Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

I. Ursprünge und Entfaltungen

I. Vorfahren - Bewußtsein

Sinnbildlich gesehen war es ein Mißverständnis des Schicksals oder böser Wille desselben, daß echte Vertreter meiner Vorfahrenwelt das Ende des baltischen Herrentums überhaupt erlebten. Mein Großvater starb genau rechtzeitig, kein äußeres Ereignis störte den Stil seiner innerlich bedingten Welt, wie oft und ahnungsvoll sich auch sein überlegener Geist während seiner letzten Lebensjahre mit einer wahrscheinlichen Götterdämmerung beschäftigte. Bei den meisten der nächsten Generation, welche zu lange lebten, ergab dieses Mißverhältnis zwischen Anlage und Konjunktur Verbiegung, wenn nicht Bruch. Und die nächstjüngere Generation — darunter verstehe ich nicht die meine, sondern die Männer und Frauen, welche zehn bis zwanzig Jahre älter waren als ich — war innerlich so weit gebrochen, daß sie das Schicksal nicht mehr aufhalten konnte, ja es beschleunigte. Unaufhaltsam gingen Überlegenheit und Unabhängigkeitsgefühl verloren. Nur wenige Vertreter dieser Zeitgeisteinheit fühlten sich noch unbefangen als so große Herren, daß sie der Daseinsebene überlegen waren, auf der sich die nationalen und sozialen Kämpfe der letzten Jahre vor dem Weltkrieg und seither abspielten und abspielen und dank dieser Überlegenheit unser Herrentum in eine neue Zeit hätten hinüberretten können, so wie dies der englische Adel mehrfach verstanden hat. Mein Großvater dachte noch durchaus imperial. Er sah in den Balten

Elemente, die innerhalb des russischen Reiches nie zersetzend, sondern bindend und ordnend gewirkt haben,

und bekämpfte die Russifizierung in erster Linie darum, daß diese wertvollen Elemente nicht vernichtet werden dürften, was bei ihrer handgreiflichen physischen Schwäche sehr leicht geschehen könne. Als er am 11. Dezember 1862 das Symbol der Würde eines Ritterschafts­hauptmannes, den silbernen Stab, niederlegte, suchte er in seinen Abschiedsworten der Ritterschaft die Wege zu weisen, die die baltischen Lande in der Zeit der großen Reformen im Reiche zu betreten hätten. Dabei sagte er:

Die Stellung, die wir demnach einnehmen sollen — in dieser Stunde, wo ich mich bereite, von Ihnen, teure Brüder, zu scheiden —, halte ich es für meine Pflicht, noch im allgemeinen Ihnen darüber meine Meinung zu sagen. Vorauseilen oder Zurückbleiben in bezug auf unser großes Reich ist eine Fragestellung, die ich für die Vorbereitung zu einem Trugschluß halte. Das eine können wir nicht, das andere sollen wir nicht. Es gibt ein drittes, wir haben das Überlieferte von edlen Gesichtspunkten aus eifrig fortzubilden, aber dennoch zu erhalten, weil wir nur dadurch dem Reiche wahrhaft zu dienen imstande sind. So sehr es eine maßlose Anmaßung wäre, für unser kleines Land bei dem so großartigen Aufschwung des Reiches die Spitzenführung zu beanspruchen, so wenig werden uns einzelne wertvolle Vorzüge bestritten, die ihrer Natur nach sich nicht durch Gesetze übertragen lassen. Dazu gehört die größere Befriedigung bei Erfüllung als bei Umgehung des Gesetzes, die Achtung des eigenen Standes und seiner verfassungsmäßigen Beschlüsse, gegenseitiges Vertrauen und was damit zusammenhängt: einfacher Geschäftsgang, Selbstverwaltung usw.; diese Vorzüge müssen wir erhalten, nicht nur für uns, sondern auch zu lebendiger Übertragung und Nachbildung. Sie sind uns aber gesichert, solange wir nicht lassen von den Fäden unserer historischen Rechtsverhältnisse, die unsere Kultur und unsere Stellung im Reich bedingen — die uns aber auch behindern, rationelle Umgestaltungen mit derselben Leichtigkeit vorzunehmen, wie sie auf einem anders beschaffenen, aber weniger bebauten Grunde sehr wohl möglich sind.

Als Kurator von Dorpat schrieb er auf die Zumutung, den Geschichtsunterricht durch Russen in der Reichssprache erteilen zu lassen, an das Ministerium:

Einen politischen Grund, den bisherigen Lehrern den Geschichtsunterricht, mit dem sie betraut gewesen, zu entziehen, wird derjenige nicht anerkennen, der ohne Vorurteile nach den Früchten urteilt, da keine Veranlassung geboten ist zu meinen, die Untertanentreue wäre auf unseren Schulen erschüttert worden. Vielmehr ist als politisch schädlich zu erachten, wenn in den gesetzlichen Verordnungen gegenwärtig Unterschiede eingeführt werden sollten zwischen den geborenen Russen und den Angehörigen der Ostseegouvernements. Sie behindern die Untertanen, sich zu verschmelzen. In einer Zeit, wo die Beschränkungen bei Anstellung selbst den Hebräern gegenüber mehr und mehr beseitigt werden, ist es gewiß nicht angemessen, neue Ausschließungen nach den Volksstämmen einzuführen. In Einzelfällen würde sogar die Ermittlung keine leichte sein, da zum Beispiel Wostokow doch jedenfalls als russischer Gelehrter anerkannt werden wird, wenn er auch von Geburt ein Ostseeländer ist. Endlich haben die Balten, seit sie russische Untertanen geworden, an allen Kämpfen Rußlands redlich mitgewirkt. Bis in die neueste Zeit, in Sewastopol wie in Warschau, sind die Eingeborenen der Ostseeländer bei der Vollziehung der Geschichte Rußlands in ehrenvoller Weise beteiligt gewesen, und nun soll es ihnen verwehrt sein, die Geschichte zu lehren, die sie als die ihres Vaterlandes anzusehen haben?

