Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

II. Abenteuer der Seele

III. Puritaner - Gebote und Verbote

Die Psychologie definiert das Ich oft als Bündel der Macht- und Lusttriebe. Meine Lebenserfahrung lehrt, daß das Lustprinzip auch nicht annähernd die Rolle im Menschenleben spielt, wie allgemein angenommen wird. Auch dieses Problem ist am Sündenfall des Puritanismus am einleuchtendsten zu klären, und andererseits stellt es einen der wichtigsten Aspekte von des letzteren Problematik dar. Es kann doch schwer geleugnet werden, daß der Puritanismus in seiner Härte und Lieblosigkeit, seinem Antiästhetischen und allen Lebensgenüssen Feindlichen und dennoch Ausbeuterischen mehr Abstoßendes als Anziehendes hat. Woher kommt es nun in diesem Zusammenhang — jedes wichtige Problem gehört vielen an und das jetzt angeschnittene besteht unabhängig von den früher gestellten und gelösten —, daß der Puritanismus im Menschen- und Völkerleben eine so ungeheuer werbende Kraft entwickelt hat? Es kommt daher, daß es nicht wahr ist, daß der Mensch primär nach Glück strebt.

Selbstverständlich verknüpft jeder nicht Gewitzigte irgendwelche Vorstellung, die ihm Befriedigung oder Genußfreude bedeutet, mit jedem angestrebten Ziel. Doch hier äußert sich die gleiche List der Natur, welche im Traume bei Tag verwehrte Wunscherfüllung schafft, und welche bedingt, daß sublimste seelische Liebe ihre vollkommene Erfüllung vom Geschlechtsakt erwartet. Die beglückenden Vorstellungen stellen nie die eigentlichen Beweggründe dar, sie bedeuten vielmehr — unter anderem natürlich — gewissermaßen Kurzschlüsse der Phantasie. Lägen die Dinge anders, so wäre nicht jede Erfüllung weniger als das Versprechen, sähe nicht jede Bewegung im Stillstand, welcher sie doch aufhebt, das Ziel, wirkten nichteingetroffene Prophezeiungen nicht dermaßen selten enttäuschend. Sonst täte nicht beinahe jeder das Menschenmögliche dazu, um seine eigene erreichbare Befriedigung zu schmälern, und sei es auch nur in dem Sinn, daß er Unmögliches erwartet und dann das Positive des verwirklichten Möglichen nie voll genießt. Sonst bedeutete, umgekehrt, das regelmäßige Zurückbleiben des Erreichten hinter der Erwartung nicht so wenig, als es tatsächlich bedeutet. Noch keiner Eltern Enttäuschtheit hat der Kinder Illusionen vorgebeugt. Statt dessen sehen phantastisch Viele ehrlich im Verlust aller Illusionen ein hohes Ziel. Über alles Sonderliche hinaus aber tun die allermeisten Menschen von der erreichten Reife ab nahezu alles, was in ihrer Macht steht, um sich ihr Leben nicht leicht, sondern schwer zu machen. Ein kurländischer Onkel von mir hatte zeitlebens den ehrlichen Wunsch, um ein Uhr zu Mittag zu essen. Eben darum speiste er zeitlebens um zwei. Diese an sich ob ihrer Nichtigkeit groteske Anekdote hat mir seit vierzig Jahren zum Sinnbild gedient für viele Beweggründe der tiefsten Menschennatur. Warum begründen, wenn nicht gar entschuldigen so phantastisch viele eine Tätigkeit, an welcher sie Freude haben, damit, daß sie ihre Pflicht tun? Warum transponiert der Mensch all sein Tun, wenn irgend möglich, von der Ebene des Wollens auf die des Sollens, wofür die sogenannte eheliche Pflicht das beste Sinnbild bietet? Warum behaupten die meisten Mütter, die einfach elementaren Trieben nachgehen, die sie mit allen Muttertieren teilen, daß sie sich für ihre Kinder opfern? Warum haben die meisten bekannten Zivilisationen die Freude am Leben durch Bedingungen, Gebote und vor allem Verbote so weitgehend eingeschränkt, daß das Erdenleben zur reinen Hölle würde, gäbe es nicht wenigstens die tolerierte Möglichkeit der Normübertretung, dank welcher diese oft genug, gemäß dem Satz verbotene Frucht schmeckt doppelt süß die einzige ungeschmälerte Freude am Leben bedeutet? Sogar Privilegierteste