Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

II. Abenteuer der Seele

III. Puritaner - Individualist

Ehe ich an die Entwirrung einiger der Fäden des Teppichmusters gehe, den ich im Vorhergehenden absichtlich so bunt und in seinen Zeichnungen unübersichtlich darstellte, möchte ich das folgende Grundsätzliche bemerken: keiner versteht ein Wort vom Geist-bestimmten Leben, wie es wirklich ist, der irgend ein logisch und intellektuell noch so faßbar Erscheinendes wortwörtlich auffaßt. Es kommt nie vor, daß irgend etwas aus dem anderen folge oder etwas nicht sein könne oder sich logisch ausschließe, weil sich dies aus dem erweisbaren Sachverhalt oder gar dem Wortlaut ergäbe. Jeder meint wenn nicht durchaus anderes, so doch jedenfalls auch anderes als das, was er ausspricht. Jeder versteht Begriffe auf seine Weise. Alles Denken, alles Schauen, alles Vorstellen geht zutiefst von inneren Bildern aus oder auf sie zurück oder aber es bezieht sich auf sie; alle Geistestätigkeit ist in erster und letzter Instanz sinnbildlich. Darum gilt es unter allen Umständen, den manifesten Tatbestand nicht zu schauen, sondern zu durchschauen, so man verstehen will. Intellektuelle Konstruktionen als solche entsprechen niemals primärer Wirklichkeit. Wohl können sie dieser aufgezwängt werden; daraus ergibt sich aber wiederum nicht Kongruenz von System und psychologischer Realität, sondern eine Vergewaltigung dieser, aus welcher Vergewaltigung dann das weitere folgt. Andererseits aber ergeben sich aus irreführenden Begriffen genau so reale Folgen wie aus wahrhaftigen, nur hat dann der Ausdruck sinnentsprechend einen anderen Gehalt. Endlich kann ein Wort als solches Wirklichkeiten schaffen oder hervorrufen; ich sage Wirklichkeiten, denn jedes Wort kann verschieden ausgedeutet werden. Als Illustration genüge ein Hinweis auf die vielen verschiedenen Ausdeutungen der christlichen Lehre, die schon in den ersten Jahrhunderten nach Christi miteinander kämpften. So hat denn auch das Wort Puritanismus, nachdem es erfunden worden war, Verschiedenstes bedeutet. Und aus jeder Art der Deutung ist sonderliche Wirklichkeit geboren worden. Die Bezeichnung Puritaner für Cromwell und die Seinen war ursprünglich ein Spottwort, dessen Wurzeln mir unbekannt sind. Später bezeichnete es einmal den Glaubenshelden, einmal den radikalen Protestanten calvinischer Artung. Im Laufe der Zeit lag der Sinnesnachdruck immer mehr auf der Reinheit (pure), dank welchem Umstand Amerika, wie ich im Kapitel Moralismus meines Buches über die Problematik dieses Erdteils dargelegt habe, puritanisch bleiben konnte, nachdem der religiöse Calvinismus als strenge Macht verschwunden war. Um 1928 äußerte sich puritanische Gesinnung vor allem in purer geschlechtlicher Freizügigkeit. An den zahlreichen späteren Abwandlungen nur einer Art von Puritanismus kann man ersehen, wie vieler er grundsätzlich fähig ist. Hier kann man so weit gehen, zu behaupten: keiner puritanischen Spezifizierung fähig sind nur solche Lebensformen, denen das Individuum nicht letzte Instanz ist und die nicht den Geist allein als wirklich anerkennen. Dies erklärt erstens, warum die so pflichtversessenen Preußen niemals Puritaner waren: sie waren allezeit Kollektivisten und nicht Individualisten. Wer nicht Individualist ist, ist nie in dem Grade autonom, daß er sich auserwählt fühlt und zur Rückendeckung der Gesetzesgerechtigkeit bedarf. Auch bedarf der Nicht-Individualist keiner so strengen und harten Gesetzesordnung, weil Vorgesetzte zwischen ihm und dem Absoluten stehen. Der katholische Mensch im weitesten Verstand, zu dem ich auch den Inder rechne, erkennt nicht nur den Geist als wirklich an; die ganze Natur ist ihm von Gott erschaffen und von Gott getragen, und auch alles Irrationale gehört ihm zur Gottesordnung. So kann er nicht einseitig, nicht restlos hart sein. Die katholische Inquisition war ihrem Sinne nach unvergleichlich viel milder als die calvinistische. Und so ist der katholische Mensch überhaupt der menschlichere. Die Reichsdeutschen waren überhaupt nie echte Individualisten, außer in bezug auf jeweils vertretene Theorien: darum hat es so wenig Puritaner unter ihnen gegeben. Den physiologischen Unterschied vom Puritanismus versinnbildlicht allein schon das Luthertum mit seiner Innigkeit im Vergleich zur herben Lehre Calvins. Ich verstehe nun hier und im folgenden unter Puritanismus alles das auf einmal, was überhaupt als puritanisch verstanden werden kann, und zwar von dessen wurzelhaftem Sinne her. Die Vielfachheit dieses Sinnes wird sich im Verfolg dieses Kapitels nach und nach offenbaren. Zunächst aber sei, dem Sinn und Ziel dieses Buches gemäß, von rein Persönlichem die Rede.

