Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

II. Abenteuer der Seele

IV. Miguel de Unamuno - Emotionale Ordnung

Daß das meiste Spanische meinem Menschlichen mehr liegt als das meiste sonst-Europäische, und daß ich entsprechend auch mehr Menschen spanischen Bluts und spanischer Tradition einleuchte als Vertretern anderer Völker, beruht wohl auf einer jener Konvergenzerscheinungen, dank denen manche Reptilien der Kreidezeit heutigen Säugetieren ähneln. Soweit sich das komplexe Phänomen überhaupt ohne Fälschung in Bestandteile zerlegen läßt, kann man vielleicht sagen, daß der typische Spanier wesentlich elementar, natürlich, unkonventionell, persönlich im Gegensatz zu sachlich, extrem individualistisch ist, unbändig in seinem Freiheitsbewußtsein, unabhängig, jeder äußeren Norm gegenüber ablehnend und verständnislos, disziplinfeindlich, stolz, ja hochmütig, und doch ohne Dünkel, extremer Aristokrat und dennoch gleich dem civis romanus, die Gleichberechtigung jedes Menschen anerkennend, der in gleichem Sinn und Grade seine Würde wahrt, donquixotesk, Risiko- im Gegensatz zu Sicherheits-freudig, intuitiv, spontan, improvisatorisch, leidenschaftlich, antiwissenschaftlich, anti-theoretisch, spirituell im Gegensatz zu intellektuell, generös und dennoch Ich-besessen, überall nur das Konkrete im Gegensatz zum Abstrakten anerkennend und nur Konkretes wollend — und daß Gleiches von meiner Grundanlage gilt. Doch sei dem nun, wie es wolle: spanischen Menschen gegenüber werden beim ersten Kontakt mehr und tiefere Seelenkräfte in mir frei, als andere sie je auszulösen vermochten. Sogar auf die spanischen Intellektuellen, die gerade wegen der Unintellektualität des spanischen Grundtypus ihr Intellektuellentum schärfer betonen, als andere Menschen der gleichen Spezies, und die mich unmöglich besonders lieben konnten, übertrug ich diese meine Sympathie. Unwillkürlich schaute ich auch bei ihnen durch das hindurch, worauf sie selber den größten Wert legten, und freute mich der Urspannung, aus der heraus sie lebten. Daraus ergaben sich natürlich gelegentlich schiefe Situationen. Alberto Jimenez z. B., der Direktor der Residencia de Estudiantes zu Madrid, bei dem ich 1926 meinen ersten Vortrag in Spanien hielt und mehrfach wochenlang wohnte, hatte eine französische Mutter, war englisch orientiert und nur in seinem stolzen freien Menschentum Spanier, keineswegs als Geist. José Ortega y Gasset ist seiner Hauptbegabung nach der eine Essayist und Sprachkünstler im französischen Verstand, welchen Spanien hervorgebracht hat — vielleicht rührt daher seine Abneigung gegen Frankreich —, wesentlich geistreich und subtil, nicht tief, als Denker Deutschen, insbesondere Max Scheler wahlverwandt, und dank seiner extrem theoretischen Einstellung zu allen Dingen, dank seinem wenig ausgebildeten Wirklichkeitssinn, auch seinem Mangel an Vitalität, an Erdhaftigkeit und zugleich an Sinn für das konkret-Ewige im unamunesken Verstand, direkt unspanisch. Welcher echte Spanier könnte ehrlich behaupten, daß der Sinn geistigen Lebens Sport-Ausübung ist! Salvador de Madariaga, nicht nur einer der geistvollsten, sondern auch der liebsten Menschen, die mir begegnet, und der ausgezeichnet über Spanien geschrieben hat, gehört als Geist eher nach Amerika, wie sein Landsmann Santayana — wo er ja auch später, als ich dieses zuerst niederschrieb, gelandet ist. Gregorio Marañón ist ein sehr großer Arzt und Menschenbeurteiler — aber als Sein ist er Programmatiker und beinahe Radikaler im französischen Verstand. Die Abstraktion bedeutet ihm mehr als das Konkret-Gegebene. Daß diese Intellektuellen — ich nenne nur diese drei, meine aber viele — von der Erschütterung der Revolution vollständig überrascht wurden, in immer schiefere Stellung zu ihr gerieten, infolgedessen zuletzt von Spanien ausgeschieden wurden und seither entwurzelter und dem Geschehen gegenüber verständnisloser dastehen als irgendwelche Emigranten, war zu erwarten. Aber ich sah trotzdem das Spanische in ihnen, was mir am meisten sagte, und mit echt spanischer delicadeza begriffen sie, daß mir dies Bedürfnis war und spielten, wenn wir zusammen waren, bei meinem Spiele mit. Im übrigen aber hat mein Völker-Erleben nie vom exakten Sosein und der genau richtigen Beurteilung von Einzelnen, mit denen ich persönlich verkehrte, abgehangen. Gleich wie so viele der schönsten Wiedergeburten von Landschaften in der Stimmung von Dichtern stammen, die sie nur kurz besuchten, und während sie es taten, bewußt kaum auf sie achteten, so ist mir das Beste, was ich über Völker gesagt habe, einfach eingefallen, nachdem ich mein Unbewußtes dem Kontakt geöffnet hatte; Informationen verdanke ich dabei so gut wie nichts. Andererseits ist diese Art Intuition hauptsächlich für Tiefenkräfte empfänglich, und das oberflächlicher Belegene berührt sie kaum. Da es mir, endlich, überall nur auf den überempirischen Sinn ankommt, so vermag ich in dieser Einstellung von mir aus schwer zu beurteilen, noch interessiert es mich, ob das Sinnbildliche, welches mir einfällt, seinen Gegenstand mehr außerhalb oder mehr in mir hat. Und ebenso wenig sollte dies andere interessieren, denn auch wo ich allem Anschein nach exakt beschreibe, meine ich Wesentlicheres; mir ist das Kollektive immer nur Ausdrucksmittel für Tiefstpersönliches und das Sonderliche immer nur Sinnbild von Universellem. So ist es nur natürlich, daß ich hinter jedem spanischen Geistigen letztendlich — Unamuno sah, denn dessen Tiefe ist eben spanische Tiefe überhaupt. Doch meine eigentliche Beziehung zu Spanien ist überhaupt nicht persönlich, sondern überpersönlich. Daher ist Spanien das einzige Land, in welchem ich beinahe als Volksredner gewirkt habe. Kaum konnte ich, 1930, meine Reden in spanischer Sprache halten und vor allem auf spanisch so schnell, wie mir die Gedanken kamen, improvisieren, da setzte das mich unendlich Beglückende ein, daß die einfachsten Menschen mich über die tiefsten Dinge reden hören wollten, daß in kleinsten Städten Tausende zu mir strömten, Arbeiter mich auf weite Entfernungen im Wagen abholen ließen, damit ich ihnen künde, was ich über Tod und Ewigkeit denke, und die Menschen mich freudig und vertrauensvoll auf der Straße anredeten, um mit mir über ein sie bewegendes Problem zu diskutieren. War gleiches 1929 in Südamerika in noch höherem Maße der Fall gewesen, so lag das an der großen Überschwänglichkeit und noch größeren Natürlichkeit der Südamerikaner — der Sinn des Geschehens war hier wie dort der gleiche. Der aber bestand darin, daß der hispanische Mensch ursprünglich nicht in der rationalen, sondern der emotionalen Ordnung steht und aus ihr heraus auch Geistiges erlebt, und daß auch meine Grundtöne in dieser Region liegen. Dies ermöglicht denn einen Einklang und eine wörtlich verstandene Sym-pathie, wie sie unter anderen Bedingungen in meinem Fall unmöglich sind. In vielen Fällen mag sie von mir allein ausgestrahlt sein. Aber ist es nicht meistens so, daß ein Teil der Entzündende ist und der andere der Angezündete, wobei das Feuer bei letzterem nur an der Oberfläche brennt und dauernd unterhalten werden muß? Bei vielen Frauen bedarf die Liebe in dem Sinn andauernd des Blasebalgs. Darum riet mir eine weise Freundin, da ich an die Heirat mit einem ihrer Mädels dachte, aber gar nicht darauf kam, weil Gegenwart mir nichts bedeutet, ihr deswegen dauernd gegenwärtig zu bleiben: Emparez-vous de ses impressions. Im Seelengefüge der Hispanierin nun spielt eine gewisse gleichgültige ironische Kälte eine große Rolle, von der escama madrileña bis zur macana der Argentinierin. Aber die habe ich, ehrlich gestanden, nie bemerkt, obgleich ich deren Vertreterinnen oft mißverstand. Darum meinte wohl Ernesto Giménez Caballero, der in mir einen geistigen Don Juan sah, Spanien sei für mich in Wahrheit die Doña Elvira gewesen.

