Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

II. Abenteuer der Seele

II. Roman von Ungern-Sternberg - Grausamkeit

Ich merke, daß meine Erinnerung mit einem gewissen Gusto bei den zweifelhaften Existenzen, deren Bilder neu vor mir aufsteigen, verweilt hat; und ich merke sogar, daß ich beim Bemerken dessen schmunzele. Es ist in der Tat komisch, daß ein Argentinier ausgerechnet über mich eine Studie unter dem Titel Der Moralist von Darmstadt geschrieben hat. Ohne jeden Zweifel habe ich eine angeborene Sympathie für solche, welche sich der herrschenden Ordnung nicht einzufügen lernen. Eine der Triebfedern dessen ist wohl kompensierende Gegenbewegung gegen das Puritanische meiner Eltern, welches mein Unbewußtes tief beeinflußt hatte. Denn nicht nur meine Mutter hatte ausgesprochen puritanische Züge, auch meinen Vater kennzeichneten solche. Er war extrem pädagogisch gesinnt, hielt auf Sittenreinheit in seinem Hause so sehr, daß ich mich erinnere, wie er unter furchtbarem Donnerwetter einen Gärtnerjungen nur darum sofort entließ, weil er einmal gefensterlt hatte. Er fühlte sich durchaus als gerechter Herr dem Gesinde gegenüber, und in den Jahren, da er Friedensrichter war, ging er in seinem Moralismus manchmal so weit, daß er während der Verhandlung gelegentlich die Kette — die Insignie seiner Amtswürde — vom Halse riß und dem Angeklagten als Privatmann eine Standpauke hielt. Meine idealen Bestrebungen lagen von Geburt an samt und sonders in entgegengesetzter Richtung, dem Allverstehen und der universalen Liebe zu. Daraus ergab sich in mir schroffste gefühlsmäßige Ablehnung nicht nur aller Selbstgerechtigkeit, sondern sogar der Rechtsidee als solcher und damit der Strafe. Schuldige und Unschuldige waren meinem Gefühl in allen Fällen gleichwertig. Jede Strafe empfand ich als ungerecht, und Gerechtigkeit bedeutete mir Tugend erst an der Grenze, wo sie zu absoluter Gerechtigkeit wird — und damit Gerechtigkeit zu sein aufhört. Ich persönlich habe mich nicht ein einziges Mal in meinem Leben im Recht gefühlt und verstehe überhaupt nicht, wie ein Mensch sich je im Recht fühlen kann. Eben darum kann ich aber auch die Grenzen nicht sehen, welche moralisch bessere und schlechtere Menschen von einander scheiden sollen, handele es sich um die Grenze zwischen Gerechten und Sündern oder um Klassenunterschiede. Nur Niveauunterschiede nehme ich, wie im letzten Kapitel des ersten Bandes ausführlich erklärt, ursprünglich wahr; nur sie erkenne ich an. Aber der tiefste Beweggrund meiner ausgesprochenen Vorliebe für seltsame Existenzen liegt einerseits wohl in meiner ironischen Einstellung aller Gestaltung gegenüber und dann auch in der Freude an der Buntheit, welche die Seele unseres Mittelalters war. Bei mir ist sie wohl Begleiterscheinung und Folge zugleich der Intuitivität, da ja Intuition nur schaut und versteht, aber nicht urteilt. Doch wie dem auch sei: ich muß zugeben, daß ich von Natur aus leichter in abnormen Existenzen das Gute sehe, als in normgerechten. Ich halte sie nämlich, ob ich damit nun Recht habe oder nicht, für ehrlicher. Bis zu einem gewissen Grade nehme ich das Unbewußte oder die psychische Unterwelt jedes Menschen, auf den ich mich entsprechend einstelle, unmittelbar wahr. Und da kann es nicht fehlen, daß mein Bild von einem Menschen so gut wie niemals mit dem zusammenfällt, welches er der Welt hinhält. Die meisten ausgesprochen Tugendhaften sind ihrer Anlage nach besonders lasterhaft, die meiste Konventionalität verdeckt besonders viel Konventionsfeindliches. Einer Frau, welche nichts Unmoralisches erzählen oder anhören mag, traue ich in dubio jeden Fehltritt zu, während die meisten unmoralisch oder entsprechend frivol Redenden damit ihren ganzen Hang zum Normwidrigen abreagieren. Und wie wenige große Karrieren gar sind ohne Verbrechen gemacht worden! Seit es Fernsprecher und Rundfunk gibt, ist es gewiß nicht wahr, daß neunzig Prozent aller schweren Verbrechen unentdeckt bleiben; aber wie wenig Außergewöhnliches ist je geschehen, ohne daß Entscheidungen zum Bösen dabei mitgeholfen hätten? Es kommen ja auch die wenigsten Irren ins Irrenhaus, weil die meisten weder als gemeingefährlich noch als wirklich krank festzunageln sind. In Wahrheit aber gehören schon die meisten Monomanen ihrem Typus an, und die meisten Neuerer sind ihrer Anlage nach irgendwie Verbrecher.