Ich kann schon als Balte aus mehr persönlicher Erfahrung über Puritanismus reden, als alle mir bekannten reichsdeutschen Typen, weil wir Balten durch viele puritanische Züge ausgezeichnet sind. Wahrscheinlich galt dies von jeher von jeder Eroberer-Kaste, die sich lange in Abgeschiedenheit von allen anderen Volksschichten hielt: es ist psychologisch unmöglich, solche Isolierung lange auszuhalten und konsequent absolute Vorrechte zu behaupten, ohne sich auserwählt zu fühlen und ohne sich als ausschließliches Herrentum zu typisieren, dessen Aufgabe und gutes Recht zugleich es ist, das für nieder Geltende unten zu halten und von oben her zu erziehen und zu betreuen. Jahrhundertelang hielten wir uns nicht allein als dünne Herrenschicht, welche Undeutsche regierte, sondern auch gegen übermächtige Nachbarn. So förderte alle Baltenerziehung mit vielleicht einzig dastehender Ausschließlichkeit die Fähigkeit zur Kastenherrschaft. Wir waren von jeher extreme Individualisten und fühlten uns als solche auserwählt. So entstand zur Rückversicherung auch bei uns eine Gesetzesgerechtigkeit, die sich aber nicht auf religiöse, sondern auf ständische Norm bezog. Aber wenn ich jetzt, meine Heimat und Amerika vergleichend, an die älteren Generationen des Baltenlandes zurückdenke, so staune ich über die Ähnlichkeit der Endgestaltungen. Auch letztere waren bis zu unserem historischen Ende überzeugt, daß sie, indem sie ihre Herrenstellung behaupteten, selbstlos das für die Unterschichten Beste leisteten — denn sie nahmen ihnen ja alle Mühe des Regierens ab und trugen alle Verantwortung. Auch ihnen war das formale Recht letzte Instanz — daher alle die im Grunde rabulistischen Konstruktionen, gemäß welchen Loyalität dem russischen Kaiserhaus gegenüber das letzte Wort aller politischen Verpflichtung darstellte, und das gute Gewissen bei dem Übergang zu Deutschland, nachdem die Romanows abgesetzt waren; eben daher die Sonderpolitik in der Zeit der deutschen Okkupation. Auch den Balten fehlte die preußische oder auch englische Art des Pflichtbewußtseins. Die amerikanischen Puritaner befolgten skrupulös das von ihnen anerkannte göttliche Gesetz, aber Gewissen hatten sie eigentlich keines — alle Mittel waren ihnen recht, die zum Ziele führten und im übrigen der vorausgesetzten Norm nicht widersprachen. Wir Balten fühlten uns verpflichtet nur als Eroberer- und Herrscherkaste, so wie die Engländer der Kolonialbevölkerung gegenüber. So war unsere Herrschaft freilich eine der gerechtesten und ehrlichsten, die es gegeben, aber andererseits blieben wir bis zum Schluß eine abgeschlossene fremde Herrenkaste; weswegen es nicht eben verwunderlich ist, daß die Esten und Letten, nachdem sie einmal selbständig wurden, uns nicht auf gleicher Ebene als Mitbürger anerkennen wollten. Und wenn einmal ein Herr hart und unmenschlich sein wollte, so gab es keine baltische Norm, die ihn daran hindern konnte. Ja, wir fühlten uns gegenüber den Esten und Letten eigentlich noch mehr als höhere Rasse, als es die Engländer anderen Völkern gegenüber taten und