Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

II. Abenteuer der Seele

II. Roman von Ungern-Sternberg - Raubtiermensch

Es hat tiefen Sinn, dass Roman Ungern-Sternberg mir nach so vielen Jahren erneut gegenwärtig geworden ist. Er war viel zu viel jünger als ich, als dass er mir damals, wo ich ihn näher kannte, hätte zum Sinnbilde werden können. Und lange Jahre später fehlte mir jede Veranlassung, mich seiner wieder zu erinnern. Nun aber spaltet sich die ganze Menschenwelt im Großen mehr und mehr so auf, wie Roman persönlich aufgespalten war: hier Geistigkeit, Allverstehen, im Höchstfall Heiligkeit, aber auch Schwäche und Feigheit, dort Mut, Missachtung des Lebens, Härte — aber auch Bosheit und Grausamkeit. Und so dient mir das Nachbarskind von einst ganz natürlicherweise zum vereinigenden Symbol für viele Neigungen, Strebungen und Bewegungen, an denen ich, so oder anders, im Laufe meines Lebens teilgehabt habe.

Roman war der erste Mensch, an dem ich überhaupt Böses wahrgenommen hatte; denn nicht allein das Zornige und Harte, auch das Nachtragende, ja sogar das Hinterhältige, wie ich es bis dahin kannte, hatte mich nie als wirklich böse beeindruckt. Das lag wohl daran, dass ich all diese Eigenschaften auch an mir kannte und fest davon überzeugt war, selbst nicht böse zu sein. Zorn bedeutete normalerweise der Seele wohltuende Explosion, und nur das Warme und Heiße konnte meiner Erfahrung nach explodieren; Härte aber bewunderte ich wie wohl jedes weichherzige Kind. Nachtragen fand ich natürlich, bis dass die Kränkung vergessen war und in dem, was meine moralistische Mutter in Bausch und Bogen als hinterhältig verurteilte, eben damit Gegenbewegungen in mir auslösend, sah ich das normale Verhalten der Ängstlichen und Schwachen; wie ich denn Estenmütter ihre Kinder oft hatte exhortieren hören, falls ein Herr ihnen eine Frage stellte, deren Beantwortung nicht ganz sicher unbedenklich war, nur ja nicht die Wahrheit zu sagen: das könne man immer noch früh genug, wenn kein anderer Ausweg bliebe. Im übrigen war ich mit Hinterhältigkeit persönlich nie weit gekommen, da ich von jeher ein miserabler Schauspieler war und schnell durchschaut wurde; Verrat war mir niemals begegnet. Auch Rachegefühle hatte ich als Kind niemals am Werk gesehen, auch persönlich nie welche empfunden, und so gern ich meine ältere Schwester quälte, Bosheit war dabei nicht am Werk. So beeindruckte mich auch tatsächliche und vom Erwachsenenstandpunkt unverkennbare Grausamkeit gar nicht als solche, so wenn ich z. B. vom indianischen Marterpfahle las: ich bemerkte und bewunderte nur die Standhaftigkeit der Opfer. Ich war eben unverhältnismäßig lange reines Kind. Wie für Kinder kein eigentlicher Unterschied zwischen Verstorben- und Vergessensein besteht, so macht es ihnen ihr, dem Kindheitszustand angemessener, naiver Egoismus fast unmöglich, sich in die Leiden anderer hineinzuversetzen. Dies denn setzt die Raubtierinstinkte, welche in jedem Menschen leben, beim Kinde zu besonderer Unbefangenheit frei. Ich machte mir z. B. gar nichts daraus, Tiere nicht nur sterben, sondern auch schlachten zu sehen; sobald ich selber schießen