Die Überlieferung seines Vaters fortsetzend, wurde der meinige noch bei des vorigen Lebzeiten bei der Übernahme unseres deutschen Gerichtswesens durch die Russen als — soviel ich weiß — einziger Deutschbalte Friedensrichter, auf daß wir bei der Neuordnung Sitz und Stimme behielten, und wäre er nicht so früh gestorben, so hätte er bei dem enormen Prestige, welches er unter Russen genoß, sicher viel erreicht. Im übrigen suchte er Versöhnung und Zusammenarbeit mit den Esten. 1881 schrieb er einen Aufsatz Eine Bitte an unsere Historiker, in dem er in wahrhaft prophetischer Weise das als Gefahr hinstellte, was seither eingetreten ist, und die Überzeugung verfocht, daß wir Balten uns mit den Esten und Letten als ein Volk zu betrachten hätten:

Eine jahrhundertelange gemeinsame Geschichte hat Eroberer und Unterworfene, Deutsche, Letten und Esten, zu einem Gemeinwesen mit gleichen Existenzbedingungen und Bedürfnissen vereinigt… Wir sind ja nicht mehr die Eingewanderten, die ein fremdes Land zu bekehren und zu unterwerfen herzogen. Wir tragen das Bewußtsein in uns, daß wir den Esten und Letten angehören, daß wir eine Gemeinschaft mit ihnen bilden.1

Gleichzeitig suchte Hugo Keyserling, der gegen 30 Jahre Landbevollmächtigter von Kurland war — das kurländische Äquivalent des livländischen Landmarschalls und estländischen Ritterschaftshauptmanns —, ein echter Keyserling von bedeutender staatsmännischer Begabung, der Bismarck des Baltikums, wie ihn die Russen wegen seines mächtigen, demjenigen Bismarcks wirklich recht ähnlichen Schädels hießen, unseren Stand durch Angleichung an die allgemeine Ebene des russischen Reichsherrentums — wie man es wohl nennen darf — im Rahmen der Semstwoverfassung zu retten. In ähnlicher Richtung suchte zuletzt Alf Pilar zu führen. Doch die echten Herren von zugleich weitblickendem Geist fanden von Jahr zu Jahr weniger Gehör, geschweige denn Gefolgschaft. Allzulange waren die Balten an von niemand in Frage gestellte außerordentlich bevorzugte Stellung gewohnt gewesen. Noch ich habe das gemerkt, so oft ich nach Petersburg kam. Wir Balten waren mit ganz geringen Ausnahmen gegenüber vornehmen Russen bettelarm. Und doch gab es kein Hotel, kein Restaurant, in dem wir nicht bevorzugt behandelt wurden. Die offiziellen Vertreter der Ritterschaften wurden vom Kaiser selbstverständlich so empfangen, wie etwa indische Maharadschahs vom englischen Vizekönig; dank dem hielten wir uns trotz aller Verfolgungen des Weltkriegs. Da Übertreibungen immer das einleuchtendste Sinnbild einer Norm darstellen, sei hier einiges vom Leben des berühmten Sprachforschers Alexander Stael von Holstein, der die letzten Jahrzehnte in Peking verbrachte und daselbst 1937 starb, der Vergessenheit entrissen. Wir kannten uns sozusagen von Geburt an. Er alternierte zu aller Zeit zwischen streng wissenschaftlicher Arbeit und orgiastischer Existenz und verknüpfte beide durch einen köstlichen, alle Gegensätze versöhnenden Humor. Das Jahrzehnt bis zum Ende des Weltkrieges lebte er an der Akademie in Petersburg, wo er seiner Erklärung nach zwei bis dahin unbekannte, eigentlich völlig uninteressante Sprachen deshalb bearbeitete, weil es, wie er behauptete, einzig menschenwürdig sei, sofern man überhaupt eine Tätigkeit hat, eine gänzlich überflüssige auszuüben. Und er verließ Petersburg kaum, weil er behauptete, seine Kollegen, die ihm ohnehin mißtrauten, würden daraufhin sagen, er hätte sich nie ernstlich für die Wissenschaft interessiert. Er speiste täglich bei Cubat. Dort nahm er jahrelang einen bestimmten Platz ein, und es war stillschweigend ausgemacht, daß kein Gast das Recht hatte, sein Blickfeld zu kreuzen. Draußen wartete ein eigener Kutscher. Doch nicht genug dessen: auch einen eigenen von ihm besoldeten Gendarmen hielt er sich, um nicht etwa mit fremder Polizei zu tun zu haben. Gelegentlich kam dann eine bacchantische Stimmung über ihn. Er erschien mit einer Gitarre im Arm und tanzte, vom Orchester gefolgt, spielend und singend durch den Saal. Alles das wurde selbstverständlich toleriert. Einmal wurde er auf kurze Zeit wahnsinnig. Da holte ihn ein befreundeter baltischer Arzt aus Paris ab, wie er gerade allen Kellnern des Elysee-Palace-Hotels ein lukullisches Gastmahl gab, wobei er selbst ernst in einer Ecke saß, nur mit einem Glase Whisky und Soda vor sich. Tags vorher hatte er der russischen Botschafterin einen offiziellen Besuch gemacht und dabei einen lebendigen Hasen vor ihr losgelassen: das, behauptete er, verlange die neueste Sitte in der ganzen Welt. Alles dieses ließen die Russen selbstverständlich und hochachtungsvoll gewähren. — Man sieht hieraus, an welche Privilegierung wir gewohnt waren. Kein Wunder, daß die allermeisten Balten gegenüber intensiv werdender Russifizierungspolitik der Regierung mehr als sauer reagierten. Sie reagierten aber leider auf sie und das gleichzeitige Aufstreben der Esten und Letten vor allem mit immer größerem Engwerden. Immer mehr verloren sie ihr innerliches Unabhängigkeitsgefühl; bald kämpften sie mit unaufhaltsamem Verlust an innerer Überlegenheit auf gleicher Ebene gegen die sie bedrängenden Mehrheiten anderen Stammes. Von ursprünglich weiten und freien Menschen wurden die Balten immer mehr zu engen und fanatischen; sie wurden immer eigennütziger in dem politisch mörderischen Verstand, daß es ihnen nur auf Erhaltung ihrer Sonderart, ihrer Sonderrechte und ihres Besitzes ankam, nicht mehr auf die Verantwortung für das Schicksal des Landes, mit dem sie sich, koste es noch so große partikuläre Opfer, identifiziert hätten. Im Feuer des Weltkrieges erhitzten sich die Leidenschaften bis zur Weißglut. Da verloren die Balten schließlich allen Sinn für politische Möglichkeit und Wirklichkeit, welcher Sinn sie siebenhundert Jahre lang in so seltenem Grade ausgezeichnet hatte. Gegen Ende des Krieges war ich wahrscheinlich der einzige, welcher sich klar zum einzigen Weg bekannte, der unser Baltentum allenfalls noch retten konnte: der Idee der Belgisierung der Ostseeprovinzen. Genau so, wie es keine Belgier gibt, sondern nur Flamen und Wallonen, die jedoch dank der Existenz der höheren Synthese Belgien relativ konfliktlos zusammenleben, genau so hätte als Folge des Weltkriegs bestenfalls als Bindeglied zwischen Deutschland und Rußland ein besonderer Baltenstaat entstehen können, in dem wir uns als Oberschicht behauptet hätten. Wie ich 1915 oder 1916 mit späteren Staatsführern des estnisch gewordenen Estland darüber privatim und unverbindlich konferierte, waren diese noch sehr bereit, bei solcher Lösung mitzumachen. Aber meine Standesgenossen wollten nichts von einem solchen Plane wissen. Sie glaubten an die Möglichkeit der Eroberung durch Deutschland und damit an eine endgültige Germanisierung unserer Heimat. Ich glaubte nie daran. Die Esten haben einen Brief von mir an den Ritterschaftshauptmann Baron Eduard Dellingshausen vom 25. Dezember 1917 gefunden und veröffentlicht, auf den ich stolz wäre — wenn er nicht ein antizipiertes Todesurteil darstellte und meinem Schmerz über den Verlust der Heimat neue Nahrung gäbe: in jenem Briefe habe ich Dellingshausen im einzelnen vorausgesagt, was möglich sei und wohin es kommen müsse, wenn es bei der bisherigen Sturheit bliebe.