Doch wie dem immer sei: als der Vitalere und Überschwänglichere bin ich in spanischer Atmosphäre mehr denn irgendwo sonst der gebende Teil gewesen, aber ich konnte dort so viel mehr geben, so viel mehr Anforderungen genügen als sonst, weil ja geschenkte uneigennützige Liebe naturnotwendig ein ihr entsprechendes Echo weckt und das Gefühl des Geliebtwerdens wiederum die Liebeskräfte steigert. Nachdem ich mich mit der spanischen Atmosphäre harmonisiert hatte, merkte ich erst ganz, wie sehr ich jahrzehntelang unter dem Sympathiemangel anderer Menschenarten gelitten hatte, und dieses Bewußtsein wirkte seinerseits euphorisch. Als ich nach monatelanger Behinderung im Dezember 1934 endlich, und nun zum vierten Mal, nach Spanien gelangte und dort mehrere Monate lang wirken durfte, erlebte dieses Beglücktheitsgefühl seinen Höhepunkt. Kein Leben nach dem Tode könnte ich mir herrlicher ausmalen. Und was waren das für Weisheitstagungen! Nach jeder Darmstädter Tagung der Schule der Weisheit war ich wochenlang krank. Es widerstrebt meinem Wesen, auf geistigem Gebiet zu organisieren, zu systematisieren, im Voraus alles Einzelne festzulegen — wo doch Geist mit seiner Spontaneität steht und fällt! —, Wesensprobleme bloß sachlich zu behandeln, mit fehlender Intuition, fehlendem Einfühlungsvermögen, der fehlenden Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen, rechnen zu müssen — wo Sinneserfassung ohne sie unmöglich ist — und alles dies noch, wo ich Tag und Nacht nichts anderes tat, als mich selbstmörderisch auszugeben, in einer Atmosphäre der Nörgelei, der Kritik, der kleinlichen Eifersüchtelei, anstatt der jenes selbstverständlichen Mitschwingens und generösen Vor-Gebens, das ich trotz aller gegenteiligen Erfahrung von Mal zu Mal doch immer wieder erwartete. Rückblickend darf ich’s sagen: beseelte die großen Darmstädter Tagungen trotzdem ein gewaltiger Schwung, so lag das allemal an wenigen Einzelnen, die sich zu diesem Ende Übermenschliches zumuteten. Demgegenüber waren die drei Tagungen in Catalonien, diejenigen von Formentor auf Mallorca im Jahre 1931 und die in Sitges und Palma in den Jahren 1934 und 1935 für mich selber wahre Stahlbäder. Nur ein Generalthema pro Tag brauchte im voraus verabredet und in seinen größten Umrissen instrumentiert zu werden: dann spielten alle Teilnehmer so selbstverständlich zusammen, wie Zigeuner geigen und Russen im Chor singen, jeder freute sich gleichermaßen am Zusammenklang und so war jeder Tag ein wahrhaft goldener Tag und beinahe jede Nacht ein hohes Fest. Hier muß ich vor allem meines Freundes Joan Estelrich gedenken, der mir auf allen praktischen Gebieten Unerfahrenen seine geistigen und moralischen Kräfte und seine materiellen Möglichkeiten zur Verfügung stellte. Estelrich ist im schönsten Sinne Renaissance-Mensch, ein echter Vertreter der wiederum erwachenden mediterranen Abart der großen iberischen Kultur, und von einer Vitalität, Generosität, Wärme, Beseeltheit und einem geistigen Einfühlungsvermögen, wie solche mir selten begegnet sind. Dank Estelrich war jeder Tag meines Wirkens auf katalanischer Erde eine wundervolle Stimmungseinheit. Mit strengen geistigen Problemstellungen setzten die Tagungstage ein, dann kreuzten sich die Klingen, nicht jedoch im Sinne sachlicher Diskussion, als welche aller echten Weisheit Feindin ist, sondern im Sinn von Variationen unseres Grundthemas, und die Abende endeten mit Gastmählern, wie sie Plato schildert. Unvergeßlich wird mir zumal ein Abend bleiben, wo wir beide, Estelrich singend, ich am Klavier improvisierend, die alte Volksmusik Kataloniens und der Provence in die Erlebnissphäre moderner Kunst zurückhoben, während die Besucher und Zuhörer kamen und gingen. Um so unvergeßlicher, als der herrliche Rahmen am Meer von dazumal nunmehr zerstört ist und nicht viele von den damaligen Tagungsteilnehmern noch leben…

