultur, von der ich unter Europäern weiß. Eduard Keyserling war so fein, so empfindsam, so rücksichtsvoll, daß er den zwei alten Schwestern, welche bei ihm in München wohnten und für welche er rührend sorgte, unbedingt mit ihm ganz unnatürlicher Hartnäckigkeit vorenthalten wollte, daß er erblindete. Ich als erster bemerkte, was mit ihm vorging und brachte ihn schließlich dahin, es sich und anderen einzugestehen. Seine Blindheit ertrug er alsdann gleich großartig wie in seiner Jugend seine Geächtetheit.

In dieser Selbstüberwindung äußert sich bei Eduard, wie dies Otto von Taube in seinen Erinnerungen über ihn (veröffentlicht in der Septembernummer 1938 der Neuen Rundschau, Berlin, S. Fischer Verlag) mit Recht betont hat, auch Stoizismus und spezifisch baltischer Puritanismus. Doch der Ursprung seiner Haltung lag doch im Allverstehen, welches ganz natürlich ein Erleben des eigenen Schicksals im Zusammenhang des Allgemeinen bedingte, und in der Freiheit vom Ich, welche gleiches Verstehen ermöglicht. So war das, was später das Spezifikum meines Reisetagebuches darstellen sollte, schon im besten Familientypus vorgebildet. Und gleiches gilt vom Kontemplativen in mir überhaupt. Wie ich sechs Jahre alt war, zeichnete ich einmal ein grotesk karikiertes Bild des Ägyptergottes Knuphis (des Gottes mit dem Widderkopf), über den mir gerade vorgelesen worden war. Mein Vater kam hinzu und bemerkte: Wie wäre deiner Mutter wohl zumute, wenn du den Christengott so zeichnen würdest? Diese Bemerkung machte mir nicht allein gewaltigen Eindruck, sie leuchtete mir so selbstverständlich ein, daß ich den sogenannten Relativismus des Reisetagebuches jedenfalls bis zu jenem zarten Alter als Anlage zurückführen darf. Es war aber schon damals nicht Relativismus, sondern, wie dies Olga von Ungern-Sternberg in ihrem schönen Beitrag zu der Ehrengabe im Manuskript, die mir zu meinem sechzigsten Geburtstag überreicht wurde, treffend bestimmte Tragfähigkeit der Seele. Ich, gleich meinen Vorfahren, hielt und halte es aus, die nun einmal bestehenden Widersprüche und Widersinne in der Weltordnung als solche zu ertragen, ohne faule Kompromisse zu machen. Und solche macht nicht allein der, welcher nichts Absolutes anerkennt, sondern genau so der, welcher nur eine bestimmte Lebensform als existent oder existenzberechtigt behauptet; drückt sich jener um geistige Entscheidung, so verschließt dieser die Augen vor der Wirklichkeit, so wie sie wirklich ist, und beweist damit moralische Feigheit. Kein echter Keyserling nahm je Stellung im Sinn beschränkter Einseitigkeit. Wäre unser Grundtypus weniger ironisch, weniger achtzehntes Jahrhundert gewesen, unsere Familie hätte leicht Heilige indischer Artung hervorbringen können. Allein kein Typusgerechter unter uns war als Anlage starken Glaubens fähig. Von uns allen galt mehr oder weniger, was ich im Epilog Mein Glaube zu Wiedergeburt dargestellt habe: wir konnten nicht glauben, bevor wir erkenntnismäßig wußten; und wir mußten erkennen, um richtig zu erleben. Mit dieser Unfähigkeit zu einseitiger Behauptung hängt die, verglichen mit ihrer großen und hohen Begabung, merkwürdig geringe historische Leistung meiner Familie zusammen. Von den zwei bedeutendsten Keyserlings des 18. Jahrhunderts, dem Staatsmann Karl Hermann, dem Hauptmäzen Johann Sebastian Bachs, und Diedrich (Cäsarion), dem schier grenzenlos begabten Dilettanten, welchen Friedrich der Große von all seinen Freunden am höchsten schätzte und der den nachhaltigsten Einfluß auf ihn ausübte, scheint überhaupt nichts Schriftliches erhalten geblieben zu sein. Auch was mein Großvater leistete, leistete er recht eigentlich als freundlich Gewährender; ohne sein Unglück hätte Eduard wenig geschrieben, und von mir ist soviel wohl gewiß, daß ich ohne den Verlust von Heimat und Vermögen nie den Aktivismus entwickelt hätte, der mich von 1918 bis etwa 1931 kennzeichnete. Bis 1918 galt ich in meiner Heimat selber als Typus des 18. Jahrhunderts. Gern wäre ich als freier Herr in Rayküll geblieben; ich hätte dann nur hie und da, wenn die Stunde drängte, Bücher der Reife geschrieben — literarisch beurteilt, sicher bessere Bücher, als mir die Unrast meines späteren Lebens zu schreiben ermöglicht hat. Ungeweckte Anlagen wirken ja nicht ebenso wie verdrängte; hier liegen die Dinge beim Mann, der nie Gelegenheit hatte, sein Tätertemperament zu erproben, wie beim Mädchen ohne Geschlechtserfahrung. Nie habe ich als Herr von Rayküll den ungestümen Betätigungsdrang gespürt wie später in Darmstadt. Noch 1918 malte ich mir meine Zukunft so aus, daß ich zeitlebens zwischen Rayküll und Könno hin und her pendeln, die Früchte der Investierungen meiner Jugend ernten, gelegentlich Reisen machen und mir im übrigen selber genügen würde als detachierter philosophischer Geist, welchem jeder gern eine Sonderstellung einräumte. Anerkanntermaßen waren die Keyserlinge im Baltikum die kluge Familie; war einmal einer unbegabt, so wurde dies beinahe als Skandal empfunden. Ihnen wurde auch so selbstverständlich die Stellung einer höheren Kaste, wie es in Indien die der Brahmanen ist, zuerkannt, daß sogar ich, obschon in nicht-Keyserlingscher Umwelt aufgewachsen, in meiner Kindheit von einem Gefühl größerer selbstverständlicher Privilegiertheit erfüllt war, als ich es je später bei Fürstensöhnen bemerkt habe. Aber was die ungeistigen Balten kurz und bündig klug hießen und was so gar nicht für uns Keyserlinge charakteristisch war, war in Wahrheit das Spezifische brahmanischer Einstellung.