durfte, was bei mir schon in meinem achten Jahr geschah, fand ich sogar Freude am Töten, und zwar nicht allein am sogenannten edlen Waidwerk, sondern auch am Abfangen, am Fangschuss-Geben. Heute kann ich im Wild-Töten gar nichts Edles mehr sehen, außer in dem wohl ursprünglichen Sinn des Begriffs, nämlich dass es sich um die normale Betätigung des Adeligen handelt. Der aber ist insofern Raubtiermensch. Das letzte Mal im Leben, wo ich ein Gewehr in die Hand nahm, war 1924 in Friedrichsruh. Auf den zwei Jagden dort war ich merkwürdigerweise, der ich eigentlich gar kein guter Schütze war und auch mit früher nie erprobten Gewehren schoß, beide Male Jagdkönig. Aber dies wohl gerade deshalb, weil ich keinerlei Leidenschaft dabei empfand. Seither hat letztere der Abneigung gegen das Waidwerk Platz gemacht, ich sehe nur noch das willkürliche Abschneiden von Lebensfäden darin. — Aber wie gesagt, als Kind kam ich auf solche Erwägungen gar nicht. Ich hätte auch im Töten von Menschen schwerlich ein Problem gesehen, sofern es ordnungsgemäß geschah, im Kriege oder in der Notwehr. Bedenke ich dieses alles recht, so muss ich mir lachend sagen, dass ein Kind der achtziger Jahre eigentlich dem reifen Nietzsche schon voraus war; darum haben mir seine Angriffe gegen die konventionelle Moral und seine Aufrufe zum Böse-werden später so gar nichts bedeutet. Meiner Unbefangenheit war selbstverständliche Wahrnehmung, dass die Triebe an sich ohne moralische Qualifizierung und als Ausdrücke von Elementarkraft in erster Instanz samt und sonders positiv zu bewerten sind. Was freilich nicht hinderte, dass ich vor allem Heftigen und Aggressiven Angst hatte, weil meine Sensitivität ihr wehrlos gegenüberstand und mir selber die normalen Kampftriebe fehlten.

Bedenke ich’s recht, so bin ich nicht ganz sicher, ob ich als Kind überhaupt hätte verstehen können, dass etwas böse sei, so wie der Moralist darüber urteilt. Der schwarze Mann ist wahrscheinlich jedem Kinde ursprünglich nur gleichsam die Komplementärfarbe des lieben und als solcher kraft seines Pittoresken besonders anziehend. Die moralischen Urteile echter Kinder halte ich zum größten Teil für Suggestionsprodukte. Ein dem Bösen erwachsener Zustände Entsprechendes existiert für das denkende Kind wohl nur in Form der Illoyalität — aber wohlgemerkt, der Illoyalität unter Altersgenossen. Ältere darf man betrügen. Meine kindliche Psychologie war insofern jedenfalls Indianerpsychologie, nur dass ich weniger kindliche Konflikte gekannt habe als die meisten, weil ich ohne Altersgenossen aufwuchs, die mir Widerstand leisteten. Im Shaw-Kapitel wird der Leser Betrachtungen darüber finden, dass die Schadenfreude das einzige mir bekannte böse Gefühl ist, welches Lachen auslöst. Natürlich habe ich dieses als Kind gekannt, damals aber nie schlechtes Gewissen dabei gehabt. Mochten doch die anderen ebenso reine Freude empfinden, wenn ich einmal hereinfiel! Alle diese Erwägungen, die ich erst jetzt ausdrücklich anstelle, die mich jedoch damals schon bewegten, denn als Kind habe ich eher mehr als weniger nachgedacht als späterhin, machten mich als bewusstes Wesen schon sehr früh skeptisch