Ja, unter spanischen Menschen allein bisher habe ich so Feste feiern können, wie ich es immer tun möchte. In Deutschland gilt mein besonderer Sinn für Festlichkeit als russisch, und empirisch geurteilt ist er das auch insofern, als ihm russische Gelöstheit und Ausgelassenheit, russische Lebenskraft und russische Musikalität die nächstliegenden Ausdrucksmittel sind. Sicher hätte ich mich auf athenischen Gastmählern viel mehr zu Hause gefühlt, als je in Rußland der Fall war, denn für das Instrumentieren vom Geiste her, ohne die schöne Geselligkeit für mich undenkbar ist, haben Russen überhaupt kein Verständnis, und die emotionale Kultur, welche die Orgie zur hohen Kunst erheben kann und welche die Seele der hellenischen Schönheitskultur war, fehlt Russen ganz. Doch sie lebt erbmäßig unter allen mittelländischen Völkern fort und dank dem besonderen Reichtum ihrer Gefühlsbegabung, zusammen mit ihrer Impulsivität und der Fähigkeit zu improvisieren, sind heute meiner Überzeugung nach die Bewohner der iberischen Halbinsel die heredes designati dieser Seite der antiken Kultur. Dies bringt mich denn zum Kernpunkt meiner hispanischen Erinnerungen zurück: der Tatsache, daß der Spanier ursprünglich nicht in der rationalen, sondern in der emotionalen Ordnung steht, und daß er von ihr aus Geistiges erlebt. Das war es, das ist das Grundsätzliche, was eine so einzigartig fruchtbare Polarisation zwischen dieser Erde und dieser Menschenart und mir ermöglicht hat. Darum habe ich mich selber erst am Kontakt mit dem Hispaniertum wirklich erkennen, wirklich finden und erst nach ihm mein Hauptwerk vor dem Ursprung schreiben können: die Südamerikanischen Meditationen. Mehr wie irgend ein Mensch, von dem ich wüßte, lebte ich, seitdem ich dem undifferenzierten Kindheitszustand entwachsen war, bewußt ausschließlich vom Geiste her. Schwerstes Erleben an der Grenze von Kindheits- und Jünglingsalter hatte mich, nachdem Differenzierung erfolgt war, meine Gefühlssphäre verdrängen lassen. So sehr war dies der Fall, daß ich zeitweise oder situationsweise wirklich gefühlsunfähig wurde und gegen alle sich bildenden Gefühle ankämpfte. Erst dem jahrelangen Einfluß glücklicher Ehe und glücklichen Familienlebens gelang es, nachdem ich die Vierziger überschritten hatte, die betäubten und verschütteten alten Bereitschaften neu zu beleben. Aber auch diesem Einfluß gelang die Lösung nur in bezug auf mein intimes Leben. Erst der Kontakt mit dem Hispaniertum ließ alle Seiten meines emotionalen Wesens neu und frei anklingen. Und von da an begann der entscheidende Integrationsprozeß in mir.