haben Teil an dieser Psychologie. Meine Großmutter Pilar z. B. kannte keine reinere Freude als die des Schmuggelns. Warum werden in so sehr vielen Zivilisationen die jungen Mädchen dermaßen streng gehalten, daß sie, gäbe es die unlößbare Lebenslust der Jugend nicht, die sich am geringfügigsten Gegenstand auszuleben weiß, ihr Mädchendasein überhaupt nicht genießen könnten? Warum soll die Frau unsinnlich sein und ihr Widerwärtiges freundlich gewähren, wo sie von Natur aus viel mehr Sinnenwesen ist als der Mann? Warum ist die Bewegungsfreiheit der verheirateten Frauen, und dabei meist unter freilich nachträglichem, jedoch nicht minder echtem Einverständnis dieser, von den meisten bisherigen Kultursystemen dermaßen eingeschränkt worden, daß alle, die ihren Mann nicht von ganzem Herzen lieben und in ihm aufgehen oder einen Gott in ihm anbeten, wie dies im weisen Indien Norm ist, sterbensunglücklich werden müßten, sofern sie überhaupt die Frage stellten? Warum sind in den Teilen Süddeutschlands, wo Verhältnisse als anerkannte Institutionen gelten, die Regeln und Normen für die doch frei gemeinte nicht legalisierte Liebe viel strenger noch, als die für Eheleute gültigen? Ich kenne einen Fall, wo ein Mädchen von ihrem sechzehnten bis zu ihrem fünfundzwanzigsten Jahr, wo sie ihn heiratete, mit keinem anderen Manne als ihrem Freunde tanzen durfte. Warum wird in vielen Ländern die zerstörerischste aller Leidenschaften, die Eifersucht, bewußt kultiviert, anstatt daß sie nach Möglichkeit eingedämmt und ausgehungert würde? Warum kämpfen Südamerikanerinnen — wenigstens taten sie es bis vor kurzer Zeit — mit aller Macht gegen die Möglichkeit legaler Ehescheidung, obgleich die meisten unter ihnen unglücklich verheiratet sind, warum finden sie es befriedigender, dem Mann das Heim auf Grund der Unauflöslichkeit der Ehe zur Hölle zu machen, als ihr Lebensziel im Liebesglück zu suchen? Diese Frauen sind dabei bis auf seltene Ausnahmefälle treu. Wie ist es möglich, daß mir auf dem gleichen Erdteil ein Seelenkundiger, als ob dies selbstverständlich wäre, sagen konnte: Die Ehe ist der Krieg, die Liaison der Friede, wo doch die Ehe das eine dauerhafte ist? Warum sind die meisten Menschen, Männer wie Frauen, im Rückblick stolz auf die strenge oder gar rauhe Erziehung, die sie genossen haben und schauen sie auf weitherziger Behandelte herab — was bei Engländern so weit geht, daß sie auf die erhaltenen Stockprügel ihrer Schulzeit stolz sind? Warum erschweren sich, ganz allgemein, die allermeisten ihr Leben so weit als irgend möglich, anstatt es sich zu erleichtern? Warum gönnen sie einander so erschreckend wenig Gutes? Warum machen sie lieber Prozesse um Lappalien, wobei oft Widerwärtiges zur Sprache gelangt, als Freude an der eigenen Großzügigkeit, dem eigenen Verzeihen-können, zu erleben, welche echte Freude für sie doch billig zu haben wäre? Warum quälen einander gerade sich Nächststehende so gern? Ich habe ungewöhnlich viel Beobachtungen der Intimität auf vielen Erdteilen sammeln können und muß zusammenfassend sagen: alles und jedes scheint allenthalben darauf angelegt, aus dem Leben das Menschenmögliche an Unbehagen herauszuholen. Eine — milde ausgedrückt — blödsinnigere Weltanschauung als die materialistische ist nie erdacht worden. Nur bei ganz wenigen Rassen ist der Erwerbstrieb überhaupt ein starkes Motiv, die allermeisten ziehen einen niedrigeren Lebensstandard, welcher Muße ermöglicht, einem schwer erarbeiteten hohen vor. Kaum ein Mensch unter Millionen ging je für materielle Ziele in den Tod, während Millionen sich ohne weiteres für Ideale opfern. Die scheinbar erwiesene Werbekraft des ökonomischen Materialismus beweist ein ganz anderes, als es scheint: sie beweist, wie leicht es dem Menschen fällt, unter Opfern für etwas zu kämpfen, was