Hier nun setzt meine Geistesgeschichte im Unterschied von der privaten Geschichte eines Balten als letztbestimmend ein. Solang ich als Herr auf Rayküll und Könno lebte, dachte ich, in richtiger Einschätzung meiner vorhandenen und nicht vorhandenen Gaben und meines Charakters, nie daran, mich politisch zu betätigen. So lehnte ich nicht allein Wahlen zu Landesämtern, zur Reichsduma, sondern sogar den für einen sehr jungen Menschen (damals war ich 28) besonders ehrenvollen Antrag, Estland im Reichsrat des russischen Kaiserreiches zu vertreten, a limine ab. Mir bedeutete das Leben auf der ererbten Scholle den natürlichen Lebensraum und -rahmen, innerhalb dessen ich mein eigentliches und rein persönliches Leben ausleben konnte. 1900 hatte es mich gebieterisch aus der Heimat fortgedrängt, ich verleugnete sie innerlich geradezu, weil ich die Bindungen, die sie für mich verkörperte, als meiner Lebensaufgabe feindlich empfand. Als ich 1902 zum erstenmal auf kurze Zeit heimkehrte, fühlte ich nur störende Diskrepanz. Mein vorher schlummernder Geist war geweckt worden, er war rapide gewachsen und diese Gleichgewichtsverschiebung veränderte mein ganzes seelisches Bild. Mit Verwandten und Freunden, mit denen ich nur zwei Jahre vorher in selbstverständlicher Sympathie gelebt hatte, verstand ich mich nun gar nicht mehr, sie verhielten sich verurteilend oder doch wenigstens sehr skeptisch zu meinem aus der Art geschlagenen Wollen, mein neu geborenes, rein persönliches Ich war indes noch viel zu schwach, um in dieser Atmosphäre weiterwachsen zu können. Es ist schon etwas Erstaunliches um die schnellen Wandlungen, die der Jugendzustand gestattet. Und das Erstaunlichste daran ist, daß man selber gar nichts vom Erstaunlichen dieses Anderswerdens merkt; es ist die eine Parallele zum schnellen Gefühlswechsel einer Frau, welchen in dieser Form kein Mann kennt. Ob man es auch selbstverständlich findet, wenn man nach dem Tode in einem gegenüber dem Erdenleben gänzlich fremdartigen Jenseits aufwacht? — Wie dem auch sei: ab 1902, wo ich aus Estland nach Wien geradezu zurückfloh und mit einem Gefühl ungeheurer Erleichterung dort ankam, blieb ich volle fünf Jahre lang der Heimat fern: nicht früher wollte ich wiederkehren, als bis ich durch persönliche Leistung eine Stellung errungen hätte, die mir von außen her niemand streitig machen könnte und welche mich innerlich stützte gegen jede Anwandlung, zugunsten der Überlieferung auf eine rein persönliche Lebenslinie zu verzichten. 1907, nach Erschaffung des Gefüges der Welt und der Unsterblichkeit, war ich soweit. Und wie ich dann 1908 die Familiengüter übernahm, tat ich eben das gern, vor dem ich acht Jahre lang als vor dem größt denkbaren Unglück zurückgescheut hatte. Denn bis 1900 war ich nicht geistiger eingestellt gewesen als meine Gutsnachbarn, das Kollektive war stärker in mir gewesen als das Individualisierte, und wie mein Geist erwachte, da graute mir die ersten Jahre hindurch davor, am Ende in das Urmütterliche von Blut und Boden zurückgeschlungen zu werden. Damit — mit dem Herbste 1908 — begann dann die eine Periode meines Lebens, in der ich völlig unbehindert, ja durch alles Äußerliche gefördert und gestützt, meinem eigensten Stil entsprechend leben konnte. Meine damalige Existenz glich der eines regierenden Fürsten, wie sich phantasievolle Kinder solche ausmalen. Ich herrschte wirklich, das heißt ich kümmerte mich um alles von oben her; ich plante, befahl, und was ich befahl, geschah. Aber ich kam gar nicht darauf, anders als eben von höchster Warte her zu regieren. So reichten Unannehmlichkeiten der Verwaltung und was da sonst zum Leben eines Gutsbesitzers gehört, an mein Bewußtsein überhaupt nicht heran, zumal ich mir über meine geschäftliche Unfähigkeit sowie den Umstand, daß der geringste praktische Konflikt mich mehr Seelen- und Nervenkraft kostete als das Schreiben vieler Bücher, vollkommen klar war und mich daher lieber bis zur Grenze des Tragbaren bewußt übervorteilen, ja betrügen ließ, als meine Kräfte in Kontrollmaßnahmen auf letztlich unfruchtbare Weise zu vergeuden. So bot mir das hochherrschaftliche Rayküll zusammen mit dem Waldgut Könno, an dem meine sämtlichen Kindheitserinnerungen hafteten und wo ich das Ziehen jedes Grabens, ja beinahe das Wachsen jedes Baumes miterlebt hatte — noch heute kann ich mir Tausende bestimmter Bäume an bestimmten Stellen des Könnoschen Waldes, wie mir scheint, ohne Irrtum vorstellen —, den idealen Rahmen für mein Leben aus dem reinen Geist heraus und auf ihn hin. Gleich vielen anderen Geistigen war (und bin) ich ein Liebhaber endloser Spaziergänge; der Gutsherr in mir liebte es, sich auf eigenem Grund und Boden zu bewegen: Rayküll und Könno boten genügend Raum für noch so ausgedehnte Wanderung. Ich wollte vom Kleinlichen des Erdendaseins möglichst wenig spüren: dort spürte ich so gut wie nichts davon. So lebte ich völlig unbehindert in meiner eigenen Welt, deren psychische Atmosphäre im Reisetagebuch ihren Endausdruck gefunden hat, und nichts trat anders an mich heran als aus großer Distanz und unter der selbstverständlichen Voraussetzung, daß die Einstellung des Herrn in der Abwandlung des reinen Sinneserfassens, welchem bloße Tatsachen nichts bedeuteten, die für mich absolut richtige und überdies die legitime war. Noch die bolschewistische Revolution erlebte ich, ob man mir’s glaube oder nicht, zu Hause aus dieser inneren Distanz heraus. Wie Rayküll 1918 von den Roten übernommen wurde, ich als Besitzer abgesetzt war, die Knechte herrschten und der Verwalter dreier Generationen, Kangrus, offiziell nur noch als bescheidener Schriftführer weitergeduldet wurde, lebte ich oben in der Mansarde des Schlosses, wo ich mir ein Buen Retiro eingerichtet hatte, genau so wie früher weiter. Wie mir bedeutet wurde, die rote Garde sei gekommen, um mich zu verhaften, ließ ich ruhig ein Pferd vor einen Schlitten spannen und fuhr unbehindert, grinsend, mitten durch die Garde hindurch nach Könno. Von dort mußte ich freilich weiter flüchten, von Bauernhof zu Bauernhof, zuweilen unter Stroh versteckt. Ich lebte dort allemal im Zimmer der Tochter, in welches einzudringen estnische Konvention Besuchern verbot, und so hörte ich oft, da ich verfolgt wurde, wenige Schritte von mir nach mir fragen, ohne daß mich jemand verraten hätte. Das wunderbarste Erlebnis war mir dabei, daß mich keines der kleinen Kinder versehentlich verriet, mit denen ich öfters spielte, bis daß das Anschlagen eines wachsamen Haushundes mir nahelegte, mich in mein Versteck zurückzuziehen. Wie ich einmal einer Estenmutter gegenüber entsprechende Besorgnis äußerte, sah sie mich erstaunt an und sagte: Kinder verraten nie. Sie taten es in meinem Falle wirklich nicht. Dieses Flüchtlingsdasein von Asyl zu Asyl dauerte an, bis daß die deutschen Truppen, von Ösel herkommend, einrückten und ich mit diesen zusammen in Rayküll wieder einzog, um dort noch am selbigen Tage mein gewohntes weltfernes Leben wieder aufzunehmen.