Doch ich gehe noch weiter, als bisher ausgesprochen oder angedeutet wurde: ich kann, bis auf ganz seltene Ausnahmefälle, im Schlechten und Bösen der Menschen keine letzte Instanz sehen. In jedem leben doch unendlich viele Möglichkeiten des Selbstausdrucks, und es ist äußerst selten, daß die echteste dem Bild des Bösen entspricht. Wann immer ich als Kind verdientermaßen und angemessen bestraft wurde, stellte ich mir vor, wie es wohl wär’, wenn ich zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt würde oder in die Hölle käme und wie namenlos ungerecht dies dann wäre: ich sei doch gar nicht schlimm, mein Vergehen berühre doch mein Wesen nicht. Und eben darum habe ich keine zu harte Strafe je verzeihen können: der ganze positive Sinn der Strafe lag meinem Gefühl nach darin, daß sie mir günstigenfalls durch äußeren Eingriff dazu verhalf, mich von dem in mir, was meine freie Entwicklung hemmte, zu befreien. Sonst ist das beste an der von einem unparteiischen Richter verhängten Strafe, daß sie die Rache ersetzt und dem Haß den Nährboden entzieht. Jeder will sich ursprünglich einfach rächen, wenn ihm ihn Schädigendes widerfuhr, und jeder, der überhaupt starker Gefühle fähig ist, haßt naturnotwendig, bis daß die Schuld beglichen ist. Aber Rache und Haß wirken ebenso naturnotwendig schädigend auf die Seele dessen zurück, in dem die entsprechenden Triebe und Gefühle leben. Darum muß freilich alles geschehen, um ihnen durch vollwertigen Ersatz den Lebensraum zu nehmen. So sollte die Frage meiner Ansicht nach beurteilt werden; aus allen Redereien über höhere und gar absolute Gerechtigkeit spricht mangelnder Wirklichkeitssinn, wenn nicht glatter Schwindel. Bismarck war ein sehr großer Mann, und eben darum hat er ehrlich eingestanden, daß er jahrelang nach seiner Entlassung gehaßt hat. Und so will sich auch jeder nicht Gefühlsdürftige rächen, wenn ihm Unbill widerfuhr, und als Triebwesen bedauert es jeder, wenn er sich nicht rächen darf. Glücklicherweise ist auf allen diesen hier betrachteten Gebieten ein Ersetzen triebgeborener Vergeltungs- und Sicherungsformen durch geistgeborene möglich, und deren Rückwirkung bessert selbstverständlich die Welt. Und in einer besseren Welt wuchern destruktive Triebe schwerer. In dieser einen, einzigen Hinsicht bin ich im Verlauf meines Lebens immer mehr zum Anhänger der Milieutheorie geworden. Es hängt zum allergrößten Teil von den Einflüssen der Umwelt ab — welche freilich meist mehrerer Generationen bedürfen, um sich entsprechend auszuwirken — ob sich der gleiche Mensch in seinem positiven oder negativen Aspekte darstellt. Ganz wenige gibt es meiner Überzeugung nach, für die nicht (freilich in einer besseren Welt, als es die ist, in der ich zu leben habe) eine Einordnung ins Leben denkbar wäre, die ihnen positive Auswirkung der überwiegenden Mehrheit aller ihrer Anlagen ermöglichte. Denn nicht nur für das Raubtiertum gibt es mögliche positive Betätigung — davon handelten wir bereits — gleiches gilt von den an sich unglücklichsten, weil asozialsten Anlagen. Hier denke ich an das eigentümliche Würdegefühl der Dynastie Sanson, der Henker von Paris, zurück. Über deren Tagebücher 1683-1897 (deutsch in Auswahl vom Verlag Gustav Kiepenheuer herausgebracht) schrieb ich im Weg zur Vollendung des Jahres 1924 eine längere Betrachtung, die ich, da sie gut in den Zusammenhang paßt, in extenso hersetze.