Was die emotionale Ordnung ist und bedeutet, das lese man im betreffenden Kapitel der Südamerikanischen Meditationen nach. Das für die ungeheure Bedeutung meines Kontaktes mit Spanien für mich Entscheidende ist dies, daß es die Gefühlssphäre und damit die Seele ist, die das Bewußtsein mit Gana und Unterwelt verbindet und damit Geist und Erde in direkte Beziehung setzt. Wo die Gefühlssphäre nicht anerkannt, nicht ausgebildet, nicht betont ist, muß der Mensch zerrissen sein und, so oder anders, einseitig oder fragmentarisch erleben. Obwohl Jesus mit seiner Lehre vom Primat der Liebe gerade diese Zerrissenheit, die schon die Spätantike kennzeichnete, heilen wollte, ist gerade sie, dank der Überbetonung des Geistes und der Entwertung des Erdhaften, zur Grundcharakteristik des christlichen Menschen geworden, die dieser wohl erst nach einer Periode miterlebter antichristlicher Gegenbewegungen überwinden dürfte (das hierüber Wichtigste habe ich im Kapitel La révolte des forces telluriques meines Buches La Révolution mondiale gesagt). Nun ermöglichte das katholische Bekenntnis freilich ein Zusammenspiel noch so ausgesprochener Gegensätze und Gegensätzlichkeiten, und überall ist heute noch der katholische Teil der christlichen Menschheit heiler als es alle anderen sind. Doch der abendländische Geist ist nun einmal mehr analytisch als synthetisch: so hat die Entwicklung im Zeichen erwachenden und um so selbständiger werdenden Intellekts auch in katholischen Landen überall, wo das Geistprinzip einigermaßen scharf herausgebildet wurde, zu wachsender Zerrissenheit geführt. In Spanien aber ist dieser Prozeß am wenigsten weit gediehen. Erstens sind die Spanier nicht eigentlich Abendländer und auch nicht Christen im Verstande anderer europäischer Völker; fast könnte man es so sagen: sie sind katholisch, ohne rechte Christen zu sein. Nie hat sich bei diesem Volke — außer innerhalb der dünnen und letztlich bedeutungslosen Intellektuellenschicht — das Geistprinzip richtig herausdifferenziert. Die Spanier haben noch heute an der antikischen Ganzheit teil. So hat — bei ihrer außerordentlichen Gefühlsbegabung — die emotionale Ordnung die zentrale und letztlich bestimmende Ordnung ihres Lebens bleiben können.

Aus diesem Grunde ist der echte Spanier vom Standpunkt dieser Erde, auf der wir nun einmal leben, weniger exzentrisch eingestellt, als irgend ein anderer Europäer. Darum ist es kein Zufall, daß während des letzten Jahrhunderts außer in Rußland nur noch in Spanien die Grundtöne des Menschentums so gewaltig angeklungen sind, daß sie alle die vermittelnden Schichten, in deren Gewebe das Europäerbewußtsein gefangen und befangen lebt, durchdringen konnten. Sonst aber liegt der Fall Spaniens ganz anders als derjenige Rußlands. Die Bedeutung des russischen Menschen der vor-bolschewistischen Zeit — gegenüber welchem der heute vorherrschende eine verengende und insofern protestantische Reaktionserscheinung darstellt — liegt an seiner Aufgelockertheit, seinem einzig dastehenden Mangel an Hemmungen und Schranken, dank welchem Umstand er seine ganze Natur selbstverständlich anerkennen kann, so wie sie ist; dank dem ist er des 19. Jahrhunderts wichtigster Pionier künftiger größerer Weltoffenheit. Demgegenüber kennzeichnet den Spanier extreme Haltung, extremes Ethos und insofern Geschlossenheit und folglich auch Engigkeit in aller vom Bewußtsein gestalteten oder gestaltbaren Äußerung. Da aber der Intellekt beim Spanier aus der vitalen Urganzheit wenig herausdifferenziert ist — weit weniger als beim Russen —, so verführt ihn seine Haltung zu keinem Leben in der Herausstellung; er bleibt richtig eingestellt im kosmischen Zusammenhang. Da ferner die Haltung und das Ethos den Menschen machen im Unterschied vom Tier (s. das Kapitel Das ethische Problem von Wiedergeburt und das Kapitel Moralismus von Amerika), so schafft gerade die spanische Ureinstellung die Möglichkeit reinsten Erlebens des Ur-Menschlichen. Nun lebt gerade der unbefangene und urtümliche Mensch, in welchen jedoch der Geist überwältigend einbrach und der sich daher noch kein Zwischenreich ohne Probleme aufbauen konnte, primär die Spannung zwischen Geist und Erde, denn diese Zweiweltlichkeit, diese Doppelnatur (welche die Christenheit bewußt in der Projektion auf den Erlöser anerkennt) ist dem Menschen ursprünglich eigen. Daraus ergibt sich denn gerade beim ursprünglichen unreflektierten Menschen, dessen Bewußtsein jedoch vom Geist durchleuchtet ist, der Primat tragischen Lebensgefühls. Je unintellektueller und doch durchgeisteter ein Volk oder ein Mensch, desto echteren tragischen Lebensgefühles ist er fähig. So waren die Griechen des heroischen Zeitalters wirklich tragische Gestalten, denn als emotional zentrierte Menschen erfüllten sie, wozu Gana und dumpfes Gefühl sie drängte, ohne es erklären zu wollen, und so war ihr Leiden am Schicksal ihnen letzte Instanz. Echte Lebens-Tragik hörte in Hellas zu bestehen auf, sobald große Dichter sich ihrer als Stoff bemächtigt hatten. Fortan bestand für jedermann die Möglichkeit, alles Tragische auf der Ebene des Trauerspieles zu erleben. Während ich dies schreibe, finde ich in der Zeitung folgenden Passus eines anonymen Autors über das, was seiner Ansicht nach das tragische Erleben der Griechen dieser und späterer Perioden ausmachte:

Hinter der tragischen Szene liegt die andere Welt, das Apeiron, der Abgrund, der Abgrund des Jenseits. Ihre Schatten umlagern den tragischen Helden. Er selbst, vor seiner geistigen Tiefe stehend, die rational nicht deutbar ist, bewegt sich im weitesten Pendelschlag seines Fühlens, zwischen jenen rätselvollen Grenzbezirken, die da Gelächter heißen und Tränen. Ja, auf die Träne folgte im antiken Drama das Gelächter, auf die Tragödie das Satyrspiel; beide gehörten, einander ergänzend, zusammen: die Träne und das Lachen, die Erschütterung und die einer neuen Erschütterung fähige Heiterkeit, und zwar eine griechische Heiterkeit, die über dem Abgrund schwebt. Damit war der emotionale Kreis des tragischen Menschen geschlossen; er war vollständig, —