der üblichen Auffassung von Gut und Böse gegenüber. Besonders interessant erscheint meinem Rückblick in dieser Hinsicht mein Verhältnis zum Teufel. Dessen Bild beschäftigte meine Phantasie so unentwegt, dass ich Jahrzehnte später auf den Rückseiten der meisten Karten, welche in Könno und Rayküll während der Schulstunden benutzt wurden, und in allen Skizzenbüchern aus gleicher Zeit liebevollst ausgeführte Teufelsbilder entdeckte. Doch der Teufel bedeutete mir offenbar gar nichts Teuflisches, sondern nur ein kurios-Groteskes; seinen Typus hatte ich Gogols Märchen entnommen, und so blieb er meinem Bewusstsein jedenfalls eine wesentlich harmlose Figur, wie er dies ja auch dem europäischen Mittelalter war, bis dass ihm Luther durch Entmachtung des Weihwassers und des Kreuzes-Zeichens zu unverhoffter Machtvollkommenheit verhalf. (Luthers epochemachendste Leistung ist tatsächlich die Emanzipierung des Teufels: nach Luther erst erwuchs er im Westen zu gefährlicher Macht, wie denn nach ihm erst die Hexenprozesse virulent wurden. Als Literatur kann ich leider nur Roskoffs um 1870 erschienene zweibändige Geschichte des Teufels nennen: die verdient eingehende Neubearbeitung im Geist der modernen Psychologie.) Das Wesentliche am harmlos-Finden des Teufels nun ist offenbar, nicht dass dieser oder jener bestimmte Teufel tatsächlich harmlos ist, sondern dass der Mensch in bestimmter Zuständlichkeit, welche ganze Kulturepochen gekennzeichnet hat, dazu neigt, sich eine gewisse Sympathie zum andererseits dennoch Verdammten einzugestehen. Der pittoreskeste Ausdruck dessen begegnete mir in Darmstadt bei einem der häufigen Besuche des Hellsehers Welkisch. Dieser war ein frommer und milder junger Mann, von echtem Heil- und Erlösungstrieb besessen. Dieses eine Mal nun bat er mich errötend um einen Rat. Der Teufel besuche ihn immer häufiger… doch das wäre es nicht: er würde ihm immer sympathischer. Ob ich keine Hilfe für ihn wüßte? Da war guter Rat allerdings teuer: ich durfte den lieben Menschen nicht ohne Trost von dannen gehen lassen. Gottlob fiel mir da die Legende vom Heiligen Franziscus ein, die eine ähnliche Situation beschreibt (ob sie genau so lautete, weiß ich natürlich nicht, jedenfalls lebt sie in dieser Form in meiner Erinnerung fort). Der Frate so und so wurde dauernd vom Teufel versucht. Verzweifelt bat er den Heiligen um Rat. Der nun, anstatt zu erschrecken, leuchtete freudig auf, klopfte dem Jünger lachend auf die Schulter und sagte: Ich gratuliere! Bravo! Jetzt kommst du schnell voran: den ersten Besten versucht der Teufel nicht! Wie ich diese Legende meinem Besuch erzählte, war er getröstet. — Die, welche den Teufel also sehen, sind jedenfalls keine Freudschen Fälle. Ich bin sicher nie einer gewesen. Und darum wohl habe ich als Kind nie Böses als solches realisiert, so sehr meine puritanisch gesinnte Mutter in moralischer Verurteilung exzellierte. Wo ich sonst so außerordentlich suggestibel war, kann dies kaum anderes bedeuten, als dass Realisierung des Bösen als Böses wirklich in hohem Grad Verdrängung voraussetzt überall, wo das Negative und Destruktive in einer Seele nicht ursprünglich vorherrscht.