Es war zunächst nur Neugierde, die mich das zweibändige Werk zu lesen bewog. Doch je länger ich las, desto ernster wurde mein Interesse. Und nach Vollendung der Lektüre stehe ich nicht an, die gleiche jedem zu empfehlen, der an der Hand meiner Hinweise und Ratschläge Psychoanalyse trieb und zugleich darauf aus ist, den Sinn und die Aufgaben dieses Zeitalters zu verstehen. Was kennzeichnet als Gemeinsames die sieben Generationen Henker, deren Aufzeichnungen so unmittelbar wirken, daß man mit völliger Gewißheit vom Schreiber auf den Menschen schließen darf? Nicht nur hohes Bewußtsein ihrer Amtswürde, Verantwortungs- und Pflichtgefühl, wissenschaftliches Interesse (ein Sanson studierte an den Leibern der von ihm Hingerichteten Anatomie, alle waren Individual- und Sozialpsychologen von Rang), sondern vor allem edelste Menschlichkeit, echte Herzensgüte und der Besitz der tiefsten und zartesten Familiengefühle. Hinsichtlich letzterer kenne ich wenig Gemütvolleres als die Schilderung einer Feier des Heiligen-Drei-Königs-Festes im Schoß der Familie Sanson. Was aber das Amtswürde-Bewußtsein angeht, so empfehle ich jedem, welcher gleiches in irgendeinem Berufe besitzt, einmal die Rede vor dem Parlament zu meditieren, die ein Sanson zur Verteidigung seiner Überzeugung hielt, daß der Henker eine achtenswertere Persönlichkeit sei, als das urteilfällende Richterkollegium und gar als der letztinstanzliche Urteilsunterzeichner, da diese für die Hoheit des Gesetzes nicht annähernd in dem Maße persönlich einzutreten hätten wie jener; desgleichen die Entrüstung eines anderen Sanson, der, von Räubern entführt, nun unter diesen Henkerdienste leisten sollte, und lieber sterben als sich mit Mördern identifizieren wollte — ohne daß ihm ein legales schriftliches Todesurteil vorläge, würde er keinen Finger rühren. (Das Pathos der letzteren Episode erleidet allerdings eine gelinde Abschwächung dadurch, daß Sanson den von anderen gemarterten Delinquenten schließlich doch mit schnellem Hieb enthauptet, weil der Fachmann in ihm den Dilettantismus der anderen nicht länger mit ansehen konnte…)
Wie sind nun die hier kurz skizzierten psychologischen Tatbestände zu verstehen? Was ist deren Bedeutung? — Den Weg weist eine paradoxale Bemerkung Sigmund Freud, die er im Gespräch geäußert haben soll: Helfen-Wollen sei Sadismus. Wenn man liest, wie warm sich die Sansons ihrer Opfer jeweils annehmen, wie sie ihnen vor dem schwersten Augenblicke Mut zusprechen, und zumal die Stimmung nachfühlt, die sie dabei beseelte, da kann man sich allerdings der Identität dieser mit der nicht allein wohl aller Chirurgen und Analytiker, welche diesen Beruf aus Neigung erwählt haben, sondern auch der meisten Krankenschwestern und Trösterinnen schwer verschließen. Warum sind diese typischerweise heiter? Warum stürzen sie sich geradezu auf alles Schmerzliche und Traurige, warum sind sie entschieden unbefriedigt, wenn alles gut abgeht, so daß sie unwillkürlich, wieder und wieder, das Befriedigende unbefriedigend deuten und im Grenzfall Leid schaffen? Weil ihr Sadismus Befriedigung sucht. Der reine oder auch nur vorwiegende Sadist ist der Verbrecher, der kriegerische Zerstörer, mit einem Wort der böse Mensch. Solcher gibt es nicht viele. Bei den meisten bezeichnet der Sadist nur einen Teil der Seele, weshalb, wo dieser befriedigt ist, die ihm scheinbar entgegengesetzten Triebe desto ausschließlicher und reiner das Bewußtsein füllen. Aus diesem einen Grunde fühlen sich nicht allein Ärzte, Pfleger und Trösterinnen vorwiegend gut — aus eben diesem Grunde mußten sich gerade bei den Sansons die menschlichen Regungen besonders stark entfalten. Es ist alles eher als erstaunlich, daß deren letzte Generationen ihre Hauptaufgabe im Kampf für die Milderung und dann für die Abschaffung der Todesstrafe sahen.
Was folgt nun aus diesen Betrachtungen? Erstens die Erkenntnis, daß es sich beim Neuerwachen des Sinns für Grausamkeit um einen selbstverständlich-normalen Kompensationsvorgang nach einer Periode künstlicher Verdrängung des entsprechenden Triebes handelt. Zweitens ein besseres Verständnis für die wahre Bedeutung alles Helfen-Wollens. Höchstwahrscheinlich sind alle die, welche es heute in die Berufe des Analytikers und Chirurgen drängt, die gleichen Typen, die in früheren Zeiten Henker geworden wären. Drittens eine unbefangenere Beurteilung des Zerstörungstriebes. Viertens die Erkenntnis der ungeheuren Gefahr, die in der bloßen Möglichkeit liegt, seine Tätigkeit auf Pflicht und Amtswürde zurückzubeziehen. Was kann denn nicht dergestalt gerechtfertigt werden? Im Henkertum, im Inquisitorentum hat sich ganz einfach elementare Grausamkeit mit erschobenem guten Gewissen ausgelebt, und kaum besser steht es mit dem Heerführer, der notgedrungen Hunderttausende in den Tod schickt. Vor allem aber folgt aus unseren Betrachtungen, daß wir nicht recht tun, uns jetzt aufs neue unbefangen dem langverdrängten Sadismus, sei es passiv oder aktiv hinzugeben. Verglichen mit dem Henker, hat nämlich der Chirurg (und was ihm entspricht) nicht nur das bessere, sondern das einzig richtige Teil erwählt. Was an der menschlichen Epoche unserer Geschichte verwerflich war, war allein ihre moralische Feigheit und Verlogenheit. Heute soll jeder auch seine Grausamkeit innerlich auf sich nehmen lernen. Hat er dies aber getan, dann soll er sich nicht etwa ihr überantworten, sondern den ihr entsprechenden Trieb desto bewußter seinem seelischen Organismus dergestalt eingliedern, daß er dem Guten dient. So gut ich es verstehe, daß auf die Humanitätsduselei als Reaktion eine Periode kompensatorischer Grausamkeit folgt — nicht ohne Grauen sehe ich ihr entgegen. Auf diese Weise kommt kein Fortschritt zustande. Freilich muß alle Sentimentalität sterben, denn solche bedeutet nie anderes als Feigheit und Unwahrhaftigkeit; überdies kompensiert sie allemal seelische Dürre. Aber nur, damit die höhere Erkenntnis, die das humane Zeitalter gegenüber allen früheren allerdings vertrat, fortan ohne Lüge sich auswirken könne.