über sein Leben hinausweist — die echten Märtyrer des ökonomischen Materialismus wollten es ja auch nicht selber persönlich besser haben, sie wollten für ferne nachgeborene Generationen ihr Bestes hergeben, die nicht einmal ihre eigenen Nachkommen zu sein brauchten — und sie beweist ferner, wie leicht der Mensch bei genügendem Intelligenzmangel oder unter genügend lang andauernder geschickter Suggestion seine wahren Triebe und Strebungen mit von seinem eigensten Standpunkt falschen Vorstellungen verknüpft. Nein, nicht leicht, sondern schwer machen will es sich der Mensch von Hause aus. Bernard Shaw behauptet nun in seinem Frauenführer zum Sozialismus, es gäbe so etwas wie einen prohibitive instinct (Verbot-Instinkt) und illustriert diesen folgendermaßen. Kinder wissen nicht recht, was sie spielen sollen. Zuguterletzt fällt dem Hellsten unter ihnen ein: wollen wir doch feststellen, was das Kleinste am liebsten täte und es ihm dann verbieten. Das ist wunderbar beobachtet und glänzend ausgedrückt. Nur legt Shaw den Akzent nicht ganz richtig: der primäre Verbot-Instinkt ist nicht auf oder gegen andere gerichtet, sondern gegen den Verbietenden selbst. Wie wir’s am Eingang dieser Betrachtungen sagten: es ist nicht wahr, daß der Mensch primär nach Glück strebe.

Für diesen Tatbestand, den ich natürlich weder als erster noch als einziger bemerkt habe, hat die moderne Psychologie und Charakterologie verschiedene Deutungen von lebensfeindlichen Trieben her oder auf diese hin gegeben. Ich halte sie alle nicht allein für tatsächlich, sondern für grundsätzlich falsch. Mag es in der Triebsphäre den Begriffen von Sadismus und Masochismus, von Todes- und anderen Zerstörungstrieben, von Selbsthaß und einem grausam moralistischen Über-Ich Entsprechendes geben — nicht daher stammt die ursprüngliche Einstellung des Menschen gegen das Glück, um deren Allgemeinheit willen ich so viele Sonderbeispiele oben anführte, welche sich leicht um Hunderte vermehren ließen. Das Motiv liegt nicht in einem Natur-Triebe gegenüber anderen, sondern in der primären Sehnsucht jedes Menschen, als Geist seine Natur zu überwinden. Seine Natur überhaupt: aber das erscheint verdienstvoll nur im Falle positiv empfundener Natur. Daher allein aller Idealismus, auch in dessen verlogensten und heute leider häufigsten Formen, ich meine die, daß einer anderen und manchmal auch sich selber vortäuscht, für ideale Ziele zu leben, wo er in Wahrheit selbstsüchtigste Zwecke verfolgt, oder ob der Nicht-Übereinstimmung der Tatsächlichkeit mit seinem Ideal sich für berechtigt hält, Menschen einfach preiszugeben oder sonst Verrat zu üben. Auch diesen häßlichsten Formen menschlicher Verlogenheit, von welchen der englische cant eine relativ harmlose Abart darstellt, liegt die Sehnsucht zugrunde, alle Natur zu überwinden. Darum handelt es sich hier psychologisch auch nie um Haß oder Grausamkeit, sondern um Härte. Hiermit haben wir nun eine äußerst wichtige Diskriminierung vorgenommen, die einem wesentlichen Unterschiede in der Wirklichkeit entspricht. Härte ist Gegensatz nicht der Güte, sondern der Weichheit. Härte als Strenge, wenn sie zugleich gerecht ist, weckt Ehrfurcht und Liebe, aber in jedem Fall wird sie als Ausdruck von Kraft bewundert. Das hängt nun alles damit zusammen, daß der Mensch keine tiefere Sehnsucht kennt als die, seiner Natur überlegen zu werden. Darum blickt beinahe jeder Mann auf seine Soldatenjahre, welche jene einbrachen, gern zurück, verlangt die naturhafte Frau vom Mann geradezu, daß er hart sei. In den Meditationen habe ich’s nun ausführlich geschildert, dort lese man es nach, aber auf dem Hintergrund von so vielem dort nicht behandelten Konkreten wird man’s auch so ohne weiteres verstehen: die ersten Typen des Geistvertreters auf Erden sind einerseits der