Nur mein Unbewusstes hat der Puritanismus meiner Mutter angesteckt; in meiner Kindheit habe ich ungewöhnlich selten Verbotenes getan und später mit Häßlichem ungewöhnlich wenig Fühlung gesucht und gewonnen. Aber hier liegt der Fall doch nicht ganz klar und keinesfalls eindeutig: meine Fähigkeit zur Vorausschau dominierte bei mir so früh, dass ich spontan die Folgen von Missetat oder von Berührung mit Schmutz plastisch vor mir sah; und diese Folgen will wohl keiner. Meinen Elementartrieben war ich gar nicht verfallen, wie dies sonst von den meisten Buben gilt: die Welt der inneren Bilder und damit des Geistes, als welche die Welt des spielenden Kindes ist, herrschte bei mir bis in die zwanziger Jahre vor. Über die Beziehung zwischen Phantasie und Triebnatur in der Kindheit und in späteren Jahren wäre viel Wichtiges zu sagen, was meines Wissens noch gar nicht gesagt worden ist. Öfters z. B. begegnet man nicht allein einem Unterschied, sondern einem schreienden Widerspruch zwischen dem Kinde und dem Erwachsenen. Beim Kinde von viel Phantasie spielt eben die Triebsphäre kaum überhaupt eine Rolle im Bewusstsein, und greift sie später ein, so kann sie das Gesamtbild nicht allein durch die Tatsache als solche verändern, sondern mehr noch dadurch, dass der Mensch den Widerstreit in sich nicht überwinden und nicht ertragen kann. Wahrscheinlich werden viele dadurch grundsätzlich böse: sie halten die Spannung nicht aus und entscheiden sich für das natürliche Gefälle ihrer Unterweltkräfte. Oder aber sie werden zu Schwindlern, oder endlich sie verlieren allen Frohsinn. Ob nicht die Einstellung auf den Ernst des Lebens, die in vielen Kulturen von einem bestimmten Lebensalter an geboten ist, überhaupt mit dem hier Angedeuteten am nächsten zusammenhängt? Warum soll man als Vierziger nur ernst sein? Der ungeheure psychologische Unterschied zwischen dem jungen Goethe und dem majestätischen Pedanten von später hat sicher auch hier eine seiner Ursachen. Wer so überreich mit Phantasie begnadet war, vertrug den Verlust der Kindheitspsychologie, die bei ihm, wie bei allen Fürsten der Einbildungskraft bis in die Mannesjahre hineinreichte, wahrscheinlich besonders schlecht.

Soviel galt von meiner Kindheit und frühen Jugend. Ich lebte ungewöhnlich lange diesseits von Gut und Böse, und des letzteren wurde ich mir als des Negativen, für das es gilt, in concreto gar nicht bewusst. Die erste Ahnung vermittelte mir der Anblick Ungern-Sternbergs. Überblicke ich nun aber im Geist, vom Standpunkt des sechzigsten Lebensjahrs, mein gesamtes verflossenes Leben, dann muss ich noch sehr viel weiter gehen und gestehen: nein, wirklich, das heißt innerlich und wesenhaft und damit aus freiem Entschlusse böse Menschen sind mir nur ganz wenige begegnet, und das waren lauter solche, welche wenige Andere, dass ich wüßte, als böse erkannt und beurteilt haben. Von diesen später, am Schluss dieses Kapitels. Da beim geistig Bösen offenbar auf den freien Entschluss zum Schlechten alles ankommt, so sind z. B. echte Verbrecher sehr selten böse Menschen; allenfalls sind sie boshafte Tiere, wie Hyänen und Geier. Der echte Verbrecher, das heißt der, den ich unter diesem Begriff verstehe, begeht seine Untaten unter innerem Zwang; er ist eine Parallelerscheinung des Irren und meiner Überzeugung nach als solcher zu beurteilen. Ich persönlich empfinde echten Verbrechern gegenüber rein Dostojewsky-haft, nur dass ich aus meinem Urteil nie den Schluss gezogen habe, Volksschädlinge oder sonst Gemeingefährliche seien nicht unschädlich zu machen und gar besser zu behandeln als Normale. Was ich aber freilich meine, ist, dass beim Strafvollzuge jeder Rache- und Vergeltungsgedanke aus dem Spiele bleiben sollte. Gelegenheitsverbrecher wiederum sollten so milde bestraft werden, als zur Abschreckung anderer genügt, denn jede zu harte Strafe wirkt dermaßen desaströs auf die Seele jedes von ihr Betroffenen und jeden derer, die dem Bestraften nahestehen, dass hier gerade vom Standpunkt der Volksgemeinschaft gesehen größtmögliche Milde walten sollte. So sehr allen primitiven Seelen der Glaube an das Recht der Obrigkeit sowie der Grundsatz Strafe muss sein angeboren ist, welche Anlage dann mehr oder weniger glücklich mit ihrem Gerechtigkeitsgefühl verschmilzt — von einem gewissen kritischen Punkte ab löst Härte nur Gegenbewegungen aus. Nur darum, aus reinen Zweckmäßigkeitsgründen, hat in allen Gemeinwesen die Milde gegenüber der Härte proportional ihrem Kulturaufstieg zugenommen. Ich selber habe es oft erlebt, wie sehr meine übertriebenen Reaktionen auf Verfehlungen, welche Reaktionen an sich unbedingt berechtigt waren, deren Gegenständen zugutekamen. Dieses revulsion of feelings setzt an besagten kritischen Punkten automatisch ein. Und die Unzweckmäßigkeit für Mächtige, Märtyrer zu machen, beruht wahrscheinlich viel weniger auf Einsicht in das Große des Leidens um einer Sache willen, welche viele gut finden, als darauf, dass Märtyrertum den oben geschilderten primitiven Mechanismus am leichtesten auslöst. Man soll den Menschen nie zu viel Einsicht zutrauen, das ist wirklich ungerecht.