Meine damalige Besprechung — sie stammt, noch einmal, aus dem Jahre 1924 — ging freilich von etwas anderer Problemstellung aus, als es die der bisherigen Betrachtungen dieses Kapitels ist, aber sie impliziert doch alles — wo sie es nicht expliziert — was ich über die Einordnung des Bösen in das Gute überhaupt sagen wollte. Es ist theoretisch absolut, und im Grenzfall auch praktisch wirklich möglich, durch Besserung der Umwelt die natürlichen Neigungen der meisten Menschen zu Positivem zu lenken. Nur äußerst seltene Menschen wollen böse sein. Hierin, hierin allein (nicht nur vor allem) liegt auch die Rechtfertigung der Idee einer sozialen Revolution, von denen jede zunächst mehr Gutes zerstört, als sie aufbaut. Das, worauf es eigentlich ankommt, sind nicht die äußeren Einrichtungen, sondern die Seelengefüge, und deren schönste und seltenste verderben in gewalttätiger Zeit. Ich nun sehe im Töten an sich nichts Böses, wo es einmal ein Sterben gibt; in der Todesstrafe sehe ich z. B. ein Milderes als im lebenslänglichen Zuchthaus. Der Krieger und der Richter, dessen aufrechtester Ausdruck der Scharfrichter ist, hat nicht nur nach außen, sondern auch nach innen zu Berechtigung. Das Böse wird zu einem reinen Negativum erst dort, wo sich radikal böser Geist der Zerstörungstriebe bemächtigt. Kann dies nun dank Umwelteinflüssen geschehen? Ich glaube es nicht. Doch ist das Problem sehr kompliziert.