tun, insofern wir zu verhindern suchten, daß die Undeutschen überhaupt deutsch lernten. So tief sitzt diese Bewußtheit des Höherstehens in unserem Blut, daß sogar ich, der ich das entsprechende Gefühl als Geist vollständig ablehne, heute noch eine deutsch-estnische oder -lettische Eheverbindung instinktiv als ungeheuerlich empfinde. Nie kamen wir Balten auf den Gedanken der Gleichberechtigung der anderen. Um diese Stellung jahrhundertelang auszuhalten, mußten wir uns, da uns kein Glaube der anderen stützte, wie in Indien den Brahmanen der Glaube an ihn der anderen Kasten, zu Moralisten entwickeln. Wir mußten durch Urteil und Vor-Urteil alles Eindringen unserer Einstellung feindlicher psychischer Inhalte verhindern. Wir mußten alles besser wissen und können. Und zwar mußte jeder dies für sich behaupten, denn hatten andere überhaupt mitzuentscheiden, dann war allen ausgleichenden Einflüssen Tür und Tor geöffnet. Wir konnten uns gar nicht eingestehen, daß wir eventuell Unrecht taten. Daher und nicht etwa aus ritterlichem Geist stammt das Fortleben unter uns eines Duell- und Ehrengerichtsunwesens, desgleichen es anderswo kaum je gegeben hat. Wirkliche Ehrensachen kamen dabei höchst selten in Frage; einer bestätigte dem anderen einfach seine Auserwähltheit, indem er jede Differenz als Ehrensache behandelte: denn Ehrenbeleidigung bedeutet Antastung der Integrität und damit des Soseins des Beleidigten, und jeder Balte wollte unbedingt als der anerkannt werden, wofür er sich hielt. Sobald jemand sich ins Unrecht gesetzt hatte oder mit einem eine Differenz hatte, forderte er einfach — ich erinnere an den Fall des Grenzgrabens, den ich zusammen mit einem Gutsnachbarn zog: damit wurde die Angelegenheit auf ein Geleise geschoben, wo sich die Frage des Unrecht-Habens nicht mehr stellte; es stellte sich einzig die Frage der Beleidigtheit. Und je weniger wir tatsächlich zu sagen hatten, je weniger unsere Machtstellung unserem Auserwähltheitsgefühl entsprach, desto mehr bewegte sich das Baltenleben auf dieser Ebene, was besonders von den baltischen Emigranten während des ersten Jahrzehntes ihrer Emigration galt. Diese beschäftigten sich vielfach geradezu mit Ehrensachen, so wie andere sich mit Kartenspielen beschäftigen. Freilich habe ich noch richtige bretteurs erlebt, wie man die professionellen Duellanten um das Jahr 1800 in Rußland hieß, Vertreter des Schießens um des Schießens willen. Da lebten z. B. in Kurland, wie ich noch Kind war — mein Vater kannte sie persönlich und erzählte viel von ihnen — zwei Brüder, die sich untereinander auf Pistolen schossen, wenn kein Fremder gerade dafür zu haben war. Und noch während ich in Dorpat studierte und später sind aus fortlebendem Bretteur-Zeit-Geist mehrere Menschen abgeschossen worden, allemal um nichts. Doch dies nur nebenbei; es gehört ja auch nur sehr indirekt zum Puritanerproblem. Das häufigste echte Puritanerkennzeichen bei Balten, welches Ausländer bemerken konnten, war und ist ihr Pädagogismus; sehr schwer konnte und kann es sich zumal eine ältere baltische Dame je