Schauspieler, andererseits der Asket. Darum findet man Geist in diesen zwei Modalitäten desto ausgesprochener und ausschließlicher typisiert, um je ursprünglichere Zustände es sich handelt. Im Schauspiel wird die Natur durch Irrealisierung überwunden. Dem Menschen als primär psychischem Wesen bedeutet die Vorstellung ohnehin mehr, als die meiste direkt empfundene oder gefühlte, also mit keiner Vorstellung verbundene Wirklichkeit; nur bei den allerelementarsten Trieben liegen die Dinge anders. So realisiert er Vorstellungen leichter als direkte Erlebnisse, und die Vorstellung auf dem Theater durch einen wirklichen Könner ergreift darum den selber nicht sehr Phantasiebegabten mehr als ein selbstgeschaffenes Seelenbild. Überdies aber irrealisiert er, wie gesagt, das Erlebnis. Was reine Vorstellung ist, enthebt den Menschen leidvoller Wirklichkeit. Daher das Erlösende der Kunst. Aber der Künstler wird andererseits nur in geistig reifen Zeiten verehrt, denn alle Welt weiß ja, daß er das, was anderen so viel bedeutet, nur spielt. Demgegenüber überwindet der Asket die Natur in Wirklichkeit, daher sein elementares Prestige, die selbstverständliche Ehrfurcht, welche er einflößt. Ganz selbstverständlich imponierte Savonarola den noch so künstlerischen Florentinern mehr als der prächtige Medici. Das Wesentliche hierbei ist nun, daß die Askese nicht nur dem Geist derer, welche ihm zuschauen, höchste Befriedigung schafft, sondern vor allem dem Asketen selber. Zutiefst fühlt sich der Mensch eben als Geist, und nur wo dieser in ihm die absolute Herrschaft ausübt, fühlt er, daß er seine Bestimmung erfüllt; sogar der reine Genußmensch beurteilt seine Existenz instinktiv als Nachgeben gegenüber dem, was unter ihm selber steht. Hierauf beruht denn alle Befriedigtheit, welche Selbstopfer, aber schon Pflichterfüllung und bloß Diszipliniertheit schafft. Diese Befriedigtheit ist Befriedigtheit des Geists im Menschen, sie ist ursprünglich gegen die Natur gerichtet. Gegen diese ist der Geist ursprünglich desto härter, wo er sie nicht im Spiel irrealisiert, je weniger er sie durchdrungen hat; ist sie einmal durchdrungen, dann bedarf es natürlich keiner Härte mehr; der vollkommen Heilige ist weich und mild, und dadurch übt er unwillkürlich größte Macht aus.

Hiermit sind wir denn zum wichtigsten Geistesgrund alles Puritanismus hinabgestiegen und erkennen zugleich, worin sein spezifisch Männliches besteht. Der Mann ist der ursprüngliche Geistvertreter, der Mann der ursprünglich und ausgesprochen Harte. Das Bindeglied zwischen Härte und Güte schafft die Strenge. Sehen wir nun das ganze Problem von hieraus an, dann erscheint klar, daß jeder die materielle Welt verändernde Impuls vom Geiste her so oder anders puritanischen Ursprungs und puritanischer Art ist und sein muß. Man muß hart sein können, wenn man harte Tatsachen ändern will. Mit diesem zuerst rein Geistigen des Harten assoziieren sich natürlich nachträglich oder auch zugleich alle möglichen Entsprechungen auf sämtlichen Naturebenen. Das sind dann die Zerstörungstriebe, die Grausamkeit, der Moralismus, die Heuchelei, welche die Grundvoraussetzung jedes Puritaners (sie ist durchaus nicht primär jesuitisch), daß der Zweck die Mittel heilige, unweigerlich gebiert. Daher, da die Natur sich auf die Dauer allemal als sehr viel mächtiger erweist als der Geist und auch als jede Institution, die dessen Charakter auffängt und festhält, das langsame aber unaufhaltsame Böser-werden des Menschen überall, wo Puritanergeist vorherrscht. Kain war sicher geistiger als Abel, die Puritaner waren böser als die Kavaliere, der Protestantismus ist lebensfeindlicher als der Katholizismus. Dieses Problem ist schier unerschöpflich, darum kann ich hier gar nicht daran denken, es nach allen Richtungen hin auch nur