Zur Einführung in diesen Aspekt seiner diene wiederum eine persönliche Erinnerung an Roman Ungern-Sternberg. Ich habe nie gehört, daß dieser vor seiner mongolischen Periode grausam gewesen wäre. Später aber hat er zweifellos entsetzlich gewütet. Eine Brücke zwischen seiner ersten und zweiten Lebensperiode nun bildet eins der letzten Gespräche, das ich mit ihm führte. Roman war kürzlich — ich glaube, weil er einen Großfürsten, welcher seine Verachtung herausforderte, geohrfeigt hatte — von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt worden. Bevor nun im letzten Augenblick Begnadigung erfolgte, hatte er genügend Zeit gehabt, über das allgemeine Problem der Todesstrafe nachzusinnen, und davon erzählte er mir:

Hinrichtung ist nicht gut, nicht gut. Sie soll nicht sein. — Warum nicht? Sie machen sich doch nichts daraus, im Kriege zu töten und zu sterben. — Erstens ist es nicht wahr, fiel mir Roman da ins Wort, daß ich keine Angst vor dem Sterben hätte. Ich gelte ja für den Tapfersten der Tapferen: in Wahrheit habe ich scheußliche Angst vor jeder neuen Lebensgefahr. Und vor allem will ich, nach so vielen schweren Verletzungen, nicht noch einmal verwundet werden. Mein ganzer Körper schreckt davor zurück. Aber dann überwinde ich mich, und nach einer Weile geht alles von selbst… Was ich sagen wollte: Hinrichtung ist etwas ganz anderes. Gleichsam fahrplanmäßig sterben. Nicht einmal Verspätung gibt es. Das geht gegen die Seele. Ich werde nie hinrichten lassen.

So sprach er in jener Träumer-Stimmung, die allemal über ihn kam, wenn er sich mit mir unterhielt. Was mag nun später in ihm vorgegangen sein? — Erstens beherrschte im Felde der Sperber in ihm wahrscheinlich den ganzen Menschen. Ungern dachte nie nach, als Schüler hieß er Nachdenken Feigheit. Und er konnte eigentlich auch gar nicht denken, wie er sich auch nur schwer in klaren Worten ausdrücken konnte. Er war im Höchstfall genial intuitiv, sonst tierhaft Gana-besessen — wie denn seine körperliche Anmut an die des Tigers gemahnte — und dies ergab als Norm eine merkwürdige Unstetigkeit und Inkonsequenz in aller Folge seiner Lebensäußerungen. So erschien er von Phase zu Phase tatsächlich als anderer Mensch. Die Atmosphäre der Mongolei nun scheint Heiligkeit und Mordlust in ihm polarisiert und in ein dynamisches Gleichgewicht gebracht zu haben, so daß er fortan von seiner Anständigkeit und Reinheit her die schwärzesten Untaten begehen konnte. Er wollte womöglich die ganze minderwertige Menschheit ausrotten und fühlte sich gut dabei. Quälen aber wollte er den Einzelnen kaum um seiner selbst willen. Wenn Roman Ungern-Sternberg totprügeln oder lebendig verbrennen ließ, so wird er wohl wie Jehovah gefühlt haben, da dieser die Einwohner von Sodom dem Flammentode preisgab. Werden wir nicht alle, und zwar je feinfühliger wir sind, desto mehr, beim Ansehen von Grausamkeit noch größerer fähig? Gilt nicht darum die terreur blanche von jeher als schlimmste Form des Terrors? Roman kennzeichnete nun eine ganz ungewöhnliche, wahrhaft außerordentliche Delicadeza. Ich kenne keinen zweiten Balten, welcher auf die, welche er liebte, so zarte und nuanzierte Rücksicht zu nehmen wußte. Jede seiner Bewegungen war verfeinert. Berücksichtigt man hier noch seine erstaunliche hellseherische Begabung, dann kommt man — komme ich jedenfalls — zu dem Schluß, daß seine Feinfühligkeit seine Grausamkeit bedingte. Roman fand die Horden, welche das schöne alte Rußland zerstörten, so verabscheuenswürdig, daß er gegen die, welcher er habhaft wurde, wüten mußte, um sein seelisches Gleichgewicht einigermaßen zu behaupten. In den Meditationen habe ich ausführlich auseinandergesetzt, inwiefern Grausamkeit das negative Korrelat der Süßigkeit ist, welcher Umstand allein zur Erklärung dessen genügt, daß die Frauen und nicht die Männer das grausame Geschlecht sind (Männer sind demgegenüber brutal; brauchen Frauen für Brutalität Männern gegenüber mit Vorliebe das Wort Grausamkeit, so äußert sich hier eben weibliche Psychologie und das für Frauen so charakteristische mangelnde Wortgewissen). Auf diese für mich endgültige Auseinandersetzung muß ich hier verweisen. Jedenfalls sind nur gefühlsmäßig differenzierte Völker grausam und nimmt die Grausamkeit, sofern kein anderes Motiv dem Schach gebietet, wenigstens der Möglichkeit nach nicht ab, sondern zu mit der Kultur. Hier gedenke ich dessen, was Clare Sheridan mir von den echtverbliebenen Indianern, die sie in deren Reservationen besuchte, berichtete. Der Marterpfahl ist durch Federalgesetz verboten. Dafür müssen junge Indianer jetzt oft, wenn sie eine Frau tief lieben, auf Grund eines Stammesurteils diese für immer verlassen. Man vergißt ja merkwürdig leicht, daß die häufigste, weil scheinbar harmloseste Form der Grausamkeit die Askese, zumal die Anderen auferlegte, ist. Und die Fähigkeit zur Selbstüberwindung steigt natürlich mit der seelischen Kultur. Hat nun ein Mensch sich einmal erlaubt, grausam zu sein, dann setzen natürlich sofort Bereitschaften ganz anderer Art ein: es wird der Blutrausch zur bestimmenden Macht (s. das Kapitel Krieg der Meditationen), die Schadenfreude, der nackte und unbeherrschte Vergeltungswille. Diese Eigenschaften werden denn auch immer mehr gepflegt: Hendrik de Man behauptet in seinem Kriegsbuch, dem aufrichtigsten, welches ich kenne, wohl mit Recht, daß während des ersten Weltkriegs Haß und Rachedurst und Wut auf die Dauer die einzigen Triebfedern gewesen seien, mittels derer die im Schmutz der Schützengräben sauer gewordenen Soldaten zu freiwilligem Angriff aufzureizen waren. Und da der Mensch nur in Bildern erlebt, und die Welt der Bilder ohne Grenzen ist, so ergibt sich daraus, daß je stärker die Phantasie, desto differenziertere, immer mehr sich übersteigernde Foltern ersonnen werden. Daher die Idee einer ewigen Verdammnis. Diese ist nicht Brutalitäts- sondern Delicadeza-geboren. Grenzenloser Feinfühligkeit erscheint im Falle tiefer Kränkung nur buchstäblich grenzenloses Leiden dessen, der so wehe tat, als nicht gar zu geringfügige Vergeltung. Und der in allem absolut gedachte Christengott, wie ihn jene aufrichtigeren Zeiten, als es die unsere ist, vorstellten, muß natürlich als Gott der Liebe auch absolut feinfühlig sein. Immer wieder muß ich an die vornehmlich von der französischen Sprache festgehaltene drohende Gefahr Gott zu kränken (offenser le Bon Dieu) denken…