Raubtiermenschen nun empfinde ich als solche überhaupt nicht als böse; ein großer Teil der Menschen gehört nun einmal von Natur zum Geschlecht der Raubtiere, und hier kommt alles darauf an, ihnen eine im Ganzen positive Auswirkungsmöglichkeit zu schaffen. Dies leistet jede als positiv anerkannte Betätigung, welche auf Sieg und damit auf Niederzwingung anderer eingestellt ist. In der modernen Welt gilt dies von jedem Unternehmer überhaupt, nur dass hier noch kein sanktionierter und in geistigen Idealen und Forderungen verankerter Kanon oder Kodex vorliegt, welcher das Destruktive von vornherein und durchaus in konstruktiven Zusammenhang hineinbezöge. Darum sind von allen Raubtieren dieser Zeit die Geschäftsleute die räuberischsten. Seinen menschengemäßen Normalausdruck findet die Räuberanlage im Krieger, dessen Handwerk eben darum von jeher als edel gilt. Und tatsächlich fühlt der echte Krieger edler als die meisten Zivilisten: das liegt erstens daran, dass er wesentlich mutig und nicht feige ist; zweitens daran, dass er sich sein Destruktives als Positives eingesteht. Daher das unvergängliche Prestige des Adels, den sich darum gerade jeder jüdische Schieber, wenn irgend möglich, zulegt. Es amüsierte mich höchlichst, wie ich neulich in Huizingas Buch über die Kultur des untergehenden Mittelalters bemerkte, mit welchem echt niederländischen Ressentiment der Verfasser empört darüber tut, dass dreihundert Jahre entlang die burgundische Kultur als adelig vorgestellt wurde, wo all ihr Gutes doch nur vom Bürgertum geschaffen worden sei, und die Adeligen nichts als Räuber gewesen wären. Freilich ist der Edelmann ursprünglich Raubtiermensch, aber da er als Typus mutig ist, so bejaht ihn andererseits jeder nicht Verbildete um des Ideals des Ritters willen, welches alles Destruktive einem Konstruktiven einordnet, empfindet ihn jeder solche als diesseits des weltüberlegenen Weisen und Heiligen höchsten Menschentypus. Hierüber habe ich im Kapitel Leiden des Buchs vom persönlichen Leben, in meinen langen Betrachtungen über das gegenseitige Verhältnis der Prinzipien von Kreuz und Adler das Erforderliche gesagt. Diesem hohen Ideal des Rittertums gegenüber bedeutet es wenig, dass die empirischen Ritter zeitweilig wirklich zu bloßen Wegelagerern und Erpressern herunterkamen.