O nein, nicht der emotionale Kreis des tragischen Menschen war damit geschlossen, sondern der des sein tragisches Lebensgefühl im Theater Abreagierenden. Die Möglichkeit erlebter Tragik hört auf, sobald das Tragische zum geistigen Problem wird. Diese Erledigung der Tragik ist vom Standpunkt des Lebens die Grundleistung der griechischen Tragiker; sie begann im Bilde jenen Prozeß der Ent-Äußerung der Tiefenkräfte, die in unseren Tagen kunstlos in der Hypnotisiertheit durch Definitionen, Programme und Begriffe ihren bisherigen Höchstausdruck erreicht. Sieht denn niemand, daß Heroismus als Programm echtes Heldentum restlos und radikal unmöglich macht? Wenn der Einzelne nichts sein soll, sein persönliches Erleben bedeutungslos — wo bleibt dann die mögliche Tragik des Sterbens? Wenn der Tod kein Furchtbares bedeutet, wo bleibt dann die Möglichkeit inneren Konfliktes beim Selbstopfer? Wenn vernichtendes Schicksal als einzig möglich erklärt und damit intellektuell bejaht wird, wo bleibt dann der Stoff zur Schicksalstragödie? Wenn alles was zum Besten der Kollektivität und deren Normen gemäß getan wird, gut ist, wo ist dann noch Raum für Schuldgefühl und Sühne? Es bedurfte der jüngsten Mißverständnisse übrigens nicht, um dies zu wissen: schon bei unbefangener Anschauung des klassischen Hellas springt in die Augen, wie die Dinge in Wahrheit liegen. Schon damals waren die Griechen als Menschen wenig besser als die späteren Graeculi: windig, sophistisch, alles erklärend, alles als recht beweisend und beschönigend, was nützlich war, feige, treulos, komödiantenhaft. Echtes tragisches Lebensgefühl war damals nicht bei ihnen, sondern nur bei unintellektuellen Römern zu finden. Ohne Primat des Gewissens im Menschen, als welches allein ihn in seiner tiefsten Substanz fundiert und durch Verantwortungsbewußtsein an diese fesselt, kann es keine echte Tragik geben. Wie ich dies schreibe, muß ich dessen gedenken, was mir eine hochbegabte Ärztin im Frühjahre 1937 von ihren Eindrücken über die neue Generation mitteilte. Ihre Betrachtungen gingen von Personalschwierigkeiten bei der Ausübung ihres Berufes aus:

Das ist ein merkwürdiges psychologisches Problem, daß es nicht einen zuverlässigen Angestellten mehr gibt. Im Arbeitsamte meiner Stadt sagte die offizielle Stelle, daß sie überhaupt keinen zuverlässigen Hausangestellten und Sprechstundengehilfen anbieten könne. Rudolf Steiner soll gesagt haben, daß die nächste Generation ohne Gewissen geboren wird: es ist wirklich so, daß die jungen Menschen ein Gewissen in unserem Sinne nicht haben. Sie tun einem etwas zuliebe oder sie lassen es; Gewissen haben sie keins.

Darin kommt derselbe Verlust an Selbstverantwortung durch Projektion und Abreaktion zum Ausdruck, wie in anderer Form bei den Griechen, seitdem sie das Trauerspiel erfunden hatten. Und sehr charakteristischer Weise ward und wird in beiden Fällen und Situationen öfter und lauter als je sonst von Tragik und Heldentum geredet. Nun tut freilich ein neues Bewußtwerden der primären Tragik not, welche die Stellung des Menschen im Kosmos als solchen kennzeichnet, falls er aus der Ent-Äußerung des intellektualistischen Zeitalters zu seinem Ursprung zurückfinden soll. Doch dieses Bewußtwerden kann nur so gelingen, daß der Mensch wieder fähig wird, primäre Tragik als innerlich letzte Instanz zu erleben. Dessen ist der Spanier noch fähig. Daher die Möglichkeit sowohl als die ungeheure Bedeutsamkeit der Gestalt Miguel de Unamunos.