verkneifen, jüngere bei jeder Gelegenheit zu belehren und zu erziehen. Hier handelte es sich um genau das gleiche Phänomen, wie das in Hawthorne’s Scarlet Letter geschilderte, wo jeder sich nicht nur für berechtigt, sondern für verpflichtet hielt, der armen Ehebrecherin, welche ein rotes A aufgenäht tragen mußte, so oft er ihr begegnete, Vorhaltungen zu machen. Meine Eltern waren nun beide Pädagogisten, wie ich den Typus gerne heiße. Und meine Mutter dachte puritanisch durch und durch — außer natürlich in bezug auf den Erfolg auf Erden als Gradmesser göttlicher Begnadetheit, welche Auffassung nur angelsächsisch, nicht einmal jüdisch ist. Sie vertrat die allerextremste Legalitätsmoral in punkto Sexus: als ob es heute wäre, entsinne ich mich ihrer Empörung darüber, daß ein baltischer Herr, dem eine Estin als Folge einer zügellosen Nacht ein Kind geboren hatte, dieselbe nicht unverzüglich heiratete. Kinder und junge Leute durften nicht anständig angezogen werden, aller Luxus nicht allein, schon Ausgelassenheit erschien ihr ruchlos. Vor allem aber war sie Puritanerin in ihrer physiologischen Unfähigkeit, sich im Unrecht zu fühlen, was immer sie tat: immer hatte sie recht gehabt. Immer waren die anderen schuld. Was immer ihren Willen kreuzte, mußte schlecht sein. Daher die eherne Härte und Konsequenz, mit der sie, nach dem Tode meines Vaters zu neuer Ehe entschlossen, mit allem Früheren brach; sie wanderte in wenig anderem Geiste aus und begann auch in wenig anderem Geist ein neues Leben, wie die Pilgerväter. Sie sah ehrlich nur die Seite eines verwickelten Problems, die sie sehen wollte. Auf Grund des letzteren Umstandes begannen von meinem zwölften oder dreizehnten Jahre an meine geistigen Schwierigkeiten mit ihr. Von da an ungefähr sah ich nämlich selbstverständlich alle Seiten jedes Problems, glaubte ich nicht mehr an Gut und Böse, Recht und Unrecht im Sinne meiner Mutter. Und da ich physiologisch völlig unfertig war und ohne jedes psychische Skelett, das mich hätte stützen können, so konnte ich fortan nur ausweichend oder schauspielernd als Geist neben ihrem starren Geist bestehen. Sobald sie aber meine wahren Anschauungen erkannte, war sie entsetzt. Sie war völlig unfähig, und dies bis zuletzt, meine Geistigkeit zu verstehen, und was sie nicht verstand, mußte sie ihrer Mentalität nach moralisch verurteilen. Das ergab schwere Zeiten für meine Seele. Und seitdem ich des Konflikts bewußt wurde, bezog ich aus Selbsterhaltungstrieb und Notwehr eine Gegensatzstellung zudem, was im Falle eines Sieges meine Geistigkeit unterdrückt hätte. Seither hege ich eine abgrundtiefe Abneigung gegen alles Starre, Sture, Moralistische, Pädagogistische, gegen alles Kalte, Harte, Einseitige, Verurteilende, Selbstgerechte, ja von meiner Kindheitsohnmacht her in der Übertragung gegen alles Behördliche. Und vermutlich aus baltischem Duellanten-Atavismus fordere ich es aller Klugheit zum Trotz heraus, wo immer es mir begegnet. Andererseits nun aber sitzt das Puritanische tief in meinem Unbewußten drin, und dort werde ich es nicht los.