Um nun zum Problem des Verbrechers zurückzukehren: für mich sind Feinde der bestehenden Ordnung noch lange keine schlechten Menschen, auch wo sie reine Raubtiere sind; ja, gerade dann nicht, denn das echte Raubtier ist auch unter Menschen ein besonders naturgewollter Typus und weckt in mir gar besondere Sympathie. Echte Raubtiere, welche zu Verbrechern wurden, empfinde ich immer als irregeführt; wie ich es denn auch als sinngemäß empfinde, dass die meisten großen Generale Chinas als Banditen angefangen haben. Wo immer die polare Situation Verfolger — Verfolgte im Leben eintritt, offenbart sich übrigens die gleiche implizite Ambivalenz. In meiner Heimat galt es als Grundsatz, dass die geschicktesten Wilddiebe, richtig behandelt und wohlbestallt, nicht nur die besten, sondern auch die strengsten Wildhüter ergaben. Jeder zu seinem Beruf prädestinierte Kriminalist hätte auch Verbrecher werden können; wenn nicht, so fehlt ihm gewiss der angeborene Spürsinn. So hat jeder geborene Irrenarzt viel Verwandtschaft mit den Irren, ist jeder berufene Analytiker selber ein analytischer Fall, usw. bis hinauf zum strahlendsten aller Engel, welcher abstürzend zum schwärzesten Teufel wurde. Den possierlichsten Ausdruck des Gleichen erlebte ich in Estland während der dortigen bolschewistischen Revolution. In der Irrenanstalt Seewald hatte ich mich besonders für einen sehr gefährlichen, zu sofortiger schwerster Gewaltanwendung neigenden Mann interessiert, den der kluge Direktor Kügelgen dadurch relativ harmlos gemacht hatte, dass er ihm die Bewachung des ganzen weiten zur Anstalt gehörenden und einsam am Meer gelegenen Grundstücks übertrug. Solange dieser Irre seines Amtes waltete, brach in den gefährlichsten Zeiten niemand ein, denn nach russischem Gesetz war der Irre unter allen Umständen unverantwortlich, und so hatte er mit seiner eisernen Brechstange, die er ständig mit sich führte, völlig unbefangen zugeschlagen. Ich stand mich gut mit ihm. Wie nun in Reval der rote Terror zur Herrschaft gelangt war, erkundigte ich mich nach seinem Schicksal und erfuhr, dass er Oberstaatsanwalt geworden war…

Mit Verbrechern im echten Sinn bin ich zeitlebens nie so nahe zusammengekommen, dass sie mir etwas hätten bedeuten können. Nur in den unruhigen Abteilungen von Irrenhäusern, auf deren Atmosphäre der französische Ausdruck clameurs de l’enfer am besten passt, weilte ich des öfteren, und seither ist mir gewiss, dass echte Verbrecher einerseits mildere, andererseits natürlich gefährlichere Abwandlungen desselben Typus wie die Irren sind. Auch sie unterliegen einer Stimme, einem sekundären, dem sonstigen Seelengefüge gegenüber sie besitzenden Geist in sich. Beide sind nicht in der Lage, dessen Drängen und Geboten zu widerstehen, und beide wissen, bis dass ein bestimmter kritischer Punkt überschritten ist, dass nicht sie selbst das Irrsinnige oder Böse wollen oder tun. Eben darum kann ein Verbrecher, falls die Spannung in ihm nicht zerreißt, aus dem Schwung der Gegenbewegung heraus leichter zum Heiligen werden als der Gerechte. Eben darum konnte andererseits ein Goethe von sich behaupten, er sei von Natur aus aller Verbrechen fähig gewesen — selbstverständlich war er das, sofern reichste Möglichkeiten in ihm lebten und er ursprünglich in keiner Richtung festgelegt war. Eben darum sind, wiederum andererseits, die energischsten Vertreter einer Idee unter hundert anderen allesamt