Dieses mein sonderliches Leben wurde von niemandem beanstandet. Die wenigst Begabten beruhigten sich dabei, daß ich ein Sonderling, im übrigen aber zweifellos ein land- und forstwirtschaftlicher Kulturpionier und als in vielen Ländern Europas anerkannter Philosoph und Schriftsteller für das Land von Nutzen sei; die meisten freuten sich meiner Existenz. Aber der Weltkrieg riß mich schließlich doch unbarmherzig aus meinem magischen Kreise heraus. Nicht als solcher freilich. Vom Kriege spürte man in Rayküll und Könno nichts. Als einziger Sohn wurde ich nicht zum Heeresdienst eingezogen; wie 1916 das Privileg aufgehoben wurde und ich zur Musterung erscheinen mußte, wurde ich wegen körperlicher Untüchtigkeit für immer befreit, welche Entscheidung ein zweites Mal, wo ich auf eine Denunziation hin auf eine Woche in ein Lazarett unter vielen sehr unangenehm kranken Russen zur Beobachtung eingesperrt wurde, endgültig bestätigt ward. Noch in der ersten Phase der russischen Revolution konnte ich meine Sonderlebensform behaupten. Von damals erinnere ich mich besonders der folgenden Episode. Plötzlich erschien eine Sotnia Kosaken bei mir auf dem Hof, welche Übel berüchtigt war, da sie mehrere meiner Standesgenossen ermordet und deren Güter geplündert hatte. Ich entbot den Kommandeur zu mir. Dieser ließ auf sich warten. Ich drängte. Da erschien er und schrie:

Ich habe hier zu befehlen! Ich antwortete ruhig: Wie lange bleiben Sie? — Wie lange? So lange es mir beliebt! — Das bezweifle ich. Haben Sie die letzten Nachrichten gehört? — Was für Nachrichten? Ich weiß von nichts. — Nun, Nordrußland hat mit Deutschland Frieden geschlossen, dafür tobt der Krieg zwischen jenem und Ihrer Heimat, dem Don. Wenn Sie am Leben bleiben wollen, dann rate ich Ihnen dringend, baldigst südwärts zu ziehen, sonst kommen Sie nicht mehr durch. Wenn Sie mir nicht glauben, dann fragen Sie doch Ihren Vorgesetzten auf dem Nachbargute Kechtel. Er sauste sofort hin, kam mit phantastischer Schnelligkeit zurück und rief mir kurz zu: Sie hatten recht.

Und in wenigen Stunden waren wir die ganze Bande los, sogar mit wenig Verlusten an Fahrzeugen und Fourage. Natürlich hatte ich alles das, was die Kosaken fortgescheucht hatte, frei erfunden. — Und ganz herrlich war es im Sommer 1917. Damals herrschte eine wahrhaft arkadische Atmosphäre. Vom Druck der zaristischen Herrschaft erlöst, atmete ganz Rußland auf, und die Menschen, von aller behördlichen Bevormundung befreit, stellten sich zeitweilig wirklich so gut dar, wie sie laut Rousseau im reinen Naturzustand sein sollten. Obgleich es keine Polizei, keine Gerichte gab, kamen weniger Verbrechen und Vergehen vor, als ich es jemals irgendwo erlebte. Auch mir, der ich gegen Obrigkeit immer tiefste Abneigung empfunden hatte, war damals friedvoller zumute als jemals früher und später.