Ist so die Einbildungskraft die Mutter differenzierter Grausamkeit, so kann andererseits bei vorhandener Feinfühligkeit auch sehr großer Phantasiemangel zur Grausamkeit verführen. Das ist die Psychologie des Spaniertums. Da ich im Herbst 1936 mit aus Katalonien geflüchteten Freundinnen in Genf zusammentraf, entsetzte es mich, wie seelenruhig diese von Qualen erzählten, die ihnen Nächststehende erlitten hatten: dieser Vetter war von den Roten lebendig verbrannt, jener befreundete Priester gekreuzigt worden; ihre Berichte klangen wie solche über Kuriositäten. Sie diskutierten, stritten auch gelegentlich darüber, was besser sei, mit oder ohne Benzinaufguß lebendig verbrannt zu werden. Diese im übrigen hochgezüchteten und feinsinnigen Frauen realisierten eben nicht, wovon sie sprachen; sie konnten sich nicht vorstellen, was nicht vor ihnen stand. Sehen nun so beschaffene Wesen Greueltaten vor sich begehen, dann packt sie blinde Leidenschaft, und diese, welche nie weiß noch wissen kann, was sie tut, kann gegebenenfalls noch viel furchtbarer wüten als sehende. Nur daß sie, Gana-geboren, wesentlich endlich ist. Irgend einmal, auf einmal, hört sie zu sein auf. Und dann ist das Gewesene vergessen, oder genauer: über-lebt.