An diesem Zwiespalt in mir und dessen näheren und weiteren Folgen wurde mir zum ersten Mal ganz deutlich, wie sehr aller Konflikt im Großen und mit Mächten außer sich Konflikte in der eigenen Seele spiegelt und in diesen ihren tiefsten Beweggrund hat. Ich glaube nicht, daß es jemals nicht künstlich herbeigeführte Kriege gegeben hat, die nicht hier ihren Grund gehabt hätten. Meine tiefe Abneigung gegen all das vorhin Geschilderte geht gewiß zum großen Teil auf das Gefühl der Gefährdetheit durch meine Mutter zurück, aber zum größeren und sozusagen tieferen Teil darauf, daß die betreffenden Strebungen, die ich nicht als wertvoll anerkenne, auch in mir leben und dank ihrer Lage im Unbewußten dem Zugriff meines Willens unzugänglich sind. Und gemäß dem von Émile Coué entdeckten Gesetz des effort converti sind diese Mächte gewachsen proportional meinem Versuch, sie zu unterdrücken. Und diese Versuche stählten andererseits wiederum meinen Willen, steigerten meine Härte, so daß der Konflikt im Lauf der Jahre an Schärfe und Schwere bis zur Erreichung eines kritischen Punktes, von welchem später die Rede sein wird, nicht ab- sondern zunahm. Sein Dasein ist gewiß verantwortlich für vieles in mir, was so oder anders übertrieben wirkt und für so manche Lebensäußerung, die, wie ich später erkannte, nie notwendiger Lebensausdruck war. Während meiner Meditationen in den besonders schweren Jahren 1938-40 machte es Epoche in mir, als ich einsah, daß es in vielen wichtigen Fällen gar nicht Wirklichkeiten waren, auf welche ich auf bestimmte typisch gewordene Weise reagierte, sondern meine Vorstellungen von ihnen. Und dies zwar nicht im allgemein Kantischen oder Schopenhauerschen Verstand, sondern, soweit hier überhaupt allgemeine Theorien zur Erklärung zuständig sind, im Verstande der indischen Maya-Lehre. Ich hatte die reale Welt vielfach mit seelegeborenen Bildern überschichtet und daher stammten viele Schwierigkeiten und Widersprüche. So war mir nie realer Reichtum Motiv und Ziel gewesen, sondern meine Vorstellung davon; ich hatte nie nach realer Machtstellung gestrebt, aber deren Vorstellung bannte mich; ich hatte mich nie vor der Tatsache Polizei gefürchtet, sondern vor meiner Vorstellung von ihr; ich hatte nie wirklich Angst vor dem Verhungern gehabt, welche Gefahr ja auch niemals akut gewesen war, sondern die Vorstellung dessen beängstigte mich. Klar wurde mir das alles auf einmal, wie ich im Tibetanischen Totenbuche davon las, daß die furchtbaren Götter des Zornes, die nach dem Tode auf die entleibte Seele einstürmen, Teile ihres eigenen Intellektes sind und daß es genügt, sich darüber klar zu werden und durch innere Entscheidung die Sorge zu verscheuchen, damit sie alles Erschreckende verlieren. So wurde auch ich urplötzlich viele irrationale Sorgen los. Diese falschen Vorstellungen hatte ich willentlich in die Welt gesetzt und zwar vom Puritaner in meinem Unbewußten her, zu dem mein Bewußtsein gegensätzlich stand. Sicher wäre mein Ablehnen aller Konvention, allen Urteils anderer, aller abstrakten Moral und alles kodifizierten Rechtes, alles Verengenden und allgemeiner alles dessen, was das Leben in seiner freien Entfaltung hemmt, nie so herausfordernd geworden, wenn ich dabei nicht gegen einen Teil meiner selber gekämpft hätte. Ja, heute glaube ich zu wissen, daß ich vielerlei, was für unmoralisch gilt, nur darum getan habe, weil ich damit den Puritaner in mir reizen konnte. Und wenn ich mich selbst so sehr wenig gern habe, so bezieht sich auch das sicher vor allem auf den Puritaner in mir, mit dem sich mein Unbewußtes oder ein Teil seiner offenbar identifiziert, wobei dieses nicht-gern-Haben vermutlich selbst aus puritanischen Wurzeln hervorgewachsen ist. Irgendwo in meiner untersten Tiefe bin ich nämlich platt moralisch, primitiv Gesetzesgerecht und das theoretisch so heftig abgelehnte Sollen spielt in Wirklichkeit eine Hauptrolle in meinem Dynamismus.