Ich war, wie gesagt, von Haus aus in allen vitalen Hinsichten ganz anders als die Keyserlinge sonst. Von jeher hatte ich das Temperament, um dessentwillen die Legende meiner Abstammung von Dschingis Khan so bereitwillig Glauben findet, war ich nicht allein geistig, sondern auch gleichsam raubtierhaft schnell, heißblütig, heftig, reizbar, maßlos und gänzlich unasketisch. Auch fühlte ich aus Geistesgründen, die in der Tolstoistudie genau erörtert werden sollen, eine unter den Balten sonst seltene Wahlverwandtschaft mit dem Russentum. Doch als ich geistig erwachte, da kam eben damit der Keyserlingsche Urgeist über mich, so daß ich mich seither jahrzehntelang, wann immer ich auf rein theoretischer Ebene beschaulich leben konnte, in die Keyserlingsche Vorfahrenwelt entrückt gefühlt habe. Daher vor allem meine spätere Kontaktlosigkeit mit der unmittelbaren Wirklichkeit, die mich als Kind gar nicht gekennzeichnet hatte. Seither erlebte ich alle Dinge aus ähnlicher Distanz, wie sie mein Großvater nicht allein sah, sondern wie sie seiner realen Stellung inmitten einer realen Umwelt wirklich, der meinen jedoch, von den Tatsachen her beurteilt, nicht viel anders wie solches von spielenden Kindern gilt, entsprach (als Kind soll ich besonders gut und phantasievoll gespielt haben, auch die Erwachsenen in meine imaginäre Welt hineinzwingend). Von da ab lebte ich aus einer mir entsprechenden imaginierten Welt heraus, die solange eine völlig irreale war, bis ich zur Philosophie der Sinngebung reif und damit fähig wurde, prophetisch und nicht gelehrtenhaft, initiatorisch und nicht nachdenkend zu schaffen und zu wirken. Daher jene Kultur des Lebens in der Zeitlosigkeit, dank der ich schließlich überhaupt, wenn auch in einem im Westen meines Wissens bisher nicht vorgekommenen Sinn, zum produktiven Philosophen werden konnte, welche Endform meiner Existenz ich mir als Kind und Jüngling nie auch nur geträumt hätte. Denn von östlicher Philosophie hörte ich zum erstenmal durch Chamberlain und viel später erst empfand ich Östliches als mir selber wahlverwandt. Hier hängt alles ursprünglich damit zusammen, daß ich mich als Geist bewußt dem Bilde meiner väterlichen Ahnen nachbildete. Daß dies mir aber, wenn auch in noch so persönlicher Abwandlung, gelingen konnte, ergibt sich aus der Umkehr des Faustverses: Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir. Freilich habe ich diesen Geist andererseits auch dichterisch erschaffen, wie es denn die ganze von mir erlebte besondere Großvater-Zeit als objektive Zeit nur für mich und mir Ähnliche gab. Doch jeder Mensch von Phantasie lebt heute noch aus Mythen heraus und auf Mythen hin. Alle Seele aber lebt in und von Bildern, nicht von sogenannten Tatsachen, als welche es, genau betrachtet, gar nicht gibt. Nur transfigurierte Tatsachen sind bedeutsam und insofern letztlich wirklich.