Dieses Vergessen möchte ich das schöne Vergessen heißen. Es ist das Vergessen, dank dem auf dieser leidvollen Erde überhaupt Freude als Grundstimmung möglich ist. Von deutschen Freiwilligen, die am spanischen Bürgerkriege teilnahmen, wurde mir erzählt, wie erschüttert sie beim Anblick dessen gewesen wären, als ihnen in einer von roten Henkern knapp befreiten Stadt aus den wenigen unversehrt gebliebenen Gebäuden über leichenbesäte Trümmer hinweg lachende Mädchen tanzfroh entgegenliefen: gäbe es Mutterfreude, wenn die Geburtswehen nicht glatt vergessen würden? Der Wille zum Leben setzt aus sich heraus die Freude am Leben, und die erhält sich, wo es nicht anders geht, mittels der sonderbarsten Umwege und Machenschaften. Die langen furchtbaren Religionskriege Europas endeten nicht so, daß der stärkere Glaube gesiegt hätte, sondern daß beide Gegner der Glaubenskraft verlustig gingen und, aus ganz anderer seelischer Wurzel stammend, ein Zeitgeist heiterer Skepsis ein von niemandem erwartetes neues Gleichgewicht schuf. Für uns Heutige noch erschütternder, weil wir alle persönlich dabei in Mitleidenschaft gezogen waren, ist im gleichen Sinn das Erinnerungsbild der Weltkriegszeit. Seither nun schien jene Phantasie des Herzens, dank welcher der Untergang der Titanic vor dem Kriege mehr Sympathie erregte, als später das Sterben von Millionen, unaufhaltsam auf dem ganzen Erdenrunde abzusterben. Es ging ja auch schon früher so oder ähnlich. In mir ist die Phantasie des Herzens niemals auch nur abgeschwächt worden; ich empfinde sogar elementarer Kriegsnotwendigkeit gegenüber heute noch genau so wie 1914. Aber das ist möglicherweise nur deshalb so, weil ich keine Greuel persönlich gesehen habe. Bis zur Zeit, da ich dieses niederschreibe (1940), habe ich ja niemanden überhaupt sterben sehen. Wer wirklich bei Greueln zugegen war, bei dem springt offenbar automatisch ein psychischer Mechanismus ein, welcher gegen das Mit-Leiden feit. Lange blieb mir unklar, welche Art Mechanismus hier funktioniert, da ja kein Kämpfer vom Schrecklichen erzählt, was er durchlebte — wenigstens nicht so, wie er es damals erlebte — und dichterisch Begabte ihr Grauen im Schreiben abreagieren, so daß es in der Herausstellung neuen Sinn erhält, gleich wie tragisches Geschehen auf der Bühne. Da fiel mir in einem glücklichen Augenblicke ein, daß Carl J. Burckhardt mir vielleicht Gegenständliches mitteilen könnte. Dieser hatte zur Zeit der Austreibung und legionenweisen Niedermetzelung der Griechen in Kleinasien geweilt, nicht nur humanitär tätig, sondern auch selber kämpfend; seither hatte er als Bevollmächtigter des Roten Kreuzes mehr Leid und Elend gesehen, als die meisten; und dem Verfasser des Richelieu konnte ich es zutrauen, daß er gleichzeitig zu erleben und zu verstehen fähig wäre. Bei diesem Buch ist es nämlich die erlebte Weltrevolution, welche den Blickpunkt schuf für die Evokation jener anderen großen Kriege, aus welcher das moderne Frankreich hervorgegangen ist. Carl Burckhardt weiß erlebnismäßig, so fiel mir ein, was Morden, Foltern, Unterdrückung, Verfolgung, Konfiskation und Ausrottungskampf, was religiöser Fanatismus und skrupelloser Machiavellismus bedeuten, und er hat sein Wissen nicht abreagiert und irrealisiert; vor allem fehlt ihm ganz jener mir über alles widerwärtige Zynismus, der zumal Treitschke eignete, wenn er vom Ernst des Krieges redete oder den Notwendigkeiten der Politik; sein Richelieu stellt alle Ereignisse so dar, wie sie wache Zeitgenossen hätten empfinden können. So bat ich denn Carl Burckhardt auf jener herrlichen Fahrt durch die Provence, zu der er mich im Oktober 1936 einlud, mir zu erzählen, wie er den Anblick der kleinasiatischen Greuel ausgehalten hätte.