Seitdem ich Klarheit über das hier Gesagte und Angedeutete gewann, stehe ich natürlich ganz anders dazu. Heute weiß ich, daß alles, was bei mir bewußtes Streben, Selbstzucht, Leistung ist, seinen Ursprung im von mir so wenig geliebten Puritaner in mir hat. Und daß es mein größtes Glück bedeutet, daß meine extreme Sensitivität und allgemeine Labilität durch das Starre des Soll-Menschen in mir kompensiert worden ist. Und allgemeiner weiß ich heute, daß das Puritanische eine notwendige und, sobald sie richtig eingestellt ist, segensreiche Funktion in der Seele und der Geschichte ausübt. Andererseits aber bin ich glücklich, daß ich dies die längste Zeit meines bisherigen Lebens über nicht einsah. Denn dank dem habe ich die meisten, wenn nicht alle Konflikte, zu denen das Dasein einer puritanischen Komponente naturnotwendig Anlaß gibt, persönlich durchgemacht und darum heute die Vollmacht, darüber zu reden. So seien im Folgenden die wichtigsten Komponenten der Kräfte und Strebungen und andererseits Hemmungen im Menschen, für die das Wort Puritanismus als bestes allgemeines Sinnbild steht, nacheinander untersucht, auf daß dadurch der Weg bereitet werde zu einer neuen menschlichen Synthese jenseits der bisherigen Typengegensätze, und in welcher das Negative des Puritanismus in einem Positiven höheren Grades seine Erlösung fände. Doch vorher sei, um für die später einzuzeichnenden scharfen Umrisse einen möglichst farbigen Hintergrund zu schaffen, noch einiges Konkrete über den englischen Puritanismus und was unmittelbar mit ihm zusammenhängt gesagt. Diese einleitende Betrachtung wird auch gewissermaßen ein Lehrgang sein des durch-die-Tatsachen-hindurch-Sehens, des Durchschauens aller Buchstaben. Nie nämlich sprach Rabindranath Tagore ein wahreres Wort, als da er die bemitleidete, who are cursed with a literal mind, was ungefähr bedeutet: welche dazu verflucht und verdammt sind, am Buchstaben haften zu bleiben. Solche verstehen das Leben, seinen Sinn und seine wahren Ziele nämlich nie.

Am Falle Oliver Cromwells ist das Wichtigste dreierlei: erstens, daß dieser nie an seiner Auserwähltheit zweifelte und aus dieser Bewußtheit den Schluß zog, daß er in allem was er tat, und sei es das Perfideste und Grausamste, absolut im Recht war. Zweitens, daß England ihn nachher verleugnete und im Ganzen zum Kavaliertypus zurückschlug; denn der Gentleman ist der freilich verbürgerlichte Nachfahr des Kavaliers. Drittens und vor allem aber, daß der Puritanismus zu einem ebenso wichtigen wenn auch im Unbewußten wirkenden Formelement des späteren englischen Nationalcharakters geworden ist, wie vorher das Normannentum. Letzteres ging in der Sichtbarkeit ja ebenfalls verloren. Vergleichen wir nun von ihrem Fortwirkenden her und auf dieses hin Normannentum und Puritanismus. Kein Zweifel: das Differentialkennzeichen des Engländers, welcher das Weltreich gegründet hat, gegenüber anderen Germanen ist die Vorherrschaft des normannischen Gens. Dieses bedeutet, soweit es in abstracto überhaupt zu fassen ist, reines räuberisches Herrentum von ausgesprochenem Weitengefühl und unbändigem Freiheitssinn. Es bedeutet andererseits angeborenes Seekönigtum, das heißt ursprüngliche Veranlagung, in Funktion der Seegeltung zu denken — daß die Engländer dies sehr spät erst entdeckten, ändert nichts am Vorhandensein der Uranlage — und Fähigkeit zur Staatsbildung und Behandlung fremder Völker. Aber das zentrale ist wohl das fortlebende Seekönigtum. Daß England ohne geschriebene Verfassung, mit einem Minimum an behördlicher Verwaltung, hauptsächlich dank der Privatinitiative Einzelner, deren Erfolge nachträglich vom Staate anerkannt und in den politischen Bestand eingebaut wurden, für Jahrhunderte zum elastischesten und werbekräftigsten Gemeinwesen der Welt wurde, erinnert in allen Hinsichten an die Abenteuer eines gut geführten, aber von unbändigen Freibeutern bemannten