Schließlich aber wurde ich von Reval aus, wo ich jetzt häufiger hinmußte, aus dem magischen Kreise, innerhalb dessen ich lebte, doch herausgerissen. Für Politik hatte ich mich immer interessiert — während der schwersten Phasen eines schweren Typhus in Paris 1905 ließ ich mir täglich, sogar bei hohem Fieber, aus dem Temps über das Auswirken der revolutionären Stimmung in Rußland vorlesen — doch immer nur als theoretischer Betrachter oder später als Impulsgeber vom Geiste her; persönlich berührten mich politische Probleme überhaupt nicht, und politische Leidenschaft war mir nicht allein fremd, sondern sogar erlebnismäßig unverständlich. Noch heute ist sie mir dies, trotz aller Erfahrung; wie ich jüngst eine besonders plastische Darstellung von der jahrzehntelangen Verunglimpfung und Verfolgung Dantes aus kleinstädtischem Parteienhaß heraus las, da konnte ich mich immer noch zu keinem lebendigen Verstehen aufschwingen, und entgeistert schüttelte ich bei der Lektüre den Kopf. Objektiv geurteilt, war es in Anbetracht der Menschennatur, wie sie nun einmal ist, nur natürlich, daß meine ausschließlich von nächstliegenden praktischen Interessen berührten Landsleute mir während des Krieges meine allemal einer europäischen Gesamtschau entspringenden Äußerungen und Urteile, die natürlich ganz anders ausfielen als die üblichen — so richtig sich die meisten später erwiesen haben —, überdies geistige Ziele und Werte praktischen Interessen selbstverständlich voranstellten und durchaus der Gesinnung des detachierten Philosophen entsprachen, schließlich übelnahmen. In den letzten Kriegsjahren glaubten sie beinahe alle, daß unsere Heimat nicht nur von Deutschland, wie vormals von Schweden und jetzt von Rußland, abhängig, sondern richtiggehend deutsch werden würde, so daß im Deutschtum die konstruktive politische Idee des Landes läge: ich allein wußte wahrscheinlich genau, daß diese Vorstellung von Grund aus verfehlt war, sofern wir unsere seit siebenhundert Jahren behauptete Heimat behalten wollten, was wir damals doch alle ohne Ausnahme wünschten, und daß wir zu wählen hätten zwischen Bodenständigkeit, welche Verständigung mit den Esten und Letten bei relativ neutraler Haltung zu Rußland und Deutschland voraussetzte, und Entwurzelung. Und da mir Rayküll und Könno den mir angemessenen Lebensrahmen bedeuteten und ich eingesponnen in meine eigenste sonderliche Welt außer nahen Kontaktes mit den anderen lebte, so kam ich gar nicht darauf, daß irgendein Balte die Entwurzelung der Anpassung an neue Verhältnisse vorziehen würde. Hier irrte ich mich vollständig — ich ahnte persönlich eben nichts von blinder und irrationaler politischer Leidenschaft. Ich konnte mir damals nicht einmal vorstellen, daß irgendein denkender Mensch seinen eigenen Untergang und den Verlust seiner Identität wollen konnte — denn eben das würde, so wußte ich schon 1917, die Entwurzelung für den Balten als Typus bedeuten. Ich aber sah und sehe nur im geistigen Typus einen Wert, und meiner Überzeugung nach kann es nie genug verschiedenartige Werteträger geben, denn aus der Polarisierung der einen mit anderen erwächst alle Steigerung und alle Wandlung Höherem zu, wogegen jede Nivellierung nach unten zu stattfindet und darum geistfeindlich ist.

Nun, mein Nicht-Verstehen habe ich teuer genug bezahlt. Wie die deutschen Truppen in Estland einrückten, wurde ich von einem sehr großen Teil meiner Landsleute, die sich früher nie anders als ehrerbietig zu mir verhalten hatten, ostraziert, boykottiert, denunziert. Nur dank dem energischen Eintreten der höchsten Instanzen unserer Ritterschaft für mich, insonderheit des Ritterschaftshauptmanns Baron Dellingshausen, entrann ich dem Ausschluß aus der Adelsgemeinschaft. Ein rationaler Grund für all diese Feindschaft und Verfolgung lag überhaupt nicht vor. Zeitlebens hatte ich ausschließlich als alles-verstehen-wollender und geistige Ziele verfolgender Philosoph zu den Problemen dieser Erde Stellung, am politischen Leben hatte ich niemals teilgenommen und nahm an letzterem auch während des Weltkrieges nicht teil. Wenn einer nicht nur nicht in irgendeinem Sinne verantwortlich, sondern überhaupt nicht exponiert war, dann war ich es. Öffentlich getan hatte ich überhaupt nur zweierlei: im Dezember 1914 hatte ich für die englische Monatsschrift The Hibbert Journal einen rein philosophischen Aufsatz Der Sinn des Krieges (On the meaning of the war) geschrieben (er wurde im April 1915 veröffentlicht), welcher, abgesehen von seinem rein geistigen Gehalt, der meiner Überzeugung nach für alle Zeit standhalten wird und dazu dienen sollte — das war meine Abmachung mit dem Herausgeber L. P. Jacks —, dem damals völlig hemmungslos werdenden Deutschenhaß im Geiste späterer doch unvermeidlicher Verständigung der Feinde entgegenzuwirken. Dann ließ ich diesem Aufsatz und im Zusammenhang mit ihm 1916, als die öffentliche Meinung weniger blind-fanatisch geworden war, noch in der amerikanischen Monatsschrift The Atlantic Monthly einen zweiten Aufsatz (A philosopher’s view of the war) folgen, in dem ich nunmehr ganz offen gegen die Entente-Ideologie und für einen Frieden des Vergleiches Stellung nahm. Endlich hatte ich für den Ritterschaftssekretär von Wetter-Rosenthal, welcher für eine Verständigung mit den Esten öffentlich eintrat, meine ganze Autorität eingesetzt und selbst Fühlung mit später führenden Esten genommen. Sonst hatte ich überhaupt nur eines getan: im Herbst 1917 Freunden in Reval, die wegen ihrer früheren Russenfreundschaft schikaniert wurden, ein rein objektives, privat zu behandelndes Manuskript Einige Gesichtspunkte zur Tagesfrage zur Verfügung gestellt, das sie aber anständigen Menschen zeigen durften, um diese von der Unvornehmheit und Mißverständlichkeit solcher Hetze zu überzeugen. Daraufhin hätte kein Wahrheitsliebender und Gewissenhafter, welcher bei Sinnen war, überhaupt darauf kommen können, mich zu verfolgen. Aber die Menschen waren damals eben von Sinnen, wie dies in Revolutionszeiten bei sonst Vernünftigsten geschieht. Die Leute suchten nach irgendeinem Sündenbock, und gerade weil ich ihnen unbekannt und unverständlich war — keiner meiner Verfolger hatte meine Schriften gelesen, geschweige denn verstanden —, eignete ich mich besonders gut dazu. Seither weiß ich wenigstens dies, was mir im späteren Leben sehr zustatten gekommen ist: Verfolgungen und Hetzen haben niemals sachliche Gründe. Und sobald der Verfolgte den Verfolgern überlegen ist, beruht Hetze zu hundert Prozent auf Neid, Neid und noch einmal auf Neid. Und hier handelt es sich um ganz elementaren, in den meisten Fällen direkt tierischen Lebensneid. Neid auf höhere Statur, sexuelle Potenz, größere Begabung, höhere Kultur, Ruhm und Einfluß. Unter gar keinen Umständen sind sachliche Argumente im Dienste hämischer Verfolgung jemals ernst zu nehmen: aus sachlichen Gründen bekämpft man wohl seine Gegner vornehm, als ehrlicher Feind, aber man stellt ihnen nicht auf häßliche Weise nach. 1929 gelang es mir, eine besonders pittoreske Probe aufs Exempel zu machen, die ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte. Ein amerikanischer Freund sah im Fall von Angriffen ebensowenig klar, wie es die meisten Deutschen tun, die nicht einsehen wollen, daß die bloße Tatsache hämischer Hetze Herkunft aus der irrationalen Unterwelt beweist. Ich sagte ihm:

Wenn jemand wieder über mich schimpft, dann fragen Sie ihn doch einfach: Warum beneiden Sie denn Keyserling so sehr?

Jauchzend schrieb er mir wenige Tage später. Ein mexikanischer Diplomat, der mich nicht kannte und natürlich nichts von mir gelesen hatte, zog über mich her. Nachdem nun mein Freund die ihm geratene Frage gestellt hatte, stockte er nur einen Augenblick und sagte dann:

Ja, aber dieser Mann hat keinen roten Heller und benimmt sich wie ein Kaiser. Er sollte zermalmt werden.

Doch zurück zu meinen Erfahrungen mit meinen Landsleuten, die ich aus Rücksicht auf meine Familie leider nicht ganz verschweigen darf. Wie ich 1918 gleich den meisten von uns nach Deutschland auswandern mußte, da hetzten viele Landsleute mit gutem Erfolge gegen mich weiter; sie nahmen es mir übel, daß ich, der ich nicht an den Anschluß der Heimat an Deutschland geglaubt und auf unsere Sonder-Eigenart allen Nachdruck gelegt hatte, nach Deutschland gekommen war und hier dazu noch besser als die meisten gedieh. Sie konnten nicht verstehen, daß ich aus Geistesgründen nach Deutschland zog, wo ich damals freilich genau so gut in Frankreich oder England hätte neu anfangen können. In Anbetracht so vieler Angriffe sei die folgende historische Tatsache festgehalten. Im Herbst 1918 riet mir meine spätere Schwiegermutter, die Fürstin Herbert Bismarck, dringend, nach dem Baltenland zurückzukehren, dank meinen persönlichen Beziehungen zu führenden Persönlichkeiten der Entente würde ich gewiß manches retten können. Ich erwiderte:

Nein, jetzt ist mein Platz hier in Deutschland und ich bleibe hier, und sollte es mich mein ganzes Erbe kosten. Von jetzt ab ist Deutschland der Mittelpunkt europäischen Neuwerdens, und hier mitzuarbeiten ist mir Ehrenpflicht und Lebensaufgabe zugleich.

Öffentlich sprach ich meine Überzeugung dessen, daß gerade jetzt Deutschlands wichtigste Zeit beginnt, in einem zum Ratifikationstage des Versailler Vertrages geschriebenen, in Politik, Wirtschaft, Weisheit wieder abgedruckten Aufsatz, aus. Wieviel ich, der ich damals, so unwahrscheinlich das heute klingt, mehr galt als das Deutsche Reich, in den ersten zehn Jahren nach dem Zusammenbruch auch für das offizielle Deutschland zu tun versucht habe, wird sich ja wohl einmal aus den Berichten seiner begabteren amtlichen Vertreter urkundlich erweisen. Doch wie dem immer sei und werde: jedenfalls hatte ich fortan in Deutschland dauernd mit der Feindschaft einer erheblichen Anzahl gerade meiner Landsleute zu rechnen. Einzelheiten will ich hier nicht geben; es war ja auch keine einzige geistig und moralisch ernst zu nehmende Persönlichkeit an diesen Intrigen und Hetzen beteiligt, in der Zahl der Kleinen und Kleinlichen lag das Übel, dem Geist des kollektivistischen Zeitalters gemäß. Häßlich genug aber war es, was ich erleben mußte, und lange habe ich den Schuldigen und deren Hintermännern nicht verzeihen können. Jetzt aber, da ich dieses schreibe, nachdem ich soviel größeres Leiden seitens anderer und weniger Abwehrfähiger geschaut, für die es überdies keinerlei Kompensationen gab, kann ich, wenn nicht in allen Punkten verzeihen, so doch vergessen. Vor allem aber sehe ich in meinen noch so widerwärtigen Erlebnissen kein sinnlos Ungerechtes mehr, sondern einen schicksalsmäßigen Ablauf. Bis 1918 hatte ich das eigentlich Unmögliche möglich gemacht, ganz auf der Ebene des theoretischen Verstehers zu leben und ausschließlich in Zusammenhängen zu denken, innerhalb derer das Einzelne nur als geringfügiges Element erscheint — und dabei doch als Sonderwesen mitunter sehr aktiv ins Leben einzugreifen. Es bedeutete in Wahrheit ungeheure Privilegierung, daß mir bis zu meinem achtunddreißigsten Lebensjahr soviel vorgegeben wurde, daß ich, obgleich ich, sobald ich überhaupt aus meiner Abgeschiedenheit heraustrat, nicht als stiller Beobachter, sondern als baltischer Edelmann unter anderen lebte und in meinem Auftreten und Reden reichlich herausfordernd war, vorher nie die praktischen Konsequenzen beschworen hatte, welche sich logisch aus der völligen Inkompatibilität meiner Bewußtseinslage mit derjenigen der meisten, mit denen ich damals viel zusammenkam, ergaben. Natürlich kann ich einerseits sagen — und lange habe ich mir dies allein gesagt —, daß mir alle meine späteren Widerwärtigkeiten widerfuhren, weil ich bewußt die Rolle eines Neuerers und damit Nichtachters des Bestehenden für mich in Anspruch nahm; und dabei erkannte ich auch immer an, daß ich glücklicher gefahren bin als viele Größere. Bismarck wurde nur durch die Treue Wilhelms des Ersten davor bewahrt, seitens des preußischen Adels Schlimmstes zu erleiden, Sokrates mußte den Giftbecher trinken, Spinoza wurde von der Judengemeinschaft ausgespieen. Der Apostel Paulus gar ist fünfmal von seinen Volksgenossen gegeißelt worden, dreimal empfing er Stockschläge, einmal wurde er gesteinigt und als tot vom Pöbel aus der Stadt geschleift; immer wieder mußte er fliehen, öfters wurde ihm nach dem Leben getrachtet, mehrmals saß er gefangen. Aber mit dieser für mich letztlich schmeichelhaften Deutung ist längst nicht alles richtig erklärt. Der wesentlichste Sinn meiner Schwierigkeiten lag darin, daß in mir selber damals ein wirklich unerträglicher Gegensatz zwischen dem geistigen und dem empirischen Menschen bestand und daß ich die Form überhaupt noch nicht gefunden hatte, welche den Geist, der aus dem Reisetagebuche spricht, harmonisch dem Gemeinschaftsleben hätte eingliedern können.