einigermaßen vollständig zu behandeln. Zum Abschluß dieses Abschnitts sei das Folgende besonders stark betont, weil ich es zum allerwichtigsten zähle, was über das ganze Problem zu sagen ist. Nicht ohne Absicht ließ ich das Puritaner-Kapitel unmittelbar auf dasjenige folgen, in dem ich mich am ausführlichsten mit dem Bösen befaßte. Unsere letzten Betrachtungen erweisen, daß der puritanisch Harte seinem ursprünglichen Wesen nach nicht mit dem Bösen zusammenfällt, so oft er dies in der Erscheinung tue. Das Böse ist, vom ursprünglichen Selbstbewußtsein her geurteilt, ein Dämonisches, das es überfällt. Es ist gegenüber dem Selbst ursprünglich ein Außer-Sich. Alle, auch die unwahrscheinlichsten Theorien der Besessenheit durch Geister sind wirklichkeitsgerechter als jede Psychologie, die das Böse als solches der Triebnatur oder gar dem persönlichen Geiste zurechnet. Der Verbrecher wie der Irre ist der Besessene. Aber freilich kann jeder, der sich mit Dämonen in sich identifiziert, dadurch, durch die freie Tat der Identifizierung, wirklich böse werden. Mit jeder neuen Identifizierung tritt der Mensch real in eine andere, dieser entsprechenden Sphäre über, in welcher andere Normen gelten und die den früheren Menschen ihrem eigenen Geist und Sinn gemäß umschaffen. So sehr kommt alles auf die Akzentlegung an. Bei jenen Mächten der Geschichte, die unaufhaltsam wie schicksalsmäßig böse wurden, kann man es genau beobachten, wie immer mehr und mehr ursprünglich ihrem Nicht-Ich zugehörige Triebe sie ergriffen und wie sie im Grenzfall zu leibhaftigen Teufeln verdarben. Jeder kann grundsätzlich dergestalt fallen. Da der Mensch, wie im Buch vom persönlichen Leben dargetan, wesentlich keine Monade, sondern eine Beziehung ist zwischen metaphysischem Selbst und Weltall, so ist, genau besehen, nichts weniger unwahrscheinlich als diese Möglichkeit. Weiter aber ist das Folgende wahr. Der Puritaner ist von allen Menschen der am meisten Ichzentrierte. Darum ist er der ursprünglich härteste, einseitigste, rücksichtsloseste und strengste aller Menschentypen. Darum ist er, wie immer es sonst mit seiner Prädestinationslehre stehe, prädestiniert zum Gefäß par excellence alles Auserwähltheitsdünkels, aller Selbstgerechtigkeit, alles Fanatismus, alles Eroberungs- und Ausrottungswillens, aller Bekehrerwut und alles Hasses in guter Absicht. Darum findet auch das Böse der Ichsucht, welches Christus geißelte und dessen letzten Sinn wir früher (S. 95) aufklärten, bei entsprechender Anlage in ihm seinen energischesten Vertreter. So grausam die spanischen Eroberer in ihrer wilden und zügellosen Leidenschaftlichkeit gegen die Indianer waren, sie haben sie nicht ausgerottet, und bald vermischten sie sich mit ihnen. Dagegen haben die kalten und frommen Besiedler Nordamerikas die Ureinwohner wirklich, soweit dies physisch möglich war, aus der Schöpfung ausgemerzt, so wie man schädliche Tiere ausrottet. Daher alles Intolerante und Zerstörerische und Lebensfeindliche des westlichen Geistes überhaupt, seitdem er fortschrittlich geworden ist. Der Fortschritt ist eben durchaus protestantischen Geistes, und dessen reinster und stärkster Verkörperer ist der Puritaner. Aber der Puritaner ist andererseits auch der Prototyp des Strengen. Wie kann man erziehen und bessern, ohne streng zu sein? Hier münden wir vom dynamisch-Männlichen des Puritanismus wieder in sein statisch-Weibliches ein. Alles Erziehen ist weiblichen Geists; der Mann inspiriert, er zeugt, das Weib trägt aus und bildet. So führt die Matrone in dauernd strengem Regimente aus und durch, was seinem Ursprung nach männlich war. Darum hat der Puritanismus in Amerika, wo allein er sich unbehindert entwickeln konnte, entartend-ausklingend zu einer so nie dagewesenen Vorherrschaft der Frau und ihres Geistes geführt1.