1
Zitat aus der Lebensskizze des Grafen Alexander Keyserling, verfaßt von seinem Sohn Graf Leo Keyserling, die dem Band Aus den Tagebuchblättern des Grafen Alexander Keyserling, philosophisch-religiöse Gedanken; Stuttgart 1894, Cotta), vorgedruckt ist. Das ausführlichste veröffentlichte Material über meinen Großvater enthält das zweibändige Werk seiner Tochter Helene von Taube: Graf Alexander Keyserling, ein Lebensbild aus seinen Briefen und Tagebüchern, 1902 (jetzt bei Walter de Gruyter, Berlin). Doch viel unveröffentlichtes Material liegt noch bei mir und seinem zweiten männlichen Enkel Otto von Taube, und vieles wohl auch in den Archiven von Reval, Dorpat, Riga und Petersburg. Von einem kuriosen Beispiel der alt-Keyserlingschen Musikalität, die sich seit dem 17. Jahrhundert immer erneut manifestiert hat, erfuhr ich 1933. Wanda Landowska, die Spinett- und Cembalospielerin, rief mich, während ich auf der Durchreise in Paris weilte, einmal an:
Wollen Sie nicht zu einem Familienfeste kommen? — Wieso? — Ich spiele heute nachmittag vor Freunden Bachs Goldbergvariationen. Diese sind, wie ich jetzt sicher festgestellt habe, so entstanden, daß ein Vorfahr von Ihnen (der Reichsgraf Carl Hermann Keyserling, damals russischer Gesandter in Dresden und Warschau), einer von Bachs Hauptmäzenaten, und der gleich Ihnen an Schlaflosigkeit litt, den großen Musiker bat, etwas für ihn zu komponieren, das ihm vielleicht den Schlaf schenken kennte: als Erfüllung der Bitte überbrachte ihm Bach die Goldbergvariationen!

Die Geschichte stimmt. Sie steht in Albert Schweitzers Bach-Biographie (man schlage in ihrem Register nach) genau wiedergegeben.

2Eine gleichsam geradlinig ausgeführte Lebens- und Entwicklungsgeschichte meiner selbst bis zum Jahre 1925 enthält die Einführung Von der Produktivität des Unzulänglichen zu Menschen als Sinnbilder, die ich für die französische Volksausgabe des Jahres 1939 (Figures Symboliques, Librairie Stock, Paris) des gleichen Buches in einer besonderen Vorrede Anticipation et Réalisation bis 1939 fortgeführt habe. Wer sich dafür interessieren sollte, die Generallinie meiner Entwicklung gleichsam ungebrochen zu sehen, dem empfehle ich die Lektüre dieser Selbstdarstellung zur Ergänzung der Reise durch die Zeit, aus deren vollständiger Serie sogar, wegen der Verschiedenheit des Ansatzpunktes, von welchem jedes Kapitel ausgeht, die Generallinie nicht leicht zu rekonstruieren sein dürfte. Dort findet sich auch die ungeheure Bedeutung jener Duellverwundung für meine Vergeistigung genau geschildert. Dagegen muß ich heute alle Zurückführung von Eigenschaften auf mongolisches Rassenerbe als falsch widerrufen: meine sehr weit hinaufreichende Ahnentafel hat zu meinem Erstaunen erwiesen, daß ich überhaupt kein nachweisbares Mongolenbluterbe in mir trage.
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
I. Ursprünge und Entfaltungen
© 1998- Schule des Rades
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