Wie sehr es ganz und gar und einzig und allein auf dieses Primäre ankommt, ist mir neuerdings schauerlich klar geworden, wo ich mich endlich zu genauerem Befassen mit der sogenannten Existentialphilosophie gezwungen habe. Bis vor kurzem begriff ich nicht, dank welchem Umstande die äußerst diffizilen Gedankenkonstruktionen Heideggers und Jaspers weite Kreise interessieren können. Jetzt, nachdem ich auf einmal den ganzen weiten Gegen-Stand möglichen tragischen Lebensgefühls erneut in mein Bewußtsein hinaufgehoben habe, begreife ich — doch ich begreif’ mit Grauen. Die Existentialphilosophen gelangen denkerisch, theoretisch, mittels logischer Gedankenkonstruktion zu einer Parodie dessen, was an tragischem Lebensgefühl tatsächlich offenbar wird — aber es ist eben eine Parodie, und gerade dieser Umstand läßt sie den armen verbildeten, des lebendigen Zusammenhangs mit ihren Tiefen verlustig gegangenen Menschen jüngster Prägung einleuchten. Der Fall liegt genau ebenso wie mit dem Bolschewismus. In letzterem Falle soll abstrakte, alles Persönliche ausschaltende, im letzten lebensfeindliche Organisation, die aber dem Intellekte einleuchtet, welcher nurmehr in Funktion von Sachen und Sachlichkeiten denken kann, also totaler Institutionalismus Glück und Heil bringen. In ersterem Falle führt reines Denken mittels gleichsam algebraischer Begriffe — so sehr sind sie alles Erlebnisgehaltes entäußert — von fingierten Postulaten her zu einer Weltanschauung, welche die Ergebnisse von Tiefenerleben parodiert. Daß diese Parodie gelegentlich auch nicht-flachen Menschen einleuchtet, liegt zum Teil daran, daß die meisten auch unter Besseren so hoffnungslos verbildet sind, daß sie zwischen Begriffen, die von Existenz handeln und der Erlebniswirklichkeit, auf die sie sich beziehen sollen, nicht mehr zu unterscheiden wissen und sich im Zweifelsfall für jenen entscheiden, zu dessen Fassung sie die ererbte Bereitschaft haben — gleich wie ich im Spektrum meinte, die meisten Deutschen zögen Vorträge über das Himmelreich dem realen Himmel vor. Es liegt aber auch an dem anderen, daß die eigentliche Intention des Existentialphilosophen auf das Richtige geht, welches Richtige auf der Irrealisierungsfläche der Verstandeskonstruktion eine mißgeburtartige, aber eben darum dem heutigen Menschen gemäße Spiegelung erfährt. Man vergleiche nur Heidegger und Jaspers mit einerseits Kierkegaard, andererseits Unamuno. Kierkegaard zuerst nach der Zeit sogenannter Aufklärung, ab welcher alle ratio essendi gemäß den Kategorien der ratio cognoscendi bestimmt wurde, hat das Problem des wirklichen Daseins, auf welches allein sich unmittelbares Lebensgefühl sowohl als Unsterblichkeitshoffnung und Gottglaube direkt beziehen können, grundsätzlich richtig gestellt. Aber er war nicht allein zu drei Vierteln seines Geistes Dialektiker und bis in seine Tiefen hegelisch durchgebildet — er war ein innerlich verbogener und stellenweise zerrissener Mann. Darum sind seine Erben von Generation zu Generation immer mehr entartet. Ich kenne keinen schauerlicheren Ausdruck von Erbkrankheit auf dem Gebiet der Religiosität, als die Theologien Karl Barths und seiner Geistesverwandten — dies gilt gerade, sofern sie echt religiös sind. Im Körper der Philosophen nun, die an Kierkegaard anknüpfen, hat dessen Dialektik eine Inflation erlebt, im übrigen aber ihre lebendigen Wurzeln verloren, denn nur seine echte Verbundenheit (re-ligio) mit dem metaphysischen Wesensgrunde gibt Kierkegaard Halt und Tiefe und Sinn. Weil dieser eine wirkliche Beziehung zu diesem Wesensgrunde hat, ist Kierkegaards Verzweiflung auch nicht oberflächlich: bei ihm ist sie, was immer seine Dialektik behaupte, diejenige Verzweiflung, die das organische Tor zu neuer Gewißheit bedeutet. Nun aber die deutschen Existentialphilosophen! Deren Gott- und schließlich auch Welt-lose Philosophie ist sachlich freilich eine Philosophie der Verzweiflung, ja die Philosophie der Verzweiflung schlechthin. Aber die Verzweiflung ist in deren Fall eine rein sachliche Folgerung aus Verstandeserwägungen, ohne jede lebendige Bedeutung und jeden lebendigen Hintergrund, außer vielleicht dem eines pathologischen empirischen Zustands. Redet Heidegger von der Geworfenheit des Menschen in ein ihm letztlich fremdes Schicksal, so könnte er dem Erlebnisgehalte nach ebenso gut von Stereometrie oder Ballistik reden. Wohl weiß Heidegger vom Primären der Sorge, wie er es heißt, aber da er bloß denkt, nicht aus der Vollmacht innerer Offenbarung heraus kündet, so situiert er jene dort, wo sie ganz sicher nicht ihren realen Ort hat: er bestimmt die Sorge als Ur-Attribut des Seins, wo es sich bei der Ur-Angst — das ist der rechte Ausdruck — um eine der frühesten Eigenschaften des Erd-Lebens handelt, welche dem Geistigen im Menschen überhaupt nicht anhaftet. Und nun tauchen wir aus Heideggers irrealer Sphäre in die echte Tiefe Miguel de Unamunos hinab! Hier spricht aus jedem Wort echtes Wirklichkeitserleben. Über den Wert seiner sachlich formulierten Theorien kann man streiten, nicht jedoch über das, was diesen zu Grunde liegt. Dieses ist dank Unamunos Ausdruckskraft so unbedingt da, wie nur je eine nicht von jedem persönlich erreich- und faßbare Wahrheit dank dem begnadeten Geiste oder Gemüte Eines für alle ins Dasein getreten ist. Auch Unamuno verknüpft falsch, insofern er sein religiöses Unsterblichkeitsstreben mit dem Ur-Hunger in eins zusammenschaut; er erlebt nicht reich und vollständig und differenziert genug, um in seiner Weltanschauung der Komplexität des Menschenwesens im rechten Korrelationsverhältnis von deren Komponenten Rechnung zu tragen. Seine scheinbar einfachen Dogmen verdichten sich in sehr Heterogenes und Unvereinbares. Aber eben das macht sie zu starken Sprengstoffen. Vor allem aber ist jede seiner Theorien Sinnbild von wirklich Vorhandenem, — gleiches aber gilt von keiner, die Existentialphilosophen herausgestellt haben.