Monomane und insofern Grenzfälle des Irreseins gewesen. So ist z. B. der Machttrieb als solcher von Natur aus geneigt, in eine richtige Wahnidee krebsartig auszuwuchern und sich langsam das ganze Seelengefüge unterzuordnen — und wo wären wir ohne Menschen mit Machttrieb? — Wenn ich nun sage, dass ich mit Verbrechern nie näher zusammenkam, so meine ich doch nicht, dass ich nie mit Betrügern zu tun gehabt hätte: deren Opfer bin ich, im Gegenteil, besonders häufig gewesen. Aber ich kann mir nicht helfen: als böse konnte und kann ich auch die nicht beurteilen, die mich am meisten schädigten. Ich bin so tief und fest davon überzeugt, dass es kein mögliches Geschäft gibt, bei dem nicht der unbewusste Wunsch besteht, den Partner hereinzulegen, und dass die Behauptung, bei einem guten Geschäft profitierten beide gleich, eine reine aber darum nicht schönere Fiktion ist, dass ich zwischen dem anständigen Geschäftsmann und dem Betrüger nur Gradunterschiede wahrnehme und hier nur die Norm gelten lasse, dass man sich eben nicht betrügen lassen soll. Kein noch so nachweislicher Betrüger, deren ich viele gekannt habe, war als Mensch und Seele böse; ja eigentlich freuten sich die meisten unter ihnen darüber, wenn sich ein Opfer einmal nicht hereinlegen ließ. Und im übrigen waren alle gegen irgend jemand besonders uneigennützig gut. Sehr viele so Veranlagter entfalten sich z. B. zu großzügigen Mäzenen, und dies zwar nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa. Man vergesse hier nicht, dass die Urform der Beziehung Käufer — Verkäufer Kampf bedeutet. Darum bedeutet das Wort Handeln ursprünglich dasselbe wie Feilschen. Ursprünglich ist das Feilschen als solches das Erfreuliche am Geschäft. In diesem Sinn sagten mohammedanische Verkäufer in den Himalayas, deren Waren ich besichtigte, zunächst don’t buy. Ging man auf ihre (dem wahren Wert nach beurteilt) übermäßigen Forderungen schnell ein, so waren sie aufrichtig enttäuscht, kein Gewinn wog dieses Ur-Empfinden auf. Ihrer aller Ideal wäre gewesen, während einer ganzen Saison nur einige wenige Verkäufe zu tätigen (damit etwas für die nächste Saison übrigblieb und sie sich nicht mit neuen Einkäufen belästigen mussten), welchem Abschluss wochenlanges Feilschen vorangegangen wäre, um dann die stillen Monate der Geschäftsruhe hindurch ihren Freunden bei der Wasserpfeife vom abwechslungsreichen Feldzug mit immer neuen und immer freier erfundenen Varianten erzählen zu können. Sogar ich, der ich so ziemlich das Gegenteil eines Geschäftsmannes bin, bin in gewissen Verkäuferkreisen legendär geworden, nur aus dem polar entgegengesetzten Motiv, als dieses im Hochgefühle langen Feilschens liegt. Zwei Male im Leben kaufte ich in ein oder zwei Minuten wertvolle Gegenstände zu einem sehr viel geringeren Preis, als ihn die Verkäufer forderten; einmal war es ein Teppich, ein anderes Mal altes Silber. Diese waren so entzückt von der blitzartigen Schnelligkeit, mit welcher ich wählte, entschied, einen bestimmten Preis anbot und aus der Tür hinausstürmte beziehungsweise den Verkäufer hinausgeworfen hatte, als dieser zögerte, dass sie begeistert meinen Willen taten. Die echte Psychologie des Handelns fand ihre Aufgipfelung in dem Persien, welches Gobineau schildert. Dort seien die Kaufleute Philosophen von Profession; ihre Tätigkeit gestatte besondere Detachiertheit , die standesgemäß in der Pflege geistiger Interessen betätigt würde.