Zeitlebens habe ich immer wieder unverhältnismäßige Abwehrbewegungen beschworen. Was ich hiermit meine, mache ich wohl am schnellsten durch eine groteske Anekdote aus meiner amerikanischen Vortragsreise des Jahres 1928 deutlich. Nach einem Vortrag in einer mir besonders sympathischen Stadt des mittleren Westens war ich, wie immer als Reaktion auf eine sehr ernste Rede, ausgelassen lustig, und alle machten fröhlich mit. Auf einmal gingen alle leise fort, ohne von mir Abschied zu nehmen. Später erfuhr ich, daß der Abbruch der Gesellschaft daraufhin erfolgte, daß, während wir in gehobener Stimmung zusammensaßen, ein Telephon der Mutter der Hausfrau aus gegen zweitausend Kilometer Entfernung, aus Kalifornien, erfolgte, in welchem diese vor mir warnte:

Dieser Mann sollte ein Christus sein, statt dessen lacht er und trinkt er Wein. Hütet euch vor ihm!

Menschen, welchen in einer Hinsicht eine exaltierte Stellung zugestanden wird, wird, falls man ihnen nicht alles vorgibt, nichts verziehen, was Nachsicht zu fordern scheint. Hier nun liegt keine Ungerechtigkeit vor, sondern eine Gesetzmäßigkeit, welche meines Wissens Emmet Fox bisher am besten formuliert hat. Wer nur im Rahmen der Gesetze der Erde lebt, sagt dieser ungefähr, ohne Höheres anzuerkennen, fährt meistens gut dabei. Andererseits wirkt sich bei dem, welcher den Gnadenstand erreicht hat, in dem die Natur durch und durch spiritualisiert erscheint, das Gesetz des Geistes so mächtig und dabei so selbstverständlich aus, daß das Gesetz der Erde nicht mehr in Wirksamkeit tritt und alle Schwierigkeiten sich von selber regeln. Wer nun aber weder ganz im Rahmen des Erdgesetzes lebt noch ganz und gar vom Geist besessen ist, dessen Leben ist ein einziger Konflikt, bis daß er eben dank Widerwärtigkeit und Leiden zur vollkommenen Durchgeistung gelangt. Mir wurden die Widerwärtigkeiten, welche 1918 begannen, zum für meine Entwicklung so notwendigen Ansporn, meine Natur ganz zu durchdringen. Bis dahin wähnte ich, die Einstellung des Metaphysikers, der alle Gestaltungen durchschauend keine ernst nimmt, sei die höhere schlechthin. Ab 1918 begann ich zu verstehen, daß erst der Zustand der Weltüberlegenheit, den ich 1921 zuerst klar zu bestimmen lernte, aber sogar mit sechzig Jahren noch nicht erreicht habe, den Anspruch rechtfertigt, den ich in meiner Jugend selbstverständlich stellte. Zumal nachdem ich das Reisetagebuch geschrieben hatte, wähnte ich ganz naiv, der meiner Ansicht nach absolut höhere Standpunkt, den ich in diesem begründet hatte, müsse anderen ganz selbstverständlich einleuchten und von ihnen als überlegen anerkannt werden. Und noch naiver identifizierte ich damals mein metaphysisches Bewußtsein mit meiner empirischen Person und beanspruchte für diese Rechte, welche ihr in keiner Weise zukamen. Mein tiefstes persönliches Bewußtsein, aus dem ich während des Krieges in Raykülls wunderbarer Abgeschiedenheit und in den ersten Jahren seither vom Piedestal des Ruhms des Reisetagebuchs her ausschließlich lebte, hat seine Lage wirklich oberhalb der Kontingenzien von Raum und Zeit und Blut und Boden und Sitte. Wäre ich nun als empirische Person ein Erleuchteter, ein im wahren Wortsinn transfigurierter Heiliger gewesen, dann hätte ich diese höhere Bewußtseinslage auch unwillkürlich ausgestrahlt. Ich aber war damals und lange nachher noch als Person, wie gesagt, in vielen Hinsichten nicht nur primitiv im Sinne der Ursprünglichkeit, sondern unentwickelter als andere geblieben. In Wien hieß mich Anna Chamberlain das Steppenkind. Gerhard von Mutius behauptete Jahrzehnte später, noch in Paris sei ich eigentlich wild gewesen, ein Kosak, der von Salon zu Salon hinübergereicht wurde. Und da sehr viele gerade dieses Ungezähmte bei mir gern hatten und mir auch später, solange ich unabhängig war, eigentlich niemand dreinredete, so gab ich mir in den Hauptentwicklungsjahren wenig Mühe, Sinn und Ausdruck (um meine eigene Terminologie anzuwenden) in Einklang zu bringen. Erst der ständige Kontakt mit der rauhen Wirklichkeit, den ich von 1880 bis 1918 in unerhörtem Grade zu vermeiden gewußt hatte, ist es gewesen, dank dem ich als ganzer Mensch den Weg zur Selbstverwirklichung betrat, ja dank dem ich überhaupt meine eigenste Form fand. Wenn irgendeiner, dann darf ich aus Erfahrung bekennen: Nur am Widerstand erwacht Bewußtsein. Bevor mich Konflikte sehr nahe berührten, ahnte ich gar nicht, wie ich als Gesamterscheinung wirkte und wer ich in meiner mir unbewußten Erdtiefe war. Noch bei den Schwierigkeiten des Jahres 1918, so groß diese waren, war ich nicht genügend innerlich berührt, um allen möglichen Gewinn aus ihnen einzuheimsen. So genügte es mir zum Beispiel, aus der feindlich gewordenen Atmosphäre Estlands nach Deutschland überzusiedeln, damit alles Gefühl des Gestörtwerdens aus meinem Bewußtsein schwand — und Störungen, nicht mehr, bedeuteten mir damals alle Anfeindungen; deren Ursachen interessierten mich kaum. So sehr hatte ich mich daran gewöhnt, die Außenwelt als reines Reaktiv anzusehen und beinahe einzig nach den Empfindungen, Gefühlen und Gedanken, die sie in mir auslöste, zu beurteilen. Und dieses eigentlich Abnorme gelang mir leicht, da das Bewußtsein des Sinneserfassers nicht allein voll entwickelt