Hiermit glaube ich genug gesagt zu haben, um denen, die Erlebens- und von dort her Verstehens-fähig sind, den Weg zu Unamuno und von diesem weiter zum Innewerden des ewigen Werts des Hispaniertums und darüber hinaus des Wahrheitsgehaltes der Südamerikanischen Meditationen zu weisen. Nur noch so viel über das Sonderliche Unamunos, weil ich es in früherem Zusammenhang schon kurz berührt habe, ohne bisher das dadurch erforderlich Gewordene deutlich zu bestimmen. Unamunos Eifern für den Menschen von Fleisch und Blut hat gar nichts gemein mit irgend welchem Empirismus oder Materialismus, er meint einfach den lebendigen im Gegensatz zum abstrakten Menschen, und vor allem meint er den integralen persönlichen Menschen, der in der Tat nur verkörpert vorzustellen ist. Daß Unamuno gerade von Fleisch und Blut redet, liegt an seinem Spaniertum: der Spanier scheidet unsicher zwischen Leib und Seele, weil beide bei ihm fester verknüpft sind als bei irgend einem anderen Europäer. So versteht der Spanier unsere Scheidung zwischen Sexus und Eros kaum, woraus sich einerseits die besondere Keuschheit spanischer Frauen ergibt, und andererseits die quasi-Unmöglichkeit für die meisten spanischen Männer, ein Leben selbstgenügsamer Sehnsucht auch nur sich vorzustellen. Und im selben oder ähnlichen Sinne meint Unamuno, wenn er gegen Theorie und Theoretik eifert und das platonische Vorurteil, die Kontemplation sei die höchste Form der Teilhabe — wogegen er das Essen Gottes in Form des Heiligen Abendmahles als höhere Form derselben anführt — daß es vom Standpunkt des Heils zu assimilieren, und damit innezuwerden, nicht äußerlich zu wissen gilt. Dem entspricht denn auch Unamunos Auffassung vom Gottesglauben und aller Religion überhaupt, die keinen anderen Sinn hätte, als das Weltall zu verpersönlichen. Eine unpersönliche Welt bedeutet uns Menschen nichts. — Was nun aber bedeutet Unamunos Nadismus (nada ist das spanische Wort für nichts, aber la nada bedeutet ein Substantivisches, für das es im Deutschen kein Äquivalent gibt), den ich gleichfalls schon kurz berührt habe? Mitnichten Nihilismus in dem Verstand, daß es letztlich nichts Gewisses und nichts Reales gäbe, vor allem keinen Gott; mitnichten Verzweiflung am Sein und seinem Wert, Resignation bei der Eitelkeit aller Dinge, oder auch nur bei den Grenzen der Erkenntnis. Um alles in wenigen Worten zu sagen: Unamunos Nadismus ist keine Theorie der letzten Leere, sondern die lebendig-überzeugte Behauptung der höchsten Fülle, die im Abendland seit den größten Augenblicken mittelalterlichen Christentums vorgekommen ist. Unamunos Grundstimmung umreißt am besten die anfangs zitierte Äußerung von Senancour. Er nimmt allen Zweifel, alle Ungewißheit, alle Verzweiflung, alle Auswegslosigkeit des Daseins, allen Widerstreit und alles Leid, vor allem alle Tragik, die dem Menschenlose inhärent ist, auf sich, nicht jedoch als letztes Wort, sondern als Ausgangspunkt für die einzig mögliche Erfüllung des Menschendaseins. Daher die ungeheure Kraft, die hinter seiner oft unartikulierten Rhetorik steht, sowie die schier grenzenlose Weite und Fülle, die seiner Engigkeit, seinem spanischen Partikularismus und katholischen Dogmatismus zum Hintergrunde dient.