Drachenschiffs, welches keinem Sturm unterliegt, überall rechtzeitig die Segel wendet oder streicht, wo dies erforderlich ist, dem Winde nachgebend langsam vorankommt, wo der Wind aber günstig ist, auf der Linie des geringsten Widerstandes blitzartig vorschießt. Das puritanische Gen bedeutet demgegenüber Auserwähltheitsgefühl, welches einerseits Selbstbeherrschung, andererseits aber Weltbeherrschung fordert, welches Reichwerden und Niederhalten der Minderwertigen dem Einzelnen als Pflicht auferlegt. Damit nun aber tut es schließlich nichts anderes, als das Normannische zu heiligen. Es fügt nachträglich das ursprüngliche Räubertum einer Sakralordnung ein. Daß das ursprüngliche Aristokratentum damit verbürgerlichte, daß der Gentleman nach-puritanischer Zeit im gleichen Maße Geschäfts- wie Edelmann war, bedeutet diesem Wesentlichen gegenüber nur ein Akzidens. Vereinfacht man nun die erfolgte Wandlung auf ihre abstrakten Grundzüge hin, dann erkennt man in ihr sehr Ähnliches, wie in der Verwandlung eines Wegelagerers in einen Polizisten. Während ich dieses schreibe, fällt mir ein, daß Kant die Vernunft mit der Polizei verglich: auch dieses paßt gut zum Gesamt-Sinnbilde, das ich hier schaffen möchte. Der Puritaner ist nicht nur der sanktionierte, sondern auch der rationalisierte Räuber. Insofern er ein religiöser Typus ist, steht er als einziger bisher als lebensfähig erwiesener Vertreter einer Vernunftreligion da. Die Dogmen des Puritanismus sind nämlich gar nicht irrational, so widerspruchsvoll und paradoxal sie seien; ganz im Gegenteil, sie ermöglichen es einem bestimmten Menschentypus sich und anderen logisch lückenlos zu beweisen, daß er, was immer er tue, im Rechte ist. Es handelt sich hier eben nicht um reine, sondern um praktische Vernunft. Und zum Puritanismus kann sich überhaupt nur ein praktischer, auf irdischen Erfolg gerichteter Mensch bekennen. Also tut man ihm Unrecht, wenn man ihm mit rein theoretischen Erwägungen kommt. Aber auch sonst widersprechen reine Geist-Religion und extremer praktischer Rationalismus einander nicht. Wer nur den Wert des Geistigen anerkennt, muß sich zuletzt als Natur-feindlich erweisen, was ihm erlaubt, sie, einschließlich der Menschen-Natur, unbedenklich auszubeuten. Wer da nur Geist als letztlich wirklich anerkennt, und diesen als transzendent und damit überpersönlich vorstellt, muß überdies gesetzesgerecht werden, denn versachlichen und verallgemeinern läßt sich Geist nur in Form des Gesetzes — aus dem Geist der Sachlichkeit heraus läßt sich aber jeder Eigennutz rechtfertigen. Darum zutiefst neigt jeder Puritaner zum Pharisäismus. Alles hält er aus, nur nicht das Gefühl, im Unrechte zu sein. Nun aber kommt die Hauptsache: insofern der Puritaner Individualist ist und sich für auserwählt hält, muß er auch seinen persönlichen Vorteil als heilig empfinden. So kann er selbstsüchtigst handeln im Bewußtsein vollkommener Selbstlosigkeit, und sich dabei überdies im vollkommenen Einklang mit Gott fühlen. Die äußerste theoretische Konsequenz der geschilderten Grund-Einstellung hat der amerikanische Pragmatismus gezogen, wie denn der Puritanismus überhaupt seine volle Entfaltung jenseits des Ozeans gefunden hat, — der Pragmatismus, der es fertig gebracht hat, die ursprünglich auf Gottes Gnadenwahl begründete Erfolgsmoral auch ohne Gott sicher und für den Verstand vollauf befriedigend zu fundieren. In etwas anderer Richtung bedeutet Gleiches der gleichfalls amerikanische Behaviorismus. Gemäß letzterem kann der Mensch nur auf Reize reagieren, Initiative ist ihm versagt: das ist die auf eine entgottete Außenwelt übertragene Vorstellung des Protestantismus, daß der Mensch, jeder eigenen Schaffenskraft bar, nur empfangen kann, was Gott ihm zuteilt.

Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
II. Abenteuer der Seele
© 1998- Schule des Rades
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