war und ich dieses allein in mir bejahte — es war damals viel reiner und stärker als später, weil es unbedingt und rücksichtslos in mir vorherrschte, so daß ich die Welt der Tatsachen kaum überhaupt in mein Erleben hineinbezog. Nein, mein wahrer Umweg um die Welt war nicht vollendet, wie ich 1914 wähnte, als ich dieses Motto dem vollendeten Reisetagebuch voransetzte, er begann mit meinem Heraustreten auf die Fläche des normalen Lebenskampfs. Nun mußte ich ernst machen mit meinem vorausgesetzten Pioniertum, mußte dieses mit meinem ganzen Wesen behaupten; ich mußte, so schmerzlich mir dies war, so sehr meine überempfindliche Natur menschliche Konflikte scheute, so sehr ich dazu neigte, abgeschieden in meiner eigenen Welt zu leben, aus meinem Anderssein nach allen Richtungen hin praktische Folgerungen ziehen. Wer den Anspruch darauf erhebt, neue Lebensformen in die Welt zu setzen, muß zunächst den Mut aufbringen, sich von den bisherigen zu lösen; Gemeinschaft ist für ihn nicht mehr durch Einordnung in vorherbestehende, sondern einzig und allein von dem neuen Mittelpunkt her möglich, welchen er selber innehat. Meine Aufgabe war nunmehr, dem neuartigen geistbestimmten Sein, welches zuerst als Möglichkeit im Reisetagebuch manifest geworden war, sich aber seither in jedem neuen Werke schärfer präzisierte und artikulierte, einen sichtbaren Rahmen zu schaffen. Dies zu leisten war ab 1920 die Aufgabe der Schule der Weisheit, welche nie anderes war noch jemals sein wollte, als der Brennpunkt und Radiator des von mir vertretenen neuen Impulses. Dann mußte ich mein ganzes Leben zum Sinnbild gestalten, dies aber konnte nicht umhin, da ich ganz neue Normen vertrat, zu Ärgernis auf Ärgernis zu führen. Diese ganze Kampfzeit stellte ungeheuerliche Anforderungen an meine Selbstüberwindung, da ich nicht die geringste Neigung zum Kämpfen überhaupt verspüre, ja es als grotesk empfinde, daß man für eine Wahrheit überhaupt zu kämpfen hat. Und persönliche Konflikte, wie ich derer nur zu viele erlebte — wo ich bis 1918 außer dem einen Duell in Dorpat überhaupt keine gekannt hatte —, empfand ich zu aller Zeit in meinem Fall als sinnlos, da ich überhaupt nicht hassen oder nachtragen kann und mir die sogenannte christliche Feindesliebe eine Selbstverständlichkeit ist. Vor allem litt meine Natur damals allzusehr an jeder, auch an der leichtesten Verwundung. Diese völlige Inkompatibilität meines Wesens mit den ihm auferlegten Aufgaben und Schicksalen brachte mich natürlich häufig in Lagen, in denen ich nicht als der Überlegene erschien. Allzu behütet war ich aufgewachsen und als Folge dessen gar zu wenig entwickelt im Sinne des Zwischenreichs, als ich in die Welt hinaustrat. Selbstverständlich wurde die Unvollkommenheit meiner Person mehr bemerkt als der Geist, aus dem sie handelte oder um den sie rang. Die Kränkungen, die ich dabei erfuhr, machten mich selber oft ungerecht oder verführten mich zu übertrieben scharfen Reaktionen. Dies nun führte dazu, daß ich vor anderen schicksalsmäßig schuldig wurde. Hier denke ich vor allem an mein Schicksal und Tun als Balte. Selbst wenn ich alles theoretisch richtiger beurteilt hätte als alle anderen — und es ist fraglich, ob ich in allem richtiger sah; wahrscheinlich wären meine Pläne, so wie die Gesamtweltlage sich einmal entwickelt hatte, keinesfalls zu verwirklichen gewesen —: schuldig vor ihnen war ich insofern, als ich an unserem tragischen Schicksal nicht im gleichen Sinne und Maße innerlich beteiligt war wie sie. Für mein proteisches Bewußtsein handelte es sich nicht um Sein oder Nichtsein, sondern um Möglichkeiten unter anderen. Damals konnte ich ja nicht einmal für Krankheit ehrliches Mitleid fühlen, da ich in ihr aus eigener Erfahrung einen der positivsten und entwicklungsförderndsten Zustände sah, ja sogar im Tode nur eine Zustandsänderung sehen und darum nicht ebenso wie andere um Verstorbene trauern konnte. Schon mit vierzehn Jahren, als mein Vater starb, konnte ich mich in die allgemeine Stimmung nur dadurch hineinversetzen, daß ich mich auf die eine Vorstellung konzentrierte: Du wirst ihn hier auf Erden niemals wiedersehen. Endlich und vor allem bedeutete mir das, was allen anderen Gutsbesitzern das Ende schlechthin bedeutete, in erster Linie das Öffnen des Tors zu meinem Wege in die Freiheit rein geistiger Existenz. Alles dieses mußte nun nicht allein auf andere unmenschlich wirken — bis zu einem gewissen Grade war es das. Und erst nachdem ich den Weg von der persönlichen Unberührtheit zur Barmherzigkeit gefunden hatte, begann mein wahrer Weg zur Selbstverwirklichung im Rahmen des Menschenlebens, in das ich nun einmal hineingeboren bin. Unterwegs dahin aber mußte ich Schuld auf Schuld auf mich laden, und eben dies wurde mir zum Heil.

1Dieser Aufsatz, der unter dem Titel Eine Bitte an unsere Historiker in der Baltischen Monatsschrift, herausgegeben von Friedrich Bienemann, 28. Band, Riga und Moskau 1881, erschien, ist für den Geschichtsforscher sowohl wie als Beispiel echt staatsmännischer Vorausschau so wichtig, daß er an geeigneter Stelle neu abgedruckt werden sollte.
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
I. Ursprünge und Entfaltungen
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