Letztlich bedeutet Nadismus die Anerkennung dessen, daß Haltung wichtiger als Wahrheit ist. Denn was ist Wahrheit? Aus der Frage des Pilatus, des Römers, sprach wahrscheinlich auch schon weniger Skepsis, als unbewußt-richtige Einsicht in die ursprüngliche Stellung des Menschen im kosmischen Zusammenhang. Darum konnte er Jesus, obwohl er von dessen Schuld nicht überzeugt war, kreuzigen lassen: insofern die Juden seinen Tod leidenschaftlich wollten, Er aber den Tod willig auf sich nahm. Der Mensch steht nach außen zu immerfort und immerdar vor Unbekanntem, Ungewissem, Überraschendem und damit, vom jeweiligen Gegenwartsbewußtsein aus geurteilt, vor dem Nichts, was immer er für wahr oder wahrscheinlich halte. Nichts nimmt dem Leben seinen Grundcharakter ständigen Risikos. Je mehr er nun das Nichts für sich akzeptiert — man gedenke des bekannten Liedes Ich hab’ mein Sach’ auf Nichts gestellt, aber auch der chinesischen Methodik, das Nichts zu meditieren — desto mehr beschwört er die eigene Fülle, welche ursprünglich unoffenbar ist, auf die Ebene des Bewußtseins. Die eigene Fülle steht aber in unmittelbarem Zusammenhange mit der Fülle der Welt. So konstelliert gerade Nadismus absolute Existenz. Selbstverständlich kann kein wissenschaftlicher Theoretiker solches einsehen. Aber was anderes ist es denn, als eben diese Einsicht, welche alle Esoterik vom Opfer des empirischen Ich als einzig gangbaren Weg zur Wiedergeburt künden läßt? welche den Zen-Mönch das Unvorstellbare kontemplieren läßt? welche gerade den tragischen Helden als Urbild des Helden überhaupt und diesen unwillkürlich als Prototypus höheren Menschentums anerkennen läßt? Auf die ursprüngliche Haltung kommt es ursprünglich an. Ja auf Haltung, welche ursprünglich blind ist. Auf jene blinde Haltung, welche zugleich dem Ur-Dumpfen der Erd-Natur des Menschen entspricht und des Geistes Ur-Blindheit. Es ist merkwürdig, aber es ist nun einmal so, daß gerade hellste Einsicht in diesem Zusammenhang den Wert der Blindheit anzuerkennen führt. Nur aus tiefstem Dunkel kann leuchtendstes Licht entstehen. Vorwegnehmende Theorien sind verderbliche Vorspiegelungen. Die Hoffnung, diese gräßlichste, von mir von Jugend auf am meisten verachtete aller Machenschaften, mittels welcher die Seele ihr Wirklichkeitserleben eskamotiert und sich damit um den Gewinn alles Leidens bringt, schneidet den Willen zum Risiko, den auch das oberflächlichste Bewußtsein noch kennt, zum mindesten in Form von Überdruß am Gegebenen oder von Abwechslungsbedürfnis oder von Neugierde, von seinen lebendigen Wurzeln ab. Daher das Unheil, das geglaubte Heilsgewißheiten so oft gewirkt haben, vom Glauben an den Himmel in welchem alles für immer gut werde, oder eine auf den Einzelnen zugespitzte Gerechtigkeit bis zum materialistischen Fortschrittsglauben. Es gilt zunächst Haltung an sich zu haben. Diese Haltung an sich hat gar nichts mit jener Selbstüberwindung zu tun, die nur ein anderer Ausdruck für Verdrängung ist und die Selbstbelügung zum Regenten des Lebens erhebt. Haltung an sich ist Haltung bei volleingestandener Freude, bei volleingestandenem Schmerz, bei volleingestandener Angst. Die Helden Homers brüllten vor Schmerz, — und sie waren echtere Helden als jeder, welcher behauptet, daß Schmerzen nicht weh tun und Sterben gar gleichgültig ist. Jesus, der sich sein Leiden und seine Angst vor Erfüllung seiner Mission voll eingestand, bewies in der grenzenlosen Tragfähigkeit der Seele mehr Haltung, als wer sich psychisch anaesthesiert. Aus der rechten Haltung allein aber entspringt echte Weisheit und aus ihr allein auch geistig wertvolle Liebe. Zur Erläuterung seien — ich habe nicht die Absicht, das Thema hier zu erschöpfen — zum Abschluß dieses Abschnittes zwei Betrachtungen über Ritterlichkeit wiederholt, die ich im Weg zur Vollendung meinem engsten Kreis mitteilte. Deren erste stellte ich im Zusammenhang des Problems der Mutterliebe an. Sie lautete: Von jeher bezweifelte ich das Dasein einer der Mütterlichkeit entsprechenden Urlebensform der Väterlichkeit: Vaterschaft bedeutet dem Mann ein viel zu Äußerliches, als daß sich hier ein mächtiges Triebartiges hätte bilden können; das Väterliche im Manne hat in erster Linie Geistesgründe. Neueste charakterologische Forschung hat nun festgestellt, daß der weiblichen Mütterlichkeit in ihrer Spannweite vom tierischen Triebe bis zur sublimsten Spiritualität beim Manne nicht die Väterlichkeit, sondern die — Ritterlichkeit entspricht; jene bedeutet dieser gegenüber eine Abwandlung. Der wirklich männliche Mann neigt von Natur dazu, Schwache zu schützen, gerecht zu richten, unter Selbstopfer vorbildlich zu wirken und fair play walten zu lassen; eben diese Uranlagen vergeistigt und sublimiert das Ideal der Ritterlichkeit. Darum wird der noch so harte aber edle Fürst und Feldherr spontan als Vater verehrt und der ausnutzerische leibliche Vater von den Kindern verachtet. Eben darum bedeutet Verlust an Ritterlichkeit allemal Verkümmerung der Männlichkeit. Man denke nun von hier aus an das Entmannte des Amerikaners, dem das Geschäft über die Ehre geht und an die absolute Unväterlichkeit des Bolschewisten, welchem Rittergesinnung völlig fremd ist. Woraus weiter folgt: Brutalität ist, genau wie Schiebertum, Beweis von Unmännlichkeit. Dementsprechend sind die meisten Brutalen moralisch feige. Moralisch Feige nun gibt es in Spanien kaum.

Die zweite Betrachtung, die ich in diesem Zusammenhang noch einmal anstellen wollte, ist die folgende. Hohes Niveau steht und fällt mit der Inklusivität im Gegensatz zur Exklusivität eines konkreten Geistes und damit dem Spannungsgrade, welchen dieser verkörpert, aushält und ausstrahlt. Wer im höchsten Grade einschließend und gespannt ist, für den treten die Gegensätzlichkeiten nicht mehr als letzte Instanzen und damit als unvereinbar auseinander. Das höchste Niveau, das dem Menschengeiste vorstellbar ist, ist das des Weltalls als Ganzes, welches alles einschließt und überhaupt nichts ausschließt. Wer nun so hoch hinaufgelangt wäre, der wirkte alles eher als tolerant: der gliche vielmehr dem gerechten Gotte, welcher alles Vorhandene und Mögliche richtig gegeneinander abwägt und dem Bösen wie dem Guten, dem Vollkommenen wie dem Unvollkommenen seinen Platz im großen Ganzen anweist und erforderlichenfalls auch vor absoluter Vernichtung nicht zurückscheut. Diese Haltung des Gottes findet nun ihre einzige typisch-menschliche Entsprechung in der des Ritterlichen; des Ritters und nicht des Denkers. Erklärt dieser eine Umstand nicht vollauf, warum so wenige Philosophen dem Weltall als Ganzem gerecht wurden und so viele Krieger, aus deren Stande denn auch die meisten großen Heiligen hervorgingen? Vom Inneren des Seins her geurteilt, ist Haltung eben wichtiger als Weltanschauung. Kein Ritter war je allwissend und nur wenige wußten besonders viel. Doch aus der Haltung jedes echten Ritters sprach mehr universelle Einsicht als aus den Theorien des verstandesgewaltigsten Denkers, welcher als Sein und Gesinnung nicht zugleich ein Ritter war.

Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
II. Abenteuer der Seele
© 1998- Schule des Rades
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