Nein, gegen Betrüger habe ich nie etwas gehabt. Und meine besondere Freude habe ich allezeit an Hochstaplern gefunden. Auf die bin ich so regelmäßig hereingefallen, dass ich es mir eine Zeitlang zur Maxime machte, durch meine alt-bayerische Köchin unbekannte Besucher, welche Hochstapler sein könnten, zuerst empfangen und beurteilen zu lassen. Sie fiel nämlich nie auf unsichere Kantonisten herein. Ich hingegen bin stolz darauf, das erste Opfer Domelas gewesen zu sein. Es war wirklich schön, wie dieser mich hereinlegte. Domela hatte, bevor er mich heimsuchte, herausgefunden, dass ich puncto Verwandtschaft unsicher war, spielte sich daraufhin als baltischen Neffen von mir auf, welchen es wirklich geben konnte, ganz richtig voraussetzend, dass ich ihn wegen meiner genannten Unsicherheit nicht nach seinen Papieren fragen würde. Das ganze Spiel spielte er nun so vorzüglich, dass er mich nicht einmal in eine unangenehme Lage brachte: er wusste, dass er mich als Graf Pahlen nicht einfach schädigen konnte, so bat er mich nur um Arbeitsvermittlung oder Empfehlung an solche, die ihm Arbeit geben könnten. Wieviele empörte Telephone erhielt ich später auf die Gewährung seines Wunsches hin! Der schlaue Junge hatte die ihn empfehlenden Visitenkarten nicht etwa zur Arbeitsbeschaffung benützt, sondern in verschiedenen Häusern vorgezeigt, worauf er dann wochenlang auf die Verwandtschaft mit mir hin zum Essen eingeladen wurde. Wie ich alsdann humorlos beschimpft wurde, antwortete ich nur: Seid’s doch froh, ein Mal einen wirklich ungewöhnlichen Menschen zum Frühstück gehabt zu haben! Domela verstand übrigens meine besondere Einstellung: in seinen Erinnerungen schneide ich meiner Ansicht nach von all seinen Opfern bei weitem am besten ab. — Doch der wunderbarste Hochstapler, der mich mit seinem Besuch beehrte, war einer, dessen Name mir leider entfallen ist, welcher den Tauben spielte und darum bat, ihm schriftlich zu antworten: er fand zu mir wie zu sehr vielen anderen, bevor er zu mir kam, — mit Vorliebe zu Superintendenten — durch Einführungsschreiben angesehener Persönlichkeiten mit bekannter Handschrift. Zu mir kam er mit einem Brief des damaligen Herausgebers des Türmers Lienhard, in dem dieser mich vor ihm warnte: ich möge ihm allenfalls eine Kleinigkeit geben und ihn dann zu ihm schicken. Ich drängte dem Mann, welcher bei mir einen verstoßenen Franziskanermönch spielte, das Reisegeld geradezu auf, so sehr wehrte er sich. Darauf schrieb ich natürlich Lienhard; und dieser eröffnete mir, mein Besucher sei alles eher als taub gewesen, aber er beherrsche die hohe Kunst, Handschriften auf Grund einmaligen Zusehens beim Schreiben nachzuahmen. So schlüge er sich von Fälschung zu Fälschung durchs Leben. Von mir hat er nun leider nichts haben können, bis auf die fünfzig Mark, die ich ihm bei seinem Besuche schenkte, denn meine Handschrift hat er nicht nachahmen gelernt. Aber als er schließlich geklappt wurde, habe ich wenigstens alles dazu getan, um sein Los zu erleichtern. Er war nämlich, wie mir Polizei und Untersuchungsrichter zugestehen mussten, vollkommen uninteressiert; selten im Leben hatte er um mehr betrogen, als um wenige Mark. Seine Devise lautete so echt, wie nur bei wenigen berühmten Künstlern: l’art pour l’art. Und Gleiches hat, mehr oder weniger, wohl von den meisten begabten echten und großen Hochstaplern gegolten. Sie alle waren große Schauspieler in spe, welche entgleisten, bevor sie ihren Beruf gefunden hatten. Und schlechte, geschweige denn böse Menschen sind solche Künstler nie. Daher auch die Großmut mancher Fassadenkletterer und sonstiger gentleman-burglars.

Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
II. Abenteuer der Seele
© 1998- Schule des Rades
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