Das war sehr merkwürdig und kam mir selbst überraschend, erwiderte er. Die ersten Tage war ich so mitgenommen, daß ich meinte, ich müßte zusammenbrechen oder davonlaufen. Dann aber fand plötzlich eine Umsetzung in mir statt, die ich am ehesten mit der Umschaltung eines Motors auf andere Geschwindigkeit vergleichen kann. Fortan fühlte ich einfach das Leiden der anderen nicht mehr, weder mit meinen Sinnen, noch mit der Phantasie. So wurde ein Türke neben mir im Auto in den Bauch geschossen; stundenlang schrie er neben mir vor Qual, bis daß er starb. Zu helfen war ihm nicht, aber das Erstaunliche ist: mir persönlich machte die mitangesehene Qual nichts aus.

Mir war klar, daß Burckhardt weder im üblichen Sinn der Gewöhnung abgestumpft war, noch sein Mit-Leiden im Tun abreagiert haben konnte, wie der kämpfende Soldat oder Chirurg, so daß er mir damit wirklich Aufklärendes sagte. So fragte ich denn weiter:

Meinen Sie nicht, daß die Dinge so liegen, daß in Ihnen, dank einem sichernden Mechanismus innerhalb des Unbewußten, eine Ausschaltung eben der Leidensfähigkeit stattgefunden hatte, welche erstmalig dank dem Christusimpuls in unserer Westwelt in Erscheinung trat, und daß die gleiche Ausschaltung zutiefst alle Greuel dieser Zeit erklärt? Die Stoiker waren gewiß keine schlechteren Menschen als die Christen, sie waren sogar viel weitherziger und in der Theorie wenigstens menschlicher gesinnt; nichtsdestoweniger sah Marc Aurel seelenruhig im Circus dem Zerreißen von Menschen durch wilde Tiere zu. Mit der Christianisierung setzte gleichsam eine Einschaltung neuer Geschwindigkeit ein, dank welcher der gleiche Motor auf anderen Touren lief. Beim Erleben von Greueln nun wird der Christ auf den antiken Heiden zurückgeschaltet, und die gleiche Zurückschaltung kennzeichnet und erklärt zugleich das Bild, welches die revolutionierte Welt heute bietet. Kann es so sein? Wahrscheinlich ist es so,

meinte Burckhardt düster und machte mich schnell auf eine herrliche Bergsilhouette im Abendlichte aufmerksam.

Ich meine: sicher ist es so; wenigstens wüßte ich keine bessere Erklärung. Sie allein macht in meinen Augen auch das ungeheuerliche Aushalten eigenen Leidens verständlich, das heute in allen revolutionierten Ländern die Regel ist. Man gedenke des ersten Bandes der Rachmanowa, in dem und wie sie darin den langsamen und unaufhaltsamen Übergang von der für die Oberschichten so schönen Zarenwelt in die bolschewistische Hölle schildert, während welchen Übergangs die meisten Menschen ganz natürlich und selbstverständlich immer schlechter wurden oder aber die Hoffnung auf Besseres ebenso physiologisch-selbstverständlich langsam aber unaufhaltsam verloren. Man gedenke der wunderbar serenen Schilderung des Lebens im G.P.U.-Gefängnis von Julia de Beausobre, an Russinows Auf der Suche nach Rußland und andere ergreifende Bücher russischer Dulder mehr. Oder man gedenke auch der Hoffnungslosigkeit eines zum Dauerzustand gewordenen Chaos, wie es André Malraux’s gewaltige Evokation der Atmosphäre des chinesischen Bürgerkrieges schildert (in La Condition Humaine). Sobald Chaos zum Dauerzustand wird, weckt es eine eigene sehr zähe Gesetzmäßigkeit, die seine Dauer gewährleistet. Hier aber handelt es sich um kein Außerordentliches, sondern vielmehr die Norm: neun Zehntel aller Menschengeschichte bestehen aus Folgen Bolschewismus-ähnlicher Phasen, und nichts ist abnormer als jene Sicherheit, die der Deutsche trotz aller Kriegs- und Nachkriegserlebnisse noch heute als selbstverständlich fordert. Ich aber weise hier darum just auf das chinesische Chaos hin, weil es besonders furchtbar ist: dort erscheint schauerliche Tatsächlichkeit durch den unmenschlichen Fatalismus der Asiaten ins Ungeheuerliche gesteigert. Dort wird restlos Ja gesagt zu vollkommen Sinnlosem; man stirbt um nichts, lebt für nichts; sogar die Liebe bedeutet nur mehr eine bedeutungslose Diversion.

Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
II. Abenteuer der Seele
© 1998- Schule des Rades
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