Was ich hier schreibe, beruht alles auf durchdachter allerpersönlichster Erfahrung. Ich glaube auf diesem Gebiete besonders sicher urteilen zu können, weil sich in mir, wie gesagt, Puritanisches und Anti-Puritanisches andauernd, Tag und Nacht, bekämpften und noch heute bekämpfen. Das Böse ist mir, wie im vorhergehenden Kapitel dargelegt, nie ein mich beunruhigendes Problem gewesen. Wohl aber das Harte und Strenge und Unerbittliche, das bei einem Menschen meiner Dynamik, Reaktionsgeschwindigkeit und Ungeduld sehr leicht den Aspekt des vernichten-Wollens annimmt. Mit dem Anstürmen des Bösen, dem ich zur Zeit, da ich dieses schreibe, März 1941, vielleicht im Zusammenhang mit den Aequinoktialstürmen in der Gesamtkonstellation der Kriegswirren und in Erwartung einer neuen furchtbaren Offensive, besonders häufig und heftig ausgesetzt bin, habe ich mich niemals identifiziert. Ich sehe auch keine besondere Notwendigkeit, das Böse schnell niederzukämpfen: für organische Prozesse gibt es kein abgekürztes Verfahren, das Böse regt beinahe allemal, wenn es mich aufwühlt, meine Produktivität gewaltig an, und werde ich einmal so alt, daß meine Triebe abzusterben beginnen, dann werden die Angriffe schon von selber aufhören, denn ich bin es nicht, welcher sie anordnet oder ausführt. Im guten Gewissen sehe ich mit Albert Schweitzer seit Jahrzehnten die eine Erfindung, welche sicher vom Teufel stammt, und im schlechten kein Problem, sondern eine Selbstverständlichkeit; kein Problem, insofern ich hier moralisch überhaupt nicht qualifiziere. Ich bin noch niemals mit mir selbst zufrieden gewesen, weil ich noch nie der war, welcher ich sein möchte. Doch daraus folgt für mich nicht die Notwendigkeit der moralischen Verurteilung irgendeines Zustands. Ich gebe auch, ohne daß mich dies bedrückte, die Möglichkeit zu, daß meine Unzufriedenheit mit mir selber auf Eitelkeit oder gar Größenwahn beruht. Wie soll ich das genau wissen, und vor allem: wozu soll ich es wissen? Wo das eigentlich angestrebte Entwicklungsziel dem Bewußtsein unter allen Umständen unbekannt ist und der Puritaner Cromwell wenigstens damals absolut recht hatte, als er behauptete, nie gehe der Mensch so sicher, als wenn er nicht wisse, wohin der Weg ihn führt. Ich sehe in der meisten Gewissensproblematik nur Kräftevergeudung und Zeitverlust. Ich bedauere die, welche sich durch ihr schlechtes Gewissen belasten lassen: ist das gute Gewissen die eine sichere Erfindung des Teufels, so ist Bekümmertheit über ein schlechtes Gewissen eine der schlimmsten Erfindungen der menschlichen Urteilslosigkeit. Manchmal vielleicht auch des Selbsthasses, wenn wahrscheinlich auch selten. Etwas ist an der Theorie eines moralistischen Über-Ich, welches das Ich auf das grausamste quält und gelegentlich gar zerstören will, sicher dran. Aber meiner Ansicht nach bedeutet das Über-Ich keine reale vom Bewußtsein unabhängige Instanz, sondern einen Ausdruck von Nicht-Verstehen, aus welchem nachträglich, durch Introjektion, Selbst-Haß und Melancholie und was sonst dazu gehört, entstehen mag. Mir ist also das Harte und nicht das Böse in mir Problem, und zwar bei meiner physiologischen Abneigung gegen alles Harte zusammen mit der Tatsache, daß in mir selber stählerne Härte blitzschnell in die Erscheinung tritt und die Vorherrschaft übernimmt, sobald es etwas durchzusetzen gilt, ein äußerst unbequemes. Ich kann gefühlsmäßig nicht ja sagen zum Puritaner in mir, obgleich meinem Verstande klar ist, daß all meine Leistung und zumal alles, was mit meinem Kämpfer- und Reformatorentum zusammenhängt, von ihm inspiriert ist. Seitdem ich nun — vor kurzem erst — eingesehen habe, daß der Puritaner der Ich-Zentrierte ist, habe ich auch verstanden, warum mir so oft Egoismus vorgeworfen worden ist, obgleich ich, im Ganzen beurteilt, kaum überhaupt ein Ich habe, welches zählte. Im Zusammenhang meiner Kosmopathie bedeutet mein Puritanertum sehr Geringes. Nur der Ich-Zentrierte will sich überhaupt durchsetzen und ich will es nur, insofern ich Ich-zentriert bin. Daraus aber folgt: zutiefst will ich das meiste dessen gar nicht, was ich betreibe; daher viele besonders paradoxal wirkende Konflikte. Zutiefst liegt mir gar nichts an Macht, Ruhm und Erfolg, ja nicht einmal an vollkommen ausgedrückter Erkenntnis. Denn mein Hauptleben spielt sich im Unbewußten ab. In diesem Winter (1940/41) verstand ich nun endlich zwei Träume, die mich jahrzehntelang immer wieder heimsuchten, seither aber nicht mehr wiederkehrten. Der erste betrifft meine Enthauptung, die ich begrüße. Der Hauptinhalt des zweiten ist, daß ich einen Menschen erschlagen haben soll und ihn gern wieder zum Leben erwecken möchte; ich kann ihn aber nicht finden. Eines Morgens kam mir die Erleuchtung, daß Enthauptung in diesem Fall Abstellung des bewußten Wollens und Denkens bedeutet und daß der Getötete der Abel in mir ist, welchen der Kain in mir erschlug. Seither schaue ich mich immer wieder und wieder kopflos als Lotus gen Himmel geöffnet, Blut ausströmend, aber gleichzeitig alle Strahlen der Sonne in mich einsaugend; die auffangende Blüte ist so weit wie die Welt. Indem aber Abel wieder aufersteht, geht Kain in ihn ein. Die Lösung meines Puritanerproblems liegt also in einer Synthese, in welcher sich das bisher Auseinandergespaltene zu neuer dynamischer Einheit vereinigt, wobei aber das Empfangende unbedingt vorherrschte. Die Urform meiner möglichen Vollendung ist damit doch im Reisetagebuch vorgezeichnet. Daher hat dieses Werk von mir vor allen am echtesten gewirkt. Hier nun aber beginnt für mich erst die eigentliche Schwierigkeit. Ich bin es gewohnt, sobald ich nicht rein hingegeben und entspannt meditiere, was ich nie länger als einige Stunden täglich aushalte, sehr viel, sehr schnell und sehr energisch zu handeln; gegen diese Anlage kann ich nichts tun und für die Beschleunigung des Eintretens eines neuen Zustands auch nichts. Hier kann ich nur mit mir geschehen lassen, und dagegen revoltiert der Puritaner in mir am meisten. Je mehr ich mich innerlich für Stillhalten entscheide, desto stärker nun ist in mir der Druck des Tätigkeitsdrangs. So sehe ich vorläufig keine andere Hoffnung als die, daß der Drang mit dem Altwerden aufhört oder doch sehr viel schwächer wird. Liegt nun in dem, was ich von meiner eigenen Entwicklung antizipiere, nicht das mögliche positive Schicksal des Puritanismus überhaupt vorgebildet? Kein Zweifel: der westliche Aktivismus führt sich im XX. Jahrhundert ad absurdum Er kann nur in Selbstzerstörung oder eine Passivität sondergleichen einmünden. Aber im allumfassenden und allverstehenden Katholizismus samt allem, was er für mich repräsentiert (ich verstehe ihn selbstverständlich überkonfessionell), liegt kein beschleunigendes Motiv. Wäre es möglich, daß auch hier Kain in Abel einginge, ganz selbstverständlich, ohne Beantwortung der Frage nach Gerechtigkeit und Recht? Eine andere positive Möglichkeit für die Fortentwicklung des protestantisch gesinnten Westens sehe ich, zur Zeit wenigstens, nicht.

1Vgl. das Kapitel Die Vorherrschaft der Frau in Amerika.
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
II. Abenteuer der Seele
© 1998- Schule des Rades
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